NEURONALES TE­AM­WORK

Das mensch­li­che Ge­hirn funk­tio­niert über Ver­knüp­fun­gen. Das macht es un­ge­heu­er leis­tungs­fä­hig, aber auch an­fäl­lig.

KURIER_PSYCHE - - UNSER GEHIRN - JO­NAS VOGT

Der13.Sep­tem­ber1848­ware­in gu­ter Tag für die Hirn­for­schung, aber ein denk­bar schlech­ter für den US-Ame­ri­ka­ner Phine­as Ga­ge: Bei ei­nem Un­fall bohr­te­sich­ei­neEi­sen­stan­ge­durch­denVor­der­kopf des Bahn­ar­bei­ters aus Ver­mont. Ga­ge über­leb­te, und nach ei­ni­gen Wo­chen wa­ren sei­ne ko­gni­ti­ven Fä­hig­kei­ten wie­der­her­ge­stellt. Aber aus dem freund­li­chen und ru­hi­gen Ar­bei­ter war ein jäh­zor­ni­ger und so­zi­al un­fä­hi­ger Mann ge­wor­den. Der Fall mach­te der da­ma­li­gen, me­di­zi­nisch in­ter­es­sier­ten Öf­fent­lich­keit be­wusst, dass es of­fen­bar di­rek­te Zu­sam­men­hän­ge zwi­schen den phy­si­schen Tei­len des Ge­hirns und dem mensch­li­chen Ver­hal­ten ge­ben muss.

Das Ge­hirn ist das wich­tigs­te Or­gan des Men­schen. Es be­steht aus knapp 100 Mil­li­ar­den Ner­ven­zel­len, Neu­ro­nen ge­nannt. Sie sind über Sy­nap­sen, al­so Schalt­stel­len, mit­ein­an­der ver­knüpft. Über die­ses Zu­sam­men­spiel wer­den – wie in ei­nem Com­pu­ter – In­for­ma­tio­nen­ver­ar­bei­tetund­dieFunk­tio­nen des Kör­pers über die Aus­schüt­tung­von­che­mi­schenBo­ten­stof­fen­be­wusst und un­be­wusst re­gu­liert. Das Ver­hält­nis zwi­schen be­wusst und un­be­wusst ver­ar­bei­te­ter In­for­ma­ti­on ist schwie­rig zu be­zif­fern, un­ter an­de­rem weil es ne­ben kla­ren Fäl­len wie dem Herz­schlag auch Zwi­schen­for­men gibt:DerMen­sch­at­met­bei­spiels­wei­se au­to­ma­tisch, kann den Atem aber auch an­hal­ten und trai­nie­ren.

ZEN­TRA­LES NER­VEN­SYS­TEM.

Ge­mein­sam mit dem Rü­cken­mark bil­det das Ge­hirn das zen­tra­le Ner­ven­sys­tem, das mit den pe­ri­phe­ren Ner­ven­sys­te­men eng ver­floch­ten ist. Das Ge­hirn ist ein Hoch­leis­tungs­or­gan, un­d­dem­ent­spre­chend­brauch­te­sauch In­put: Beim Men­schen macht es zwar nur et­wa zwei Pro­zent des Kör­per­ge­wichts­aus,ver­brauch­t­a­ber20Pro­zent der ge­sam­ten Ener­gie.

Die In­for­ma­ti­ons­wei­ter­ga­be im Ge­hirn funk­tio­niert über Neu­ro­trans­mit­ter und Neu­ro­pep­ti­de (Neu­ro­mo­du­la­to­ren) – che­mi­sche Bo­ten­stof­fe. Die­se sind nicht nur grund­sätz­lich ex­trem wich­tig, auch die rich­ti­ge Men­ge ist aus­schlag­ge­bend. „Es gibt Hin­wei­se dar­auf, dass so­wohl ei­ne Un­ter­ver­sor­gung als auch ein Über­an­ge­bot an Neu­ro­mo­du­la­to­ren pro­ble­ma­tisch ist“, er­klärt Pro­fes­so­rin Chris­ti­ne Bandt­low, Lei­te­rin der Abteilung Neu­ro­bio­che­mie der Me­di­zi­ni­schen Uni­ver­si­tät Inns­bruck. Letz­te­res kann zu ei­ner Über­rei­zung füh­ren. Das macht sich nicht nur die Me­di­zin zu­nut­ze: Ne­ben vie­len Me­di­ka­men­ten wir­ken auch ei­ni­ge Dro­gen che­misch ge­se­hen als Neu­ro­mo­du­la­to­ren. Im In­ter­net sind zahl­rei­che Selbst­tests zu fin­den, mit de­nen man her­aus­fin­den kann, wel­che Ge­hirn­hälf­te die „ak­ti­ve­re“ist. Die­se po­pu­lär­wis­sen­schaft­li­che Theo­rie, auch das He­mi­sphä­ren­mo­dell ge­nannt, nach der die lin­ke Ge­hirn­hälf­te für Spra­che, Ana­ly­se und die Ra­tio, die rech­te aber für die Krea­ti­vi­tät und Ge­füh­le ste­he, gilt heu­te als ver­al­tet. Ge­nau­so wie die far­bi­gen Darstel­lun­gen vom Ge­hirn wie man sie oft in al­ten Bü­chern fin­det, in de­nen ein­zel­ne Area­le für klar ab­grenz­ba­re Auf­ga­ben­ge­bie­te ste­hen. „Wir ken­nen heu­te über 100 Hirn­area­le, die ver­schie­de­ne Auf­ga­ben maß­geb­lich wahr­neh­men. Die Be­to­nung liegt auf maß­geb­lich“, er­klärt Bandt­low. „Das sind kei­ne ab­ge­schlos­se­nen, ein­zel­nen En­ti­tä­ten.“Im mensch­li­chen Ge­hirn kom­me es im­mer auf die Ver­knüp­fun­gen an.

