Ar­mut und Job­ver­lust be­güns­ti­gen psy­chi­sche Er­kran­kun­gen

Wie kann man psy­chi­sche Kri­sen und Krank­hei­ten er­ken­nen und wie kann man hel­fen? Dar­über ha­ben wir uns mit Dr. Gün­ter Klug, Vi­ze­prä­si­dent von pro men­te Aus­tria, un­ter­hal­ten.

KURIER_PSYCHE - - PRO MENTE -

Was sind An­zei­chen ei­ner see­li­schen Kri­se?Wie­kön­nenAn­ge­hö­ri­geun­dF­reun­de ei­ne psy­chi­sche Kri­se er­ken­nen? Wich­tig ist, die ein­fa­chen An­zei­chen zu be­mer­ken. Der/Die Be­trof­fe­ne(r) ist nie­der­ge­schla­gen, zieht sich zu­rück, schläft schlecht, hat kei­ne Ener­gie und Lust auf nichts. Das Es­sen ver­än­dert sich und die Per­so­nen neh­men we­gen ih­res in­ne­ren Stres­ses meist ab.

Da­zu kom­men noch je nach Krank­heit be­son­de­re Zei­chen, wie z.B. das „nicht Auf­ste­hen kön­nen“bei De­pres­si­on, oder das auf­ge­dreht sein bei ma­ni­schen Zu­stän­den. Wie­soll­m­an­bei­ei­ne­mVer­dacht­auf­ei­ne psy­chi­sche Er­kran­kung re­agie­ren? Wenn je­mand im Be­kann­ten und Freun­des­kreis die­se Zei­chen zeigt, ist es wich­tig auf die Per­son zu­zu­ge­hen, vor­sich­tig nach­zu­fra­gen und ge­dul­dig zu sein. Wenn die Per­son re­den will, ist zu­hö­ren wich­tig. Egal ob es sich um ein erns­tes Pro­blem han­delt oder um ei­ne „ein­fa­che„ und zu­meist vor­über­ge­hen­de Über­for­de­rung. Gut ge­mein­te Rat­schlä­ge sind jetzt nicht ge­fragt. Im Nach­hin­ein hö­ren wie oft: „Dass du von mir nichts ver­langt hast, hat mir ge­hol­fen“. Stellt sich her­aus, das­ses­sichu­mein­schwe­re­resPro­blem han­delt, ist es wich­tig, die Per­son da­zu zu be­we­gen pro­fes­sio­nel­le Hil­fe an­zu­neh­men und bei Be­darf zu be­glei­tet.

Wie stark sol­len sich An­ge­hö­ri­ge en­ga­gie­ren?

Oft ist es aus der Sor­ge her­aus schwer, die­rich­ti­geBa­lan­ce­zu­fin­den.FürAn­ge­hö­ri­ge ist es wich­tig, sich nicht zu über­for­dern und auch gut auf sich zu ach­ten. Das ist kein Wi­der­spruch zur Be­reit­schaft, für je­man­den da zu sein. Wenn es ir­gend­wie mög­lich ist soll­te die „Last„ mög­lichst auf meh­re­re Per­so­nen im Fa­mi­li­en-, Freun­des- oder Be­kann­ten­kreis auf­ge­teilt wer­den. Laut Welt­ge­sund­heits­or­ga­ni­sa­ti­on WHO nimmt die Häu­fig­keit psy­chi­scher Er­kran­kun­gen zu – was sind die Grün­de da­für? Ein Teil der hö­he­ren Zah­len geht dar­auf zu­rück, dass Be­trof­fe­ne ver­mehrt über ih­re psy­chi­schen Pro­ble­me spre­chen. Die Dun­kel­zif­fer sinkt und Men­schen be­kom­men da­durch eher und frü­her Hil­fe. Die stei­gen­den Zah­len sind auch ein In­diz für ge­sell­schaft­li­che Ve­rän­de­run­gen: Im­mer mehr Jobs ha­ben mit Di­enst­leis­tung und in­ten­si­vem Um­gang mit Men­schen zu tun, das be­deu­tet hö­he­ren Leis­tungs­druck. Gleich­zei­tig le­ben 50 Pro­zent der Men­schen in Ein­zel­haus­hal­ten und müs­sen den Druck al­lei­ne ver­ar­bei­ten. Ver­ein­sa­mung ist die Fol­ge, Be­treu­ungs­mög­lich­kei­ten für die Psy­che feh­len zu Hau­se noch völ­lig. Das al­les ist ei­ne Her­aus­for­de­rung für un­ser Sys­tem. Bei der jun­gen Ge­ne­ra­ti­on ver­än­dert sich die Selbst­wahr­neh­mung durch die in­ten­si­ve Nut­zung der neu­en Me­di­en stark – wäh­rend frü­her Selbst­un­ter­schät­zung häu­fig war, be­mer­ken wir jetzt oft Selbst­über­schät­zung.

