Zwei See­len in ei­ner Brust

KURIER_PSYCHE - - INHALT - MAG­DA­LE­NA MEER­GRAF

Was Schi­zo­phre­nie aus­löst, wie man sie be­han­deln kann

Ei­ne Er­kran­kung, die zu Stö­run­gen der In­for­ma­ti­ons­ver­ar­bei­tung und zu Wahn­ide­en füh­ren kann. Sie ist gut be­han­del­bar, vor­aus­ge­setzt, An­ti­psy­cho­ti­ka wer­den re­gel­mä­ßig ge­nom­men. Rund 80.000 Ös­ter­rei­cher sind be­trof­fen.

Die Be­grif­fe Schi­zo­phre­nie und schi­zo­phren wer­den um­gangs­sprach­lich häu­fig für „ge­spal­te­ne Per­sön­lich­keit“ver­wen­det – aber das ist ein Miss­ver­ständ­nis. Die Er­kran­kung be­trifft zwar die ge­sam­te Per­sön­lich­keit: „Al­les was uns aus­macht, ist be­trof­fen – er­le­ben, ler­nen, Ge­füh­le mit­tei­len und ver­ste­hen. Schi­zo­phre­nie ist aber kei­ne Per­sön­lich­keits­stö­rung“, räumt Wolf­gang Fleisch­ha­cker ei­nen weit­ver­brei­te­ten Irr­tum aus. Der in­ter­na­tio­nal an­ge­se­he­ne Schi­zo­phre­nie-Ex­per­te ist Lei­ter der Uni­ver­si­täts­kli­nik für Bio­lo­gi­sche Psych­ia­trie so­wie des De­part­ments für Psych­ia­trie und Psy­cho­the­ra­pie der Me­di­zi­ni­schen Uni­ver­si­tät Inns­bruck. In der in­ter­na­tio­na­len

Klas­si­fi­ka­ti­on der Welt­ge­sund­heits­or­ga­ni­sa­ti­on wer­den vie­le Un­ter­for­men an­ge­führt. Ge­nau so un­ter­schied­lich kön­nenauch­die­ers­tenAn­zei­chen­ei­ner Er­kran­kung sein. „Bei man­chen Men­schen be­ginnt es mit Ver­stim­mun­gen. Häu­fig­zeigt­si­chauch­derAb­bruch­von so­zia­len Kon­tak­ten, al­so ehe­mals bes­te Freun­de wer­den igno­riert. Gu­te Schü­ler ver­schlech­tern sich plötz­lich“, zählt Fleisch­ha­cker auf. Ei­ni­ge ha­ben un­ge­ord­ne­te Vor­stel­lun­gen und Ide­en, was das Welt­bild be­trifft. Dar­un­ter fal­len bi­zar­re Ver­schwö­rungs­theo­ri­en, die kaum nach­voll­zieh­bar sind. Häu­fig kommt es auch vor, dass die Be­trof­fe­nen be­feh­len­de Stim­men oder be­ängs­ti­gen­de Ge­räu­sche hö­ren, die nicht exis­tent sind. Ur­sa­chen sind Kom­mu­ni­ka­ti­ons­stö­run­gen im Ge­hirn: „Es gibt Hin­wei­se, dass an Schi­zo­phre­nie Er­krank­te auf be­stimm­te Rei­ze mit mehr Do­pa­min-Aus­schüt­tung in ge­wis­sen Hirn­area­len re­agie­ren. Das ver­än­dert die Kom­mu­ni­ka­ti­on zwi­schen ein­zel­nen Hirn­re­gio­nen und führt zu Hal­lu­zi­na­tio­nen.“

Das Le­bens­zei­t­ri­si­ko für ei­ne Er­kran­kung liegt welt­weit bei et­wa ei­nem Pro­zent. Die Hoch­ri­si­ko­al­ters­grup­pe ist zwi­schen 18 und 25 Jah­re alt, bei Män­nern be­gin­nen die An­zei­chen im Durch­schnitt um fünf Jah­re frü­her. Es exis­tiert ein kla­res ge­ne­ti­sches Ri­si­ko: „Wenn­einEl­tern­tei­ler­krank­tist,liegt das Ri­si­ko für das Kind bei zehn Pro­zent. Bei ein­ei­igen Zwil­lin­gen steigt es auf 50 Pro­zent“, weiß der Ex­per­te. Zwar gibt es auch an­de­re Fak­to­ren, die sind aber nicht ganz so be­las­tend. Da­zu ge­hö­ren Ge­burts­kom­pli­ka­tio­nen oder ei­ne schwer­wie­gen­de Er­kran­kung der Mut­ter im zwei­ten Schwan­ger­schafts­drit­tel.

