Die See­le steu­ert das Herz

Sym­bio­se. Nicht nur kör­per­li­che Er­kran­kun­gen schla­gen aufs Ge­müt. Auch un­ser see­li­scher Zu­stand be­stimmt, wie der Kör­per tickt und das Herz schlägt.

KURIER_UNSER HERZ - - Inhalt - -THERESA GIRARDI

Wie die Psy­che das Herz schä­di­gen kann

Ob Durch­blu­tungs­stö­rung, Herz­in­suf­fi­zi­enz oder In­farkt – wie an­greif­bar das Herz ist, hängt zu ei­nem nicht un­we­sent­li­chen Teil von un­se­rer Psy­che ab. Eve­lyn Kun­schitz, Ärz­tin für psy­cho­so­ma­ti­sche Me­di­zin und Fach­be­reichs­lei­te­rin für Psy­cho­kar­dio­lo­gie an der Wie­ner Ge­biets­kran­ken­kas­se, spricht im In­ter­view über das Zu­sam­men­spiel von Kör­per und Psy­che, dem Ri­si­ko­fak­tor De­pres­si­on und er­folg­rei­ches Stress­ma­nage­ment.

Kar­dio­lo­gie be­schäf­tigt sich mit der Funk­ti­on des Her­zens. Die Psy­cho­so­ma­tik er­forscht da­bei die Aus­lö­ser und Fol­gen von see­li­schen Er­kran­kun­gen. Wie spie­len die­se Dis­zi­pli­nen zu­sam­men?

Eve­lyn Kun­schitz: Im Blickpunkt der Psy­cho­kar­dio­lo­gie ste­hen kör­per­li­che, psy­chi­sche und so­zia­le Pro­zes­se, die auf den Ver­lauf von Herz-Kreis­lauf-Er­kran­kun­gen Ein­fluss neh­men oder die­se so­gar aus­lö­sen. Wir be­schäf­ti­gen uns ei­ner­seits mit der psy­chi­schen Ver­ar­bei­tung von kar­di­alen Krank­hei­ten – wenn et­wa de­pres­si­ve Ver­stim­mun­gen, post­trau­ma­ti­sche Be­las­tungs­sym­pto­me oder krank­heits­be­zo­ge­ne Angst­zu­stän­de auf­tre­ten. An­de­rer­seits mit psy­cho­ge­nen Ursachen von Herz­be­schwer­den. Psy­cho­so­ma­tik ist ei­ne not­wen­di­ge Er­gän­zung der bio­me­di­zi­ni­schen Hoch­leis­tungs­me­di­zin.

In­wie­fern be­ein­flusst die Psy­che das Herz und den Kreis­lauf? Kann der Kopf das Herz krank­ma­chen?

Bei emo­tio­na­len Be­las­tun­gen wird der Kö­per mit Stress­hor­mo­nen wie Kor­ti­sol und Ad­re­na­lin über­schwemmt, wor­auf­hin das Herz schnel­ler und mit mehr Druck pumpt. Die­ser so­ge­nann­te „Eus­tress“be­ein­flusst den Or­ga­nis­mus auf po­si­ti­ve Wei­se, er­höht die Auf­merk­sam­keit und för­dert un­se­re Leis­tungs­fä­hig­keit. Kommt das Herz aber nicht mehr zur Ru­he, ver­wan­deln sich Im­pul­se in ne­ga­ti­ven „Diss­tress“. Bei ei­nem oh­ne­hin ho­hen Stress­le­vel kön­nen aku­te Er­eig­nis­se wie To­des­fäl­le, Tren­nun­gen, aber auch Na­tur­ka­ta­stro­phen für den Or­ga­nis­mus be­droh­li­che Aus­ma­ße an­neh­men.

Man soll­te al­so dau­er­haf­ten Stress ver­su­chen zu um­ge­hen, um das Herz nicht aus dem Takt zu brin­gen?

Na­tür­lich sind nicht nur psy­cho­so­zia­le Fak­to­ren für das Funk­tio­nie­ren des Herz-Kreis­lauf-Sys­tems ver­ant­wort­lich. An vor­ders­ter Stel­le ste­hen im­mer noch Fett­stoff­wech­sel­stö­run­gen, Dia­be­tes und Rau­chen. Doch gera­de der Ar­beits­platz ver­ur­sacht bei vie­len Men­schen chro­nisch emo­tio­na­len Diss­tress, wenn zu ho­he An­for­de­run­gen ein ste­ti­ges Miss­ver­hält­nis von Ver­aus­ga­bung und Be­loh­nung ge­ne­rie­ren. Oder feh­len­de Ein­fluss­mög­lich­kei­ten Auf­stiegs­chan­cen blo­ckie­ren. Die­ser „job strain“führt zu ei­nem fünf­fach er­höh­ten Herz­er­kran­kungs­ri­si­ko.

Auch po­si­ti­ve Er­fah­run­gen und Be­zie­hun­gen wir­ken sich auf un­se­ren Kö­per aus. Gibt es ihn, den Hap­py­He­art-Ef­fekt?

