Der Kampf ge­gen die Tics

Das Tou­ret­te-Syn­drom steht für un­kon­trol­lier­te Tics. Heu­te gibt es ver­schie­de­ne Me­tho­den, sie in den Griff zu be­kom­men.

KURIER_PSYCHE - - TOU­RET­TE - THO­MAS STOL­LEN­WERK

Ma­rot­ten kennt je­der. Von sich selbst, oder von an­de­ren. Wenn die Ner­vo­si­tät steigt, kom­men sie zum Vor­schein: Räus­pern, Mund­win­kel­zu­cken, Wech­seln der Sitz­po­si­ti­on. Die meis­ten Ma­rot­ten sind harm­los, auch wenn man sie als Tics be­zeich­net. Ernst­haf­te neu­ro­lo­gi­sche Tics rei­chen viel wei­ter – in man­chen Fäl­len bis zum Tou­ret­te-Syn­drom.

Die Pa­ti­en­ten lei­den an plötz­lich auf­tre­ten­den, zwang­haf­ten Be­we­gun­gen und Laut­äu­ße­run­gen. „Zur Ur­sa­che für das Tou­ret­te-Syn­drom gibt es ei­ne weit ver­brei­te­te, eta­blier­te The­se,“er­klärt Da­ni­el Huys, Ober­arzt am Zen­trum für Neu­ro­lo­gie und Psych­ia­trie der Uni­k­li­nik Köln, „und zwar, dass der Do­pa­min-Stoff­wech­sel die ent­schei­den­de Rol­le spielt. Im Fall von Tou­ret­te gibt es ei­nen Do­pa­minÜber­schuss in den Ba­sal­gan­gli­en.“Zur Er­klä­rung greift er auf Par­kin­son zu­rück: „Tou­ret­te kann man sich als Ge­gen­satz zu Par­kin­son vor­stel­len, bei dem ein Do­pa­min-Man­gel im Ge-

hirn ei­ne wich­ti­ge Rol­le spielt. Im Fall von Par­kin­son gilt: Ich möch­te lau­fen und et­was sa­gen, kann den Im­puls aber nicht aus­füh­ren. Bei Tou­ret­te ist es ge­wis­ser­ma­ßen an­ders her­um, der Do­pa­minüber­schuss stört die Im­puls­kon­trol­le, al­so das Zu­rück­hal­ten un­er­wünsch­ter oder un­an­ge­mes­se­ner Be­we­gun­gen oder Ge­räu­sche.“

Wenn Krank­hei­ten mit ei­nem Kon­troll­ver­lust über die Mo­to­rik und das, was man sagt, ein­her­ge­hen, hat das oft Kon­se­quen­zen im so­zia­len Um­feld. Denn der Um­gang mit der Krank­heit fällt fast nie­man­dem leicht. Wo das Ge­hirn krank ist, ist der Wahn­sinn nicht weit – so den­ken vie­le, auch oh­ne es aus­zu­spre­chen. Wenn Tou­ret­tePa­ti­en­ten in der Öf­fent­lich­keit ih­re Tics ha­ben, wirkt das auf vie­le ab­schre­ckend, un­be­re­chen­bar oder ge­fähr­lich. Da­bei ge­fähr­den sich die Be­trof­fe­nen am ehes­ten selbst. Bei man­chen Pa­ti­en­ten ge­hört ag­gres­si­ves Flu­chen zu den Tics. Das führt schnell zu so­zia­ler Iso­la­ti­on.

TIC ODER TOU­RET­TE. Nicht je­der Tic is­t­au­to­ma­tischauch­einSym­ptom­von Tou­ret­te. Das Syn­drom lässt sich me­di­zi­nisch gut ab­gren­zen. „Tou­ret­te als Krank­heits­bild ist klar de­fi­niert,“er­klärt Neu­ro­lo­ge Huys. „Es be­steht aus mo­to­ri­schen und vo­ka­len Tics, al­so aus Be­we­gun­gen und hör­ba­ren Äu­ße­run­gen.Wen­nes­nur­da­sEi­ne oder das An­de­re gibt, spricht man von ei­ner vo­ka­len oder mo­to­ri­schen Tic-Stö­rung, nicht vom Tou­ret­te-Syn­drom. Und: Die­se Tics müs­sen über ei­nen Zei­t­raum von min­des­tens ei­nem Jahr be­ste­hen. Dar­über hin­aus muss der Er­kran­kungs­be­ginn im Kin­des- bzw. Ju­gend­al­ter lie­gen.“Denn ty- pi­scher­wei­se tre­ten Tics erst­mals bei Schul­kin­dern im Al­ter zwi­schen sechs un­d­ach­tJah­ren­auf.Am­stärks­ten­aus­ge­prägt sind sie im Al­ter zwi­schen zehn und zwölf Jah­ren. Gan­ze zehn bis 15 Pro­zent der Kin­der im Grund­schul­al­ter ent­wi­ckeln Tics, bei nur rund ei­nem Pro­zent reicht die In­ten­si­tät aus, um vom Tou­ret­te-Syn­drom zu spre­chen. Bu­ben sind da­von drei Mal so häu­fig be­trof­fen wie Mäd­chen. Vie­le be­mer­ken ih­re Tics selbst gar nicht. Es sind häu­fig ver­zwei­fel­te El­tern, die mit ih­ren Kin­dern zum Neu­ro­lo­gen ge­hen. Bei den meis­ten Ju­gend­li­chen ver­schwin­den die Tics ab dem zwölf­ten Le­bens­jahr so plötz­lich, wie sie ge­kom­men sind. Ab dem zehn­ten Le­bens­jahr ent­wi­ckeln die Be­trof­fe­nen ein recht ver­läss­li­ches Ge­spür da­für. Dann neh­men sie kurz vor­her ein Krib­beln im Bauch war, oder ei­ne An­span­nung der Na­cken­mus­ku­la­tur. Bei er­wach­se­nen Pa­ti­en­ten geht das Be­wusst­sein manch­mal so weit, dass sie in man­chen Si­tua­tio­nen un­ter­drückt wer­den kön­nen.

