For­schen ge­gen das Ver­ges­sen

Die Volks­krank­heit Alz­hei­mer stellt ei­ne Her­aus­for­de­rung für Pfle­ge, For­schung und An­ge­hö­ri­ge dar. Ist die Er­kran­kung aus­ge­bro­chen, hel­fen Me­di­ka­men­te kaum. Ei­ne Imp­fung könn­te dies än­dern.

KURIER_PSYCHE - - ALZHEIMER - YASMIN VIHAUS

twa 130.000 Men­schen in Ös­ter­reich sind ak­tu­ell von de­men­zi­el­len Er­kran­kun­gen be­trof­fen – 70 bis 80 Pro­zent da­von lei­den an Alz­hei­mer. Pro­gno­sen zu­fol­ge wird sich die­se Zahl in den nächs­ten 30 Jah­ren ver­dop­peln. Bis­her kann der Ver­lauf durch Me­di­ka­men­te und an­de­re Be­hand­lungs­mög­lich­kei­ten ver­zö­gert oder güns­tig be­ein­flusst wer­den. Ziel der lang­jäh­ri­gen For­schung ist es al­ler­dings, ei­ne kli­ni­sche The­ra­pie

Ezu ent­wi­ckeln. In Wi­en zeich­net sich ein Durch­bruch ab.

IMP­FUNG. An der Uni­ver­si­täts­kli­nik für Neu­ro­lo­gie in Ko­ope­ra­ti­on mit der Uni­ver­si­täts­kli­nik für kli­ni­sche Phar­ma­ko­lo­gie der Me­dU­ni Wi­en wird ei­ne Stu­die zur Ent­wick­lung ei­ner TauPro­te­in-ba­sier­ten Imp­fung ge­gen Alz­hei­mer durch­ge­führt. Ös­ter­reich ist da­bei der ers­te Stand­ort, an dem die­se Art der Im­mun­the­ra­pie in ei­ner kli­ni­schen Stu­die am Men­schen ge­tes­tet wird. Ins­ge­samt durch­läuft ein Impf­stoff vier Test­pha­sen. Da­nach muss ei­ne Frei­ga­be von ver­schie­de­nen Stel­len er­fol­gen, um den Wirk­stoff auf den Markt zu brin­gen. In sechs bis acht Jah­ren sind sämt­li­che kli­ni­sche Tests ab­ge­schlos­sen – dann steht fest, ob die Tau-Pro­te­in-ba­sier­te Imp­fung tat­säch­lich zu­ge­las­sen wer­den kann. Bis­her ist Stu­di­en­lei­ter Pe­ter Dal-Bi­an­co zu­ver­sicht­lich: In der ers­ten Test­pha­se war die Ver­träg­lich­keit der Imp­fung gut. Durch den Impf­stoff soll pa­tho­lo­gi­scher Tau im Ge­hirn re­du­ziert wer­den, was ei­ne Ver­schlech­te­rung der Ge­dächt­nis­leis­tung stop­pen soll. TauPro­te­ine sind am Stoff­trans­port in­ner­halb der Ner­ven­zel­len be­tei­ligt – ei­ne Funk­ti­ons­stö­rung in die­sem Be­reich führt schließ­lich zum Zell­tod und ist ei­nes der Haupt­cha­rak­te­ris­ti­ka der Alz­hei­merkrank­heit. Durch ei­ne TauIm­mun­the­ra­pie sol­len de­va­s­tie­ren­de Ei­weiß­fäd­chen durch kör­per­ei­ge­ne Ab­wehr­zel­len eli­mi­niert und un­schäd­lich ge­macht wer­den. US-For­scher kon­zen­trie­ren sich der­zeit hin­ge­gen auf die Be­kämp­fung der Be­ta-Amy­lo­id Plaques – al­so krank­haft ver­än­der­te Ei­wei­ße, die sich zwi­schen den Ner­ven­zel­len ab­la­gern. In­zwi­schen ver­mu­ten Wis­sen­schaft­ler, dass Amy­lo­id ein Ri­si­ko dar­stellt, das die spä­te­re Abla­ge­rung von Tau be­schleu­nigt. Die Kom­bi­na­ti­on bei­der wä­re dem­nach ei­ne mög­li­che Ur­sa­che für Alz­hei­mer. Ein be­son­ders viel­ver­spre­chen­der An­ti­kör­per ist So­la­ne­zu­m­ab des Phar­ma­un­ter­neh­mens Eli Lil­ly. Er er­kennt die schäd­li­chen Ei­wei­ße und baut sie ab. In zwei kli­ni­schen Un­ter­su­chun­gen konn­te be­reits fest­ge­stellt wer­den, dass der An­ti­kör­per den ko­gni­ti­ven Ab­bau bei Pa­ti­en­ten mit ei­ner frü­hen Alz­hei­mer-Er­kran­kung um 34 Pro­zent ver­lang­samt. Der­zeit läuft ei­ne wei­te­re, grö­ße­re Stu­die.

