DER KAMPF UM NOR­MA­LI­TÄT

Nor­ma­li­tät be­deu­tet für Men­schen mit bi­po­la­rer Stö­rung vor al­lem Sta­bi­li­tät. Das ist nicht nur ei­ne Fra­ge der rich­ti­gen Me­di­ka­ti­on, er­klärt Chris­ti­an Sim­handl. Er lei­tet das Bi­po­lar Zen­trum Wie­ner Neu­stadt.

KURIER_PSYCHE - - BIPOLARE STÖRUNG - WER­NER STURMBERGER

Bleibt ei­ne bi­po­la­re Stö­rung un­be­han­delt, ver­lie­ren Er­krank­te meh­re­re Jah­re an un­be­ein­träch­tig­ter Le­bens­zeit. Au­ßer­dem wird die Le­bens­er­war­tung deut­lich ver­kürzt. Dies liegt nicht nur an der er­höh­ten Sui­zid­ra­te, son­dern auch an phy­si­schen Er­kran­kun­gen, wie je­nen des Herz-Kreis­lauf-Sys­tems. Die Er­kran­kung be­ein­träch­tigt zu­sätz­lich das So­zi­al­le­ben des Pa­ti­en­ten: Fa­mi­lie, Part­ner­schaft­un­dBe­ruf.Zie­lei­nerBe­hand­lung ist es da­her, wei­te­re Krank­heits­epi­so­den – sei es De­pres­si­on oder Ma­nie – zu ver­hin­dern bzw. ih­ren Schwe­re­grad und die Häu­fig­keit zu ver­min­dern.

Da­bei un­ter­schei­det man zwi­schen Akut- und Er­hal­tungs­the­ra­pie. Die Akut­the­ra­pie zielt auf die Ver­bes­se­rung der Be­schwer­den wäh­rend de­pres­si­ver oder ma­ni­scher Epi­so­den. Nach Ab­klin­gen der Sym­pto­me soll­te in die­ser sta­bi­len Pha­se ei­ne Er­hal­tungs­the­ra­pie er­fol­gen, um Rück­fäl­len vor­zu­beu­gen. Für ei­ne er­folg­rei­che Be­hand­lung braucht es ein ent­spre­chen­des Ver­trau­ens­ver­hält­nis zwi­schen Arzt, Pa­ti­ent und An­ge­hö­ri­gen. Nicht zu­letzt ist auch die Er­fah­rung des Arz­tes im Um­gang mit der Er­kran­kung und mit der Me­di­ka­ti­on aus­schlag­ge­bend für den The­ra­pie­er­folg, weiß Chris­ti­an Sim­handl, Lei­ter des Bi­po­lar Zen­trum Wie­ner Neu­stadt. Nur so sei si­cher­ge­stellt, dass die Krank­heit rasch und rich­tig dia­gnos­ti­ziert wird und den Pa­ti­en­ten kom­pe­tent ge­hol­fen wer­den kann.

Wo­nach rich­tet sich die Wahl der Me­di­ka­men­te?

Chris­ti­an Sim­handl: Um die pas­sen­de Me­di­ka­ti­on zu fin­den, ist es – ge­nau wie bei der Dia­gno­se – un­er­läss­lich, den Pa­ti­en­ten zu­zu­hö­ren. Die wis­sen, was ih­nen schon ge­hol­fen oder nicht ge­hol­fen hat. Wenn es in der Fa­mi­lie be­reits Er­kran­kun­gen gab, kann auch die­se In­for­ma­ti­on hilf­reich sein. Oft ist es so, dass ein Sohn auf die­sel­be Me­di­ka­ti­on wie sein Va­ter an­spricht. Ge­ne­rell gilt: Wenn sich die Er­kran­kung zum ers­ten Mal mit ei­ner Ma­nie ma­ni­fes­tiert, greift man zu ei­nem Me­di­ka­ment, dass Ma­ni­en ver­hin­dert. Steht die De­pres­si­on am An­fang, dann braucht der Pa­ti­ent ein Me­di­ka­ment, das eher da­vor schützt. Bei der Ver­wen­dung von An­ti­de­pres­si­va ist aber Vor­sicht ge­bo­ten: Sie kön­nen in man­chen Fäl­len zu ei­nem so­ge­nann­ten „Switch“füh­ren. Das heißt, die Pa­ti­en­ten kip­pen in die Ma­nie. So­bald be­kannt ist, dass je­mand be­reits ei­ne Ma­nie hat­te, soll­te man da­her nicht mit An­ti­de­pres­si­va al­lein be­han­deln, son­dern gleich­zei­tig mit Stim­mungs­sta­bi­li­sie­rern ar­bei­ten. Lie­gen auch Psy­cho­sen vor, kom­men zu­sätz­lich An­ti­psy­cho­ti­ka zum Ein­satz.

Was un­ter­schei­det Akut- und Er­hal­tungs­the­ra­pie?

Der Un­ter­schied zwi­schen Akut- und Er­hal­tungs­the­ra­pie liegt oft nur in der Do­sie­rung der Me­di­ka­men­te, die be­reits im Rah­men der Akut­the­ra­pie ver­wen­det wur­den. Wich­tig da­bei ist, dass die Me­di­ka­men­te hoch ge­nug do­siert sind. Ist der Wirk­stoff­ge­halt im Blut zu nied­rig, geht der Schutz­ef­fekt ver­lo­ren. Um die Ef­fek­ti­vi­tät der Me­di­ka­ti­on zu über­prü­fen, las­se ich mei­ne Pa­ti­en­ten da­her im­mer den Ver­lauf der Er­kran­kung auf­zeich­nen.

