„UN­SER AL­LER ZU­KUNFT IST SEHR ST AUBIG

Der Kri­mi­nal­psy­cho­lo­ge Tho­mas Mül­ler im Ge­spräch über sei­ne Zeit beim FBI, man­geln­de Kom­mu­ni­ka­ti­on, De­mü­ti­gung und Frau­en als Ge­walt­ver­bre­cher.

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Er­bau­te im In­nen­mi­nis­te­ri­um den­kr im inal psy­cho­lo­gi­schen Di­enst auf, pro­mo­vier­te in­K­ri min al psy­cho­lo­gie/ Fo­ren­sisc he Psych­ia­trie und ge­hört, nicht zu­letzt durch sei­nen Kon­takt zum FBI, zur Welt­spit­ze in sei­nem Fach­ge­biet. Kri min al psy­cho­lo­ge Tho­mas Mül­ler war un­ter an­de­rem bei der Er­mitt­lung der Se­ri­en tä­ter F ran kGu st in Deutsch­land,Mo­sesSit ho­le in Süd­afri­ka und Jack Un­ter weg er be­tei­ligt oder beim Brief bom­ber Franz Fuchs in Ös­ter­reich ak­tiv. Er in­ter­view­te zahl­rei­che Se­ri­en­mör­der, um die Er­fah­rungs­wel­ten und Ab­grün­de die­ser ge­walt­tä­ti­gen Men­schen ver­ste­hen­zu ler­nen und um zu­künf­ti­ge Ver­bre­chen bes­ser ana­ly­sie­ren zu kön­nen.

Sie ha­ben als Po­li­zist am Haupt­bahn­hof in Inns­bruck be­gon­nen und sind heu­te ei­ner der ge­frag­tes­tenKr im inal psy­cho­lo­gen­welt­weit. Wie wich­tig war Ih­re Zeit beim FBI in Quan­ti­co für die­se Ent­wick­lung? Wel­che Mög­lich­kei­ten hat­ten Sie dort?

Tho­mas Mül­ler: Zu­sam­men­ge­fasst: Die Zeit bei der Be­ha­vioral Sci­ence Unit war sehr, sehr wich­tig. Die Ame­ri­ka­ner hat­ten uns ein­fach viel vor­aus: die Fall­zah­len, die wis­sen­schaft­li­che Be­schäf­ti­gung aus dem Blick­win­kel der Exe­ku­ti­ve, Spe­zia­lis­ten für al­le mög­li­chen Fra­ge­stel­lun­gen aus derK­ri min al psy­cho­lo­gie und Hun­der­te durch­ge­führ­te In­ter­views mit Straf­tä­tern. Das war für mich die Ba­sis mei­ner Aus­bil­dung – die Zeit, die ich dann mit Ro­bert Ress­ler ver­brach­te, war wie das Ein­tau­chen in die Ge­s­amt ma­te­rie. Er war der ehe­ma­li­ge Lei­ter der Ver­hal­tens­for­schung s ein­heit beim FBI und be­reits in Pen­si­on, als ich ihn ken­nen lern­te – er schlepp­te mich um die hal­be Welt, in dut­zen­de In­ter­views und genau­so vie­le Hochs ich er heits ge­fäng­nis­se. Ei­ne an­stren­gen­de, aber sehr lehr­rei­che Zeit.

Sie be­to­nen im­mer wie­der, dass Sie das Ver­hal­ten ei­nes Tä­ters be­ur­tei­len, nicht ver­ur­tei­len. Wie schaf­fen Sie es, in den Ge­sprä­chen mit Mör­dern und Ver­ge­wal­ti­gern z. B. die Gräu­el­ta­ten ei­nes Jef­frey Dah­mers aus­zu­blen­den? Wenn wir bei­de Schach spie­len und Sie be­gin­nen mit den wei­ßen Fi­gu­ren, dann sind Sie mir ei­nen Zug vor­aus. Wenn Sie sich aber von Be­ginn an auf das Fal­sche kon­zen­trie­ren, z. B. dass mein Sak­ko schlecht sitzt oder ich mei­ne Haa­re nicht pfle­ge, ha­ben Sie den Vor­teil der wei­ßen Fi­gu­ren bald ver­spielt. Al­so: Wir müs­sen uns auf das Ver­hal­ten und die Ur­sa­che kon­zen­trie­ren und nicht mit Emo­tio­nen auf die Wir­kung star­ren.