PFLE­GEIN­TEN­SIV. Durch die zu­neh­men­de Ver­schlech­te­rung der ko­gni­ti­ven und phy­si­schen Leis­tungs­fä­hig­keit gilt Alz­hei­mer als be­son­ders pfle­gein­ten­si­ve Krank­heit. Die Er­kran­kungver­läuftind­reiPha­sen.In­de­r­ers­ten Pha­se gilt die Ver­gess­lich­keit als deut­lichs­tes Sym­ptom. Im All­tag zeigt sich dies durch Schwie­rig­kei­ten bei Amts- und Bank­ge­schäf­ten, der Be­nüt­zung öf­fent­li­cher Ver­kehrs­mit­tel oder bei der re­gel­mä­ßi­gen Ein­nah-

„Kör­per­lich ak­ti­ve Men­schen ha­ben ein bis zu 80 Pro­zent ge­rin­ge­res Alz­hei­mer-Ri­si­ko.“Pe­ter Dal-Bi­an­co, Lei­ter Amb. für Ge­dächt­nis­stö­run­gen und De­menz­er­kran­kun­gen, AKH

me von Me­di­ka­men­ten. Be­trof­fe­ne wer­den zu­neh­mend un­si­che­rer in ih­rem Ver­hal­ten, zie­hen sich zu­rück und leh­nen die Hil­fe durch an­de­re häu­fig ab. In der zwei­ten Pha­se häu­fen sich Ge­dächt­nis­aus­set­zer und es tre­ten mo­to­ri­sche Schwä­chen auf. Das ei­gen­stän­di­ge An­klei­den, die Nah­rungs­auf­nah­me und die Kör­per­pfle­ge wer­den schwie­ri­ger, zu­dem kann die Kon­trol­le über Bla­se und Darm ver­lo­ren ge­hen. Auch das Lang­zeit­ge­dächt­nis ist­be­trof­fen.Be­trof­fe­ne­ver­ges­senNa­men ver­trau­ter Men­schen und das Sprach­ver­ständ­nis lässt zu­neh­mend nach. In der drit­ten Pha­se, der schwe­ren De­menz, sind Er­krank­te auf ei­ne dau­er­haf­te un­ter­stüt­zen­de Be­treu­ung und Pfle­ge an­ge­wie­sen. Die Spra­che re­du­ziert sich auf we­ni­ge Wör­ter und Pa­ti­en­ten kön­nen nur noch in klei­nen, schlep­pen­den Schrit­ten, häu­fig aber auch gar nicht mehr ge­hen. Da Alz­hei­mer zu den be­son­ders pfle­gein­ten­si­ven Krank­hei­ten zählt, wird durch den An­stieg der Er­kran­kun­gen ei­ne­gro­ßeAn­zahl­an­zu­sätz­li­che­mPfle­ge­per­so­nal be­nö­tigt. Ak­tu­ell wer­den et­wa80Pro­zent­derPa­ti­en­ten­zu­Hau­se ge­pflegt – dies stellt vor al­lem auch die An­ge­hö­ri­gen vor gro­ße Her­aus­for­de­run­gen. Pe­ter Dal-Bi­an­co sieht im täg­li­chen Kon­takt mit Pa­ti­en­ten und An­ge­hö­ri­gen auch ein Pro­blem in der oft zu nied­rig ein­ge­schätz­ten Pfle­ge­stu­fe und der feh­len­den Un­ter­stüt­zung für An­ge­hö­ri­ge und wür­de sich hier Ver­bes­se­run­gen wün­schen. Zu­sätz­lich könn­te der Aus­bruch der Krank­heit durch ge­eig­ne­te prä­ven­ti­ve Maß­nah­men­ver­zö­gert­wer­den.Viel­kör­per­li­che Be­we­gung, kein Über­ge­wicht und Ver­zicht auf Zi­ga­ret­ten tra­gen bei­spiels­wei­se zu ei­ner Re­duk­ti­on des Er­kran­kungs­ri­si­kos bei. „Be­we­gungs­trä­ge Men­schen ha­ben im Ver­gleich mit kör­per­lich ak­ti­ven Men­schen ein et­wa 80Pro­zent­hö­he­resAlz­hei­mer-Ri­si­ko“, so Dal-Bi­an­co. Durch ei­ne Ver­rin­ge­rung die­ses Ri­si­kos um 25 Pro­zent wür­den et­wa ei­ne Mil­li­on Men­schen welt­weit die Alz­hei­mer-Krank­heit nicht er­le­ben, da die kli­ni­schen Sym­pto­me des Alz­hei­mers erst nach ih­rem al­ters­be­ding­ten, na­tür­li­chen Tod auf­tre­ten wür­den.

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