„EI­NE DIA­GNO­SE STEL­LEN“

Die Ge­sund­heits­psy­cho­lo­gin und Psy­cho­the­ra­peu­tin Michae­la Au­er über Dia­gno­se, Be­hand­lung und Vor­ur­tei­le.

KURIER_PSYCHE - - ADHS -

Michae­la Au­er ist Kli­ni­sche und Ge­sund­heits­psy­cho­lo­gin und ar­bei­tet als Psy­cho­the­ra­peu­tin im The­ra­pie­ca­fé, das un­ter an­de­rem ei­nen Ort ab­seits von der klas­si­schen Pra­xis für ADHS Grup­pen- und Ein­zel­the­ra­pi­en bie­tet. Ne­ben Kaf­fee und Ku­chen emp­fängt die Be­su­cher ei­ne of­fe­ne und war­me At­mo­sphä­re, die ge­ra­de auch El­tern und Kin­der schät­zen.

Wie wird ei­ne Dia­gno­se ge­stellt? Michae­la Au­er: Es gibt nicht den ei­nen ADHS-Test, den man macht und dann die Dia­gno­se stel­len kann – das macht es auch so schwie­rig. Es gibt die Be­ga­bungs­dia­gnos­tik: Hier schaut man sich das Leis­tungs­spek­trum, die ko­gni­ti­ven Fä­hig­kei­ten, die Auf­merk­sam­keit, das Ge­dächt­nis und die Kon­zen­tra­ti­on an und wie gut das Kind pla­nen und struk­tu­rie­ren kann. Zu­sätz­lich ist re­le­vant, was die El­tern er­zäh­len und was die Schu­le oder der Kin­der­gar­ten be­rich­tet.

Wenn ei­ne Dia­gno­se ge­stellt wur­de – wie geht es wei­ter?

Bei uns wird meis­tens in Klein­grup­pen mit höchs­tens fünf Kin­dern ge­ar­bei­tet. In der The­ra­pie geht es um so­zia­le Kom­pe­tenz, um Kon­zen­tra­ti­ons­fä­hig­keit, um Zu­hö­ren und um struk­tu­rier­tesAr­bei­ten.Zu­sätz­li­chist­na­tür­lich­die Um­feld­ar­beit das Um und Auf. Die El­tern sind nicht schul­dig, dass ihr Kind ADHS hat, aber man kann Din­ge an­pas­sen,da­mi­tes­bes­ser­läuft.Des­we­gen ist es wich­tig, die Schu­le und die El­tern zu in­for­mie­ren.

Wann hal­ten Sie ei­ne me­di­ka­men­tö­se Be­hand­lung für sinn­voll?

Als Psy­cho­lo­gin war und bin ich Me­di­ka­men­ten ge­gen­über na­tür­lich sehr kri­tisch. Ich se­he aber vie­le Kin­der, die von der Me­di­ka­ti­on deut­lich pro­fi­tie­ren. Man muss hier na­tür­lich ab­wä­gen und letzt­end­lich ist es die Ent­schei­dung der El­tern. Wich­tig ist es, zu be­to­nen, dass die Kin­der da­durch nicht ru­hig­ge­stell­twer­de­n­un­des­sich­dieEl­tern da­durch nicht leicht ma­chen kön­nen.Manch­ma­list­da­sKind­ein­fa­cher­reich­ba­rer mit ei­nem Me­di­ka­ment, weil man ei­ne fai­re­re Grund­be­din­gung schafft. Wenn ein Me­di­ka­ment ge­ge­ben wird, soll­te be­glei­tend auch ei­ne The­ra­pie ge­macht wer­den.

Wie re­agie­ren die meis­ten El­tern auf die Dia­gno­se?

Die meis­ten El­tern sind zu dem Zeit­punkt, wo die Dia­gno­se ge­stellt wird, sehr er­leich­tert. Es ist ja nicht so, dass die El­tern von mir als Psy­cho­lo­gin zum ers­ten Mal hö­ren, dass das Kind Schwie­rig­kei­ten hat. Da­vor pas­siert meis­tens schon sehr viel. Für vie­le El­tern ist es auch ei­ne Er­klä­rung, war­um be­stimm­te Din­ge schwie­ri­ger sind, war­um das Kind we­ni­ger Freun­de hat, leich­ter reiz­bar ist oder Pro­ble­me im All­tag hat.

„Die El­tern sind nicht schul­dig, dass ihr Kind ADHS hat.“ Michae­la Au­er, Kli­ni­sche und Ge­sund­heits­psy­cho­lo­gin und Psy­cho­the­ra­peu­tin im The­ra­pie­ca­fé

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