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KURIER_SPECIAL - - ERSTE SEITE -

Li­nus fluch­te. Laut und aus­gie­big. Er wun­der­te sich selbst über die Aus­wahl an Schimpf­wor­ten, die sei­nen Mund ver­ließ. Wahr­schein­lich war es die Er­schöp­fung,dieih­n­ver­ges­sen­ließ,wo­er­sich­be­fand. Die Wän­de wa­ren dünn in sei­nem Wohn­haus. Dünn und neu, ob­wohl sie so ta­ten, als wä­ren sie alt. Li­nus be­reu­te den Tag, an dem er sich ent­schlos­sen hat­te, in den Re­tro­bau zu zie­hen. Old­fa­shio­ned fan­cy, le­ben wie frü­her, ent­schleu­nigt, re­la­xed und selbst­be­stimmt. Phra­sen aus dem Fly­er der Wohn­bau­ge­sell­schaft, die ihn über­zeugt hat­ten. Un­ter­stri­chen von über­be­lich­te­ten Bil­dern von Stie­gen­häu­sern mit Bas­sen­aWasch­be­cken, Hin­ter­hö­fen mit Blu­men, um die sich die Be­woh­ner küm­mern muss­ten. Zim­mer oh­ne Kli­ma­an­la­ge, mit Fens­tern, die man selbst öff­nen muss­te. Bal­ko­ne oh­ne Ver­gla­sung, auf de­nen man der Na­tur aus­ge­lie­fert war. Und Tü­ren mit Schlös­sern. güns­ti­gen Preis im Som­mer schon von Wei­tem an, aber ihr Stand­by hat­te we­ni­ger Ener­gie ver­braucht. Viel we­ni­ger. Prak­ti­scher­wei­se la­ger­ten sie ein­ge­mot­tet in Alu­sä­cken im Kas­ten sei­nes Schlaf­zim­mers. Er wank­te et­was hilf­los und un­ele­gant zur Tür sei­ner Nach­ba­rin. Er kann­te sie nur flüch­tig. Von Be­geg­nun­gen im Lift, von der Gieß­kan­nen­über­ga­be im Hof, und ein­mal war sie in ihn hin­ein­ge­rannt, un­ten an der Haus­tür, und hat­te ihn da­bei in den Arm ge­ritzt.

Es war Som­mer ge­we­sen und sie hat­te ei­nen Tor­so oh­ne Stoff ge­tra­gen. Ei­nen die­ser Si­cher­heits­din­ger, die klei­ne St­a­cheln an den Schul­tern ein­ge­ar­bei­tet hat­ten. Li­nus ach­te­te sonst im­mer dar­auf, wenn er drau­ßen un­ter­wegs war. Aber dies­mal hat­te er kei­ne Chan­ce ge­habt. Sie hat­te sich nicht ein­mal ent­schul­digt, son­dern war im Stie­gen­haus ver­schwun­den, und Li­nus er­in­ner­te sich nur an ih­re grü­nen ver­ächt­li­chen Au­gen und den glän­zen­den Kopf. Er wuss­te nicht ein­mal ih­ren Na­men. Er stand auch nicht an ih­rer Tür, da­bei war das Teil des Ge­mein­schafts­ab­kom­mens ge­we­sen, das sie beim Ein­zug un­ter­zeich­net hat­ten. Sie be­saß auf je­den Fall ei­ne die­ser chi­cen über­teu­er­ten al­ten Tür­klin­geln mit Me­tall­knopf. Ein Schal­ter wä­re Li­nus lie­ber ge­we­sen. Die rech­te Hand hat­te nun end­gül­tig auf­ge­ge­ben und auch der Arm ließ sich nicht mehr he­ben. Links wa­ren zwar noch Mit­tel- und Ring­fin­ger mo­bil, der Arm bau­mel­te je­doch schlaff am Rumpf. Li­nus bück­te sich, so gut es ging, und ramm­te sei­ne Stirn ge­gen den klei­nen Me­tall­knopf. End­lich. Das Schril­len ei­ner Glo­cke er­tön­te. Es war die­ser ei­ne Re­troTon, der so­fort al­les über die Be­woh­ner ver­riet. Li­nus wuss­te, was ihn hin­ter der Tür er-

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