„MÖ­BEL ER­OBERN DEN RAUM ZU­RÜCK“

KURIER_WOHNEN - - Inhalt -

In­ter­view mit der Trend­for­sche­rin Chris­tia­ne Var­ga

Die Trend­for­sche­rin Chris­tia­ne Var­ga vom Zu­kunfts­in­sti­tut er­klärt im In­ter­view zur Zu­kunft des Woh­nens , wie­so wir im­mer häu­fi­ger Mö­bel vom Floh­markt als von Ikea kau­fen, die Zu­kunft auch wei­ter­hin ana­log bleibt und Pa­ra­dei­ser das neue Ipho­ne sind.

Die Ger­ma­nis­tin und So­zio­lo­gin Chris­tia­ne Var­ga ar­bei­tet am Zu­kunfts­in­sti­tut in Wi­en. Sie fo­kus­siert sich in ih­rer Ar­beit auf raum­be­zo­ge­ne Ge­sell­schafts­ana­ly­se mit den Schwer­punk­ten New Li­ving, New Work und Ge­schlech­ter­rol­len. Die ak­tua­li­sier­te „Zu­kunft des Woh­nens“-Stu­die er­scheint An­fang 2017.

Frau Var­ga, ei­ne der zen­tra­len The­sen Ih­rer Stu­die „Zu­kunft des Woh­nens bis 2025“lau­tet „Woh­nen de­zen­tra­li­siert sich“. Was be­deu­tet das? Chris­tia­ne Var­ga: Die Woh­nung bleibt zwar der Kern, doch wird sie nicht mehr voll­stän­dig aus­ge­stat­tet sein. Al­les, was nicht täg­lich not­wen­dig ist, wird „aus­ge­la­gert“. Da­für hat man im Wohn­haus grö­ße­re Kü­chen, Bi­b­lio­the­ken, Gäs­te­zim­mer und Lern­räu­me. Oder man bucht pri­va­te Räu­me, die on de­mand zur Ver­fü­gung ste­hen. Auch wenn es viel­leicht nicht die ers­te As­so­zia­ti­on ist: Wi­en ist da weit vor­ne. Der Wohn­bau hat stets dar­auf ge­ach­tet, Ge­mein­schafts­räu­me in Wohn­häu­sern ein­zu­pla­nen.

Wel­che Aus­wir­kun­gen wer­den mo­der­ne Fa­mi­li­en­struk­tu­ren auf die Nut­zung von Wohn­raum ha­ben? Woh­nen in Groß­städ­ten ist teu­er: Patch­work-Fa­mi­li­en brau­chen aber oft gar nicht un­be­dingt viel Wohn­flä­che. Da ist die Woh­nung nur aus­ge­las­tet, wenn ge­ra­de die Kin­der da sind. So er­ge­ben sich Op­tio­nen, wie dass man ei­ne gro­ße Kü­che bei Be­darf zu­mie­tet. Kol­la­bo­ra­ti­ves Woh­nen hat auch wei­te­re Vor­tei­le: Man passt et­wa ge­gen­sei­tig auf die Kin­der auf . Für Singles kann auch der so­zia­le Aspekt in­ter­es­sant sein.

Pas­siert die ge­mein­schaft­li­che Nut­zung von Wohn­raum be­wusst oder viel­mehr we­gen Platz­man­gel und ho­her Mie­ten? Es geht da­bei ja nicht um ei­ne Hip­pie-Kom­mu­ne, in der sich al­le gut mit­ein­an­der ver­ste­hen müs­sen. Ein ge­wis­ser Prag­ma­tis­mus spielt da si­cher mit rein, man hat ja selbst was da­von. Für die­se Art von Zu­sam­men­le­ben braucht man aber auch kon­kre­te Re­geln, je­man­den, der das or­ga­ni­siert und mo­de­riert. Da ent­ste­hen ge­ra­de di­gi­ta­le Platt­for­men, die das Zu­sam­men­le­ben in der ana­lo­gen Welt re­geln.

Wie passt kol­la­bo­ra­ti­ves Woh­nen zum – wie das Zu­kunfts­in­sti­tut es nennt – Me­ga­trend In­di­vi­dua­li­sie­rung? Bei In­di­vi­dua­li­sie­rung denkt man zu­erst: Al­le sind auf sich selbst fi­xiert und ma­chen ihr Ding. Aber je­der Trend hat ei­nen Ge­gen­trend. Die an­de­re Fa­cet­te ist näm­lich die Sehn­sucht nach Ge­mein­schaft, die wie­der ent­steht. Die er­gibt sich aus der Wech­sel­wir­kung zwi­schen ho­her Mo­bi­li­tät in ei­ner glo­ba­len Welt und dem gleich­zei­ti­gen Wunsch nach lo­ka­ler Ver­an­ke­rung. Man will sich mit sei­nem Vier­tel iden­ti­fi­zie­ren, ge­gen­sei­tig­hel­fen. Und grün­det zum Bei­spiel Nach­bar­schafts­in­itia­ti­ven.