NEU­ES AUS DER THE­RA­PIE. Hier setzt auch die Tou­ret­te-The­ra­pie an. Durch psy­cho­lo­gi­sche Ver­hal­tens­the­ra­pie, so­ge­nann­tes „Ha­bit Re­ver­sal Trai­ning“oder „Ex­po­sure and Re­s­pon­se Preven­ti­on Trai­ning“, las­sen sich Tics um bis zu ein Drit­tel re­du­zie­ren, und das auch bei sehr jun­gen Pa­ti­en­ten. In den letz­ten Jah­ren setzt die Neu­ro­lo­gie ne­ben der Be­hand­lung durch Me­di­ka­men­te zu­sätz­lich viel Hoff­nung in ei­ne re­la­tiv jun­ge und für Lai­en spek­ta­ku­lär an­mu­ten­de Me­tho­de: die Tie­fe Ge­hirn­sti­mu­la­ti­on (THS). Da­bei wer­den dem Pa­ti­en­ten Elek­tro­den ins Ge­hirn ein­ge­setzt, die hoch­fre­quen­te, elek­tri­sche Im­pul­se ab­ge­ben, um Funk­ti­ons­krei­se des Ner­ven­sys­tems zu be­ein­flus­sen. Bes­ser be­kannt ist die Me­tho­de als Hirn­schritt­ma­cher. In der Par­kin­son-The­ra­pie ist sie be­reits ver­brei­tet, in der Tou­ret­te-The­ra­pie steht die An­wen­dung noch eher am An­fang. Die Spe­zia­lis­ten am Uni­k­li­ni­kum Köln zäh­len zu den Me­di­zi­nern, die da­mit bis­her schon Er­fah­rung ge­sam­melt ha­ben. Von welt­weit we­ni­ger als 200 do­ku­men­tier­ten THS-The­ra­pi­en bei Tou­ret­te-Pa­ti­en­ten, wur­den rund 40 von den Köl­nern durch­ge­führt. Da­ni­el Huys legt Wert dar­auf, die Tie­fe Ge­hirn­sti­mu­la­ti­on nicht als Stan­dard in der Be­hand­lung des Tou­ret­te-Syn­droms zu be­trach­ten: „Die Tie­fe Ge­hirn­sti­mu­la­ti­on ist nicht Sta­te of the Art, son­dern Ul­ti­ma Ra­tio. Es gibt an­de­re We­ge, Tou­ret­te-Pa­ti­en­ten zu be­han­deln. Zu­al­ler­erst durch Ver­hal­tens­the­ra­pie,mit­der­man­hel­fen­kann, Im­pul­se zu kon­trol­lie­ren und zu un­ter­drü­cken. Das ist im­mer die ers­te Wahl. Und dann gibt es ver­schie­de­ne me­di­ka­men­tö­se Be­hand­lun­gen, den Do­pa­min-Über­schuss re­du­zie­ren sol­len. Ak­tu­ell wer­den auch An­sät­ze mit Can­na­bi­no­iden ver­folgt, al­ler­dings ex­pe­ri­men­tell. Erst wenn ei­ne TicSym­pto­ma­tik wirk­lich sehr stark aus­ge­prägt ist, kann man prü­fen, ob ei­ne Tie­fe Ge­hirn­sti­mu­la­ti­on die rich­ti­ge Be­hand­lungs­me­tho­de dar­stel­len könn­te.“-

„Um Im­pul­se kon­trol­lie­ren und un­ter­drü­cken zu ler­nen, ist Psy­cho­the­ra­pie die ers­te Wahl bei Be­hand­lung von Tou­ret­te.“ Da­ni­el Huys, Ober­arzt am Zen­trum für Neu­ro­lo­gie und Psych­ia­trie der Uni­k­li­nik Köln

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