Für Emo­tio­nen braucht es zum Bei­spiel ein Zu­sam­men­spiel vie­ler Tei­le des Ge­hirns, auch wenn es da­für ein Ker­n­are­al gibt. Ein wei­te­res gu­tes Bei­spiel ist „Ge­schmack“, wo Ge­schmacks­sinn, Ge­ruchs­sinn, aber auch die Seh­kraft zu­sam­men­spie­len. Der Satz „Das Au­ge isst mit“hat ei­nen wah­ren Kern: Ge­ra­de Sen­so­rik braucht meist gro­ße Tei­le des

„Wir ken­nen heu­te über 100 Hirn­area­le, die ver­schie­de­ne Auf­ga­ben maß­geb­lich wahr­neh­men. Das sind kei­ne ab­ge­schlos­se­nen En­ti­tä­ten.“ Chris­ti­ne Bandt­low, Lei­te­rin der Abteilung Neu­ro­bio­che­mie der Me­di­zi­ni­schen Uni­ver­si­tät Inns­bruck

Ge­hirns. Das hat auch den Ne­ben­ef­fekt, dass für ver­hal­tens­än­dern­de Ef­fek­te kei­ne be­stimm­te Ge­hirn­re­gi­on ver­letzt sein muss, son­dern dass es un­ter Um­stän­den auch reicht, be­stimm­te Ver­bin­dun­gen zwi­schen den Area­len zu un­ter­bre­chen.

In his­to­ri­schen Fäl­len, wie dem oben ge­nann­ten Fall von Phine­as Ga­ge, wird oft der prä­fron­ta­le Cor­tex – der Ge­hirn­teil hin­ter der Stirn – be­zie­hungs­wei­se sei­ne Ver­let­zung, als Ver­ant­wort­li­cher für die Ver­hal­tens­än­de­rung aus­ge­macht. Nicht ganz zu Un­recht: „Der prä­fron­ta­le Cor­tex ist der evo­lu­tio­när jüngs­te Teil des mensch­li­chen Ge­hirns, in dem maß­geb­lich ra­tio­na­le und so­zia­le Ent­schei­dun­gen an­ge­sie­delt sind“, er­klärt Bandt­low. Die­ser un­ter­schei­de sich beim Men­schen und Pri­ma­ten deut­lich. Sei­ne Be­ein­träch­ti­gung kann theo­re­tisch schwer­wie­gen­de Sym­pto­me aus­lö­sen.

Heißt das, man wird nach ei­ner Ver­let­zung die­ses Teils zum Psy­cho­pa­then? Ganz so ein­fach ist es nicht. „Ei­ne Ver­let­zung von Ge­hirn­area­len kann ei­ne Ver­hal­tens­än­de­rung her­vor­ru­fen, muss es aber nicht“, sagt

PRÄFRONTALER COR­TEX.

Bandt­low. „An­de­re Hirn­area­le kön­nen Auf­ga­ben teil­wei­se über­neh­men.“„Neu­ro­na­le Plas­ti­zi­tät“lau­tet der Fach­be­griff. Das mensch­li­che er­wach­se­ne Ge­hirn ist nicht für im­mer fest ver­drah­tet. Sy­nap­sen kön­nen sich neu bil­den, was dem Ge­hirn die Mög­lich­keit gibt, Schä­den teil­wei­se auf­zu­fan­gen. Der prä­fron­ta­le Cor­tex wächst oh­ne­hin bis ins 20. Le­bens­jahr hin­ein, wo­bei dann nicht mehr die Zahl an Neu­ro­nen zu­nimmt, son­dern die Zahl ih­rer Ver­knüp­fun­gen.

Ver­g­li­chen mit den Zei­ten von Phine­as Ga­ge weiß die Wis­sen­schaft heu­te sehr viel mehr über das Ge­hirn. Man­che Fra­gen las­sen sich al­ler­dings den­noch nicht ex­akt und zu­frie­den­stel­lend be­ant­wor­ten. Zum Bei­spiel: Was ist ei­gent­lich Be­wusst­sein? Der­ar­ti­ge Fra­gen ha­ben nicht nur phi­lo­so­phi­schenMehr­wert,son­dern­be­ein­flus­sen durch­aus auch kon­kret den Be­reich der Pal­lia­tiv­me­di­zin und der Anäs­the­sie.

Die In­for­ma­ti­ons­wei­ter­ga­be im Ge­hirn funk­tio­niert über Neu­ro­trans­mit­ter. So­wohl Über­ver­sor­gung als auch Über­an­ge­bot kön­nen schwe­re Sym­pto­me aus­lö­sen

Bis heu­te kann die Me­di­zin den Be­griff Be­wusst­sein nur un­zu­rei­chend er­klä­ren

Newspapers in German

Newspapers from Austria

© PressReader. All rights reserved.