In ih­rer Stu­die heißt es auch „Der Traum des klas­si­schen Ein­fa­mi­li­en­hau­ses hat sich aus­ge­träumt“. Da ist die Ten­denz da. Man muss auf­pas­sen, dass man nicht nur vom ur­ba­nen Le­ben spricht. Na­tür­lich bau­en noch vie­le ein Ein­fa­mi­li­en­haus. Das wird’s auch nach wie vor wei­ter ge­ben. Aber es wird we­ni­ger. In den dörf­li­chen Re­gio­nen tun sich Ge­mein­schaf­ten zu­sam­men. Die Häu­ser wird es al­so wei­ter ge­ben, nur wer­den die dar­in woh­nen­den Ak­teu­re häu­fi­ger wech­seln als frü­her.

„,Ich ha­be die­ses Re­gal letz­tens bei Ikea ge­kauft‘ klingt ein­fach nicht sehr auf­re­gend.“

Wei­ters wird es laut Stu­die ei­nen „er­höh­ten Be­darf an drit­ten Or­ten“ge­ben. Der Be­griff der Pri­vat­heit be­zeich­net nicht mehr nur die ei­ge­nen vier Wän­de, son­dern wird wei­ter ge­fasst. Un­ser Le­bens­raum be­steht aus ers­ten, zwei­ten und drit­ten Or­ten. Ers­ter Ort ist das Zuhause, zwei­ter der Ar­beits­platz. Drit­te Or­tes­ind­öf­fent­li­che Räu­me­der Be­geg­nung wie Bahn­hö­fe, Schu­len und Ca­fés. All­ge­mein – und auch hier spe­zi­ell bei durch Patch­work ent­stan­de­nen NeoGroß­fa­mi­li­en – steigt der Be­darf nach die­sen „öf­fent­li­chen Rück­zugs­räu­men“. Dies be­zeich­net man als „Third Place Li­ving“. »

Ein wei­te­rer Trend, von dem Sie schrei­ben, ist die fle­xi­ble Rau­mein­tei­lung.

Frü­her war al­les stark von­ein­an­der ge­trennt. Es wur­de in der Kü­che ge­kocht, im Wohn­zim­mer fern­ge­schaut und im Schlaf­zim­mer ge­schla­fen. Heu­te geht es bei ei­nem Neu­bau vor al­lem um die Wan­del­bar­keit. Dass so we­nig wie mög­lich vor­de­fi­niert, die Räu­me so of­fen wie mög­lich sind. Man teilt Woh­nun­gen al­so nicht mehr in klas­si­schen Räu­men ein, son­dern in Zo­nen, so­ge­nann­ten „Floa­ting-Rooms“. Da gibt es dann bei­spiels­wei­se ei­ne Zo­ne zum Er­ho­len und ei­ne zum Ar­bei­ten.

Spre­chen wir über Ein­rich­tung.

Man kann auf je­den Fall sa­gen: Die Mö­bel er­obern den Raum zu­rück. Das So­fa steht nicht mehr schmal und schüch­tern an der Wand. Son­dern mit­ten im Raum, um ei­ne Zo­ne zu de­fi­nie­ren. Mö­bel sind nicht mehr nur Ge­brauchs­ge­gen­stand, son­dern sym­bo­li­sie­ren viel mehr. Der gro­ße Ess­tisch, an­de­mal­le­zu­sam­men­sit­zen, be­kommt ei­ne an­de­re Wer­tig­keit und Be­deu­tung. Man sitzt zwar nicht mehr je­den Tag mit­tags bei­sam­men am Tisch. Aber wenn man mal ge­mein­sam isst, ist es et­was Be­son­de­res

Im­mer mehr Men­schen ge­hen nicht mehr ger­ne zu Ikea, son­dern kau­fen sich lie­ber­ge­brauch­te Mö­bel­vom Floh­markt oder von On­li­ne-Platt­for­men.

