Mein Le­ben mit ei­ner neu­en Lun­ge

Mit 27 Jah­ren wur­de Ger­tru­de Gun­din­ger ei­ne Spen­der­lun­ge trans­plan­tiert. Jetzt, zehn Jah­re spä­ter, geht es der ehe­mals Schwer­kran­ken bes­ser als je zu­vor.

KURIER_SPECIAL - - LUNGENTRANSPLANTATION - MAG­DA­LE­NA MEER­GRAF

de­res üb­rig“, er­in­nert sie sich. Der ver­mehr­te Schleim in den Atem­we­gen führ­te zu In­fek­tio­nen. Durch die Fahrt zur Ar­beit mit dem Zug kam die Bü­ro­an­ge­stell­te täg­lich mit un­zäh­li­gen Bak­te­ri­en in Be­rüh­rung – meh­re­re Lun­gen­ent­zün­dun­gen wa­ren die Fol­ge.

Ih­re Lun­gen­funk­ti­on ver­schlech­ter­te sich wei­ter, bis ein „nor­ma­les Le­ben“kaum noch mög­lich war. Im Kran­ken­haus Lainz schlug man ei­ne Trans­plan­ta­ti­on vor. Wie sie dar­auf re­agier­te? „Über­rascht. Mir war zu dem Zeit­punkt gar nicht be­wusst, wie schlecht es mir ei­gent­lich schon ging. Da­durch, dass es im­mer ge­hei­ßen hat, ich wer­de nicht äl­ter als 18 Jah­re, ha­be ich mich nie mit die­ser Mög­lich­keit aus­ein­an­der­ge­setzt.“Ein an­de­res, ge­sun­des Le­ben hät­te sie sich gar nicht vor­stel­len kön­nen, weil sie schon im­mer krank ge­we­sen ist. Ein Freund ha­be ihr schluss­end­lich bei der Ent­schei­dung ge­hol­fen und sie dar­auf hin­ge­wie­sen, dass sie Scheu­klap­pen auf­ha­be. „Er sag­te mir: ‚Du wirst se­hen, nach der Trans­plan­ta­ti­on steht dir die Welt of­fen.‘ Und so war es dann auch!“Es folg­ten Un­ter­su­chun­gen, ein Vor­stel­lungs­ge­spräch im AKH, ei­ne Prü­fung der Be­fun­de. Nach drei Mo­na­ten wur­de schließ­lich ent­schie­den, dass die Pa­ti­en­tin für ei­ne Trans­plan­ta­ti­on in Fra­ge kommt. Gun­din­ger war in der Zeit auf sich ge­stellt. Nicht, weil sie ih­re El­tern nicht un­ter­stützt hät­ten, son­dern weil sie es so woll­te. „Ich ha­be im­mer al­les mit mir selbst aus­ge­macht. Ich woll­te nie­man­den be­las­ten. Je­der geht mit so ei­ner Si­tua­ti­on an­ders um, für mich war es der rich­ti­ge Weg. Ich be­vor­zu­ge des­we­gen zum Bei­spiel auch ein Ein­zel­zim­mer im Kran­ken­haus.“

Gun­din­ger kam auf die War­te­lis­te: „Für mich war die War­te­zeit die schöns­te Zeit. Denn da hat­te ich mich schon ent­schie­den und wuss­te, dass ich je­de Kraft ab jetzt für mich selbst brau­che. Ich ha­be al­les Ne­ga­ti­ve weg­ge­scho­ben.“Acht Mo­na­te lang muss­te sie auf ein Spen­der­or­gan war­ten. Als dann an ei­nem Sep­tem­ber­tag der An­ruf kam, hat sie schon nicht mehr dar­an ge­glaubt. „Ich hät­te Weih­nach­te nicht mehr er­lebt, weil es mir schon so schlecht ge­gan­gen ist.“Na­tür­lich ha­be sie sich auch Ge­dan­ken ge­macht, ob et­was schief­ge­hen könn­te. Denn ne­ben den all­ge­mei­nen Ope­ra­ti­ons­ri­si­ken sind auch ei­ni­ge spe­zi­fi­sche Kom­pli­ka­tio­nen bei ei­ner Lun­gen­trans­plan­ta­ti­on mög­lich. Sie ha­be sich da­her für al­le Fäl­le von ih­ren El­tern, Ge­schwis­tern, und de­ren Kin­dern mit klei­nen Ge­schen­ken ver­ab­schie­det. Gun­din­ger hat die Ope­ra­ti­on gut über­stan­den. Nach ei­ner Wo­che schon wur­de sie von der In­ten­siv­sta­ti­on ver­legt. Es folg­ten ei­ni­ge Rück­schlä­ge und vor al­lem vie­le Schmer­zen – aber ihr Zu­stand ver­bes­ser­te sich enorm.

„Für mich war die War­te­zeit die schöns­te Zeit. Denn da hat­te ich mich schon ent­schie­den und wuss­te, dass ich je­de Kraft ab jetzt für mich selbst brau­che.“Ger­tru­de Gun­din­ger über die Zeit vor der Trans­plan­ta­ti­on

Jetzt muss Gun­din­ger re­gel­mä­ßig zu Kon­troll­un­ter­su­chun­gen, um chro­ni­sche Ab­sto­ßungs­re­ak­tio­nen recht­zei­tig er­ken­nen zu kön­nen. Um die­se zu ver­hin­dern, muss sie täg­lich Ta­blet­ten ein­neh­men. Und auch sonst ist ihr Le­ben von Dis­zi­plin ge­prägt: Auf In­fek­ti­ons­ge­fah­ren muss sie be­son­ders auf­pas­sen, Hy­gie­ne ist da­her wich­tig. Sich auf die Waa­ge stel­len und Fie­ber mes­sen ge­hört mitt­ler­wei­le zur All­tags­rou­ti­ne. Auch auf die Er­näh­rung muss sie ach­ten. Das sei zwar ei­ne Her­aus­for­de­rung aber „man hat ein Ge­schenk er­hal­ten und dar­um muss man sich nun ein­mal sorg­fäl­tig küm­mern.“Gun­din­ger hat ih­ren Blick nach vor­ne ge­rich­tet und die Zeit mit Sau­er­stoff-

GE­FAHR IN­FEK­TIO­NEN.

la­sche hin­ter sich ge­las­sen. Sie ist wie­der be­rufs­tä­tig und en­ga­giert sie sich eh­ren­amt­lich in Selbst­hil­fe­grup­pen. Das fal­le manch­mal auch schwer, weil nicht je­de Le­bens­ge­schich­te so gut aus­geht wie die ei­ge­ne: „Auf ein Be­gräb­nis ge­hen zu müs­sen ist trau­rig. Ich den­ke mir dann: ‚Das war sein Schick­sal, mei­nes ist ein an­de­res.‘“Ger­tru­de Gun­din­ger hat in ih­rem Le­ben in der An­nah­me, nicht lan­ge ge­nug zu le­ben, nie vor­aus­ge­plant. „In der Schu­le muss­te ich so­gar ein­mal die Klas­se wie­der­ho­len, weil ich aus die­sem Grund nicht ge­lernt ha­be“. Den­noch sei sie im­mer dank­bar für je­den Tag ge­we­sen. Jetzt um­so mehr: Vor kur­zem mach­te sie ih­re ers­te Rei­se nach Rom. –

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