Hil­fe, mein Sohn ist schi­zo­phren

Zwi­schen Ver­ständ­nis und Ab­gren­zung – ei­ne Mut­ter spricht über das Le­ben mit ih­rem schi­zo­phre­nen Sohn. Seit 20 Jah­ren schon lebt die Fa­mi­lie mit der Er­kran­kung.

KURIER_PSYCHE - - INHALT - MAG­DA­LE­NA MEER­GRAF

An­ge­hö­ri­ge über ihr Le­ben mit Schi­zo­phre­nie-Pa­ti­en­ten

Wenn Sie je­mand fragt, was Ih­re Kin­der ma­chen. Was ant­wor­ten Sie?

Mitt­ler­wei­le sa­ge ich, dass mein Sohn psy­chisch krank ist. Aber am An­fang fiel es mir nicht leicht, die­sen Satz über die Lip­pen zu brin­gen. Da ha­ben mir Ge­sprä­che mit an­de­ren Be­trof­fe­nen ge­hol­fen. Mitt­ler­wei­le re­de ich ger­ne dar­über und klä­re die Leu­te auf.

Wann ist Ih­nen auf­ge­fal­len, dass mit Ih­rem Sohn et­was nicht stimmt?

Die ers­ten Sym­pto­me sind im Al­ter von 17 Jah­ren auf­ge­tre­ten: Er woll­te plötz­lich nicht mehr zur Schu­le ge­hen. Er kam kaum mehr aus dem Bett

und hat sich völ­lig zu­rück­ge­zo­gen. Er er­zähl­te mir, dass er vor sei­nem Leh­rer Angst hat. Der schaue ihn so be­droh­lich an. Ich ha­be mit dem Leh­rer ge­spro­chen aber das Bild hat mir so gar nicht zu­sam­men­ge­passt. Ich ha­be mit dem Haus­arzt dar­über ge­spro­chen, de­rih­n­ja­schon­lan­ge­ge­kannt­hat,und der riet mir, zu ei­nem Neu­ro­lo­gen zu ge­hen. Noch vor dem Ter­min ver­schlech­ter­te sich die Si­tua­ti­on aber so stark, dass ich mit ihm ins AKH ge­fah­ren bin. Dort wur­de ei­ne de­pres­si­ve Ver­stim­mung fest­ge­stellt. Er blieb drei Wo­chen. Ich dach­te, es wird sich da­nach wie­der le­gen.

Aber es leg­te sich nicht wie­der, im Ge­gen­teil.

Die Me­di­ka­men­te ha­ben ihm ge­hol­fen, er konn­te wie­der auf­ste­hen in der Früh und raus­ge­hen. Ich ver­such­te, ei­ne Be­schäf­ti­gung zu fin­den, zur Schu­le konn­te er nicht mehr. Das AMS hat ihm ei­nen Be­rufs­fin­dungs­kurs ver­mit­telt. Doch ei­nes Ta­ges hat er mich an­ge­ru­fen und ge­sagt: „Ich kann da nicht rein­ge­hen. Ich hö­re Stim­men, die mir sa­gen, dann pas­siert et­was Schlim­mes.“Ich war to­tal scho­ckiert. Die­ses Mal blieb er sechs Wo­chen im AKH, es wur­de ei­ne Psy­cho­se aus dem schi­zo­phre­nen For­men­kreis dia­gnos­ti­ziert. Ich muss sa­gen, die Ärz­te dort ha­ben uns gut und vor­sich­tig auf­ge­klärt.Ich bin durch sie auf die HPE (Anm.: Hil­fe für An­ge­hö­ri­ge psy­chisch Er­krank­ter) auf­merk­sam ge­wor­den.

Wie ging es wei­ter?

Ein­ein­halb Jah­re lang war er in ei­ner Wohn­ge­mein­schaft für psy­chisch Kran­ke. Dort er­lern­te er mit­hil­fe von Pro­fes­sio­nel­len das selbst­stän­di­ge Le­ben. Auch die El­tern wur­den stark ein­ge­bun­den. Das hat ihm sehr ge­hol­fen. Seit­her geht es ihm gut. Er hat zwar im­mer wie­der mal schlech­te Pha­sen, da braucht es dann oft ei­ne me­di­ka­men­tö­se Um­stel­lung. Al­le zwei Wo­chen geht er zum Arzt.

Sie ha­ben auch ei­ne Toch­ter. Wie gut ist das Ver­hält­nis zwi­schen den Kin­dern?

