Biorhyth­mus: Wie wir ti­cken Wel­che Be­deu­tung hat die in­ne­re Uhr?

In der Dis­kus­si­on um die stän­di­ge Som­mer­zeit kommt man an den Chro­no­me­di­zi­nern und -bio­lo­gen nicht vor­bei. Wo­mit be­schäf­ti­gen sich die­se Fach­leu­te ge­nau und wel­che Be­deu­tung hat die in­ne­re Uhr für das Ge­sund­heits­we­sen? VON ANDREA KRIE­GER

KURIER_PSYCHE - - INHALT -

„Die per­ma­nen­te Som­mer­zeit ist ei­ne künst­li­che Zeit. Der Mensch wird da­durch noch wei­ter von der Na­tur ab­ge­schnit­ten.“Ma­xi­mi­li­an Mo­ser, Chro­no­bio­lo­ge, Me­di­zi­ni­sche Uni­ver­si­tät Graz

Wenn die Ös­ter­rei­cher am 28. Ok­to­ber ih­re Uh­ren auf Win­ter­zeit zu­rück­stel­len, pas­siert das viel­leicht zum letz­ten Mal. Denn die EU-Bür­ger ha­ben sich in ei­ner re­prä­sen­ta­ti­ven Um­fra­ge für die Ab­schaf­fung der Zeit­um­stel­lung aus­ge­spro­chen. Die Mit­glieds­län­der müs­sen sich nun für die im­mer­wäh­ren­de Som­mer- oder Win­ter­zeit ent­schei­den. Die Re­gie­rung be­vor­zugt der­zeit die Som­mer­zeit. Dass die Son­ne nun per­ma­nent erst um 13 Uhr statt um 12 Uhr Mit­tag am Ze­nit ste­hen soll, ent­rüs­tet vor al­lem die Chro­no­me­di­zi­ner und -bio­lo­gen. Das grie­chi­sche „Chro­no“be­deu­tet Zeit und nie­mand kennt sich mit der in­ne­ren bio­lo­gi­schen Uhr bes­ser aus als die­se Fach­leu­te: Chro­no­bio­lo­gen er­for­schen die zeit­li­che Or­ga­ni­sa­ti­on des Kör­pers, Chro­no­me­di­zi­ner be­fas­sen sich mit den kon­kre­ten An­wen­dun­gen der Er­kennt­nis­se. Ös­ter­reichs be­kann­tes­ter Chro­no­bio­lo­ge heißt Ma­xi­mi­li­an Mo­ser und lehrt an der Me­di­zi­ni­schen Uni­ver­si­tät Graz. Sei­ne Kri­tik an der stän­di­gen Som­mer­zeit klingt so: „Jahr­zehn­te­lang gab es ei­ne Zeit­um­stel­lung, mit der nie­mand glück­lich war. Nun soll ei­ne künst­li­che Zeit fol­gen, die im gan­zen Jahr nicht mit un­se­rer Er­fah­rung des Son­nen­lau­fes über­ein­stimmt. Da­mit wird der Mensch noch wei­ter von der Na­tur ab­ge­schnit­ten!“Mo­ser ver­weist auf rus­si­sche Er­fah­run­gen mit drei Jah­ren per­ma­nen­ter Som­mer­zeit :„ Die Ärzte be­rich­te­ten von ei­nem deut­lich ver­schlech­ter­ten Ge­sund­heits­zu­stand der Be­völ­ke­rung .“Der Knack­punkt seid er Schlaf. Der Tag-Nacht-Rhyth­mus, wis­sen­schaft­lich cir­ca­dia­ner Rhyth­mus,wird über spe­zi­el­le Seh­zel­len vom Licht ge­steu­ert un­di st­ein chro­no­bio lo­gi­sches Kern the­ma .„ Ver­spä­te­tes Licht am Som­mer­abend und lan­ge Dun­kel­heit am Win­ter­mor­gen füh­ren zu spä­te­rem Ein­schla­fen im Som­mer und gro­ßen Pro­ble­men durch Mü­dig­keit beim Auf­wa­chen im Win­ter. Schon jetzt liegt die mitt­le­re Schlaf­zeit nur mehr bei sechs­ein­halb St­un­den, es soll­ten aber sie­ben bis acht sein“, mo­niert Mo­ser. Die Fol­gen ganz­jäh­rig vor­ge­stell­ter Uh­ren wä­ren zu­sätz­li­che Kon­zen­tra­ti­ons- und Lern­pro­ble­me, mehr De­pres­sio­nen und Burn-outs so­wie ei­ne Zu­nah­me von Stoff­wech­sel er­kran­kun­gen. Chro­no­me­diz in erTil­lRo­en­ne berg vom Münch­ner In­sti­tut für Me­di­zi­ni­sche Psy­cho­lo­gie der Me­di­zi­ni­schen Uni­ver­si­tät Mün­chen ließ gar ver­lau­ten, die Eu­ro­pä­er wür­den da­durch „di­cker, düm­mer und gran­ti­ger“wer­den.

