Wenn die El­tern de­ment wer­den

Je­de Krank­heit be­las­tet nicht nur den Er­krank­ten, son­dern auch die An­ge­hö­ri­gen. Um die Kom­mu­ni­ka­ti­on mit den Be­trof­fe­nen zu er­leich­tern, kön­nen zahl­rei­che Hilfs­mit­tel ein­ge­setzt wer­den.

KURIER_PSYCHE - - INHALT - MAG­DA­LE­NA MEER­GRAF

Wo An­ge­hö­ri­ge Hil­fe fin­den

Romane sind zwar Fik­ti­on, kön­nen aber In­for­ma­tio­nen manch­mal ein­dring­li­cher ver­mit­teln als so man­che Fach­li­te­ra­tur. Das trifft auch auf „Small World“von Mar­tin Su­ter zu, der sich für sein Buch aus­führ­lich mit dem The­ma De­menz be­schäf­tigt hat. Prot­ago­nist Kon­rad Lang lernt Ro­se­ma­rie Haug ken­nen. Doch die zu­neh­men­den Pro­ble­me, die durch Langs Al­ters­de­menz ver­ur­sacht wer­den, be­las­ten die Be­zie­hung. Er vergisst erst Klei­nig­kei­ten, fin­det die ge­mein­sa­me Woh­nung nicht mehr und am En­de kennt er nicht ein­mal mehr sei­ne Ro­se­ma­rie. Auf An­ra­ten ei­nes Freun­des, wird Lang in ein Pfle­ge­heim ein­ge­wie­sen. Er ent­fernt sich im­mer mehr von der Rea­li­tät, er­in­nert sich gleich­zei­tig an De­tails aus sei­ner Kind­heit. Sut­ter gibt ei­nen Ein­blick in die ty­pi­schen Sym­pto­me ei­ner fort­schrei­ten­den De­menz-Er­kran­kung. „Wer das Buch liest, er­fährt nicht nur viel über den Ablauf der Alz­hei­merKrank­heit und den Stand des Wis­sens zu En­de des letz­ten Jahr­tau­sends, er hat zu­gleich ei­ne span­nen­de Lek­tü­re vor sich“, sagt Ur­su­la Ham­mer, Fach­ärz­tin für Psych­ia­trie und Psy­cho­the­ra­pie, wäh­rend ei­ner Le­sung bei der Alz­hei­mer Ge­sell­schaft Ba­den-Würt­tem­berg.

Im Fall von De­menz stel­len Be­trof­fe­ne ihr fa­mi­liä­res Um­feld aber auch das Be­treu­ungs­per­so­nal vor be­son­de­re – mit­un­ter auch be­son­ders be­las­ten­de – Her­aus­for­de­run­gen. Denn: „Des­ori­en­tiert­heit ist ein Pro­blem der an­de­ren“, meint Nao­mi Feil in ei­nem In­ter­view mit der­stan­dard.at (2012). Seit Jahr­zehn­ten schon be­schäf­tigt sich die US-Ame­ri­ka­ne­rin mit dem Pro­zess des Al­terns. Den Be­griff De­menz ver­mei­det die Ge­ron­to­lo­gin da­bei ganz be­wusst. Lie­ber spricht sie von des­ori­en­tier­ten Men­schen. Nicht im­mer fällt es leicht, De­menz­kran­ken mit Wert­schät­zung zu be­geg­nen. Das sei al­ler­dings Pflicht und Ge­bot. Schließ­lich möch­te kein Mensch im fort­ge­schrit­te­nen Al­ter ab­ge­scho­ben wer­den. Denn nur weil je­mand als de­ment gilt, be­deu­tet das nicht, dass er oder sie emo­ti­ons­los oder gar emp­fin­dungs­los ve­ge­tiert.

VA­LI­DA­TI­ON. Als Me­tho­de, um best­mög­lich mit De­menz­kran­ken um­zu­ge­hen, ent­wi­ckel­te Nao­mi Feil, Jahr­gang 1932, die so­ge­nann­te Va­li­da­ti­on. Da­bei han­delt es sich um ei­ne Art der Kom­mu­ni­ka­ti­on, die letzt­lich vor al­lem ein Ziel ver­folgt: den All­tag al­ler Be­tei­lig­ten mög­lichst kon­flikt­frei zu ge­stal­ten. Man ver­sucht die Be­trof­fe-

