Der Zap­pel­phil­ipp

Für die Auf­merk­sam­keits­de­fi­zit-Hy­per­ak­ti­vi­täts­stö­rung (ADHS) sind we­der schlech­te Er­zie­hung noch un­güns­ti­ge Um­welt­be­din­gun­gen ver­ant­wort­lich, son­dern ei­ne an­ge­bo­re­ne neu­ro­bio­lo­gi­sche Kon­sti­tu­ti­on.

KURIER_PSYCHE - - INHALT - YASMIN VIHAUS

War­um Ju­gend­li­che un­ter ADHS lei­den

ADHS – vier Buch­sta­ben, die als Ab­kür­zung für die psych­ia­tri­sche Dia­gno­se der Auf­merk­sam­keits­de­fi­zit-Hy­per­ak­ti­vi­täts­stö­rung in den letz­ten Jah­ren ver­mehrt im öf­fent­li­chen Dis­kurs auf­tau­chen. Das zap­pe­li­ge Kind bleibt die wohl ver­brei­tets­te As­so­zia­ti­on, die Er­kran­kung selbst wird oft als Mo­de­dia­gno­se oder El­tern­ver­sa­gen ab­ge­tan. Da­bei hat der eng­li­sche Kin­der­arzt Ge­or­ge Fre­de­ric Still das Krank­heits­bild be­reits zu Be­ginn des letz­ten Jahr­hun­derts wis­sen­schaft­lich be­schrie­ben. Heu­te gilt ADHS als häu­figs­te Ur­sa­che von Ver­hal­tens­stö­run­gen und schu­li­schen Leis­tungs­pro­ble­men im Kin­des- und Ju­gend­al­ter, et­wa drei bis fünf Pro­zent lei­den an der Krank­heit. Als Ur­sa­che wird ei­ne ge­ne­tisch be­ding­te neu­ro­bio­lo­gi­sche Funk­ti­ons­stö­rung an­ge­nom­men. Be­trof­fen sind da­bei je­ne Hirn­ab­schnit­te, wel­che über­ge­ord­ne­te Steue­rungs- und Ko­or­di­na­ti­ons­auf­ga­ben über­neh­men. Das Ge­hirn kann un­wich­ti­ge in­ne­re und äu­ße­re Reiz­im­pul­se schlecht fil­tern – dies führt zu Sym­pto­men wie Ablenk­bar­keit, Pro­ble­men bei der Selbst­or­ga­ni­sa­ti­on, Im­pul­si­vi­tät oder Un­ru­he. Be­merk­bar ma­chen sich die Schwä­chen der Im­puls­hem­mung vor al­lem bei sub­jek­tiv lang­wei­li­gen Si­tua­tio­nen. Wäh­rend das Kind bei ei­nem Com­pu­ter­spiel meh­re­re St­un­den die Kon­zen­tra­ti­on auf­recht­er­hal­ten kann, fällt dies bei un­in­ter­es­san­ten Un­ter­richts­stun­den um ein Viel­fa­ches schwe­rer.

DIE AB­KLÄ­RUNG. Ei­ne Dia­gno­se wird durch die Er­he­bung der Pro­ble­ma­tik in ver­schie­de­nen Le­bens­be­rei­chen von kli­ni­schen Psy­cho­lo­gen oder Psych­ia­tern ge­stellt. Da­bei ist es auch wich­tig, ADHS von an­de­ren Lern­stö­run­gen oder psy­chi­schen Pro­ble­men ab­zu­gren­zen. Zur Ab­klä­rung die­nen me­di­zi­ni­sche, psy­cho­lo­gi­sche und Auf­merk­sam­keits­tests. Ein so­ge­nann­ter „Con­ti­nuous Per­for­mance Test“al­lei­ne kann al­ler­dings nie­mals aus­sa­ge­kräf­tig ge­nug sein, um ei­ne Dia­gno­se zu stel­len. Hier­bei zeigt sich auch die Pro­ble­ma­tik: Ei­nen stan­dar­di­sier­ten ADHS-Test gibt es nicht, Psy­cho­lo­gen und Psych­ia­ter ar­bei­ten mit ei­ner Rei­he an un­ter­schied­li­chen Test­mo­du­len. Ge­mäß dem dia­gnos­ti­schen und sta­tis­ti­schen Leit­fa­den psy­chi­scher Stö­run­gen der Ame­ri­can Psych­iatric As­so­cia­ti­on müs­sen die Sym­pto­me mit kli­nisch be­deut­sa­men Be­ein­träch­ti­gun­gen ein­her­ge­hen, die das Kind in sei­ner Ent­wick­lung maß­geb­lich aus­brem­sen, über ei­nen län­ge­ren Zei­t­raum an­hal­ten und in ver­schie­de­nen Le­bens­be­rei­chen auf­tre­ten. Wur­de die Dia­gno­se ge­stellt, kann ei­ne me­di­ka­men­tö­se The­ra­pie, be­glei­tet von ei­ner Psy­cho­the­ra­pie hel­fen. Die ADHS-Me­di­ka­men­te nor­ma­li­sie­ren die neu­ro­na­le Ak­ti­vi­tät in den be­trof­fe­nen Hirn­re­gio­nen und ver­bes­sern da­durch die Fil­ter- und Hemm­funk­ti­on des Ge­hirns. Für ei­ne op­ti­ma­le Wirk­sam­keit ist ei­ne in­di­vi­du­el­le Ab­stim­mung wich­tig, zu­sätz­lich muss die Wirk­sam­keit re­gel­mä­ßig über­prüft und ge­ge­be­nen­falls an­ge­passt wer­den. Die­se Ein­stel­lung auf ein Me­di­ka­ment er­streckt sich oft über meh­re­re Jah­re. An­ge­sichts des oft­ma-

lig lang­jäh­ri­gen Auf­tre­tens der Sym­pto­me kann dies je­doch sinn­voll sein, denn et­wa die Hälf­te der an ADHS-er­krank­ten Kin­der und Ju­gend­li­chen zei­gen auch im Er­wach­se­nen­al­ter Sym­pto­me der Krank­heit. Wäh­rend die Hy­per­ak­ti­vi­tät in den Hintergrund tritt, hal­ten Auf­merk­sam­keits­pro­ble­me, emo­tio­na­le Stö­run­gen und Im­pul­si­vi­tät an.

Et­wa drei bis fünf Pro­zent der Kin­der sind von der Krank­heit ADHS be­trof­fen

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