WIE­DER ZU SICH SELBST FIN­DEN

schock, Cha­os, Ak­zep­tanz, neu­ori­en­tie­rung – Die le­bens- und so­zi­al­be­ra­te­rin sa­b­ri­na lim­beck hat sich dar­auf spe­zia­li­siert, durch die pha­sen ei­ner tren­nung zu hel­fen.

KURIER_PSYCHE - - THERAPIE UND BERATUNG - VON JU­LIA PFLIGL

DieSym­pto­m­erei­chen­vonAp­pe­tit­lo­sig­keit über Schlaf­stö­run­gen bis hin zu ei­ner schwe­ren De­pres­si­on: Wer schon ein­mal von sei­nem Part­ner ver­las­sen wur­de, weiß, wie schmerz­haft ei­ne Tren­nung sein kann. Auch Sa­b­ri­na Lim­beck hat die­se Er­fah­rung ge­macht. Ein Le­bens­part­ner starb, vom Va­ter ih­rer Toch­ter trenn­te sie sich. „Au­ßer­dem ha­be ich als Kri­sen­pfle­ge­mut­ter ge­ar­bei­tet, auch da muss man sich im­mer wie­der von Pfle­ge­kin­dern ver­ab­schie­den“, er­zählt sie. Ge­mein­sam mit ih­rer Kol­le­gin Bea­trix Ro­idin­ger hat die Le­bens- und So­zi­al­be­ra­te­rin nun die ers­te Tren­nungs­am­bu­lanz Wi­ens ge­grün­det. An­ders als bei ähn­li­chen Ein­rich­tun­gen wie et­wa der Lie­bes­kum­mer-Pra­xis liegt der Fo­kus auf Grup­pen­sit­zun­gen.

ERFAHRUNGSAUSTAUSCH. Ein­mal pro Wo­che tref­fen sich bis zu zwölf Be­trof­fe­ne zum ge­mein­sa­men Erfahrungsaustausch. „Vie­le kom­men sich ir­gend­wann blöd vor und trau­en sich in ih­rem pri­va­ten Um­feld nicht mehr dar­über re­den. Ir­gend­wann heißt es, reiß dich zu­sam­men. Fa­mi­lie und Freun­de wol­len und kön­nen den Schmerz nicht so lan­ge tra­gen.“Man müs­se heu­te nach ei­nem Ver­lust schnel­ler wie­der funk­tio­nie­ren: „Frü­her gab es das be­kann­teTrau­er­jahr,in­dem­manSchwarz trug.Das­hat­te­denSinn,dass­man­in­s­ei­ner Trau­er wahr­ge­nom­men wird und sich Zeit gibt. Heu­te geht das gar nicht mehr, weil man durch Be­ruf und Fa­mi­lie so ge­for­dert ist - auch die so­zia­len Me­di­en sug­ge­rie­ren im­mer, dass man hap­py und er­folg­reich sein muss.“Denn­so­wie­bei­ei­ne­mTo­des­fall­durch­lau­fe man auch nach ei­ner zer­bro­che­nen Be­zie­hung die vier Trau­er­pha­sen: Schock, Cha­os, Ak­zep­tanz, Neu­ori­en­tie­rung. Wie lan­ge die­se dau­ern, ist in­di­vi­du­ell ver­schie­den. „Die Grup­pen- mit­glie­der be­fin­den sich al­le in ver­schie­de­nenPha­sen.Da­sist­vonVor­teil, weil sie ein­an­der er­zäh­len kön­nen, wie sie dort­hin ge­kom­men sind. In ei­ner Grup­pe kann man ein­fach viel frei­er und of­fe­ner dar­über spre­chen.“

LOS­LAS­SEN. Die bei­den Ex­per­tin­nen zei­gen Übun­gen zu den The­men Los­las­sen, Acht­sam­keit und Selbst­für­sor­ge. Letz­te­re ist für Sa­b­ri­na Lim­beck die wich­tigs­te Maß­nah­me bei aku­tem Lie­bes­kum­mer. „Wenn es ei­nem schlecht geht, muss man ler­nen, den Fo­kus wie­der auf sich selbst zu rich­ten, den Selbst­wert zu stei­gern. Das be­ginnt bei den Grund­be­dürf­nis­sen, et­wa, dass man sich sel­ber ei­ne Klei­nig­keit kocht, statt ei­ne Piz­za zu be­stel­len. Es geht dar­um, sich als In­di­vi­du­um wahr­zu­neh­men und zu sa­gen, ich bin mehr als die oder der Ver­las­se­ne.“

Schlim­mer als der Ab­schieds­schmerz von der ge­lieb­ten Per­son sei oft der Ab­schied von ei­nem Le­bens­kon­zept. Auch das kennt Sa­b­ri­na Lim­beck aus ei­ge­ner Er­fah­rung. „Bei mir war es der Ab­schied von der Fa­mi­lie. Als ich mich vom Va­ter mei­ner Toch­ter ge­trennt ha­be, war klar, es kann jetzt nur noch Patch­work wer­den. Man muss ge­gen sei­nen Wil­len ein neu­es Le­bens­kon­zept ent­wer­fen, das ist nicht ein­fach. Aber im bes­ten Fall geht man ge­stärkt her­vor und hat viel über sich selbst ge­lernt.“Fünf Grup­pen­sit­zun­gen wer­den emp­foh­len, ei­ne Ver­län­ge­rung ist je­der­zeit mög­lich. Ei­nes ist si­cher: „Vor­bei geht Lie­bes­kum­mer auf je­den Fall“, ver­spricht Lim­beck. et­wa Psy­cho­phar­ma­ka zur Be­hand­lung von De­pres­sio­nen, ver­schrei­ben. Er­gän­zend zu den drei be­schrie­be­nen Be­rufs­grup­pen gibt es in Ös­ter­reich auch zer­ti­fi­zier­te Le­bens- und So­zi­al­be­ra­ter. Die da­für nö­ti­gen fünf- bis sechs­se­mest­ri­gen Lehr­gän­ge ste­hen auch Nicht-Aka­de­mi­kern of­fen. Die Ma­tu­ra ist kei­ne zwin­gen­de Vor­aus­set­zung. Zer­ti­fi­zier­te Le­bens- und So­zi­al­be­ra­ter kön­nen un­ter an­de­rem Su­per­vi­si­on, Stress­ma­nage­ment oder Paar­be­ra­tung an­bie­ten. Sie be­schäf­ti­gen sich aber – im Ge­gen­satz zu den an­de­ren – aus­schließ­lich mit dem ge­sun­den Men­schen.

Sa­b­ri­na Lim­beck ist Le­bens- und So­zi­al­be­ra­te­rin in Wi­en und Mit­grün­de­rin der Tren­nungs­am­bu­lanz

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