We­ge in die Zu­kunft

ProZukunft - - Inhalt -

Ste­fan Wal­ly und Wal­ter Spiel­mann wid­men sich un­ter­schied­li­chen Aspek­ten des For­schungs­zwei­ges „Zu­kunft“. Ne­ben „Über­le­gun­gen zur Me­tho­de“kommt da­bei die gro­ße Er­zäh­lung des Salz­bur­ger His­to­ri­kers Ge­org Schmid eben­so zur

Spra­che wie das Al­ters­werk von Ed­gar

Mo­rin und die glo­ba­le Pro­gno­se von Jor­gen Ran­ders an den Club of Ro­me. Al­f­red Auer zeich­net schließ­lich noch­mals „We­ge aus der Kri­se“nach, die bei der In­ter­na­tio­na­len Som­mer­aka­de­mie in der Frie­dens­burg Sch­lai­ning vor­ge­stellt wur­den.

Ste­fan Wal­ly wid­met sich ne­ben „Über­le­gun­gen zur Me­tho­de“von Rein­hold Popp der gro­ßen Zu­kunfts­er­zäh­lung des Salz­bur­ger His­to­ri­kers Ge­org Schmid. Wal­ter Spiel­mann be­schäf­tigt sich mit un­ter­schied­li­chen Aspek­ten des For­schungs­zwei­ges „Zu­kunft“, mit dem Al­ters­werk von Ed­gar Mo­rin so­wie den glo­ba­len Pro­gno­sen von Jor­gen Ran­ders an den Club of Ro­me. Al­f­red Auer re­fe­riert „We­ge aus der Kri­se“, die an­läß­lich der Frie­dens­kon­fe­renz auf Burg Sch­lai­ning vor­ge­schla­gen wur­den.

Über­le­gun­gen zur Me­tho­de

Rein­hold Popp hat mit „Zu­kunft der Wis­sen­schaft“ei­nen der wich­tigs­ten Sam­mel­bän­de zur Zu­kunfts­for­schung des deut­schen Sprach­raums ver­öf­fent­licht. An die­sem Un­ter­neh­men ha­ben mit Ger­hard de Ha­an, Hol­ger Rust, Axel Zweck, Mar­kus Pausch, Karl­heinz St­ein­mül­ler, Kers­tin Cuhls, Lars Ger­hold, El­mar Schüll, Hei­ko Ber­ner, Chris­tan Neu­haus, Dirk Holt­mann­spöt­ter und Bea­te Schulz-mon­tag vie­le der For­sche­rin­nen mit­ge­wirkt, die zur Zeit die De­bat­ten über den For­schungs­zweig „Zu­kunft“prä­gen.

Popp ver­folgt mit dem Buch ein kla­res Ziel. Er ver­sucht das Pro­fil der Zu­kunfts­for­schung zu schär­fen. Das be­deu­tet vor al­lem die Ab­gren­zung ge­gen­über Tex­ten,

die eben­falls den Be­griff Zu­kunfts­for­schung im Ti­tel füh­ren. Popp er­klärt ge­nau, wo die Schnitt­stel­le sei­ner Mei­nung nach sein soll. Zu­kunfts­aus­sa­gen auf der Ba­sis von Be­rufs- und Le­bens­er­fah­rung sei­en eben kei­ne For­schung, ge­nau­so­we­nig wie das Zu­sam­men­tra­gen von wis­sen­schaft­li­chen For­schungs­er­geb­nis­sen, Pu­bli­ka­tio­nen un­ter dem Be­griff des „Mind­set“oder an­ek­do­tisch-jour­na­lis­ti­sche Zu­kunfts­li­te­ra­tur. (S. 14) Popp be­strei­tet kei­nes­wegs die Be­deu­tung sol­cher Pu­bli­ka­tio­nen,er­willnur­den­be­griff„zu­kunfts­for­schung“nicht da­für ver­wen­det wis­sen. Er grenzt das Pro­fil der Zu­kunfts­for­schun­ga­ber­nicht­nur­ne­ga­tiv­ab,son­dern­lie­fer­tauch­ei­nen­vor­schlagd­er­po­si­ti­ven­be­stim­mung.zu­kunfts­for­schung müs­se sich von dem weit ver­brei­te­ten ob­jek­ti­vis­ti­schen An­spruch be­frei­en und so­wohl ih­re

