IN­SELN DER FAN­TA­SIE

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Ein Traum aus vie­len Kno­ten: Tep­pi­che er­obern den Raum zu­rück

» Erst ver­sucht das Au­ge zu er­fas­sen, dann der In­tel­lekt­zu­ver­ste­hen. Bei­des funk­tio­niert nicht wirk­lich. So un­glaub­lich schön ist der Ge­samt­ein­druck, so un­fass­bar je­des De­tail. Wer die Ma­gie von Tep­pi­chen er­le­ben will, be­sucht am bes­ten die Tep­pich­samm­lung des Mu­se­um für An­ge­wand­te Kunst (MAK) in Wi­en. Sie ist ei­ne der hoch­ka­rä­tigs­ten Samm­lun­gen der Welt, mit ei­ner Fül­le an kost­ba­ren per­si­schen und mam­lu­ki­schen Tep­pi­chen aus dem 16. und 17. Jahr­hun­dert. Ne­ben dem welt­weit ein­zi­gen, noch er­hal­te­nen sei­de­nen Mam­lu­ken­tep­pich aus Ägyp­ten um 1500 ist der so ge­nann­te „Wie­ner Jagd­tep­pich“ein Glanz­stück der Samm­lung. Er ist bei­na­he

Der Tep­pich ist ei­ner der äl­tes­ten und mo­bils­ten Ein­rich­tungs­ge­gen­stän­de der Mensch­heit. Schon No­ma­den­völ­ker hat­ten ihn aus gu­tem Grund im­mer da­bei: Er schützt, ver­leiht At­mo­sphä­re und be­flü­gelt die Fan­ta­sie.

sie­ben Me­ter lang, über drei Me­ter breit und voll­kom­men aus Sei­de. Auf ei­nem Qua­drat­de­zi­me­ter, al­so auf ei­ner Flä­che von zehn mal zehn Zen­ti­me­tern, be­fin­den sich 14.300 (!) Kno­ten. Wie ge­sagt: Das Au­ge ver­sucht die­se Kunst­fer­tig­keit zu er­fas­sen, aber man schei­tert, wenn auch in tie­fer Ehr­furcht.

TEX­TI­LER SU­PER­STAR. Tat­säch­lich kann man sich nicht mal an­satz­wei­se vor­stel­len, wie vie­le Tau­sen­de St­un­den Frau­en an die­sem, an Mo­ti­vik so rei­chem Kunst­werk ge­knüpft ha­ben mö­gen. In der Mit­te des Tep­pichs be­fin­det sich ein Me­dail­lon mit Dra­chen und Phö­ni­xen. An den Ecken for­mie­ren sich sa­fa­wi­di­sche Rei­ter und Beu­te­tie­re zu ei­ner der be­rühm­ten hö­fi­schen Jag­den. Ent­stan­den sein dürf­te der Tep­pich im Um­feld des Ho­fes des kunst­sin­ni­gen Schah Tah­masp I. zu Be­ginn des 16. Jahr­hun­derts. Er ist ver­mut­lich als di­plo­ma­ti­sches Prä­sent in den Be­sitz der Habs­bur­ger, spä­ter mit an­de­ren tex­ti­len Leih­ga­ben des Kai­ser­hau­ses ins MAK ge­kom­men. „Die­ser Tep­pich ist ei­ner un­se­rer Su­per­stars und ei­ner der feins­ten Tep­pi­che der Welt“, sag­te MAK-Di­rek­tor Christoph Thun-Hohenstein an­läss­lich der Neu­prä­sen­ta­ti­on der Tep­pich­samm­lung. Seit­her zeigt das Mu­se­um sei­ne be­rühm­ten Bo­den­schät­ze in ei­ner ful­mi­nan­ten,mo­der­nen »

Prä­sen­ta­ti­on des Wie­ner De­si­gners Micha­elEm­ba­cher. DerAus­stel­lungs­raum mu­tet wie das In­ne­re ei­nes Sei­den­rau­pen-Kon­kons an, in dem die Tep­pi­che, ge­tra­gen­von­dün­nen Stahl­sei­len, in ver­schie­de­nen Hö­hen und Aus­rich­tun­gen zu schwe­ben schei­nen. „Auf die­se Wei­se soll je­der Tep­pich als drei­di­men­sio­na­les Ob­jekt in sei­ner gan­zen Plas­ti­zi­tät, mit ver­än­der­li­chen Far­ben, Tex­tu­ren und Ma­te­ria­li­tä­ten wahr­ge­nom­men wer­den“, er­läu­tert Christoph Thun-Hohenstein das Kon­zept. Und das geht auf. Seit­her scha­ren sich Be­su­cher aus al­ler Welt im MAK nicht nur, um Loos, Hoff­mann und Kon­sor­ten zu se­hen, son­dern­las­sen­sich­von­der Ma­gie­der Tep­pi­che in­spi­rie­ren. „Der ge­ra­de heu­te wie­der er­kenn­ba­re Trend des in­di­vi­du­el­len Mi­schens ver­schie­dens­ter Ein­rich­tungs­ob­jek­te er­öff­net dem Tep­pich neue Chan­ce“, freut sich Thun­Ho­hen­stein und trifft da­mit ei­nen Wohn­trend un­se­rer Zeit. »

