„Gut, dass man Trä­nen nicht ewig zu­rück­hal­ten kann“

KURIER_PSYCHE - - SEELE UND PSYCHE - ER­ZÄHLT VON BAR­BA­RA STIE­GER

Neu­lich im Pfle­ge­heim. Mei­ne Oma hat ei­ne schlech­te Pha­se. Sie liegt in ih­rem Bett, sieht ganz klein aus. Ihr schloh­wei­ßes Haar ist für ei­ne Fünf­und­neun­zig­jäh­ri­ge noch er­staun­lich dicht. Sie fin­det das nicht und im Üb­ri­gen fin­det sie, dass es an der Zeit wä­re zu ge­hen. Ein­schla­fen möch­te sie kön­nen, ein­fach so. Ich ha­be sehr schö­ne Er­in­ne­run­gen an sie, zum Bei­spiel an ge­mein­sa­me Spa­zier­gän­ge, ex­tra für mich ge­kauf­te Mohn­we­ckerl vom Bä­cker und wie sie mir das Schnap­sen bei­ge­bracht hat. Lang­sam mer­ke ich, wie die Trä­nen in mir auf­stei­gen. Ich kämp­fe da­ge­gen an. Man muss da­zu sa­gen, dass mei­ne Oma, was Emo­tio­nen be­trifft, sehr dis­zi­pli­niert ist. Ich hab sie nie wei­nen se­hen. Ich muss stark sein, den­ke ich, es wä­re ihr pein­lich. Ob ich will oder nicht. Die Trä­nen be­gin­nen zu lau­fen – nicht nur bei mir. Das hat gut­ge­tan, sagt sie, und da­nach lä­cheln wir uns bei­de an.

Fa­zit: Wei­nen kann be­frei­en und trös­ten und an­de­re an­ste­cken – im po­si­ti­ven Sin­ne. Trau­rig­keit zu tei­len, kann nicht nur den Schmerz lin­dern, son­dern auch ei­ne neue Zu­sam­men­ge­hö­rig­keit her­stel­len.

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