Mög­lich­kei­ten als auch ih­re Gren­zen rea­lis­tisch ein­schät­zen. Die­se Zu­kunfts­for­schung be­ste­he dann dar­in „die Un­ge­wiss­heit zu­künf­ti­ger Ent­wick­lun­gen in al­ler ge­bo­te­ner Ge­las­sen­heit ein­zu­ge­ste­hen, die da­mit ver­bun­de­ne Zu­kunfts­angst nicht durch neu­ro­ti­sche Schein­si­cher­hei­ten ab­zu­weh­ren, durch un­auf­ge­reg­te, un­ab­hän­gi­ge und me­tho­disch se­riö­se For­schung mög­lichst viel Wis­sen über (wahr­schein­li­che und we­ni­ger wahr­schein­li­che) Ent­wick­lungs­mög­lich­kei­ten zu ge­ne­rie­ren, an den frü­hen mess­tech­ni­schen Gren­zen der em­pi­risch-sta­tis­ti­schen Er­fas­sung der Kom­ple­xi­tät ge­sell­schaft­li­cher, wirt­schaft­li­cher und po­li­ti­scher Pro­zes­se nicht zu ver­zwei­feln, son­dern sich auf die nar­ra­ti­ven Tra­di­tio­nen­der­so­zi­al­wis­sen­schaft­zu­be­sin­nen.“(s.19) Popp setzt sich auch mit der Fra­ge der Me­tho­den der Zu­kunfts­for­schung aus­ein­an­der. „Wenn der Zu­kunfts­for­schung kein ei­gen­stän­di­ges Me­tho­den­re­per­toire zu­ge­stan­den wird, ist dies kein Man­gel, son­dern ei­ne Chan­ce.“(S. 21) Denn die zu­kunfts­ori­en­tie­re For­schung kön­ne die gan­ze Viel­falt der in der Wis­sen­schafts­ge­schich­te ent­wi­ckel­ten und be­währ­ten em­pi­ri­schen und her­me­neu­ti­schen For­schungs­me­tho­den nut­zen.

Wei­te­re Bei­trä­ge in dem Sam­mel­band be­fas­sen sich mit dem Stu­di­en­gang für Zu­kunfts­for­schung an der Frei­en Uni­ver­si­tät­ber­lin(ger­hard­de­ha­an),der­kri­tik­der­bou­le­var­des­ken Trend­for­schung (Hol­ger Rust), dem zu­kunfts­be­zo­ge­nen Wis­sens­ma­nage­ment (Axel Zweck), der­tra­di­ti­on­der­fran­zö­si­schen­zu­kunfts­for­schung(mar­kus Pausch), der Sze­na­rio-tech­nik (Karl­heinz St­ein­mül­ler), neue­ren Ent­wick­lun­gen im Be­reich des Del­phi-ver­fah­rens (Kers­tin Cuhls), der Me­tho­den­kom­bi­na­ti­on (Lars Ger­hold) so­wie dem wis­sen­schafts­theo­re­ti­schen Dis­kurs in der Zu­kunfts­for­schung (El­mar Schüll und Hei­ko Ber­ner). Ein Au­to­rin­nen­team in­for­miert schließ­lich über die Be­mü­hun­gen ei­ner Ar­beits­grup­pe des Netz­werks Zu­kunfts­for­schung, um „Gü­te­kri­te­ri­en“für die wis­sen­schaft­lich fun­dier­te Klä­rung von Zu­kunfts­fra­gen zu for­mu­lie­ren. S. W.

Zu­kunfts­for­schung: Me­tho­den

18 Rein­hold Popp: Zu­kunft und Wis­sen­schaft. We­ge und Irr­we­ge der Zu­kunfts­for­schung. Berlin (u. a.): Sprin­ger, 2012. 220. S., € 54,99, sfr 65,99

ISBN 978-3-642-28954-5

Ei­ne gro­ße Zu­kunfts­er­zäh­lung

Ge­org Schmid un­ter­rich­tet Ge­schich­te an der Uni­ver­si­tät Salz­burg und hat nun mit „In the Pre­sence of the Fu­ture“ein neu­es Buch vor­ge­legt. Schmid be­ginnt mit me­tho­di­schen Pro­ble­men der Ge­schichts­schrei­bung und re­flek­tiert An­sät­ze, wie über die Zu­kunft ge­spro­chen wer­den kann. Er spricht vom Wett­be­werb zwi­schen Sci­ence Fic­tion, Fo­re­cas­ting und Hoff­nung.

