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„Stell dir vor, du hast ein neu­ge­bo­re­nes Ba­by, das weint, ge­füt­tert wer­den muss und al­le zwei bis drei St­un­den neue Win­deln braucht. Dia­be­tes ist ge­nau­so: Nur, dass es nie­mals auf­hört.“So be­schreibt Da­na Le­wis ihr Le­ben mit der Stoff­wech­sel­er­kran­kung. Was hier nach ei­ner ge­wal­ti­gen Ein­schrän­kung der Le­bens­qua­li­tät klingt, ist ei­ner der blu­mi­ge­ren Ver­glei­che.

Dras­ti­scher aus­ge­drückt, ist das Le­ben mit Dia­be­tes ein per­ma­nen­ter Draht­seil­akt, ein kon­stan­tes Spiel mit der Ba­lan­ce. Ist der Glu­ko­se­wert (Blut­zu­cker­spie­gel) zu nied­rig, dro­hen Ohn­macht, Ko­ma, Hirn­schä­den und Herz­in­fark­te; ist der Wert lang­fris­tig zu hoch, Blind­heit, Nie­ren­ver­sa­gen oder Fuß­am­pu­ta­tio­nen. Dia­be­ti­ker sind auch ei­ne Ri­si­ko­grup­pe für De­pres­sio­nen. Dies liegt nicht nur an der dau­er­haf­ten Be­las­tung und dem Auf­wand, den Dia­be­tes ver­ur­sacht, son­dern auch an dem ge­sell­schaft­li­chen Stig­ma, das auf Un­wis­sen­heit und Igno­ranz ba­siert. Dies trifft be­son­ders jun­ge Pa­ti­en­ten hart. In Face­book-Grup­pen und Fo­ren tau­schen die ih­re Er­leb­nis­se aus. Im­mer wie­der kommt es vor, dass äl­te­re Men­schen sie als „Gift­ler“be­zeich­nen und mit der Po­li­zei dro­hen, falls sie nicht so­fort ver­schwin­den. Wird ver­sucht, ih­nen zu er­klä­ren, dass die Sprit­ze, die meist am Bauch an­ge­setzt wird, In­su­lin und kein He­ro­in er­hält, wer­den sie auch noch als Lüg­ner be­schimpft, weil „nur Bla­de zu­cker­krank sind“. Be­son­ders bit­ter ist es, wenn selbst Fa­mi­li­en­mit­glie­der jah­re­lang die­sen Irr­glau­ben be­harr­lich bei­be­hal­ten: „Hät­test halt nicht so viel Sü­ßig­kei­ten g’fres­sen“, be­kommt et­wa ei­ne Be­trof­fe­ne, bei der im Al­ter von 24 Jah­ren Dia­be­tes dia­gnos­ti­ziert wur­de, von ih­rem Va­ter zu hö­ren.

Der Grund da­für ist, dass vie­le den Un­ter­schied zwi­schen den Dia­be­tes-Ty­pen nicht ken­nen. Die Haupt­for­men von Dia­be­tes sind Typ 1 und Typ 2. Typ 2 ist die häu­figs­te Form, die um­gangs­sprach­lich auch Al­ters­dia­be­tes ge­nannt wird. Die­se trifft häu­fig Men­schen, die äl­ter als 40 Jah­re und über­ge­wich­tigs­ind.Man­chePa­ti­en­ten­mitTy­p2­kön­nen durch Er­näh­rungs­um­stel­lung, Sport und ora­le Me­di­ka­men­te die Krank­heit recht gut un­ter Kon­trol­le brin­gen. Die­ses Glück ha­ben Pa­ti­en­ten mit Typ 1 nicht. Das ei­ge­ne Im­mun­sys­tem ver­nich­tet die In­su­lin-pro­du­zie­ren­den Zel­len, wes­halb dem Kör­per ein Le­ben lang In­su­lin zu­ge­führt wer­den muss. Typ 1 kann al­le Men­schen tref­fen, häu­fig oh­ne Vor­war­nung. Oft wird die Dia­gno­se be­reits im Kin­der- und Ju­gend­al­ter ge­stellt. Wie ge­nau Typ-1-Dia­be­tes aus­ge­löst wird, ist noch nicht klar. „Lei­der sind wir den Ur­sa­chen noch nicht viel nä­her­ge­kom­men. Mul­ti­fak­t­o­ri­ell ist wei­ter­hin das Schlag­wort: Wir ver­mu­ten ei­ne Kom­bi­na­ti­on aus Ge­nen, Um­welt­fak­to­ren wie Mut­ter­milch oder Stil­len und vi­ra­len In­fek­tio­nen“, sagt Ju­lia Ma­der, die an der Me­di­zi­ni­schen Uni­ver­si­tät Graz an Dia­be­tes forscht. Ge­sund­heits­or­ga­ni­sa­tio­nen sind be­sorgt, da bei­de Dia­be­tes-Ty­pen stark zu­neh­men. Typ 2, den 90 Pro­zent al­ler Dia­be­tes-Er­krank­ten ha­ben, wird als Zi­vi­li­sa­ti­ons­krank­heit ge­se­hen, da er durch Über­ge­wicht, ver­ur­sacht durch schlech­te Er­näh­rung und zu we­nig Be­we­gung, be­güns­tigt wird. Das kann theo­re­tisch be­kämpft wer­den. Bei Typ 1 ist das schwe­rer, da die Ur­sa­che für den Aus­bruch der Krank­heit noch nicht ge­klärt ist.

Schät­zun­gen zu­fol­ge sind der­zeit 645.000 Per­so­nen in Ös­ter­reich von Dia­be­tes be­trof­fen. Ex­per­ten spre­chen von ei­ner vor­sich­ti­gen Schät­zung, die An­zahl der tat­säch­li­chen Er­kran­kun­gen könn­te deut­lich hö­her sein. Ge­naue Zah­len gibt es nicht, da kein ös­ter­reich­wei­tes Dia­be­tes-Re­gis­ter exis­tiert. „Die Dia­be­tes-Stra­te­gie, die Ende März prä­sen­tiert wur­de, sieht den Auf­bau ei­nes bun­des­wei­ten Da­ten­netz­werks zu Dia­be­tes-Epi­de­mio­lo­gie und Ver­sor­gungs­qua­li­tät vor“, heißt es aus dem Ge­sund­heits­mi­nis­te­ri­um. Soll­te die­se Dia­be­tes-Stra­te­gie nicht grei­fen, könn­te es im Jahr 2040 be­reits 945.000 Dia­be­ti­ker in Ös­ter­reich ge­ben. Welt­weit wird zu die­sem Zeit­punkt mit 642 Mil­lio­nen Be­trof­fe­nen ge­rech­net. Für die Me­di­zin­in­dus­trie sind das äu­ßert gu­te Aus­sich­ten. Ge­ra­de Typ-1-Pa­ti­en­ten sind ei­ne will­kom­me­ne Ziel­grup­pe, da sie

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