Je schlech­ter sich die na­tür­li­che Auf­wach­zeit­mit­de­mAr­beits-bzw.Schul­be­ginn ver­trägt, des­to grö­ße­re Pro­ble­me pro­gnos­ti­zie­ren die Zeit-Ex­per­ten. Hier kom­men die von den Chro­no­bio­lo­gen erst­mals be­schrie­be­nen und spä­ter ge­ne­tisch nach­ge­wie­se­nen Chro­no­ty­pen ins Spiel: Un­ter­schie­den wird der Ler­chen­typ als Früh­auf­ste­her, der Nor­mal­typ, der mit der Son­ne auf­wacht so­wie der Eu­len­typ (sie­he

Gra­fik). Laut Chro­no­bio­lo­gen wer­den al­le Nicht-Mor­gen­men­schen, und das ist die Mehr­heit, in ih­rem Biorhyth­mus durch ei­ne stän­di­ge Som­mer­zeit po­ten­zi­ell ge­stört.

NEU­ES IN­TER­ES­SE. Seit 2017 drei Chro­no­me­di­zi­ner den Wis­sen­schafts­No­bel­preis ein­heims­ten, steigt der Be­kannt­heits­grad­derDis­zi­plin.Jef­freyC. Hall,Micha­elRos­bas­hun­dMicha­elW. Young ent­deck­ten je­nes Gen, das den 24-St­un­den-Rhyth­mus er­mög­licht. Um­dieExis­tenz­ei­ner­in­ne­renUhr­weiß man schon seit dem „Bun­ker­ex­pe­ri­ment“in den 1960ern: Frei­wil­li­ge wur­den da­mals über meh­re­re Wo­chen in ei­nem mit al­len An­nehm­lich­kei­ten aus­ge­stat­te­ten Bun­ker oh­ne na­tür­li­ches Licht un­ter­ge­bracht. Die Fra­ge­stel­lung: Wie ver­än­dern sich das Zei­t­emp­fin­de­n­und­derTag-Nacht-Rhyth­mus un­ter die­sen Be­din­gun­gen? Die Pro­ban­den ent­wi­ckel­ten im Schnitt ei­nen 25-St­un­den-Takt, al­ler­dings mit star­ken Aus­rei­ßern. Das zeig­te ei­ner­seits, dass ein vom Ta­ges­licht un­ab­hän­gi­ger Rhyth­mus exis­tiert, an­de­rer­seits aber auch, dass die­ser durch das Licht auf 24 St­un­den an­ge­passt wird. Jahr­zehn­te spä­ter sorg­te der Nach­weis, dass Schicht­ar­beit und Zeit­ver­schie­bun­gen das Krebs­ri­si­ko er­hö­hen, für Auf­se­hen. Die Er­kennt­nis­se führ­ten et­wa da­zu, dass der dä­ni­sche Staat vor neun Jah­ren erst­mals Ent­schä­di­gun­gen an Frau­en zahl­te, die nach jah­re­lan­ger Nacht­ar­beit an Brust­krebs er­krankt wa­ren. Vor al­lem tru­gen sie aber da­zu bei, dass Schicht­ar­beit durch ei­ne dem­ent­spre­chen­de zeit­li­che Ein­tei­lung heu­te et­was we­ni­ger ri­si­ko­reich ge­stal­tet wer­den kann. VIE­LE UH­REN. Der 24-St­un­den-Takt ist ein wich­ti­ger Kör­per­rhyth­mus, das Phä­no­men der in­ne­ren Uhr aber noch weit kom­ple­xer. Es gibt im Kör­per vie­le an­de­re re­le­van­te Zy­klen, län­ge­re wie kür­ze­re: et­wa die Mil­li­se­kun­den der Ner­ven­im­pul­se, 90-mi­nü­ti­ge Schlaf­pha­sen, das Auf und Ab der Hor­mo­ne und Bo­ten­stof­fe oder den weib­li­chen Mens­trua­ti­ons­zy­klus.