Im zwei­ten Teil sei­nes Bu­ches ar­bei­tet er mit The­men der Öko­no­mie, der De­mo­gra­phie, der Wis­sen­schafts­ent­wick­lung, der Kul­tur, der Re­li­gi­on und der Po­li­tik, um ein Pan­ora­ma der Zu­kunft zu be­schrei­ben. Ei­ne Haupt­the­se von Schmid be­trifft die Span­nung in­ner­halb des„wes­tens“:„as­to­in­ter­nal­wes­terndis­rup­ti­on,we­ha­ve, I fe­ar, on­ly just se­en the be­gin­ning of a rui­nous trend. It is to be ex­pec­ted – not just to be gues­sed – that the splits that ha­ve be­co­me so ma­ni­fest will be­co­me even mo­re pro­noun­ced with the de­crea­se of Wes­tern po­wer in terms of wealth, mi­li­ta­ry might, de­mo­gra­phic im­port and cul­tu­ral self-con­fi­dence.” (S. 440) Schmid kommt zum Schluss, dass un­se­re Zu­kunft von ei­ni­gen Ent­wick­lun­gen ge­prägt sein wird: Der Knapp­heit an Res­sour­cen, dem Feh­len glo­ba­ler Go­ver­nan­ce, den Ein­schrän­kun­gen der Frei­heit auf­grund ter­ro­ris­ti­scher Be­dro­hung, der Nut­zung des In­ter­net zur Kon­trol­le der Be­völ­ke­rung, ei­ner neu­en Sy­ner­gie zwi­schen mul­ti­na­tio­na­len Kon­zer­nen und Staa­ten, dem Auf­schwung ei­nes neu­en Pro­tek­tio­nis­mus u. a. m. Op­ti­mis­mus ste­he nicht dem Wes­ten, son­dern vor al­lem an­de­ren Kul­tu­ren und Welt­re­gio­nen zu. (S. 458) S. W. Zu­kunfts­er­zäh­lung

19 Schmid, Ge­org: In the Pre­sence of the Fu­ture. Map­ping the Roads to To­mor­row. Frank­furt/m. (u. a.), Pe­ter Lang, 2012. 488 S., € 81,20 [D], 83,60 [A], sfr 113,70 ISBN 978-3-631-63711-1

Weg in die Zu­kunft

Das hier be­spro­che­ne Buch kann mit Fug und Recht als „Al­ters­werk“be­zeich­net wer­den. Und zwar nicht nur in dem Sin­ne, dass der Au­tor über 90 Jah­re alt ist, son­dern weil er hier er­kenn­bar sei­ne wis­sen­schaft­li­che und per­sön­li­che Er­fah­rung ge­bün­delt und ei­ne Art Ver­mächt­nis vor­ge­legt hat. Es geht um nichts we­ni­ger als um das Über­le­ben der mensch­li­chen Zi­vi­li­sa­ti­on. Der re­nom­mier­te fran­zö­si­sche So­zio­lo­ge und Phi­lo­soph Ed­gar Mo­rin ana­ly­siert die Struk­tu­ren und Ur­sa­chen der viel­fäl­ti­gen Kri­sen un­se­rer Zeit und the­ma­ti­siert als de­ren Ur­sa­chen so­wohl die un­zu­rei­chend ent­wi­ckel­ten Merk­ma­le der in­di­vi­du­el­len als auch der in­sti­tu­tio­nel­len und ge­sell­schaft­li­chen Ebe­nen.

Die be­han­del­te The­men­brei­te ist im­mens und sein glo­ba­ler und his­to­ri­scher Ho­ri­zont ein­drucks­voll und in vier Tei­len auf­ge­teilt. Im ers­ten Ab­schnitt „Die Po­li­ti­ken der Mensch­heit“geht es um ei­ne Aus­wahl drän­gen­der und wich­ti­ger Pro­blem­la­gen, von Den­ken, De­mo­kra­tie, De­mo­gra­fie über Öko­lo­gie, Was­ser, Öko­no­mie zu Ar­mut, Ent­bü­ro­kra­ti­sie­rung und Re­pres­si­on. Im zwei­ten Teil („Re­for­men des Den­kens und der Er­zie­hung“) er­ör­tert Mo­rin die zu er­fül­len­den Vor­aus­set­zun­gen für ei­ne stär­ke­re, kom­mu­ni­ka­ti­ve De­mo­kra­tie. Sei­ne Ge­dan­ken für „Ge­sell­schafts­re­for­men“er­läu­ter­te­rim­drit­ten­ab­schnitt, wo er Hand­lungs­be­rei­che wie Ge­sund­heit, Woh­nen, Land­wirt­schaft, Er­näh­rung, Kon­sum und Ar­beit er­ör-

