Sprech­stun­de Wie man auf Mob­bing re­agie­ren kann

Nir­gends wird laut ei­ner OECD-Stu­die mehr ge­mobbt als in Ös­ter­reichs Schu­len. Aber auch am Ar­beits­platz sind Tau­sen­de von Mob­bing be­trof­fen. Was man in die­ser aus­sichts­lo­sen Si­tua­ti­on tun kann, ver­rät Ex­per­te Hol­ger Wyr­wa. VON JU­LIA GSCHMEIDLER

KURIER_PSYCHE - - INHALT -

Sie ha­ben da­von ge­spro­chen, dass Sie selbst über ein Jahr von Mob­bing be­trof­fen wa­ren. Was macht das mit ei­nem? Hol­ger Wyr­wa: Al­so das ers­te Ge­fühl ist die­se to­ta­le Hilf­lo­sig­keit. Die­ses Wis­sen: Ich ha­be nichts ge­macht und da ist ei­ne Per­son, die ver­sucht, mich psy­chisch fer­tig zu ma­chen. Die­ses Ge­fühl ist wie ei­ne exis­ten­zi­el­le Be­dro­hung, denn dei­ne gan­ze Welt bricht in dem Mo­ment zu­sam­men. Bis jetzt ist al­les gut ge­lau­fen und dann kommt plötz­lich ein An­griff. Wo Ge­rüch­te ver­brei­tet wer­den, wo Falsch­be­haup­tun­gen auf­ge­stellt wer­den.

Und was ha­ben Sie dann ge­macht?

Ich ha­be da­mals bei ei­ner G es und heits be­hör­de ge­ar­bei­tet und die ers­te Re­ak­ti­on war der Ver­such, das Gan­ze auf­zu­klä­ren, in­dem man mit der Per­son spricht, die ei­nen mobbt, in­dem man die Kol­le­gen mit­ein­be­zieht oder auch die Vor­ge­setz­ten. Als das al­les nicht funk­tio­nier­te, hab eich mich ent­schie­den, mei­ne Mob­be­rin sel­ber so mas­siv psy­chisch un­ter Druck zu set­zen, dass die­se Per­son al­ler Wahr­schein­lich­keit nach Feh­ler macht. Hat sie auch ge­tan. Die hät­te man vor dem Ar­beits­ge­richt ver­wen­den kön­nen. Ich be­zeich­ne das, wie in mei­nem neu­en Buch be­schrie­ben, als „Not­wehr-Mob­bing“.

Was sind die häu­figs­ten Grün­de, war­um Men­schen zu Mob­bern wer­den?

Aus mei­ner prak­ti­schen Ar­beit mit Be­trof­fe­nen und auch aus der Li­teraund tur­re­cher­che er­ge­ben sich ver­schie­de­ne Mo­ti­ve, die sich aber al­le auf ein Mo­tiv zu­rück­füh­ren las­sen. Ein Mob­ber fühlt sich bei­spiels­wei­se von ei­ner Per­son am Ar­beits­platz be­droht. Er glaubt, dass die­se Per­son nur dann, wenn man sie zer­stört, sei­ne Po­si­ti­on wie­der kräf­tigt. Hier wird nur aus Angst ge­mobbt, weil die­se Per­son ei­nem ge­fähr­lich wer­den könn­te. Oder sie ist zu er­folg­reich und ich muss sie stop­pen. Oder sie macht zu we­nig an Tä­tig­kei­ten und das will ich in mei­ner Ein­rich­tung nicht mehr ha­ben. Was wie­der da­zu führt, dass je­der, wirk­lich je­der, von Mob­bing be­trof­fen wer­den kann.Das heißt der Mob­ber ist im­mer ei­ner, der sich von ei­ner Per­son be­droht fühlt.