Wird dann Leis­tung ver­langt kann sie oft nicht er­füllt wer­den. Das zer­stört das Selbst­be­wusst­sein und ge­fähr­det denAr­beits­platz.Oft­führ­tJob­ver­lust zu psy­chi­scher Krank­heit, dies kann aber auch um­ge­kehrt sein.

War­um wer­den psy­chi­sche Er­kran­kun­gen im­mer noch als „we­ni­ger echt“an­ge­se­hen als kör­per­li­che Er­kran­kun­gen? Psy­chi­sche Er­kran­kun­gen sind oft­mals we­ni­ger sicht­bar und mess­bar. Dar­aus folgt, dass sie we­ni­ger ernst ge­nom­men wer­den als kör­per­li­che. Oft heißt es ein­fach: „Reiß dich zu­sam­men“. Als Fol­ge die­ses ver­zerr­ten Bil­des gibt es in die­sem Be­reich Leis­tun­gen wie die Psy­cho­the­ra­pi­en, die noch im­mer nicht zur Gän­ze be­zahlt wer­den, oder es fehlt in den meis­ten Re­gio­nen ein psy­chi­scher Not­dienst, wie er im kör­per­li­chen Be­reich seit Jahr­zehn­ten be­steht. Gibt es ei­nen Zu­sam­men­hang zwi­schen dem Auf­tre­ten von psy­chi­schen Er­kran­kun­gen und so­zia­ler Un­gleich­heit? Le­ben in ei­nem schlech­ten so­zia­len Sta­tus­be­deu­te­tZu­satz-Stress.Ar­mut ist ei­ne chro­ni­sche Be­las­tung, die psy­chi­sche Er­kran­kun­gen för­dert. Grund­sätz­lich tre­ten psy­chi­sche Er­kran­kun­gen in al­len Ge­sell­schafts­schich­ten gleich häu­fig auf. Bei ei­ner im Ju­gend­al­ter auf­tre­ten­den psy­chi­schen Er­kran­kung und wenn der Be­trof­fe­ne noch kei­ne Aus­bil­dung ab­ge­schlos­sen hat, droht ein Le­ben in der Min­dest­pen­si­on oder mit Min­dest­si­che­rung. Durch die­sen so­zia­len Ab­stieg und den mas­si­ven Druck le­ben daher­mehr­psy­chi­schKrank­ein­so­zi­al be­nach­tei­lig­ten Grup­pen.

Le­ben un­ter der Ar­muts­gren­ze ist für al­le Men­schen ei­ne gro­ße Her­aus­for­de­rung. Für 50 Pro­zent der Be­trof­fe­nen ist die Ge­fahr ei­ner psy­chi­schen Er­kran­kung hier ge­ge­ben. Un­se­re Ge­sell­schaft drif­tet mo­men­tan in die fal­sche Rich­tung. So lan­ge be­zahl­te Ar­beit in un­se­rer Ge­sell­schaft so ex­trem wich­tig bleibt, führt das zu im­mer stär­ke­ren Span­nun­gen.

Dr. Gün­ter Klug, Vi­ze­prä­si­dent pro men­te Aus­tria

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