tert. Im vier­ten Teil geht es um „Le­bens­re­for­men“, um Fa­mi­li­en­struk­tu­ren, weib­li­che Be­din­gun­gen, Ju­gend, Al­tern und schließ­lich den Tod. In der Schluss­fol­ge­rung und der Nach- Schluss­fol­ge­rung spitzt der Au­tor sei­ne we­sent­li­chen Punk­te noch ein­mal zu. Mo­rins Ein­schät­zun­gen sind scharf und stel­len­wei­se un­er­bitt­lich,soz.b.wen­ner­his­to­risch­zu­sam­men­fasst:„be­denkt man, dass in al­len Epo­chen die Mehr­heit der Men­schen­scha­fe­ge­blie­bens­ind,un­ter­wür­fig,folg­sam,mo­no­to­ne Auf­ga­ben er­tra­gend, sich dem Schick­sal der stän­di­gen Wie­der­ho­lung des Kreis­lau­fes von Ge­burt und Tod er­ge­bend (selbst wenn man nicht ver­ges­sen darf, dass die Ju­gend­li­chen,be­vor­sie­zu­ge­zähm­ten­er­wach­se­nen­wer­den, vor Aben­teu­er­lust ko­chen): wie woll­te man da nicht er­staunt sein und be­wun­dern, dass Per­sön­lich­kei­ten wie Alex­an­der, Dschin­gis Khan, Ta­mer­lan, Bud­dha, Je­sus, Pau­lus von Tar­sus, Mo­ham­med den Lauf der Ge­schich­te ver­än­dert ha­ben, dass aben­teu­er­lus­ti­ge Min­der­hei­ten Ho­ri­zon­te über­schrit­ten, über das Sicht­ba­re, das Denk­ba­re hin­aus ge­sucht und die Mensch­heit in die­ses wun­der­ba­re Aben­teu­er, das ih­re Ge­schich­te ist, hin­ein­ge­zo­gen ha­ben?“(S. 324f.) Doch bei al­ler ne­ga­ti­ven Beur­tei­lung („Scha­fe“) zeigt Mo­rin Mög­lich­kei­ten auf, die den do­mi­nie­ren­den­ne­kro­phi­len­trend­ver­zö­ger­noder­ga­r­um­keh­ren könn­ten. Wis­send um die Aus­sich­ten sei­ner Mis­si­on („die Ka­ta­stro­phe ist wahr­schein­lich, aber nicht un­ver­meid­bar“) ruft er die Men­schen da­zu auf, sich ih­rer ir­di­schen Schick­sals­ge­mein­schaft be­wusst zu wer­den. Kon­kre­te An­halts­punk­te da­für sieht er be­reits in dem „krea­ti­ven Bro­deln“ei­ner Viel­zahl lo­ka­ler Initia­ti­ven für ei­ne um­fas­sen­de Er­neue­rung (S. 36). Da­bei ist Mo­rin Rea­list und er­fah­ren ge­nug, dass er den ei­nen oder an­de­ren Trend nicht et­wa über­be­wer­tet und die an­de­ren au­ßer Acht lässt. Er pro­pa­giert, dass über das Ent­we­der-oder ins­be­son­de­re fol­gen­der Phä­no­me­ne hin­aus­zu­ge­hen sei: Glo­ba­li­sie­rung - De­glo­ba­li­sie­rung, Wachs­tum - Wachs­tums­rück­nah­me, Ent­wick­lung Ein­wick­lung, Be­wah­rung – Um­wand­lung. Bei all die­sen Phä­no­me­nen han­de­le es sich um viel­ge­stal­ti­ge Trends, die sich teil­wei­se er­gän­zen oder auch kon­flikt­reich ge­gen­ein­an­der wir­ken. Da­her müs­se der Um­gang und das Ein­wir­ken dar­auf durch ei­ne „Er­neue­rung des po­li­ti­schen Den­kens“ver­än­dert wer­den: dies „kann nur kom­plex sein, in­dem es den Kon­tex­ten, den Wech­sel- und Rück­wir­kun­gen“Rech­nung trägt. Mo­rin zu­fol­ge muss ein „Weg der Ver­mi­schung“ein­ge­schla­gen wer­den, mit dem ein „pla­ne­ta­ri­scher Hu­ma­nis­mus“zu­ent­wi­ckelns­ei,um„das­be­ste­der­ar­chai­schen Kul­tu­ren, das Bes­te der tra­di­tio­nel­len Kul­tu­ren und das Bes­te der west­li­chen Mo­der­ni­tät in sich auf­zu­neh­men.“(S. 55) Da­her nimmt es nicht Wun­der, dass er ei­ne glo­ba­le­sicht­wei­se­kul­ti­viert,nicht-west­li­chen­kul­tu­ren­auf­merk­sam­keit schenkt und der so­zia­len Fra­ge ei­ne zen­tra­le Be­deu­tung zu­spricht. Mit der Kul­tur des Wes­tens geht Mo­rin hart ins Ge­richt: „Wir hal­ten uns für zi­vi­li­siert, wäh­rend sich Bar­ba­rei in­ner­lich un­se­rer be­mäch­tigt, in Ego­is­mus, Neid, Res­sen­ti­ment, Ver­ach­tung, Wut, Hass.un­ser­le­be­nist­be­schä­digt­und­ver­pes­tet­durch­das jäm­mer­li­che und oft un­heil­vol­le Ni­veau der Be­zie­hun­gen zwi­schen In­di­vi­du­en, Ge­schlech­tern, Klas­sen, Völ­kern. Die Blind­heit ge­gen­über sich selbst und an­de­ren ist ei­ne all­täg­li­che Er­schei­nung.“(S. 279)

