Die Grenz­gän­ger

Ein Le­ben zwi­schen Neu­ro­se und Psy­cho­se: Stim­mungs­schwan­kun­gen und in­sta­bi­le Be­zie­hun­gen prä­gen das Bild des Bor­der­li­ners.

KURIER_PSYCHE - - INHALT - HE­LE­NA ZOTTMANN

Was das Bor­der­li­ne-Syn­drom für Pa­ti­en­ten be­deu­tet

Bor­der­li­ner er­le­ben täg­lich emo­tio­na­le Ex­trem­si­tua­tio­nen. „Das fühlt sich an, als wür­de in ei­nem Ein­kaufs­zen­trum das ei­ge­ne Kind ver­lo­ren geht“, ver­an­schau­licht Kin­der- und Ju­gend­psy­cho­lo­gin Ma­ri­na Gottwald. Ge­nau­so we­nig wie die Mut­ter, die pa­nisch ihr Kind im Ge­tüm­mel des Shop­ping­cen­ters sucht, kön­nen sich die Pa­ti­en­ten in den Ex­trem­si­tua­tio­nen be­ru­hi­gen. Sie müs­sen erst ler­nen, mit den über­bor­den­den Ge­füh­len um­zu­ge­hen. „Je­der ist manch­mal ein biss­chen Bor­der­li­ne“, sagt Gottwald, „aber bei ei­nem ge­sun­den Men­schen ist die Au­s­prä­gung nicht so stark und er kann in ver­schie­de­nen Si­tua­tio­nen un­ter­schied­lich re­agie­ren.“Der Bor­der­li­ne-Pa­ti­ent hat da­ge­gen nur we­ni­ge Stra­te­gi­en zur Ver­fü­gung. Auch im Be­zie­hungs­le­ben fin­den sich die Sym­pto­me: „Die Be­trof­fe­nen idea­li­sie­ren und ent­wer­ten sehr stark, an ei­nem Tag ist man die gro­ße Lie­be und vom ei­nen auf den an­de­ren Tag wird man schreck­lich be­schimpft, ent­wer­tet und ver­las­sen“, sagt Ste­phan Doering, Lei­ter der Uni­ver­si­täts­kli­nik für Psy­cho­ana­ly­se und Psy­cho­the­ra­pie an der Me­di­zi­ni­schen Uni­ver­si­tät Wi­en. Von der Gren­ze, an die die Pa­ti­en­ten im­mer wie­der ge­hen, lei­tet sich die Be­zeich­nung Bor­der­li­ne üb­ri­gens nicht ab. Sie meint eher die Gren­ze zwi­schen den Krank­heits­bil­dern in der Psy­cho­the­ra­pie, in de­ren Zwi­schen­feld die­se Per­sön­lich­keits­stö­rung an­ge­sie­delt ist – näm­lich zwi­schen Neu­ro­se und Psy­cho­se.

STRA­TE­GI­EN ER­LER­NEN. In Ein­zel­the­ra­pie und in der Grup­pen­the­ra­pie wird an den Fä­hig­kei­ten im Um­gang mit den ei­ge­nen Emo­tio­nen ge­ar­bei­tet. In der Grup­pe wer­den Lö­sun­gen für Kon­flik­te ge­sucht, im Ein­zel­set­ting lernt man, die­se Lö­sun­gen für sei­nen ei­ge­nen All­tag an­wend­bar zu ma­chen. „Für die Pa­ti­en­ten geht es dar-

um,zu­er­ken­nen,wann­dieE­mo­tio­nen auf­tau­chen und wel­che Stra­te­gi­en hel­fen, die­se Stress­si­tua­tio­nen zu lö­sen“, er­klärt Gottwald. Die Psy­cho­the­ra­pie ist im Grun­de die ein­zi­ge Be­hand­lungs­mög­lich­keit.Me­di­ka­men­tös­las­sen sich le­dig­lich Be­gleit­krank­hei­ten oder be­stimm­te Sym­pto­me be­han­deln, wie et­wa Schlaf­stö­run­gen und ex­tre­me Er­re­gungs- oder Angst­zu­stän­de. Wird die Bor­der­li­ne-Per­sön­lich­keits­stö­rung dia­gnos­ti­ziert, braucht der Be­trof­fe­ne nicht nur die Hil­fe von Ex­per­ten. Auch die An­ge­hö­ri­gen sind ge­for­dert: Sie müs­sen eben­falls ler­nen, mit den emo­tio­na­len Ex­tre­men um­zu­ge­hen. Oft ist die Un­ter­stüt­zung ei­ne Grat­wan­de­rung: „Man­che An­ge­hö­ri­ge kom­men voll­kom­men er­schöpft zu uns, weil sie von mor­gens bis abends ver­su­chen, ih­re Bor­der­li­ne-An­ge­hö­ri­gen zu un­ter­stüt­zen. Man muss Gren­zen ein­füh­ren: Bis hier­hin und nicht wei­ter“, rät Doering.