Dem pflich­tet Tep­pich­we­be­rin Bea­te von Har­ten bei. In ih­rem Ate­lier für Tex­til­de­sign in der Wie­ner Stift­gas­se webt sie seit 1984 kunst­vol­le Ta­pis­se­ri­en, Tep­pi­che, Stof­fe für Wand und Bo­den aus Wol­le, Sei­de, Lei­nen und an­de­ren na­tür­li­chen Ma­te­ria­li­en. Ab­ge­se­hen von der Op­tik „sind Tep­pi­che in Räu­men in vie­ler­lei Hin­sicht ein Ge­winn. Sie schaf­fen ein gu­tes Kli­ma und ei­ne aus­ge­gli­che­ne Akus­tik. Sie re­gu­lie­ren die Luft­feuch­tig­keit und er­hö­hen auf­grund ih­rer Qua­li­tät die Schwin­gung in Räu­men po­si­tiv“, sagt Bea­te von Har­ten, die ein aus­ge­spro­che­nes Ge­fühl für Äs­t­he­tik, Far­ben und Emo­tio­nen hat.

TOPTRENDS. Ei­gent­lich wa­ren Tep­pi­che ja nie wirk­lich out. Mag sein, dass sie der nüch­ter­ne Ein­rich­tungs­stil der ver­gan­ge­nen Jah­re et­was ins Ab­seits ge­drängt hat und da­für der Par­kett­bo­den fa­vo­ri­siert wur­de. Nun aber sind sie wie­der da, aus­drucks­stär­ker und selbst­be­wuss­ter denn je. Ob mit oder oh­ne Fran­sen, läs­si­ge Tep­pi­che in Schwarz-Weiß-Op­ti­ken, wie die gu­ten, „al­ten“Rau­ten­tep­pi­che, flan­kie­ren den ak­tu­el­len Vin­ta­ge- oder Eth­no-Look, pas­sen aber ge­nau­so gut zu mo­der­nem Am­bi­en­te. Wo Schwarz und Weiß im Spiel sind, sind star­ke Far­ben nicht weit. Auch mit leuch­ten­den Ko­lo­rits und ex­tra­va­gan­ten Mus­tern set­zen Tep­pi­che Raum-State­ments. Um­welt­be­wusst­sein, Öko, Nach­hal­tig­keit – das sind Schlag­wor­te, die seit Jah­ren The­ma sind. Ein Me­ga­trend, der sich, so die Zeit­geist­for­scher, noch ver­stär­ken wird. Ihn flan­kie­ren Tep­pi­che in de­zen­ten Far­ben wie Sand und St­ein. Auch sol­che mit saf­ti­gen Grün­flä­chen, Grä­sern, Blät­tern, eben ganz viel Bo­ta­nik. Viel­fach wir­ken die­se Tep­pi­che durch tol­le Struk­tu­ren wie 3-D-Ge­mäl­de, in die man am liebs­ten hin­ein­sprin­gen wür­de. Ja, und auch Ori­ent­tep­pi­che sind zu­rück. Ne­ben tra­di­tio­nel­len Mus­tern gibt es fri­sche De­signs des Klas­si­kers. Mo­dern ge­knüpft oder un­kon­ven­tio­nell ge­färbt, wer­den die his­to­ri­schen Ba­sics auf­re­gend neu in­ter­pre­tiert. Auch Tep­pich­we­be­rin Bea­te von Har­ten nimmt sich ak­tu­ell ei­nes his­to­ri­schen The­ma­san, in­dem­sie­den­s­a­genum wo­be­nen Früh­lings­tep­pich ei­nes sa­sa­ni­di­schen Kö­nigs nach ih­rer künst­le­ri­schen Fa­çon rea­li­siert. Der Le­gen­de nach war der Tep­pich rie­sen­groß, kost­bar mit Gold­fä­den durch­wirkt und die Blü­ten­mo­ti­ve mit Edel­stei­nen be­setzt. Bea­te von Har­ten er­fin­det die­sen Tep­pich nun neu – ein schö­nes Sym­bol da­für, wie sehr doch Tra­di­ti­on und Mo­der­ne mit­ein­an­der ver­wo­ben sind. -COR­DU­LA PUCH­WEIN

Von der Na­tur in­spi­riert: far­ben­präch­tigsinn­li­cher Web­tep­pich von Bea­te von Har­ten

Welt­be­rühmt und se­hens­wert: Tep­pich­samm­lung des MAK Wi­en. Re.: Tep­pich „Xi­an Sli­ce“von Brink & Cap­man

Li.:

Wenn sich Klän­ge har­mo­nisch über­la­gern, bil­den sich Klang­flä­chen, so­ge­nann­te So­und­scapes. So hei­ßen auch die neu­en Tep­pi­che von Ky­mo. Un­ten: Tren­di­ger Bo­den­schatz in Schwarz-Weiß. Hubsch In­te­ri­or

Tep­pich­flie­sen sind auch su­per­tren­dy. Mit die­sen tex­ti­len „Darts Dia­monds“von Vor­werk kann man sei­ne ei­ge­ne Tep­pich-Land­schaft kre­ieren

Der Kin­der­tep­pich „Fun­ky Flo­wer“in Mul­ti­co­lor bringt gu­te Lau­ne ins Kin­der­zim­mer. Bei Be­nu­ta. 205 €

Tep­pich „Kalei­do­scop Hor­tus“aus Schur­wol­le bringt Bo­ta­nik nach Hau­se. Von Brink & Cam­pan. Bei Be­nu­ta, 1235 €

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