De­pres­si­on mit Hö­hen­flug

Bi­po­la­re Stö­rung. An­ders als bei den uni­po­la­ren De­pres­sio­nen, durch­le­ben Be­trof­fe­ne Pha­sen, in de­nen es ih­nen „zu gut“geht. Ge­ra­de in die­sen Epi­so­den las­sen sie sich nur schwer zu ei­ner The­ra­pie be­we­gen.

KURIER_PSYCHE - - INHALT - WER­NER STURMBERGER

Das Le­ben mit bi­po­la­ren Stö­run­gen

Un­ter ei­ner bi­po­la­ren Stö­rung ver­steht man ei­ne schwe­re psy­chi­sche Er­kran­kung, ge­kenn­zeich­net durch ex­tre­me Stim­mungs­schwan­kun­gen: An­ders als bei der häu­fi­ger vor­kom­men­den uni­po­la­ren De­pres­si­on er­le­ben Be­trof­fe­ne Hoch­pha­sen – so­ge­nann­te Ma­ni­en. „In­die­sen­ma­ni­schenPha­sen­lei­det­der Pa­ti­ent nicht. Im Ge­gen­teil: Die Men­schen sind hei­ter, manch­mal aber auch ge­reizt. Ih­nen geht es gut und sie be­mer­ken da­bei selbst oft nicht, dass es ih­nen zu gut geht“, sagt Sieg­fried Ka­sper, Lei­ter der Wie­ner Uni­ver­si­täts­kli­nik für Psych­ia­trie und Psy­cho­the­ra­pie. Häu­fig wird da­her nicht der Pa­ti­ent, son­dern des­sen Um­feld auf sein aty­pi­sches Ver­hal­ten auf­merk­sam. Er selbst schätzt sich voll­kom­men nor­mal ein, da­für al­le an­de­ren um ihn her­um zu we­nig ak­tiv. Be­trof­fe­ne sind wäh­rend ma­ni­schen Epi­so­den da­her auch kaum be­reit, ärzt­li­che Hil­fe in An­spruch zu neh­men.

„Die Pa­ti­en­ten kom­men im Re­gel­fall mit­ten in ei­ner De­pres­si­on. Wenn man nach ma­ni­schen oder hy­po­ma­ni­schen Pha­sen fragt, schä­men sich vie­le dar­über zu spre­chen oder mes­sen al­le­dem kei­ne Be­deu­tung bei. Bi­po­la­re Er­kran­kun­gens­ind­da­her­schwie­rig­zu dia­gnos­ti­zie­ren“, er­klärt Ka­sper. Ei­ner­seits spielt bei der Dia­gno­se die Er­fah­rung­des­Arz­tes­ei­ne­wich­ti­geRol­le, an­de­rer­seits ist die de­tail­lier­te Kran­ken­ge­schich­te der Be­trof­fe­nen ent­schei­dend. Bei rund ei­nem Vier­tel al­ler Pa­ti­en­ten mit uni­po­la­rer De­pres­si­on tre­ten über ei­nen län­ge­ren Zei­t­raum auch ma­ni­sche Epi­so­den auf. Um­ge­kehrt geht die Ma­nie aber auch häu­fig der De­pres­si­on vor­aus. „So­bald ein Pa­ti­ent nicht nur de­pres­si­ve Pha­sen durch­lebt, son­dern zu­min­dest ein­mal ei­ne ma­ni­sche Epi­so­de hat­te, han­delt es sich um ei­ne bi­po­la­re Stö­rung“, so Ka­sper. Wäh­rend fast je­der zehn­te im Ver­lauf sei­nes Le­bens zu­min­dest ein­mal an ei­ner De­pres­si­on er­krankt, sind da­ge­gen nur rund zwei bis vier Pro­zent der Be­völ­ke­rung dem bi­po­la­ren Spek­trum zu­zu­rech­nen.

STÖ­RUNG DES STOFFWECHSELS. Wie auch bei De­pres­sio­nen han­delt es sich bei bi­po­la­ren Er­kran­kun­gen ver­mut­lich um ei­ne Stö­rung des Stoffwechsels im Ge­hirn. Die­se äu­ßert sich als Un­gleich­ge­wicht im Ver­hält­nis un­ter­schied­li­cher Neu­ro­trans­mit­ter – das­sin­dÜber­trä­ger­sub­stan­zen­imGe­hirn. Es gibt ei­ne breite Pa­let­te von Me­di­ka­men­ten, dar­un­ter An­ti­de­pres­si­va, aty­pi­sche An­ti­psy­cho­ti­ka und Stim­mungs­sta­bi­li­sie­rer, die zur An­wen­dung ge­lan­gen kön­nen. Ziel der Be­hand­lung ist es, zu ver­hin­dern, dass es zu ei­ner wei­te­ren Epi­so­de kommt, er­klärt Ka­sper: „Das Sys­tem ist durch die Er­kran­kung be­schä­digt. Die Ner­ven sind be­reits sen­si­bi­li­siert, um bild­lich zu spre­chen. Bleibt die Er­kran­kung un­be­han­delt, wer­den die Zy­klen im­mer schnel­ler.“ MA­NIE UND HYPOMANIE. Je nach­dem, wie stark die Hoch­pha­sen aus­ge­prägt sind, spricht man von Ma­nie, die ei­ne bi­po­la­re Stö­rung des Typs I kenn­zeich­net, oder von Hypomanie, die dem un­ge­fähr dop­pelt so häu­fig auf­tre­ten­den Typ II zu­grun­de liegt. Die Ma­nie äu­ßert sich durch ei­ne deut­lich ge­ho­be­ne Stim­mung, die min­des­tens ei­ne Wo­che lang an­hält. Man­che Be­trof­fe­ne er­le­ben die­ses High selbst als ab­nor­mal.