GE­NE­TI­SCHE VER­AN­LA­GUNG. Ein gro­ßer Teil der Vor­aus­set­zung ist ge­ne­tisch ver­an­lagt. Die­se Er­kennt­nis er­lang­ten Wis­sen­schaf­ter durch Zwil­lings­for­schun­gen in den 1980er- und 90er-Jah­ren. Ein­ei­ige und zwei­ei­ige Zwil­lin­ge wur­den mit­ein­an­der ver­g­li­chen, und auch ge­mein­sam auf­ge­wach­se­ne und nach der Ge­burt ge­trenn­te Zwil­lin­ge ge­gen­über­ge­stellt. Da­zu kom­men aber auch die spä­te­ren Be­zie­hungs­er­fah­run­gen. „Man kann ei­ne ge­wis­se erb­li­che Be­las­tung ha­ben, aber mit po­si­ti­ven Be­zie­hungs­er­fah­run­gen nor­mal le­ben. Dann ist man viel­leicht ein biss­chen tem­pe­ra­ment­voll. An­de­re Kin­der, die ei­ne sta­bi­le­re Ver­an­la­gung ha­ben, ste­cken sehr viel mehr weg, oh­ne krank zu wer­den“, er­läu­tert Doering. In der Dia­gno­se sieht sich der Psy­cho­the­ra­peut zwei Din­ge an: Die Sym­pto­ma­tik auf der ei­nen Sei­te und das Be­zie­hungs­ge­wor­de­nen le­ben auf der an­de­ren Sei­te. „Man muss dif­fe­ren­zie­ren, ob die Stim­mung viel­leicht nur durch die Ent­wick­lung be­ding­tist.EinKind­in­derTrotz­pha­se oder in der Pu­ber­tät schaut oft gleich aus“, gibt Gottwald zu be­den­ken. Da­mit ist ge­meint: Nicht je­der Pu­ber­tie­ren­de ist so­fort ein Bor­der­li­ne-Pa­ti­ent. „Letzt­lich geht es dar­um zu schau­en, wie lie­bes- oder ar­beits­fä­hig je­mand ist. Freud sprach hier von Ge­nuss- und Leis­tungs­fä­hig­keit“, sagt Ste­phan Doering.

EIN BIS ZWEI PRO­ZENT. Et­wa ein bis zwei Pro­zent der ös­ter­rei­chi­schen Be­völ­ke­rung lei­den an der Bor­der­li­nePer­sön­lich­keits­stö­rung. Da­mit ist sie ei­ne eher häu­fi­ge psy­cho­lo­gi­sche Er­kran­kung. Et­wa drei Vier­tel der Pa­ti­en­ten im kli­ni­schen Be­reich sind weib­lich, wes­halb man lan­ge Zeit an­nahm, dass sie eher bei Frau­en auf­tritt. Tat­säch­lich aber tritt die Er­kran­kung bei Män­nern und Frau­en re­la­tiv gleich­mä­ßig auf, wo­bei sich Frau­en aber wahr­schein­li­cher in kli­ni­sche Be­hand­lung be­ge­ben, die männ­li­chen Er­krank­ten hin­ge­gen eher in Ge­fäng­nis­sen und fo­ren­si­schen Kli­ni­ken, al­so in der Be­hand­lung von be­reits kri­mi­nell Pa­ti­en­ten, wie­der­fin­den. Un­ter­schie­de gä­be es aber schon, so Ma­ri­na Gottwald. „Das Bild sieht ein biss­chen an­ders aus: Mäd­chen nei­gen eher zu selbst­ver­let­zen­dem Ver­hal­ten, Bur­schen zei­gen ih­re Ag­gres­si­vi­tät eher nach au­ßen“, sagt sie.

Mit der rich­ti­gen The­ra­pie und dem Wil­len des Pa­ti­en­ten wer­den gu­te Er­folgs­chan­cen er­zielt. Nichts­des­to­trotz müs­sen Be­trof­fe­ne ein Le­ben lang an sich und ih­ren Emo­tio­nen ar­bei­ten. Ste­phan Doering meint: „Vor­aus­ge­setzt, dass der The­ra­peut sei­ne Ar­beit or­dent­lich macht und der Pa­ti­ent die The­ra­pie durch­hält, kön­nen Bor­der­li­ne-Pa­ti­en­ten ein weit­ge­hend nor­ma­les Le­ben füh­ren.“

„Mäd­chen nei­gen zu selbst­ver­let­zen­dem Ver­hal­ten, Bur­schen zei­gen ih­re Ag­gres­si­vi­tät eher nach au­ßen.“ Ma­ri­na Gottwald, Psy­cho­the­ra­peu­tin mit Schwer­punkt Ver­hal­tens­the­ra­pie

Bor­der­li­ne-Pa­ti­en­ten schwan­ken stän­dig zwi­schen Ex­tre­men und ba­lan­cie­ren auf ei­nem schma­len Grat

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