An­griff auf die Ner­ven­fa­sern

KURIER_PSYCHE - - INHALT - SÁNDOR FÜLÖP

Wie Mul­ti­ple Sk­le­ro­se wirkt, wel­che Hil­fe es gibt

Für Be­trof­fe­ne ist die Dia­gno­se „Mul­ti­ple Sk­le­ro­se“zu­nächst ein Schock. Die Krank­heit wird oft bei jun­gen Men­schen dia­gnos­ti­ziert. Die Sor­ge, sein bis­he­ri­ges Le­ben nicht mehr wie ge­wohnt le­ben zu kön­nen, sei­ne be­ruf­li­chen und fa­mi­liä­ren Plä­ne über Bord wer­fen zu müs­sen, stellt ei­ne gro­ße psy­chi­sche Be­las­tung dar.

Denn Mul­ti­ple Sk­le­ro­se ist zwei­fels­frei ei­ne ernst zu neh­men­de, chro­ni­sche Er­kran­kung, für die es der­zeit kei­ne Hei­lung gibt. Be­trof­fen sind das Ge­hirn und das Rü­cken­mark – die Schalt­zen­tra­le des Men­schen. Hier wer­den al­le In­for­ma­tio­nen aus der Um­welt und dem ei­ge­nen Kör­per ver­ar­bei­tet und wei­ter­ge­lei­tet. Das zen­tra­le Ner­ven­sys­tem sorgt da­für, dass wir den­ken, füh­len und han­deln kön­nen und dass Or­ga­ne, Mus­keln und Kno­chen in ei­nem kom­ple­xen Zu­sam­men­spiel funk­tio­nie­ren.

Die Ner­ven­fa­sern, die un­ser Ge­hirn und Rü­cken­mark ver­net­zen, sind da­bei – ähn­lich der Iso­lie­rung ei­nes Strom­ka­bels – von ei­ner Schutz­schicht um­man­telt. Die­se Schicht, ge­nannt Mye­lin, er­laubt es den Ner­ven­zel­len, Rei­ze aus­zu­tau­schen. Ge­nau hier ent­fal­tet die Er­kran­kung ih­re schäd­li­che Wir­kung.

NER­VEN­FA­SERN GE­SCHÄ­DIGT. Bei MS spielt das ei­ge­ne Im­mun­sys­tem ei­ne wich­ti­ge Rol­le. Nor­ma­ler­wei­se ver­fügt der mensch­li­che Kör­per über Mecha­nis­men, die ver­hin­dern, dass das Im­mun­sys­tem kör­per­ei­ge­ne Zel­len an­greift. Sind die­se Mecha­nis­men ge­stört, kann es pas­sie­ren, dass sich das Im­mun­sys­tem ge­gen den ei­ge­nen Kör­per rich­tet. Es kommt zur Ent­zün­dungs­re­ak­ti­on im zen­tra­len Ner­ven­sys­tem, wo­bei die Mye­lin­schicht von der Im­mun­ab­wehr be­schä­digt und zer­stört wird.

Die Fol­ge: Schä­den an der Ner­ven­fa­ser. Die elek­tri­schen Im­pul­se der Ner­ven­zel­len kön­nen nicht mehr wei­ter­ge­lei­tet wer­den. Die­se Schä­den tre­ten ge­häuft auf und hin­ter­las­sen Ver­narb­un­gen oder „Sk­le­ro­sen“. Die Ent­zün­dun­gen blei­ben und schä­di­gen die Ner­ven­fa­sern im­mer wei­ter. Aus die­sen Pro­zes­sen las­sen sich die Ver­laufs­for­men der Krank­heit ab­lei­ten. In ei­ner ers­ten Pha­se tre­ten in un­ter­schied­li­chen In­ter­val­len so­ge­nann­te Schü­be auf. Spä­ter ver­lang­sa­men sich die Schü­be, der Ge­samt­zu­stand ver­schlech­tert sich aber schlei­chend. Nur in sehr sel­te­nen Fäl­len tre­ten kei­ne Krank­heits­schü­be auf, der Ge­samt­zu­stand ver­schlech­tert sich aber trotz­dem kon­ti­nu­ier­lich.

SYM­PTO­ME. Die­se Schü­be sind nichts an­de­res als die Sym­pto­me der Mul­ti­plen Sk­le­ro­se. Zu­nächst zei­gen sich Seh­stö­run­gen, Miss­emp­fin­dun­gen, Taub­heits­ge­füh­le und mo­to­ri­sche Stö­run­gen. Spä­ter kön­nen ko­gni­ti­ve Stö­run­gen da­zu­kom­men. Bei schwe­ren Ver­läu­fen lei­den Pa­ti­en­ten un­ter zu­neh­men­den Be­hin­de­run­gen. Wie Tho­mas Ber­ger von der Uni­ver­si­täts­kli­nik für Neu­ro­lo­gie in Inns­bruck je­doch be­tont, wer­den die­se schwe­ren For­men der Mul­ti­plen Sk­le­ro­se im­mer sel­te­ner: „Man kann Pa­ti­en­ten ru­hi­gen Ge­wis­sens sa­gen, dass es un­wahr­schein­lich sein wird, dass ih­re Krank­heit ei­nen schwe­ren Ver­lauf nimmt.“

FRÜH­ZEI­TI­GE DIA­GNO­SE. Zu ver­dan­ken ist die­se Ent­wick­lung den mo­der­nen The­ra­pi­en und vor al­lem