Ih­nen zu­fol­ge gibt es zwei Irr­tü­mer: da­von aus­zu­ge­hen, dass das Bö­se sehr weit weg sei, und die An­nah­me zu wis­sen, was man je­man­dem zu­trau­en kann und was nicht. Gibt es gar kei­ne An­zei­chen in den Ver­hal­tens­wei­sen des Nach­bars, be­vor er zum Ver­bre­cher wird? Doch, näm­lich den Um­stand, dass wir uns selbst bei der Beur­tei­lung von an­de­ren Men­schen aus der Be­deu­tung neh­men müs­sen. Weil wir glau­ben, zu wich­tig zu sein, be­ge­hen wir den wirk­li­chen Kar­di­nal­feh­ler. Wir mes­sen in der Kri­mi­nal­psy­cho­lo­gie Ver­hal­ten, in­dem wir ver­glei­chen – aber eben mit vie­len an­de­ren In­di­vi­du­en und nie­mals mit uns selbst. Das scheint aber grund­sätz­lich die Lieb­lings­be­schäf­ti­gung von al­len Men­schen zu sein: Der da drü­ben macht et­was, was ich nicht ma­che, al­so ist er an­ders – viel­leicht bin ich an­ders. Wenn ich al­so das Ver­hal­ten ei­nes an­de­ren Men­schen an­hand der ei­ge­nen ethi­schen und mo­ra­li­schen Vor­stel­lung über­prü­fe, ist das bes­ten­falls die Ba­sis für ein ver­nünf­ti­ges Vor­ur­teil, aber si­cher nicht ge­eig­net, ei­ne ob­jek­ti­ve Aus­sa­ge zu tref­fen.

Sie sa­gen, hin­ter je­dem Ge­walt­ver­bre­chen steckt ein Be­dürf­nis – ganz oft da­nach, sich je­man­den an­ver­trau­en zu kön­nen – und dass der Man­gel an ver­nünf­ti­ger Kom­mu­ni­ka­ti­on Din­ge zum Es­ka­lie­ren bräch­te. Nicht ge­ra­de gu­te Vor­aus­set­zun­gen für ei­ne Ge­sell­schaft, die ver­lernt hat, rich­tig mit­ein­an­der zu spre­chen, wie Psy­cho­lo­gen oft at­tes­tie­ren. Ich be­dau­re, aber ich ha­be lei­der kei­ne bes­se­re Nach­richt – vor al­lem auch, weil vie­le sich da­mit zu­frie­den­ge­ben, den elek­tro­ni­schen und schnel­len Weg des Aus­tau­sches zu­ge­hen. Das ist bes­ten­falls ei­ne In for­mat ions über­tra­gung, aber kei­ne Kom­mu­ni­ka­ti­on. Wir soll­ten manch­mal nicht die Kas­ka­de der Ag­gres­si­on ver­ges­sen; aus schlech­ter, un­glück­li­cher oder im schlimms­ten Fal­le ei­ner gänz­lich zu­sam­men­ge­bro­che­nen Kom­mu­ni­ka­ti­on ent­steht in der Re­gel Un­ge­wiss­heit. Ein Zu­stand, den Fried­rich Schil­ler in sei­nen „Räu­bern“schon als den „boh­ren­den Wurm“be­zeich­net hat, der selbst „den stärks­ten Mann zu Fal­le bringt “. Un dich den­ke, er hat­te ab­sol ut­recht. Denn aus­Un ge­wiss­heit ent­steht in­der Re­gel Angst und die ist be­kannt­lich der Wäch­ter der Ag­gres­si­on.

Be­stimm­ten Be­dürf­nis­sen zu­fol­ge tref­fen wir be­stimm­te Ent­schei­dun­gen. Sie ha­ben sich da­zu ent­schie­den, ei­nen Code des Bö­sen zu ent­wi­ckeln, ähn­lich ei­ner DNA. Was ist Ihr Be­dürf­nis da­hin­ter?

Gü­ti­ger Him­mel – ich will den Code des Bö­sen nicht ent­wi­ckeln und ich wer­de ihn auch nicht fin­den oder gar ent­schlüs­seln kön­nen, wie mir Hau­ke Goos in sei­ner Ge­schich­te (vgl. da­zu „Der

Groß­wild­jä­ger“, Spie­gel, 1/2005) zu­ge­dacht hat. Wir soll­ten sau­ber bei den Zu­ord­nun­gen blei­ben. Ich ver­su­che, Zu­sam­men­hän­ge zu fin­den und an­hand von Hun­der­ten Ein­zel­ta­ten zwi­schen Ur­sa­che und Wir­kung zu un­ter­schei­den. Wir al­le agie­ren ja nicht zu­fäl­lig, un­se­re Ent­schei­dun­gen sind in der Re­gel ein Er­geb­nis ei­nes in­di­vi­du­el­len, ganz per­sön­li­chen Be­dürf­nis­ses. Un­ser Ver­hal­ten, un­se­re Ent­schei­dun­gen – wel­che Klei­dung wir tra­gen, wel­ches Au­to wir fah­ren, wel­chen Part­ner, Be­ruf, Frei­zeit­ge­stal­tung wir wäh­len, so ziem­lich al­le Ent­schei­dun­gen des Le­bens – ge­hen auf ein ganz be­stimm­tes per­sön­li­ches Be­dürf­nis zu­rück. Da­mit kann so­wohl das Be­dürf­nis als auch das Ver­hal­ten die In­di­vi­dua­li­tät sicht­bar ma­chen – das ist

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