Le­ben in ei­ner ei­ge­nen Welt

Au­tis­mus ge­hört zu den am meis­ten be­forsch­ten Zu­stands­bil­dern in der Kin­der­psych­ia­trie. Das öf­fent­li­che Bild hinkt da noch hin­ter­her: Nicht je­der Au­tist ist „Rain Man“. Ex­per­ten und Be­trof­fe­ne wis­sen, war­um nicht.

KURIER_PSYCHE - - INHALT - THE­RE­SA ZIEG­LER

Wie Au­tis­mus ent­steht, wie Be­trof­fe­ne da­mit le­ben

Wenn wir mit an­de­ren Men­schen re­den, ist das weit­aus mehr als nur der Aus­tausch von Wör­tern. Man in­ter­pre­tiert die In­ten­ti­on des Ge­sprächs­part­ners und zieht dar­aus Schlüs­se auf sei­ne Ge­dan­ken­welt. Das funk­tio­niert mal bes­ser, mal schlech­ter. Doch für Au­tis­ten funk­tio­niert das oft­mals gar nicht. “Theo­ry of Mind“nennt man die­sen Vor­gang in der Psy­cho­lo­gie – al­so die Fä­hig­keit, ei­ne An­nah­me über Ge­füh­le, Ab­sich­ten und Er­war­tun­gen an­de­rer Per­so­nen vor­zu­neh­men und die­se in der ei­ge­nen Per­son wie­der zu er­ken­nen. Men­schen mit Au­tis­mus fehlt die­se Fä­hig­keit nicht im­mer

gänz­lich, doch sie müs­sen sie hart er­ler­nen. “Vie­le Men­schen mit Asper­ger-Syn­drom kön­nen per­fekt spre­chen, nur hat man das Ge­fühl, die Kom­mu­ni­ka­ti­on ist ei­ne Ein­bahn­stra­ße. Die Per­son er­zählt mir zum Bei­spiel nur et­was über das Wie­ner Li­ni­en­netz, aber reagiert nicht wirk­lich auf mei­ne Fra­gen“, sagt Kath­rin Hipp­ler, kli­ni­sche Psy­cho­lo­gin aus Wi­en, die sich auf die The­ra­pie von Au­tis­ten spe­zia­li­siert hat. Die Dia­gno­se Au­tis­mus be­steht, wenn aus­rei­chend vie­le Sym­pto­me und Ein­schrän­kun­gen aus den Be­rei­chen so­zia­le In­ter­ak­ti­on, Kom­mu­ni­ka­ti­on und ein­ge­schränk­te Ak­ti­vi­tä­ten und In­ter­es­sen vor­lie­gen. Ein Spe­zial­in­ter­es­se bei­spiels­wei­se be­deu­tet ei­ne ex­zes­si­ve Be­schäf­ti­gung mit De­tails oder Din­ge, die das kon­zen­trier­te Sam­meln von In­for­ma­ti­on dar­über be­inhal­tet. Ein ste­reo­ty­pes Ver­hal­tens­mus­ter wä­re zum Bei­spiel das wie­der­hol­te Ein- und Aus­schal­ten von Licht­schal­tern.

DURCH­GE­HEN­DE BE­TREU­UNG. Sil­ke Bau­er­feind ist Au­to­rin und Mut­ter ei­nes au­tis­ti­schen Jun­gen. Ihr Sohn reagiert vor al­lem auf au­di­tive Sin­nes­ein­drü­cke emp­find­li­cher als an­de­re Kin­der. „Das be­deu­tet, dass ihn vie­le Ge­räu­sche so sehr im Ohr schmer­zen, dass ihn das in sei­nem Hand­lungs­spiel­raum sehr ein­schränkt. Das Läu­ten von Kir­chen­glo­cken ist schreck­lich für ihn oder auch ein Flug­zeug, das über ihn hin­weg fliegt. Ei­ne Bie­ne oder Flie­ge, oder auch das Spre­chen von meh­re­ren Men­schen gleich­zei­tig. Für ihn ist das so schlimm, dass er des­halb manch­mal ta­ge­lang das Haus nicht ver­las­sen möch­te“, er­zählt Bau­er­feind. Auf ih­rem Blog “El­las Blog“schreibt sie über das Le­ben mit Au­tis­mus in der Fa­mi­lie. Da­mit möch­te Bau­er­feind vor al­lem El­tern, die die Dia­gno­se ih­res Kin­des erst vor Kur­zem be­kom­men ha­ben, ei­ne In­for­ma­ti­ons­und Aus­tausch­platt­form bie­ten. Ihr 16-jäh­ri­ger Sohn ge­hört zu je­nen Au­tis­ten, die ei­nen ho­hen Pfle­ge­be­darf ha­ben. Die Ent­wick­lungs­stö­rung ver­langt Tag und Nacht ei­ne durch­ge­hen­de Be­treu­ung. „Mal schnell zehn Mi­nu­ten et­was ein­kau­fen und ihn al­lei­ne las­sen oder abends weg­ge­hen, wenn er be­reits schläft, ist nicht mög­lich“, sagt die Au­to­rin. Ne­ben dem Blog ist vor Kur­zem auch ihr Buch „Ein Kind mit Au­tis­mus zu be­glei­ten, ist auch ei­ne Rei­se zu sich selbst“er­schie­nen.