Da­zu Ma­xi­mi­li­an Mo­ser: „Das Zu­sam­men­spiel der ver­schie­de­nen Rhyth­men kann man sich als gro­ßes Orches­ter vor­stel­len. Das Licht und an­de­re in­ne­re und äu­ße­re De­ter­mi­nan­ten ge­ben den Takt vor.“Pro­zes­se wie Ver­dau­ung, Stoff­wech­sel, Blut­druck, Herz­fre­quenz, Hor­mon­pro­duk­ti­on und Schlaf ha­ben al­le zu be­stimm­ten Pha­sen ih­ren ganz gro­ßen Auf­tritt. Die­ses Wis­sen trägt da­zu bei, den idea­len Zeit­punkt für die Me­di­ka­men­ten­ein­nah­me, Hor­mon­tests im La­bor oder un­an­ge­neh­me bis schmerz­haf­te me­di­zi­ni­sche Be­hand­lun­gen zu fin­den.

DICKMACHER UND ZEITFAKTOR CHRONOBIOLOGIE UND WAA­GE

Vier von zehn Ös­ter­rei­chern sind über­ge­wich­tig bis adi­pös, dar­un­ter be­son­ders vie­le äl­te­re Men­schen und Män­ner, Ten­denz stei­gend. Ein hö­he­res Ri­si­ko für Dia­be­tes II, Blut­hoch­druck und Herz-Kreis­lauf-Er­kran­kun­gen ist die Fol­ge. War­um die Men­schen im­mer di­cker wer­den, ist Ge­gen­stand un­zäh­li­ger Stu­di­en. Bis­her hieß es: Re­le­vant ist die Art und An­zahl der ein­ge­nom­me­nen Ka­lo­ri­en und das Aus­maß an Be­we­gung. Jetzt kom­men ver­stärkt chro­no­bio­lo­gi­sche und da­mit Lebensstil-Aspek­te ins Spiel. So nah­men im Rah­men ei­ner US-Stu­die je­ne Pro­ban­den an Ge­wicht zu, wel­che die ein­zi­ge 2000-Ka­lo­ri­en-Mahl­zeit des Ta­ges am Abend zu sich nah­men. Per­so­nen, die mehr als ein Drit­tel der Ka­lo­ri­en abends zu sich nah­men, zeig­ten sich in ei­ner klei­nen fran­zö­si­schen Stu­die aus 2014 eben­falls an­fäl­li­ger für ei­ne Ge­wichts­zu­nah­me. Ei­ne groß an­ge­leg­te ita­lie­ni­sche Un­ter­su­chung mit 1245 ge­sun­den Per­so­nen mitt­le­ren Al­ters oh­ne Dia­be­tes oder Fett­lei­big­keit, die sechs Jah­re lang be­glei­tet wur­den, be­stä­tig­te die­se Er­geb­nis­se nun. Die al­te Volks­weis­heit: „Iss mor­gens wie ein Kai­ser, mit­tags wie ein Kö­nig und abends wie ein Bett­ler“, wird da­mit be­stä­tigt. Ei­ne zwei­te chro­no­bio­lo­gi­sche Er­klä­rung für Über­ge­wicht bie­tet der Schlaf­man­gel. Ex­per­te Ma­xi­mi­li­an Mo­ser: „Die Pro­duk­ti­on des Hun­ger- und des Sät­ti­gungs­hor­mons wird da­durch ge­stört.