SICH BE­FREI­EN VON DEN ZWÄN­GEN

Um krank­haf­te Zwän­ge zu durch­bre­chen, ist ei­ne lang­fris­ti­ge The­ra­pie not­wen­dig. War­um die­se so schwie­rig ist und wo­mit Be­trof­fe­ne am meis­ten zu kämp­fen ha­ben. Ei­ne Pa­ti­en­tin be­rich­tet von ih­rem Le­ben.

KURIER_PSYCHE - - ZWANGSSTÖRUNG - VON MAG­DA­LE­NA MEER­GRAF, ILLUSTRATION: PILAR ORTEGA

Im­mer wie­der Hän­de wa­schen, zehn­mal nach­se­hen, ob die Tür ver­schlos­sen ist, stun­den­lan­ges Put­zen – Men­schen mit ei­ner Zwangs­er­kran­kung emp­fin­den die­se Hand­lun­gen zwar selbst als be­las­tend und un­sin­nig, kön­nen sie aber nicht un­ter­drü­cken. Sie füh­len sich den Zwän­gen aus­ge­lie­fert.Oft­mals­kom­menZwangs­ge­dan­ken da­zu, die sich den Be­trof­fe­nen auf­drän­gen – im­mer und im­mer wie­der. Bei­spiels­wei­se Ge­dan­ken, je­man­dem scha­den zu kön­nen, sich lau­fend mit Krank­heits­er­re­gern zu in­fi­zie­ren, se­xu­el­le oder re­li­giö­se Ge­dan­ken­in­hal­te oder Gr­ü­belzwang. Das geht so weit, dass schließ­lich das ge­sam­te Le­ben da­von be­ein­träch­tigt wird.

KEI­NE NEUROSE. Mit ei­ner zwang­haf­ten Per­sön­lich­keit oder ei­ner Neurose hat dies nichts mehr zu tun: „Zwangs­stö­run­gen sind kei­ne ner­vi­ge Cha­rak­ter­ei­gen­schaft. Sie sind ei­ne ernst zu neh­men­de psy­chi­sche Er­kran­kung“, be­tont der Wie­ner Psych­ia­ter Karl Dan­ten­dor­fer. Die Ur­sa­chen sind wis­sen­schaft­lich noch nicht gänz­lich ge­klärt: Ge­ne­ti­sche Ver­an­la­gung, trau­ma­ti­sche Er­leb­nis­se und Stö­run­gen der Hirn­funk­ti­on wer­den dis­ku­tiert. Auch die in­ter­na­tio­na­len epi­de­mio­lo­gi­schen Da­ten schwan­ken. „Die Le­bens­zeit­prä- va­lenz wird mit et­wa zwei Pro­zent an­ge­nom­men.“

Wie be­las­tend die­se Er­kran­kung tat­säch­lich ist, dar­über spricht Mar­git ganz of­fen. Nur ih­ren Nach­na­men oder ein Bild von sich möch­te sie nicht in der Zei­tung se­hen. Zu groß ist die Angst vor der Stig­ma­ti­sie­rung. Angst – ein im­mer wie­der­keh­ren­des Wort. Sie hetzt die Be­trof­fe­ne durch ih­ren All­tag. „Sie ist wie ein Mons­ter in mei­nem Kopf. Des­sen Stim­me im­mer lau­ter wird, je mehr ich ver­su­che, mich zu wi­der­set­zen“, schil­dert die Pen­sio­nis­tin. Es bringt sie bei­spiels­wei­se in der Früh da­zu, sich 30-mal die die Hän­de zu wa­schen, bis der Kaf­fee durch die Fil­ter­ma­schi­ne ge­lau­fen ist. Vor lau­ter Put­zen und Kon­trol­lie­ren hat sie es vie­le Jah­re kaum mehr aus dem Haus ge­schafft. Bis sie durch ei­nen Er­fah­rungs­be­richt in ei­nem Ma­ga­zin auf ei­ne Selbst­hil­fe­grup­pe für Men­schen mit Zwangs­stö­run­gen auf­merk­sam wur­de. Erst­mals fühl­te sie sich ver­stan­den. Nach der Dia­gno­se star­te­te sie ei­ne The­ra­pie.