Ge­kenn­zeich­net ist es durch ge­stei­ger­te Ak­ti­vi­tät bis hin zur Ru­he­lo­sig­keit, ver­min­der­tes Schlaf­be­dürf­nis, ra­sen­de Ge­dan­ken, ei­nen an­dau­ern­den Wech­sel von Plä­nen und er­höh­ter Ablenk­bar­keit.Vie­lePa­ti­en­ten­zei­gen auch ei­ne ge­wis­se En­t­hem­mung: ge­stei­ger­te Ge­sprä­chig­keit oder Kon­takt­freu­dig­keit, er­höh­te Li­bi­do oder all­ge­mein der Ver­lust gän­gi­ger so­zia­ler Nor­men. Auch Ten­den­zen zu Selbst­über­schät­zung und Grö­ßen­wahn sind nicht un­ge­wöhn­lich. In ma­ni­schen Pha­sen kön­nen dar­über hin­aus auch psy­cho­ti­sche Sym­pto­me, wie Hal­lu­zi­na­tio­nen und Wahn­vor­stel­lun­gen auf­tre­ten. Ei­ne nor­ma­le Le­bens­füh­rung ist den Pa­ti­en­ten in ma­ni­schen Epi­so­den nicht mög­lich.

Als Hypomanie wer­den Epi­so­den be­schrie­ben, die we­ni­ger ex­trem ver­lau­fen und ma­xi­mal vier Tage an­dau­ern. Die bi­po­la­re Stö­rung des Typs II ist da­her schwie­ri­ger zu dia­gnos­ti­zie­ren. Der All­tag der Pa­ti­en­ten ist aber auch in­hy­po­ma­ni­schenPha­sen­deut­lich

Wäh­rend de­pres­si­ver Epi­so­den zei­gen Pa­ti­en­ten mit bi­po­la­rer Stö­rung die glei­chen Sym­pto­me wie je­ne mit uni­po­la­rer De­pres­si­on: Freud- und Lust­lo­sig­keit, An­triebs­min­de­rung. Auch Schuld­ge­füh­le kön­nen auf­tre­ten. Häu­fig be­zie­hen sich die­se dann auf das Ver­hal­ten wäh­rend der ma­ni­schen Epi­so­den. Die de­pres­si­ven Pha­sen dau­ern für ge­wöhn­lich et­was län­ger als die ma­ni­schen und hy- po­ma­ni­schen. Zwi­schen den Krank­heits­epi­so­den kön­nen sta­bi­le Pha­sen lie­gen, die oft meh­re­re Jah­re an­dau­ern kön­nen. Bei man­chen Pa­ti­en­ten wech­seln sie aber auch mehr­mals pro Jahr.

GE­NE­TISCH BE­GRÜN­DET. Bi­po­la­re Stö­run­gen­tre­ten­über­un­ter­schied­li­che Kul­tur­krei­se hin­weg in ver­gleich­ba­rer Häu­fig­keitauf.Dass­si­ein­ein­zel­nenFa­mi­li­en öf­ter vor­kom­men und im Ver­gleich zu uni­po­la­ren De­pres­sio­nen meist vor dem 25 Le­bens­jahr be­gin­nen und so durch­schnitt­lich zehn Jah­re vor ei­ner­rei­nenDe­pres­sionauf­tre­ten,weist auf ge­ne­ti­sche Ur­sa­chen hin. Men­schen, bei de­nen der Va­ter oder die Mut­ter dar­an er­krankt ist, ent­wi­ckeln mit ei­ner zehn­pro­zen­ti­gen Wahr­schein­lich­keit selbst ei­ne bi­po­la­re Stö­rung. Sind bei­de El­tern­tei­le be­be­ein­träch­tigt. trof­fen, liegt die Wahr­schein­lich­keit bei rund 30 Pro­zent. De­zi­dier­te Ri­si­ko­fak­to­ren, die das Ent­ste­hen ei­ner bi­po­la­ren Stö­rung be­güns­ti­gen sind nur we­ni­ge be­kannt. Ka­sper weist aber dar­auf hin, dass ei­ne Cor­ti­son-The­ra­pie bei Pa­ti­en­ten, die ei­ne Ver­an­la­gung für ei­ne bi­po­la­re Stö­rung in sich tra­gen, das Er­kran­kungs­ri­si­ko stei­gert.

Mit der ent­spre­chen­den Be­hand­lung ist die Krank­heit je­den­falls in den Griff zu be­kom­men. Be­din­gung da­für ist je­doch die Ein­sicht, dass die Er­kran­kung nicht wie­der ein­fach von selbst ver­schwin­den wird.

„So­bald ein Pa­ti­ent zu­min­dest ein Mal ei­ne ma­ni­sche Epi­so­de hat­te, han­delt es sich um ei­ne bi­po­la­re Stö­rung.“ Sieg­fried Ka­sper, Lei­ter der Uni­ver­si­täts­kli­nik für Psych­ia­trie und Psy­cho­the­ra­pie an der Me­dU­ni Wi­en

Hoch- und Tief­pha­sen wech­seln bei Bi­po­la­ren schnell ab

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