NICHT JE­DER AU­TIST IST „RAIN MAN“. Au­tis­mus ist ei­ne der psy­chi­schen Stö­run­gen, die es zwar ins öf­fent­li­che In­ter­es­se ge­schafft ha­ben, häu­fig aber ins fal­sche Licht ge­rückt wer­den. „Vie­le Men­schen as­so­zi­ie­ren mit Au­tis­mus den Film ‚Rain Man‘, in dem ein Sa­vant, al­so ein In­sel­be­gab­ter, die Haupt­rol­le spielt. Da­her stel­len vie­le Men­schen El­tern au­tis­ti­scher Kin­der die Fra­ge: ‚Und was kann dein Kind Be­son­de­res?‘ Das wol­len die meis­ten nicht mehr hö­ren. In­sel­be­ga­bun­gen sind äu­ßerst sel­ten“, be­tont Bau­er­feind. Au­tis­mus ent­schei­det nicht, ob ein Mensch durch­schnitt­lich, un­ter­durch­schnitt­lich oder hoch­be­gabt ist. Die Wahr­schein­lich­keit, wie stark In­tel­li­genz und Ta­len­te aus­ge­prägt sind, ist bei au­tis­ti­schen Men­schen nicht an­ders als bei neu­ro­ty­pi­schen.

Eben­falls vor­sich­tig sein soll­te man beim Ver­ständ­nis von Au­tis­mus als Krank­heit, mah­nen Ex­per­ten. Die Welt­ge­sund­heits­or­ga­ni­sa­ti­on (WHO) de­fi­niert Au­tis­mus als tief grei­fen­de Ent­wick­lungs­stö­rung. Ei­ne an­de­re Form von Wahr­neh­mung, die in vie­len Si­tua­tio­nen des so­zia­len Le­bens zur Be­ein­träch­ti­gung wer­den kann – so wür­de Kath­rin Hipp­ler Au­tis­mus de­fi­nie­ren: “Au­tis­mus ist et­was, wor­auf man sich ein­las­sen und wo­mit man ar­bei­ten muss.“Die­ses Ver­ständ­nis ist für die Be­trof­fe­nen be­son­ders wich­tig. Ge­ra­de Men­schen mit ei­ner schwä­che­ren Va­ri­an­te aus dem Au­tis­musSpek­trum lau­fen durch das Ge­fühl der Aus­gren­zung Ge­fahr, an De­pres­sio­nen zu er­kran­ken. „Au­tis­ten wol­len nicht ge­ne­rell iso­liert sein. Vie­le wün­schen sich Freun­de, brau­chen aber mehr Rück­zugs­mög­lich­kei­ten und Hil­fe bei der An­bah­nung so­zia­ler Kon­tak­te“, ist Bau­er­feind über­zeugt.

EIN PRO­ZENT DER BE­VÖL­KE­RUNG. Hipp­ler zählt Au­tis­mus zu den am meis­ten be­forsch­ten Zu­stands­bil­dern der Kin­der­psych­ia­trie. Die ge­schätz­te Häu­fig­keit­vonAu­tis­mu­sist­in­den­letz­ten Jah­ren im­mer wei­ter ge­stie­gen. Mitt­ler­wei­le sta­gniert sie aber. Man

„Man weiß, dass es ei­ne er­heb­li­che ge­ne­ti­sche Kom­po­nen­te gibt, wel­che die früh­kind­li­che Hirn­ent­wick­lung be­ein­flusst.“ Kath­rin Hipp­ler, kli­ni­sche Psy­cho­lo­gin aus Wi­en

gehthe­u­te­da­vo­n­aus,das­scir­cae­inPro­zent der Be­völ­ke­rung zu­min­dest au­tis­ti­sche Zü­ge auf­weist. Ins­ge­samt sind in Ös­ter­reich­al­sor­und48.500Kin­der­be­trof­fen. Auch die Ur­sa­chen­for­schung hat ei­ni­ge Er­kennt­nis­se her­vor­ge­bracht: „Man weiß, dass es ei­ne er­heb­li­che ge­ne­ti­sche Kom­po­nen­te gibt, wel­che die früh­kind­li­che Hirn­ent­wick­lung be­ein­flusst. Kom­ple­xe Um­welt­Gen-In­ter­ak­tio­nen kön­nen dann Au­tis­mus aus­lö­sen. Der Er­zie­hungs­stil der El­tern hin­ge­gen hat nichts mit der Ur­sa­che von Au­tis­mus zu tun“, weiß Hipp­ler.

Sil­ke Bau­er­feind ist trotz der all­täg­li­chen Her­aus­for­de­run­gen, die der Au­tis­mus ih­res Soh­nes mit sich bringt, nicht mü­de ge­wor­den, auch die po­si­ti­ven Sei­ten dar­an zu se­hen: „Au­tis­ten neh­men zum Bei­spiel oft­mals De­tails wahr, die wir gar nicht se­hen und die zwar ir­ri­tie­rend, aber auch sehr span­nend sein kön­nen. Au­ßer­dem ha­ben vie­le ei­nen aus­ge­präg­ten Ge­rech­tig­keits­sinn und mein Sohn hat ei­nen un­schlag­ba­ren Hu­mor.“

Au­tis­mus ist laut WHO ei­ne tief grei­fen­de Ent­wick­lungs­stö­rung, die häu­fig aber ins fal­sche Licht ge­rückt wird

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