nen durch Ge­sprä­che, Be­rüh­run­gen und Spie­geln dort ab­zu­ho­len, wo sie ihr Le­ben eben hin­ge­bracht hat und zwar un­ab­hän­gig da­von, in wel­cher geis­ti­gen Welt sie sich ge­ra­de be­fin­den. Was aber nicht be­deu­tet, sie in die Rea­li­tät zu­rück­zu­ho­len. Der gro­ße Gr­a­ben liegt da­bei zwi­schen dem Ori­en­tiert­sein und der Des­ori­en­tie­rung der Be­trof­fe­nen, wel­che oft Ag­gres­si­on zur Fol­ge hat. „Wenn Sie ei­ne de­menz­be­trof­fe­ne Per­son be­reits zum fünf­tenMa­linFol­ge­fragt,wa­ses­heu­te zu es­sen gibt, dann steckt kei­ne bö­se Ab­sicht da­hin­ter. Ver­su­chen Sie Ver­ständ­nis für ih­re Si­tua­ti­on auf­zu­brin­gen und kri­ti­sie­ren Sie ihr Ver­hal­ten nicht“, ra­ten Ex­per­ten der De­menz­hil­fe Ös­ter­reich, ei­ne Initia­ti­ve der Volks­hil­fe. Der Schlüs­sel liegt in ei­ner re­spekt­vol­len, em­pa­thi­schen Grund­hal­tung: „Be­den­ken Sie: Ei­ne de­menz­be­trof­fe­ne Per­son ist ein er­wach­se­ner Mensch und kein Klein­kind. Be­han­deln sie die­se da­her dem­ent­spre­chend.“Wich­tig wä­re es – das be­tont Feil in je­der Er­läu­te­rung des Kon­zepts der Va­li­da­ti­on – auf­rich­tig zu blei­ben und nicht zu lü­gen. DieTech­ni­kist­weit­ver­brei­tetund­wird in vie­len Pfle­ge­ein­rich­tun­gen an­ge­wen­det. Wer sie er­ler­nen möch­te, kann sich bei­spiels­wei­se an das Wie­ner Ro­te Kreuz wen­den: Das Aus­bil­dungs­zen­trum ist ei­ne vom Va­li­da­ti­on Trai­ning In­sti­tu­te au­to­ri­sier­te Va­li­da­ti­ons­or­ga­ni­sa­ti­on zur Durch­füh­rung zer­ti­fi­zier­ter Aus­bil­dun­gen. Je nach Re­gi­on gibt es au­ßer­dem Be­ra­tungs- und Be­treu­ungs­an­ge­bo­te der De­menz­hil­fe. Auch in Form von Stamm­ti­schen wird den pfle­gen­den An­ge­hö­ri­gen ei­ne Aus­tausch­mög­lich­keit ge­ge­ben.

AK­TIV DA­HEIM. Wis­sen­schaft­li­che Stu­di­en be­le­gen, dass ver­mehr­te mo­to­ri­sche und so­zia­le Ak­ti­vi­tät den men­ta­len Ver­fall ver­rin­gern kön­nen. In der Stei­er­mark läuft der­zeit ein ge­mein­sa­mes Pro­jekt des So­zi­al­ver­eins Deutsch­lands­berg, der Jo­an­ne­um Re­se­arch For­schungs­ge­sell­schaft und der Fir­ma Fa­mel. „Ziel ist es, Men­schen mit De­menz spie­le­risch zu för­dern. Da­für bie­ten wir ide­en­ge­stütz­te Ele­men­te, die das in­di­vi­du­el­le Trai­ning un­ter­stüt­zen“, sagt Ver­eins­ob­mann Jo­sef St­ei­ner. Ein Ta­blet und ei­ne in­ter­ak­ti­ve Mat­te er­mög­li­chen ein un­ter­halt­sa­mes, sen­so­mo­to­ri­sches Er­leb­nis.

Das Kon­zept wird als Ein­zel­trai­ning zu Hau­se an­ge­bo­ten und von aus­ge­bil­de­ten Trai­ne­rin­nen durch­ge­führt. Es be­ruht auf fünf Säu­len: „Wahr­neh­mung, Ge­dächt­nis, kör­per­li­che Ak­ti­vie­rung, die Ak­ti­vi­tät des ak­tu­el­len Le­bens und Krea­ti­vi­tät.“Die Übun­gen sind al­le auf dem Ta­blet ge­spei­chert. Da­durch kön­nen auch die An­ge­hö­ri­gen mit dem Be­trof­fe­nen wei­ter trai­nie­ren. Auch Sen­so­ren für Eye Tracking sind an­ge­bracht, die das Blick­ver­hal­ten auf­zeich­nen. So kann psy­chi­sches und phy­si­sches Ver­hal­ten ana­ly­siert und Be­hand­lungs­er­fol­ge ab­schätz­bar ge­macht ma­chen. Dies könn­te auch für die For­schung zu­künf­tig ei­ne wich­ti­ge Da­ten­quel­le dar­stel­len. Ziel wä­re es, die­se Me­tho­de flä­chen­de­ckend auf ganz Ös­ter­reich zu ver­brei­ten, so St­ei­ner.

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