HEMMSCHWELLE. Die Hemmschwelle, Hil­fe zu su­chen, ist oft groß, denn nicht sel­ten wer­den die Zwän­ge als ei­gen­ar­tig emp­fun­den und ru­fen Scham­ge­füh­le her­vor. Doch An­sprech­part­ner für Zwangs er­krank­te wie Fach­ärz­te fürP­sych­ia­tri eo derP­sy­cho the­ra­peu­tin­nen sind mit dem Lei­den ver­traut, kön­nen es ver­ste­hen und hel­fen. Auch wenn dies oft­mals ei­ne lan­ge und her­aus­for­dern­de Be­hand­lung be­deu­tet. „Zwangs­stö­run­gen ge­hö­ren zu den am schwie­rigs­ten zu

„Zwangs­stö­run­gen ge­hö­ren zu den am schwie­rigs­ten zu be­han­deln­den Er­kran­kun­gen in der Psych­ia­trie. “Dr. Karl Dan­ten­dor­fer, Psy­cho­the­ra­peut und Fach­arzt für Psych­ia­trie

be­han­deln­den Er­kran­kun­gen in der Psych­ia­trie“, räumt Dan­ten­dor­fer ein. Ei­ne ko­gni­ti­ve Ver­hal­tens the­ra­pie und Me­di­ka­men­te sind in Kom­bi­na­ti­on „le­ge ar­tis“der Be­hand­lung.

Bei­der Ver­hal­tens the­ra­pie wird die be­trof­fe­ne Per­son mit ei­nem angst­aus­lö­sen­den Sti­mu­lus kon­fron­tiert, darf ih­re Zwangs­ri­tua­le aber nicht aus­füh­ren. Ein Pa­ti­ent, der un­ter ei­nem Wasch­zwang lei­det, muss zum Bei­spiel mit sei­ner Hand den Bo­den be­rüh­ren oh­ne sich im An­schluss zu wa­schen. Er soll ler­nen, die ne­ga­ti­ven Emo­tio­nen und kör­per­li­chen Re­ak­tio­nen aus­zu­hal­ten. Län­ger­fris­ti­ges Ziel ist es, das Zwangs­ver­hal­ten ab­zu­le­gen und al­ter­na­ti­ve, ge­sun­de Be­wäl­ti­gungs­stra­te­gi­en auf­zu­bau­en. Ent­span­nungs­ver­fah­ren wie au­to­ge­nes Trai­ning kön­nen zu­sätz­lich hel­fen.

ERS­TE ER­FOL­GE. Nach und nach pro­fi­tiert auch Mar­git von die­sem Kon­zept. Sie fei­ert ers­te klei­ne Er­fol­ge: „Frü­her, wenn ich nach Hau­se ge­kom­men bin, muss­te ich al­les wa­schen. Heu­te schaf­fe ich es, zu­min­dest die Ja­cken in den Kas­ten zu hän­gen.“Den­noch be­rei­tet ihr viel All­täg­li­ches im­mer noch gro­ße Pro­ble­me. Das Be­grü­ßen mit Hän­de­druck et­wa bringt sie in ei­ne un­an­ge­neh­me Si­tua­ti­on. „Ich ha­be heu­te au­ßer­dem noch nichts ge­ges­sen und nichts ge­trun­ken, um ja nicht auf die Toi­let­te ge­hen zu müs­sen.“Ge­sprä­che in den Selbst­hil­fe­grup­pen von pro men­te in Wi­en und HSSG (Hil­fe zur Selbst­hi­hil­fe für see­li­sche Ge­sund­heit) in Nie­der­ös­ter­reich ge­ben Kraft, be­tont die Pen­sio­nis­tin. Was sie sich für ih­re Zu­kunft wünscht? „Mehr Nor­ma­li­tät für mein Le­ben.“

Zwangs­stö­run­gen ma­chen all­täg­li­che Si­tua­tio­nen und Hand­lun­gen zur Tor­tur – ei­ne kom­bi­nier­te The­ra­pie kann Aus­we­ge bie­ten

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