Ver­ein­facht ge­sagt, ja. Das Ver­liebt-Sein ist in der An­fangs­pha­se erst ein­mal ein Stres­sor, der das Herz „hö­her schla­gen lässt.“Mit dem Wach­sen ei­ner Be­zie­hung wird das Ge­gen­über dann zum Ru­he­pol: Puls und Blut­druck sen­ken sich, die Mus­ku­la­tur ent­spannt, das au­to­no­me Ner­ven­sys­tem ist aus­ge­gli­chen und un­ser Herz ent­las­tet. Beim Ge­schlechts­ver­kehr wer­den au­ßer­dem En­dor­phi­ne frei­ge­setzt, die sich nach­weis­lich ge­sund­heits­för­dernd auf un­se­re Or­ga­ne aus­wir­ken.

Chro­nisch de­pres­si­ve Men­schen ster­ben frü­her. Was lösen De­pres­sio­nen im Kör­per aus?

Der Kör­per ist in dau­er­haf­tem Alarm­zu­stand, die Fre­quenz des Herz­schlags ist da­mit nicht mehr so va­ria­bel, Mus­keln ent­span­nen sich nur schwer und Ent­zün­dun­gen in Blut­ge­fä­ßen tre­ten häu­fi­ger auf. Nach au­ßen mag sich ei­ne De­pres­si­on mit Er­schöp­fungs­ge­füh­len oder Schlaf­stö­run­gen sicht­bar ma­chen. Im In­ne­ren des Or­ga­nis­mus lau­fen oft Re­ak­tio­nen ab, die zu ei­ner Ver­kal­kung der Ar­te­ri­en und da­mit zum Herz­in­farkt füh­ren kön­nen. Schon im Mut­ter­leib wir­ken sich see­li­sche Er­kran­kun­gen und so­zia­le Not üb­ri­gens ne­ga­tiv auf das Im­mun­sys­tem des Kin­des aus, Kor­ti­sol kann die Pla­zen­ta ver­kal­ken und zu Klein­wüch­sig­keit füh­ren.

Es heißt, be­stimm­te Ty­pen von Per­sön­lich­kei­ten sei­en prä­des­ti­niert,

„Psy­cho­so­ma­tik ist ei­ne not­wen­di­ge Er­gän­zung der bio­me­di­zi­ni­schen Hoch­leis­tungs­me­di­zin.“Eve­lyn Kun­schitz, Ärz­tin für psy­cho­so­ma­ti­sche Me­di­zin und Fach­be­reichs­lei­te­rin für Psy­cho­kar­dio­lo­gie WGKK

ei­ne Herz­er­kran­kung zu er­lei­den. Stimmt es, dass Cho­le­ri­ker häu­fi­ger an Herz­er­kran­kun­gen lei­den?

Grund­sätz­lich kann man kei­nen Typ Mensch fest­ma­chen, der auf­grund be­stimm­ter We­sens­merk­ma­le leich­ter am Her­zen er­kran­ken wür­de. Was wir aber be­stä­ti­gen kön­nen, ist, dass die Nei­gung zu Är­ger und Feind­se­lig­keit auch mit Herz­schwä­chen oder In­fark­ten kor­re­liert. Bei Frau­en äu­ßern sich la­bi­le Ge­müts­zu­stän­de oft mit Zu­rück­ge­zo­gen­heit und kör­per­li­cher Er­schöp­fung, wäh­rend Män­ner feind­se­lig und ag­gres­siv re­agie­ren kön­nen. In­ter­es­san­ti­s­tau­ßer­dem, dass Män­ner et­wa acht bis zehn Jah­re frü­her Herz­er­kran­kun­gen er­lei­den. Als Schutz­schild der Frau ma­chen Ex­per­ten den hö­he­ren Östro­gen­spie­gel ver­ant­wort­lich.

Wie funk­tio­niert er­folg­rei­ches Stress­ma­nage­ment? Wie kön­nen wir durch recht­zei­ti­ges Ab­schal­ten un­se­rem Herz et­was Gu­tes tun?

Stress er­for­dert ei­ne gut kon­zen­trier­te An­pas­sung an die je­wei­li­gen An­for­de­run­gen, um ei­ne in­ne­re Aus­ge­gli­chen­heit auf­recht­zu­er­hal­ten. Re­gel­mä­ßi­ge Be­we­gung und Aus­dau­er­trai­ning, am bes­ten in der Na­tur, das Be­frei­en von „Un­nö­ti­gem“, das Ein­pla­nen von Ru­he­pau­sen im Ta­ges­ab­lauf, aus­rei­chend Schlaf, aber auch ge­sun­de Er­näh­rung, Au­to­ge­nes Trai­ning, Me­di­ta­ti­on, Yo­ga oder Qi­gong – all die­se Din­ge tra­gen da­zu bei, dass sich Herz und Psy­che wohl­füh­len.

Chro­nisch emo­tio­na­ler Diss­tress kann auch ge­fähr­lich fürs Herz wer­den

Ex­tre­me Stress­si­tua­tio­nen wie der Tod ei­nes ge­lieb­ten Men­schen kann das Bro­kenHe­art-Syn­drom aus­lö­sen

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