Die Be­zie­hung zwi­schen ih­nen war im­mer gut. Mei­ne Toch­ter hat viel Ver­ständ­nis auf­ge­bracht. In der Pu­ber­tät hat­te sie Pa­nik­at­ta­cken, des­we­gen ist auch sie in The­ra­pie ge­gan­gen. Sie hat ge­lernt, sich ab­zu­gren­zen. Wie sie­äl­ter­ge­wor­de­nist,hat­sie­anTref­fen für Ge­schwis­ter von psy­chisch Er­krank­ten bei der HPE teil­ge­nom­men.

Was mei­nen Sie mit ab­gren­zen?

Man darf nicht al­les per­sön­lich neh­men. Wenn mein Sohn Spin­ne­rei­en hat, zeigt das ja nur, dass es ihm nicht gut geht. Ent­we­der er hat nicht gut ge­schla­fen oder hat viel­leicht wie­der Stim­men ge­hört – man weiß es nicht. Da­kan­ner­schon­sek­kant­sein.Für­den Fall, dass er mich an­ruft und ir­gend­wel­che Ide­en hat, ha­be ich mir zum Bei­spiel den Satz zu­recht­ge­legt: „Da bin ich nicht die rich­ti­ge An­sprech­per­son. Be­sprich das bit­te mit dei­ner The­ra­peu­tin oder mit dem Arzt.“Das funk­tio­niert sehr gut.

Wie funk­tio­niert das Mit­ein­an­der?

Mein Sohn spürt ge­nau, was sich ver­än­dert oder was los ist. Er ist sehr fein­füh­lig und merkt, wenn ich mich ver­stel­le. Er ist sehr of­fen und kann sei­ne Ge­füh­le aus­drü­cken. Das ist ein gro­ßes Glück, weil man dar­auf re­agie­ren kann.

Mitt­ler­wei­le ist er 37 Jah­re alt. Wie kommt er zu­recht?

Er­leb­tal­leine­und­kommt­gut­zu­recht. Er hat ei­ne Heim­hil­fe und ich kom­me auch je­de Wo­che vor­bei. Mit Wai­sen­pen­si­on – sein Va­ter ist früh ge­stor­ben –, Min­dest­si­che­rung und er­höh­ter Fa­mi­li­en­bei­hil­fe – weil er als Ju­gend­li­cher krank ge­wor­den ist – ist er fi­nan­zi­ell ab­ge­si­chert. Der­zeit ar­bei­tet er in ei­ner ge­schütz­ten Werk­stät­te. Er ist sehr ak­tiv, spielt Kla­vier, geht schwim­men und be­sucht Frei­zeit­grup­pen von der ProMen­te.

Ha­ben Sie Angst, er könn­te sich in schlech­ten Pha­sen et­was an­tun?

Ei­gent­lich nicht. Viel­leicht, weil er im­mer sehr of­fen dar­über spricht, was er emp­fin­det und was er tut. Er hat ein­mal selbst zu mir ge­sagt: „Du brauchst dir kei­ne Sor­gen ma­chen, dass ich mich um­brin­ge. Das ma­che ich nicht.“

Was hat Ih­nen ge­hol­fen, mit der Er­kran­kung Ih­res Soh­nes um­zu­ge­hen?

Ich ver­su­che die Men­schen ge­ne­rell so zu neh­men, wie sie sind. Je­man­den krank­haft än­dern zu wol­len, ist für mich ein Gräu­el. Wenn das Kind krank ist, dann muss man auch ler­nen, das an­zu­neh­men. Man muss ler­nen, das ei­ge­ne Le­ben zu le­ben. Mein Le­ben kann sich nicht nur nach mei­nem kran­ken Kind ori­en­tie­ren. Ich gön­ne mir be­wusst mei­ne Ent­span­nungs­zei­ten. Mein Sohn hat da­für volls­tes Ver­ständ­nis. Und ich ließ mir psy­cho­the­ra­peu­tisch hel­fen. Man kann nicht im­mer al­les al­lei­ne schaf­fen.

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„Ich ließ mir psy­cho­the­ra­peu­tisch hel­fen. Ein Le­ben ist mit­un­ter lang und je mehr Pro­ble­me man auf­baut, des­to schwie­ri­ger wird es. Man kann nicht im­mer al­les al­lei­ne schaf­fen.“ Mut­ter ei­nes schi­zo­phre­nen Kin­des

„Man muss sich ab­gren­zen und darf nicht al­les per­sön­lich neh­men. Wenn mein Sohn Spin­ne­rei­en hat, zeigt das ja nur, dass es ihm nicht gut geht.“

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