„DIE GE­SUN­DEN AN­TEI­LE NUT­ZEN“

Schi­zo­phre­nie-Ex­per­te Wolf­gang Fleisch­ha­cker plä­diert für ei­nen an­de­ren Um­gang mit den Be­trof­fe­nen.

KURIER_PSYCHE - - SCHIZOPHRENIE -

Pro­fes­sor Fleisch­ha­cker, kön­nen Schi­zo­phre­nie-Pa­ti­en­ten ih­re ei­ge­ne Er­kran­kung er­ken­nen?

Wolf­gang Fleisch­ha­cker: Das ist un­ter­schied­lich. Man­che Pa­ti­en­ten ha­ben gar kei­ne Krank­heits­ein­sicht. An­de­re kön­nen zwar er­ken­nen, dass et­was nicht in Ord­nung ist, kön­nen es aber nicht rich­tig zu­ord­nen. Ei­ni­ge Be­trof­fe­ne wis­sen hin­ge­gen ganz ge­nau, dass sie Schi­zo­phre­nie ha­ben und ken­nen auch die Sym­pto­me.

Le­ben die Be­trof­fe­nen eher zu­rück­ge­zo­gen oder fal­len sie auf?

Das Ver­hal­ten va­ri­iert, je nach­dem, was die In­hal­te ih­rer Wahn­ide­en sind. Füh­len sie sich be­droht, zie­hen sie sich eher zu­rück. Se­hen sie sich be­ru­fen, die Welt zu ver­bes­sern, wer­den sie nach au­ßen sehr auf­fäl­lig.

Wie­so spricht man bei Schi­zo­phre­nie von ge­spal­te­ner Per­sön­lich­keit?

Das ist ein häu­fi­ges Miss­ver­ständ­nis, das aus der wört­li­chen Über­set­zung des Be­griffs re­sul­tiert: Schi­zo­phre­nie be­deu­tet ge­spal­te­ner Geist. Zu­dem ist die ge­sam­te Per­sön­lich­keit be­trof­fen. Al­les was uns aus­macht – er­ken­nen, ler­nen, füh­len und ver­ste­hen. Ei­ne Per­sön­lich­keits­stö­run­gen hin­ge­gen ist et­was an­de­res, wie zum Bei­spiel die Bor­der­li­ne-Per­sön­lich­keits­stö­rung.

Wie kön­nen sich An­ge­hö­ri­ge best­mög­lich ge­gen­über ih­rem schi­zo­phre­nen Ver­wand­ten oder Freund ver­hal­ten?

Ein häu­fig wohl­ge­mein­ter Feh­ler ist es zu ver­su­chen, Pa­ti­en­ten Wahn­ide­en aus­zu­re­den. Das ist üb­li­cher­wei­se frus­trie­rend für bei­de Sei­ten und be­las­tet die Be­zie­hung. Als An­ge­hö­ri­ger soll­te man in ers­ter Li­nie ver­su­chen, Ver­ständ­nis auf­zu­brin­gen. Wich­tig wä­re es au­ßer­dem, die ge­sun­den An­tei­le des Pa­ti­en­ten zu nut­zen und zu pfle­gen. Schi­zo­phre­ne tun sich schwer mit so­zia­len Kon­tak­ten. Das be­deu­tet aber gleich­zei­tig, dass sie sich bei an­de­ren Tä­tig­kei­ten leich­ter tun. Bei­spiels­wei­se bei ar­chi­va­ri­schen Tä­tig­kei­ten oder vor dem Com­pu­ter. Er­krank­te wer­den manch­mal mit un­rea­lis­ti­schen For­de­run­gen über­frach­tet, wie zum Bei­spiel, das Stu­di­um fer­tig zu ma­chen. Be­stimm­te Fä­hig­kei­ten bü­ßen sie aber im Lau­fe der Krank­heit ein. Auf der an­de­ren Sei­te ist auch die Un­ter­for­de­rung ein Ri­si­ko. Al­so wenn man die Krank­heit re­si­gnie­rend hin­nimmt. Zwi­schen die­sen bei­den Po­len ei­nen Weg zu fin­den ist für die An­ge­hö­ri­gen schwie­rig, des­we­gen wer­den sie in die Be­hand­lung von An­fang an mit­ein­ge­bun­den.

Wie sind die Be­hand­lungs­aus­sich­ten?

Prin­zi­pi­ell gut. Vor­aus­set­zun­gen sind ei­ne frü­he Dia­gno­se und ei­ne ra­sche Be­hand­lung. Da­mit kommt es bei et­wa 70 Pro­zent der Be­trof­fe­nen zu ei­nem fast voll­stän­di­gen Rück­gang der Sym­pto­me. Der wei­te­re Be­hand­lungs­ver­lauf hängt vom ver­füg­ba­ren Be­hand­lungs­an­ge­bot und der Mit­ar­beit­derPa­ti­en­ten­ab.Un­ter­op­ti­ma­len Be­din­gun­gen kön­nen Schi­zo­phre­nie­kran­ke ein ge­sun­des Ar­beits- und Fa­mi­li­en­le­ben er­fah­ren. Lei­der sind die­se Be­din­gun­gen nicht für al­le ver­füg­bar, vor al­lem die Früh­er­ken­nung und die Mög­lich­kei­ten ei­ner in­te­gra­ti­ven Lauf­zeit­the­ra­pie sind nicht aus­rei­chend eta­bliert. Hier gibt es ge­sund­heits­po­li­ti­schen Hand­lungs­be­darf.

„Er­krank­te wer­den manch­mal mit un­rea­lis­ti­schen For­de­run­gen über­frach­tet, wie zum Bei­spiel, das Stu­di­um fer­tig zu ma­chen.“ Wolf­gang Fleisch­ha­cker, Lei­ter der Uni­ver­si­täts­kli­nik für bio­lo­gi­schen Psych­ia­trie

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