Mö­bel brau­chen ei­ne Ge­schich­te, Sto­ry­tel­ling ist da ein ganz wich­ti­ger Aspekt. „Ich ha­be die­ses Re­gal letz­tens bei Ikea ge­kauft“klingt ein­fach nicht so toll. Da ist es span­nen­der, wenn ich mit dem Tra­shi­gen ko­ket­tie­re, ei­nen ram­po­nier­ten Kas­ten bei der Ca­ri­tas be­sor­ge und re­stau­rie­re. Das hängt zu­sam­men mit Trends zum Do it yours­elf und Up­cy­cling. (Ab­fall­pro­duk­te wer­den in neue um­ge­wan­delt) Auch der mo­ra­li­sche Aspekt spielt ei­ne Rol­le. Vie­le sa­gen „Ikea ist ein rie­sen Un­ter­neh­men, die zu un­ter­stüt­zen fühlt sich nicht so gut an.“Selbst­ver­ständ­lich ist Ikea gi­gan­tisch, aber ir­gend­wann wer­den auch die mit die­sem neu­en Be­wusst­sein zu kämp­fen ha­ben.

Auch das Maß­ge­schnei­der­te ist ja wie­der im Kom­men.

Wenn ich ein Stück in der Tisch­le­rei fer­ti­gen las­se, kann ich die Ma­te­ria­li­en selbst be­stim­men und beim Ent­wurf mit­re­den. Und ha­be ei­ne Ge­schich­te da­zu. Na­tür­lich ma­chen das vor al­lem die, die es sich leis­ten kön­nen. Aber im­mer mehr Men­schen in­ves­tie­ren auch in ein auf­wen­di­ges Mö­bel­stück, das sie dann ein Le­ben lang be­hal­ten. Man muss sich da auch von dem „ent­we­der – oder“ver­ab­schie­den und ins „so­wohl – als auch“ein­tau­chen. Heu­te wird der ver­ros­te­te Schul­spind vom Sperr­müll mit ei­nem De­si­gner-Stück kom­bi­niert.

Was noch auf­fällt: Bei der Su­che nach ge­brauch­ten Mö­beln auf Platt­for­men wie will­ha­ben sind die­se ex­per­ten­mä ßig mit In­te­ri­eur-Fach­be­grif­fen ver­schlag­wor­tet.

Wir schrei­ben in der „Zu­kunft des Woh­nens“-Stu­die ja von der To­ma­te als neu­em Ipho­ne. Was wir da­mit mei­nen: Es hat et­was Iden­di­täts­bil­den­des, zum Con­nais­seur zu avan­cie­ren, was be­stimm­te Li­fe­style-The­men an­geht. Wir nen­nen das auch Neo-Bie­der­mei­er bei uns am In­sti­tut. Die Aus­ein­an­der­set­zung mit sich selbst und un­se­rer Um­welt an­hand von Ge­gen­stän­den gibt uns Sinn­haf­tig­keit.

In der Wohn­stu­die ent­wer­fen Sie das fik­ti­ve Wohn­por­trät ei­ner Stu­den­tin im Jahr 2025. Es ist über­ra­schend, wie viel Ana­lo­ges sich in ih­rer Woh­nung fin­det.

Die fik­ti­ve Han­nah lebt im so­ge­nann­ten „my flat“in Mün­chen. Al­les, was man zum Woh­nen braucht, ist vor­in­stal­liert.

„Man gibt Schritt für Schritt sei­ne Au­to­no­mie ab.“

Die Woh­nung er­kennt, wenn Han­nah nach Hau­se kommt und taucht sie in die rich­ti­ge Stim­mung. Im Wohn­zim­mer be­fin­det sich ei­ne OLED-Smart-Wall, die aber kein Touch­screen für Tech­nik-Freaks ist: Sie kann auch mit Tin­te und Pa­pier be­schrie­ben wer­den. Han­nah liebt Pflan­zen und hat ei­ne von oben bis un­ten be­pflanz­te Li­ving Wall, die sich au­to­ma­tisch be­wäs­sert. Ge­sund­heit ist ein wich­ti­ge The­ma in Han­nahs Woh­nung. So ver­wan­deln Na­no-Wand­far­ben und der Holz­bo­den „ver­brauch­te“in fri­sche Luft. Und es gibt ei­nen „Al­les-aus-Knopf“. Dann funk­tio­niert kein Mo­bi­le-De­vice, kein Licht, kein Strom, kei­ne Klin­gel. Gar nichts mehr. -FE­LIX DIEWALD

In Zu­kunft bleibt die Woh­nung zwar der Kern, doch wird sie nicht mehr voll­stän­dig aus­ge­stat­tet sein. Al­les, was nicht täg­lich not­wen­dig ist, wird “aus­ge­la­gert“, sagt die Ger­ma­nis­tin und So­zio­lo­gin Chris­tia­ne Var­ga

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