“Das 1994 ent­deck­te Lep­tin hemmt das Auf­tre­ten von Hun­ger­ge­füh­len, das seit 1999 be­kann­te Hor­mon Gh­re­lin wirkt ap­pe­tit­an­re­gend und ver­lang­samt die Fett­ver­bren­nung. Da­mit hat es laut Mo­ser zu tun, dass Nacht- und Schicht­ar­bei­ter um 30 Pro­zent häu­fi­ger an ei­nem me­ta­bo­li­schen Syn­drom lei­den. Bauch­fett, Blut­hoch­druck, ver­än­der­te Blut­fett­wer­te und In­su­lin­re­sis­tenz sind da­für cha­rak­te­ris­tisch. DAS HERZ TANZT. Ein chro­no­me­di­zi­nisch ge­sun­des Le­ben steht im Ein­klang mit der in­ne­ren Uhr. Der mo­der­ne Lebensstil ent­puppt sich al­ler­dings­im­mer­stär­ke­ral­sStö­ren­fried­des Biorhyth­mus. Ein Bei­spiel: Die Aus­schüt­tung des „Schlaf­hor­mons“Me­la­to­nin, ei­nes wah­ren Meis­ters der Re­ge­ne­ra­ti­on, hängt da­von ab, wie in­ten­siv man vor dem Schla­fen­ge­hen aufs Han­dy oder den PC schaut. De­ren blau­es Licht hemmt die Aus­schüt­tung und dros­selt da­mit die Er­mü­dung. Wie es um die in­ne­re Uhr be­stellt ist, er­ken­nen Chro­no­me­di­zi­ner per Herz­ra­ten­va­ria­bi­li­tät. Das Ver­fah­ren er­in­nert an ein 24-St­un­den-EKG, misst aber den Ab­stand zwi­schen den Herz­schlä­gen bis zu 800 Mal se­künd­lich. „Ein ge­sun­des Herz mar­schiert nicht im Gleich­schritt, es tanzt“, er­klärt Chro­no­me­di­zi­ner Mo­ser. Man darf das nicht mit Herz­rhyth­mus­stö­run­gen ver­wech­seln. „Im Herz­schlag spie­gelt sich die Rhyth­mik zahl­rei­cher Or­ga­ne wi­der. In der Er­ho­lungs­pha­se schwingt der Or­ga­nis­mus­be­son­ders­kräf­ti­g­und­der Herz­schlag wird vom Rhyth­mus des Atem­s­mo­du­liert.Wäh­rend­derBe­las­tung wie­der­um do­mi­niert der Blut­druck den Rhyth­mus des Herz­schlags.“Bei den Mes­sun­gen zeigt sich: Je stär­ker der Rhyth­mus, des­to eher lebt der Mensch im Ein­klang mit der in­ne­ren Uhr, des­to ge­sün­der und ju­gend­li­cher ist die Per­son. „Rhyth­mus spart Kraft und das kommt wie­der­um der Er­ho­lung zu­gu­te.“Um­ge­kehrt weiß man, dass die Schwin­gungs­fä­hig­keit bei Krebs­kran­ken im­mer ge­rin­ger wird.

Ganz all­ge­mein hat die Chro­no­me­di­zin auch in der Vor­sor­ge bzw. als Früh­warn­sys­tem, das im Rah­men der Ar­beits­me­di­zin und der Be­trieb­li­chen Ge­sund­heits­för­de­rung im­mer mehr ge­nützt wird, Po­ten­zi­al. In so man­cher Haus­arzt­pra­xis wird die Herz­ra­ten­va­ria­bi­li­tät schon ge­mes­sen. Na­gel­neu ist ein von der Nor­thwes­tern Uni­ver­si­ty in Chi­ca­go ent­wi­ckel­ter Blut­test, der ge­nau fest­stel­len kann, wo die in­ne­re Uhr im Ver­gleich zur äu­ße­ren steht.

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