„Be­trof­fe­ne küm­mern sich selbst we­ni­ger um ih­re Ge­sund­heit und er­näh­ren sich nicht so ge­sund.“

VER­LAUF IN SCHÜ­BEN. Pa­ti­en­ten durch­le­ben Pha­sen, in de­nen die Sym­pto­me ver­schwin­den oder we­ni­ger­wer­den,dochir­gend­wann­fla­ckern

Dr. Wolf­gang Fleisch­ha­cker, Lei­ter der Uni-Kli­nik für Bio­lo­gi­sche Psych­ia­trie, Wi­en

sie wie­der auf – das ist bei 90 Pro­zent so. Die­se Schü­be kann man durch die re­gel­mä­ßi­ge Ein­nah­me von An­ti­psy­cho­ti­ka in den Griff be­kom­men – das Rück­fall­ri­si­ko wird auf 10 bis 20 Pro­zent re­du­ziert. Die Lang­zeit­the­ra­pie wur­de in den ver­gan­ge­nen Jah­ren durch die Ver­füg­bar­keit von bes­ser ver­träg­li­chen De­pot-An­ti­psy­cho­ti­ka ent­schei­dend ver­bes­sert. Wolf­gang Fleisch­ha­cker be­tei­ligt sich an der wei­te­ren For­schung: Er hat vor zwei Jah­ren ei­ne Stu­die ge­star­tet, bei der 40 Zen­tren in 14 eu­ro­päi­schen Län­dern und Is­ra­el be­tei­ligt sind. „Es geht pri­mär dar­um, zu ver­glei­chen, ob Me­di­ka­men­te, die man täg­lich schluckt, an­ders wir­ken, als sol­che, die man ein­mal im Mo­nat spritzt.“

Ne­ben me­di­ka­men­tö­sen wer­den auch psy­cho­so­zia­le The­ra­pi­en ein­ge­setzt, die je nach Pa­ti­ent va­ri­ie­ren. Bei ei­nem klei­nen Teil der Be­trof­fe­nen ge­lingt die Rück­kehr ins Ar­beits­le­ben oder Stu­di­um. Bei län­ger dau­ern­dem Krank­heits­ver­lauf sind al­ler­dings Re­ha­bi­li­ta­ti­ons­maß­nah­men er­for­der­lich. Falls die Krank­heit chro­nisch ver­läuft und zu Pro­ble­men im All­tag führt, kann es sein, dass nur stun­den­wei­se ge­schütz­te Be­schäf­ti­gung mög­lich ist.

FRÜ­HE DIA­GNO­SE. Je frü­her man die Er­kran­kung dia­gnos­ti­ziert, des­to wahr­schein­li­cher ist es, dass die Pa­ti­en­ten von der Be­hand­lung pro­fi­tie­ren und ein selbst­be­stimm­tes Le­ben auf­neh­men kön­nen. Oft dau­ert das meh­re­re Jah­re lang. Das hat auch Aus­wir­kun­gen auf die Le­bens­er­war­tung: Schi­zo­phre­nie-Er­krank­te ster­ben im Schnitt 20 Jah­re frü­her. Häu­fig auf­grund von Be­glei­ter­kran­kun­gen, die nicht un­be­dingt kau­sal et­was mit der Schi­zo­phre­nie zu tun ha­ben. Es trägt auch der Le­bens­stil da­zu bei: „Be­trof­fe­ne küm­mern sich selbst we­ni­ger um ih­re Ge­sund­heit, be­we­gen sich we­ni­ger und er­näh­ren sich nicht so ge­sund. Sie fal­len aber auch öf­ter durch das üb­li­che Ge­sund­heits­netz. Es ist we­ni­ger auf­fäl­lig,wenn­sieBe­schwer­den­ha­ben und sie wer­den da­her we­ni­ger gut un­ter­sucht“, ist Fleisch­ha­cker über­zeugt. Da­zu kommt auch, dass die Schi­zo­phre­nie mit ei­nem ho­hen Selbst­tö­tungs­ri­si­ko ver­bun­den ist: Et­wa zehn Pro­zent der Er­krank­ten neh­men sich das Le­ben.

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Be­trof­fe­ne durch­le­ben durch­aus auch Pha­sen, in de­nen die Sym­pto­me ih­rer Er­kran­kung ver­schwin­den

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