„Le­be ein be­wuss­tes Le­ben im Mo­ment“

Bei Mar­kus Lust, Chef­re­dak­teur von Vice Ös­ter­reich, wur­de im Klein­kind­al­ter ei­ne leich­te Au­s­prä­gung der Glas­kno­chen­krank­heit dia­gnos­ti­ziert.

KURIER_SPECIAL - - INTERVIEW -

weiß, dass es mei­ne Mut­ter wäh­rend mei­ner ge­sam­ten Schul­zeit fer­tig­ge­macht hat, wenn tags­über ein An­ruf mit un­ter­drück­ter Ruf­num­mer kam oder ich nicht pünkt­lich aus der Schu­le heim­ge­kom­men bin, weil sie sich im­mer gleich aus­ge­malt hat, dass ich ge­ra­de in ir­gend­ei­ner Am­bu­lanz sit­ze. Es prägt al­so schon die Be­zie­hung zwi­schen El­tern und Kind, ob­wohl ich mir nicht si­cher bin, ob das nicht trotz­dem die­sel­ben The­men sind wie in je­der an­de­ren Fa­mi­lie auch: al­so Re­bel­li­on, Über­be­hü­tung,Selbst­stän­dig­keit,Sor­gen und so wei­ter. Das ist ein schwie­ri­ger Punkt. Zum ei­nen, weil ich ei­ne sehr leich­te Form von Glas­kno­chen ha­be. An­de­re ha­ben mehr Auf­merk­sam­keit ver­dient und drin­gen­der nö­tig als ich. Zum an­de­ren ist aber auch ge­nau das ein Pro­blem: Da man mir die Krank­heit nicht an­sieht, muss ich mich um­so öf­ter recht­fer­ti­gen, wenn ich nicht bei kör­per­li­chen Ak­ti­vi­tä­ten mit­ma­che, ir­gend­wo run­ter­sprin­ge, oder mit rau­fe. Die Krank­heit hat zum Bei­spiel die Ne­ben­wir­kung, dass man ver­stärkt schwitzt, was im Hoch­som­mer nicht auf­fällt, aber sonst schon – was mich re­gel­mä­ßig in Er­klä­rungs­not bringt. Ge­ne­rell glaub ich aber, dass ich mich nicht über zu we­nig Wis­sen be­schwe­ren kann. Glas­kno­chen sind ei­ne sehr sel­te­ne Er­kran­kung und ich wür­de nie ver­lan­gen, dass je­der Mensch sich mit den Pro­ble­men al­ler an­de­ren in­ten­siv be­schäf­ti­gen müss­te. aber ich glau­be durch­aus, dass man ih­nen ei­nen Sinn ab­ge­win­nen kann. Oh­ne Glas­kno­chen wä­re ich nicht beim Sport­un­ter­richt da­ne­ben ge­ses­sen und hät­te nicht so gut von au­ßen mit­be­kom­men, wie Grup­pen­dy­na­mik in Schul­klas­sen funk­tio­niert. Wäh­rend an­de­re da­mit be­schäf­tigt wa­ren, Hack­ord­nun­gen aus­zu­ma­chen, war ich qua­si der An­thro­po­lo­ge am Ran­de. Das hat mir wie­der­um ge­hol­fen, Kom­mu­ni­ka­ti­on zu ver­ste­hen. Und weil ich we­nig Sport ma­chen konn­te, muss­te ich mir eben an­de­re Be­schäf­ti­gun­gen su­chen, wo­durch ich zu­erst zum Zeich­nen und dann zum Schrei­ben ge­kom­men bin. Ein an­de­rer po­si­ti­ver Ne­ben­ef­fekt ist wahr­schein­lich mei­ne gan­ze heu­ti­ge Le­bens­ein­stel­lung, die wie ge­sagt viel mit dem Fa­ta­lis­mus der frü­he­ren Brü­che und dem be­wuss­ten Le­ben im Mo­ment zu tun hat. Das Po­si­tivs­te an mei­ner Krank­heit ist al­so si­cher, dass sie mich zu ei­nem Men­schen ge­macht hat, der sich am Abend beim Ein­schla­fen kurz denkt, dass al­les ziem­lich gut ist.

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