Wel­che Mob­ber-Ty­pen gibt es noch? Ei­ne an­de­re Ka­te­go­rie von Mob­berTyp wä­re dann der, der aus Spaß mobbt, der ger­ne Men­schen quält und Spaß dar­an hat, ei­ne Per­son macht­los hilf­los sich ge­gen­über sit­zen zu se­hen. Dann gibt es den Stres­sMob­ber, Auf­trags-Mob­ber und CoMob­ber. Das Ge­mein­sa­me von all die­sen Mob­ber-Ty­pen ist, dass al­le dar­auf ab­zie­len, sich über ei­nen an­de­ren Men­schen er­hö­hen zu müs­sen und das kann ich nur schaf­fen, in­dem ich den an­de­ren mas­siv er­nied­ri­ge. Da geh eich so skru­pel­los vor, dass man das al­les un­ter psy­chi­scher Ge­walt zu­sam­men­fas­sen kann und die min­des­tens genau­so schlimm ist wie kör­per­li­che Ge­walt.

Sie selbst ha­ben Ge­gen­mob­bing be­trie­ben. Was kann ich noch tun, wenn ich ge­mobbt wer­de?

Mein An­satz war ge­fähr­lich, hat aber den Vor­teil, dass ich mich stär­ker füh­le und nicht mehr hilf­los bin, ich weh­re mich. Ein wich­ti­ger Punkt ist, dass man dem Mob­ber ge­gen­über un­ter kei­nen Um­stän­den Schwä­che zei­gen darf. Da­von er­nährt sich der Mob­ber. Der fin­det das toll, wenn er in den Au­gen des Ge­mobb­ten sieht, der ist fer­tig, der ist ka­putt. Man muss den Ein­druck er­we­cken, das prallt al­les an mir ab, auch wenn es ge­lo­gen ist. Dann soll­te man an­fan­gen das ei­ge­ne Men­schen­bild zu re­flek­tie­ren. Es gibt Men­schen, die ei­nen ver­nich­ten wol­len. Das passt nicht in un­ser nor­ma­les Men­schen­bild, aber bei Mob­bing sieht man das ei­gent­lich ganz deut­lich. Da ist ein star­ker Ver­nich­tungs­wil­le. Man soll­te auch schau­en: Was pas­siert hier ei­gent­lich? Mobbt mich ei­ne Per­son

oder meh­re­re? Ist das even­tu­ell von ganz oben in­iti­iert? Soll ich mei­nen Ar­beits­platz ver­las­sen, weil ich zu alt bin, zu un­be­quem? Hat der Mob­ber schon mal da­vor ge­mobbt? Die Macht, die er braucht, kann ich ihm nicht neh­men, weil er nun mal in der über­le­ge­ne­rer Po­si­ti­on ist. Aber ich kann ihm das Ge­fühl ge­ben: Du kannst mir so viel an­tun, wie du willst. Du bist für mich ei­ne lä­cher­li­che Per­son. Das klingt jetzt ein biss­chen kin­disch, hat aber ei­ne wahn­sin­ni­ge Wir­kung. Das kann ein Mob­ber nicht er­tra­gen, wenn er den Ein­druck hat, dass der Ge­mobb­te sich auch noch über ei­nen lus­tig macht.

Was ist noch wich­tig?