Die Au­to­im­mun­er­kran­kung Mul­ti­ple Sk­le­ro­se ist noch im­mer mit vie­len Ängs­ten und fal­schen Vor­stel­lun­gen be­las­tet – zu Un­recht. Durch mo­der­ne Dia­gno­se­me­tho­den und The­ra­pi­en be­kom­men Ärz­te bei im­mer mehr Pa­ti­en­ten die Krank­heit in den Griff. „Man kann Pa­ti­en­ten ru­hi­gen Ge­wis­sens sa­gen, dass es un­wahr­schein­lich sein wird, dass ih­re Krank­heit ei­nen schwe­ren Ver­lauf nimmt.“ Ao. Univ.-Prof. Dr. Tho­mas Ber­ger, Uni-Kli­nik für Neu­ro­lo­gie der Me­dU­ni Inns­bruck

früh­zei­ti­gen Dia­gno­sen. Wäh­rend dies in den Neun­zi­gern oft noch Jah­re ge­dau­ert hat, kön­nen Ärz­te heu­te bin­nen we­ni­ger Tage die ge­naue Dia­gno­se er­stel­len. Das Be­wusst­sein für die Krank­heit spielt hier ei­ne gro­ße Rol­le. Da Erst­sym­pto­me wie Seh­ner­v­ent­zün­dun­gen bei jun­gen Pa­ti­en­ten sehr sel­ten ei­ne an­de­re Ur­sa­che ha­ben, ist der Ver­dacht auf Mul­ti­ple Sk­le­ro­se oft na­he­lie­gend. Ei­ne hun­dert­pro­zen­ti­ge Si­cher­heit wird aber erst durch die Ma­gnet­re­so­nanz­to­mo­gra­fie (MRT) und die so­ge­nann­te Lum­bal­punk­ti­on – auch als Kreuz­stich be­kannt – er­reicht. Da­durch las­sen sich Ent­zün­dun­gen im Be­reich des zen­tra­len Ner­ven­sys­tems ge­nau dia­gnos­ti­zie­ren.

MO­DER­NE THE­RA­PI­EN. Da Ent­zün­dun­gen im Krank­heits­bild der Mul­ti­plen Sk­le­ro­se so zen­tral sind, grei­fen die meis­ten The­ra­pi­en ge­nau hier ein. In Ös­ter­reich gibt es der­zeit 13 zu­ge­las­se­ne Me­di­ka­men­te.

Schwie­ri­ger zu the­ra­pie­ren war bis­her die so­ge­nann­te pro­gre­dien­te Ver­laufs­form, bei der es zu ei­ner stän­di­gen Ver­schlech­te­rung kommt. Hier gab es in­den­ver­gan­ge­nenJah­ren­ei­nen­mög­li­chen Durch­bruch: Neue Me­di­ka­men­te zur Be­hand­lung die­ser Form der Er­kran­kung ste­hen vor ih­rer Zu­las­sung.

AUS­LÖ­SER IST UN­BE­KANNT. Die Fort­schrit­te bei der Be­hand­lung ste­hen den Aus­lö­sern der Krank­heit ge­gen­über, die­se sind näm­lich im­mer noch nicht aus­rei­chend be­kannt. Ur­sprüng­li­che Theo­ri­en, dass Mul­ti­ple Sk­le­ro­se durch äu­ße­re In­fek­tio­nen aus­ge­löst wird, konn­ten nicht be­wie­sen wer­den. Da das Krank­heits­bild auch ei­ne auf­fäl­li­ge geo­gra­fi­sche Ver­tei­lung auf­weist, wa­ren lan­ge Zeit ge­ne­ti­sche Ur­sa­chen im Ver­dacht. Aber auch die For­schung in die­se Rich­tung war bis­her un­er­gie­big.

GRUND ZUR HOFF­NUNG. Mul­ti­ple Sk­le­ro­se bleibt wei­ter­hin ei­ne Krank­heit mit un­ter­schied­li­chen Au­s­prä­gun­gen, die sehr vom ein­zel­nen Pa­ti­en­ten ab­hän­gen.

Da man die zu­grun­de lie­gen­den Ent­zün­dungs­zu­stän­de je­doch ef­fek­ti­ver be­kämp­fen kann, zei­gen sich laut Pro­fes­sor Ber­ger „im Spek­trum der Mul­ti­plen Sk­le­ro­se im­mer mehr Pa­ti­en­ten, bei de­nen man das Fort­schrei­ten der Krank­heit ver­lang­sa­men oder gar stop­pen kann.“

Für die knapp 13.000 Be­trof­fe­nen in Ös­ter­reich be­steht al­so Grund zur Hoff­nung. Und das, ob­wohl die Krank­heit noch mit vie­len Ängs­ten vor schwe­ren Be­hin­de­run­gen und Stig­ma­ta be­haf­tet ist.

Durch das meist jun­ge Al­ter der Pa­ti­en­ten ist die Si­tua­ti­on oft auch für An­ge­hö­ri­ge sehr schwie­rig. Zeit für Ge­sprä­che, Of­fen­heit und ein in­di­vi­du­el­les Ein­ge­hen auf die Be­dürf­nis­se der Pa­ti­en­ten sind da­bei wich­tig. Die­se Be­dürf­nis­se sind, wie auch Ber­ger be­tont, für ei­nen Groß­teil der Be­trof­fe­nen nicht mehr der Roll­stuhl. „Op­ti­mis­mus ist an­ge­bracht – Men­schen mit Mul­ti­pler Sk­le­ro­se kön­nen in vie­len Fäl­len ein ganz nor­ma­les Le­ben füh­ren.“

Das Ziel der neu­en The­ra­pi­en: Pa­ti­en­ten mit Mul­ti­pler Sk­le­ro­se kön­nen in vie­len Fäl­len wie­der ein ganz nor­ma­les Le­ben füh­ren

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