Wie lan­ge dau­ert die Be­hand­lung?

Im Grun­de han­delt es sich um ei­ne le­bens­lan­ge The­ra­pie. Oft wird zu kurz the­ra­piert oder die Pa­ti­en­ten set­zen das Me­di­ka­ment ein­fach ab, wenn län­ger kei­ne Epi­so­de auf­tritt. Dann ist das Ri­si­ko ei­ner neu­er­li­chen Epi­so­de aber wie­der ge­nau­so hoch wie frü­her. Man darf nicht ver­ges­sen: Mit je­der Epi­so­de nimmt die Schwe­re der Er­kran­kung zu. Da­her lau­tet die Lö­sung, so vie­le wie mög­lich da­von zu ver­hin­dern.

Was kann man un­ter­stüt­zend zur Me­di­ka­ti­on un­ter­neh­men?

Psy­cho­edu­ka­ti­on ist ne­ben der Me­di­ka­ti­on die wich­tigs­te Maß­nah­me. Die Kom­bi­na­ti­on der bei­den bie­tet den bes­ten Schutz vor ei­nem Rück­fall. Sie um­fasst vor al­lem Auf­klä­rung über die

„Um die Ef­fek­ti­vi­tät der Me­di­ka­ti­on zu über­prü­fen, las­se ich mei­ne Pa­ti­en­ten im­mer den Ver­lauf der Er­kran­kung auf­zeich­nen.“ Chris­ti­an Sim­handl, Lei­ter des Bi­po­lar Zen­trum in Wr. Neu­stadt

ei­ge­ne Krank­heit und Ver­hal­tens­re­geln, um mit ihr um­zu­ge­hen. Ei­ne der Re­geln lau­tet et­wa, in die­ser Pha­se kei­ne neu­en Pro­jek­te an­zu­ge­hen. Ich ra­te Pa­ti­en­ten­da­her,einTa­ge­bucho­der­ei­nen Ka­len­der zu füh­ren. Wenn die Ein­trä­ge im­mer län­ger und dich­ter wer­den, ist das ein si­che­res An­zei­chen für ein Ab­rut­schen in ei­ne ma­ni­sche Epi­so­de. Ei­ne wei­te­re Ver­hal­tens­re­gel ist der Ver­zicht auf Al­ko­hol, da die­ser ent­hem­mend­wirkt­und­so­dieAus­wir­kung ei­ner Ma­nie ver­stär­ken kann. Die Pa­ti­en­ten wer­den auch in­stru­iert, auf ei­nen ge­re­gel­ten und re­gel­mä­ßi­gen Schlafrhyth­mus zu ach­ten – denn Schlaf­ent­zug be­güns­tigt die Ma­nie. Es gibt Be­trof­fe­ne, de­nen es ge­lingt, ei­ne Ma­nie – die in der mil­de­ren Ver­laufs­for­mHy­po­ma­nie­be­zeich­net­wird–al­lein durch psy­cho­edu­ka­ti­ve Ver­hal­tens­re­geln in Schach zu hal­ten. Das er­for­dert ei­ne en­ge Zu­sam­men­ar­beit mit dem The­ra­peu­ten.

Was tut man, wenn man be­fürch­tet, in ei­ne er­neu­te Epi­so­de ab­zu­rut­schen?

Im Rah­men der Psy­cho­edu­ka­ti­on wird mit dem Pa­ti­en­ten und sei­nen An­ge­hö­ri­gen ein Not­fall­plan er­ar­bei­tet. Die­ser hält fest, was die ers­ten An­zei­chen bei die­ser Per­son sind, was sie sel­ber tun kann, wann sie ih­ren Arzt oder The­ra­peu­ten­an­ru­fen­soll.Eris­tal­sStu­fen­plan auf­ge­baut und hält fest, ab wel­chem Schwe­re­grad man wel­che Maß­nah­me er­greift, wann man wel­che Me­di­ka­ti­on in wel­cher Do­sie­rung be­nö­tigt.

Wel­che Rol­le spie­len die An­ge­hö­ri­gen in der The­ra­pie?

Es ist wich­tig, die An­ge­hö­ri­gen von An­fang an ein­zu­be­zie­hen und ent­spre­chend auf­zu­klä­ren, da­mit sie an der Sta­bi­li­sie­rung des Pa­ti­en­ten mit­ar­bei­ten kön­nen. Oft­mals han­deln sie in ih­rer Lie­be zum Pa­ti­en­ten falsch. An­statt kla­rer Ta­ges­struk­tu­ren schaf­fen sie dann Op­tio­nen. Es bringt nichts, mit je­man­den der de­pres­siv ist, auf Ur­laub zu fah­ren. Der fühlt sich dann viel­leicht noch un­woh­ler und hat Schuld­ge­füh­le, weil er den Ur­laub nicht ge­nie­ßen kann. Wäh­rend ei­ner ma­ni­schen Epi­so­de könn­te die­se so­gar noch mehr ver­stärkt wer­den. Das ist al­les schon vor­ge­kom­men.

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Bei der Er­hal­tungs­the­ra­pie baut der Arzt Ver­trau­en zum Pa­ti­en­ten auf, um Rück­fäl­len vor­zu­beu­gen

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