Sich sel­ber zu ana­ly­sie­ren, wie es so weit kom­men konn­te. Bin ich viel­leicht zu über­eif­rig, zu un­be­quem? Viel­leicht könn­te man das dann in ir­gend­ei­ner Form ver­än­dern. Aber das hängt da­von ab, wie man als Ge­mobb­ter drauf ist. Will ich mich un­ter­wer­fen? Oder will ich kämp­fen? Dann klar: Ge­spräch mit dem Mob­ber füh­ren. Viel­leicht ist es ein Miss­ver­ständ­nis?Wo­beid­as­beiMob­bin­ge­her nicht ist. Mob­bing ist im­mer ziel­ge­rich­tet, das heißt im­mer auf ei­ne Per­son ab­ge­stimmt. Es ist eher zu­fäl­lig, dass ei­ne gan­ze Ab­tei­lung ge­mobbt wird. Dann ist es wich­tig, Ver­bün­de­te zu ge­win­nen. Was schwie­rig ist, weil die meis­ten Angst ha­ben, sich auf die Sei­te des Ge­mobb­ten zu stel­len, weil die ei­ge­ne Ar­beits­si­tua­ti­on pro­ble­ma­tisch wer­den könn­te. Man kann­si­chauch­pro­fes­sio­nel­le Un­ter­stüt­zung su­chen und im pri­va­ten Feld auch schau­en, dass ich Freun­de ha­be, die mich da un­ter­stüt­zen kön­nen. Die Ge­fahr da­bei ist, dass die ir­gend­wann kei­ne Lust mehr ha­ben, zu­zu­hö­ren. Es gibt durch­aus vie­le Fäl­le, wo der Ge­mobb­te kei­ne Fa­mi­lie mehr hat, weil sich die zu­rück­zieht, Frau­en oder Män­ner sich schei­den las­sen, weil sie den Druck nicht mehr aus­hal­ten. Ei­ne Mög­lich­keit wä­re die, dass man die Öf­fent­lich­keit in­for­miert. Vie­le Ein­rich­tun­gen ha­ben wahn­sin­nig Angst vor der Öf­fent­lich­keit, dass ihr Image ei­nen Scha­den er­lei­det. Das ist al­ler­dings ein ge­fähr­li­cher Weg, weil das kann na­tür­lich auch in die Ho­se ge­hen. Ich hat­te da­mals mei­nen Ar­beit­ge­ber auch un­ter Druck ge­setzt und deut­lich ge­macht, ich ge­he an die Öf­fent­lich­keit. Ich de­cke al­le die­se Miss­stän­de hier, im Ge­sund­heits­amt, auf. Ziel von mir war da­mals ei­ne ho­he Ab­fer­ti­gung zu be­kom­men, da­mit ich et­was für ei­nen Start fürs neue Le­ben ha­be, was auch ge­lun­gen ist. Aber das war wirk­lich ein har­ter und bru­ta­ler Kampf. Ei­ne Aus­zeit zu neh­men ist auch sehr wich­tig, um für sich selbst erst­mal wie­der Kraft zu sam­meln, Ab­stand zu ge­win­nen und sich dar­über im Kla­ren zu­wer­den,wa­sich­ei­gent­lich­will.Und im­schlimms­tenFall,muss­man­si­chim Kla­ren wer­den, ob man sich ver­set­zen lässt oder kün­digt. Mein ein­zi­ger lo­gi­sche Schluss war da­mals, die Ab­fin­dungzu­be­kom­men­und­weg­zu­ge­hen. Aber nicht auf je­den Fall durch­hal­ten. Auch das ha­be ich hier in der Be­ra­tung er­lebt, dass die Leu­te manch­mal so blind nur noch sa­gen: „Ich lass’ mir nichts ge­fal­len. Ich hal­te durch, bis zum bit­te­ren En­de“und psy­chisch da­bei drauf­ge­hen.

Aber ist es nicht so, dass man dann qua­si den Mob­ber ge­win­nen lässt, weil er sein Ziel er­reicht hat?

Ich sel­ber ha­be für mich ge­sagt: Nein, ich ha­be ge­kämpft. Ich ha­be mein Ziel for­mu­liert, ich will ei­ne Ab­fin­dung ha­ben und dann bin ich hier weg. Das heißt, die Mob­be­rin hat ih­ren Teil er­reicht: Ich bin weg. Aber ich ha­be un­ter den Be­din­gun­gen das er­reicht, was ich er­rei­chen konn­te. Ein Ge­mobb­ter will meist, dass al­les wie­der so wird, wie es mal war. Das geht nicht. Sie müs­sen da­mit le­ben ler­nen. Das ist un­ge­recht, das ist ge­mein, aber es ist nun mal so.

Dr. Hol­ger Wyr­wa Der Deut­sche lei­tet ei­ne Pra­xis für Psy­cho­the­ra­pie, Su­per­vi­si­on un­dCoa­chin­ginHer­ne.Er­hat­meh­re­re Bü­cher zu Mob­bing pu­bli­ziert, sein ak­tu­el­les be­han­delt auch Cy­ber­mob­bing (sie­he Fo­to).

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