Dar­aus fol­gert Mo­rin vier ba­sa­le „Im­pe­ra­ti­ve ei­ner Zi­vi­li­sa­ti­ons­po­li­tik“:so­li­da­ri­sie­ren(ge­gen­die­ver­ein­ze­lung und Ab­kap­se­lung), rück­be­sin­nen (ge­gen die An­ony­mi­sie­rung), zu­sam­men­le­ben (ge­gen den Ver­fall der Le­bens­qua­li­tät), und mo­ra­li­sie­ren (ge­gen Un­ver­ant­wort­lich­keit und Ego­zen­tris­mus) (S. 65). Hier­bei the­ma­ti­siert er auch po­li­ti­sche Struk­tu­ren, und trifft sich auch hier mit an­de­ren zeit­ge­nös­si­schen Ana­ly­sen, in­dem er die vor­herr­schen­den Ar­ten par­la­men­ta­ri­scher De­mo­kra­tie zwar wert­schätzt, aber für un­zu­rei­chend er­klärt. Mo­rin be­tont durch­ge­hend, dass al­le von ihm skiz­zier­ten Re­for­men von­ein­an­der ab­hän­gen, dass al­so so­wohl die Le­bens­re­form, die mo­ra­li­sche Re­form, die Re­form des Den­kens, die Re­form der Er­zie­hung, die Zi­vi­li­sa­ti­ons­re­form, die po­li­ti­sche Re­form mit­ein­an­der zu­sam­men­hän­gen und sich schritt­wei­se un­ter­stüt­zen und sich dy­na­mi­sie­ren. „Die We­ge der Re­for­men könn­ten sich­schritt­wei­se­ver­bin­den,um­den­weg­zu­bil­den.die­ser WEG wür­de die Welt er­neu­ern, um die Met­a­mor­pho­se zu ver­wirk­li­chen.“(S. 321)

Mo­rin ver­bin­det auf ei­ne Wei­se, die dem Den­ken von Gün­ter An­ders oder Pier­re Teil­hard de Char­din na­he­kommt, die pla­ne­ta­ri­sche, geis­ti­ge, ge­sell­schaft­li­che und in­di­vi­du­el­le Ebe­ne und er­fasst zahl­rei­che we­sent­li­che Di­men­sio­nen der mensch­li­chen Exis­tenz. Er skiz­ziert zu­kunfts­ori­en­tier­te Prin­zi­pi­en, Kon­zep­te und Re­form­we­ge. In Buch­be­spre­chun­gen in der fran­zö­si­schen Pres­se wur­de kon­sta­tiert, das Buch „Em­pört Euch!“von Sté­pha­ne Hes­sel ha­be zum Han­deln auf­ge­for­dert, und nun wür­den mit dem Buch „Der Weg“von Ed­gar Mo­rin An­re­gun­gen und Kon­zep­te zum Han­deln ge­schenkt. Dem kann nur zu­ge­stimmt wer­den – in der Hoff­nung, dass ent­spre­chend ge­han­delt wird und Ho­ri­zon­te über­schrit­ten wer­den. E. G.

Zu­kunfts­pro­gno­sen

20 Mo­rin, Ed­gar: Der Weg. Für die Zu­kunft der Mensch­heit. Hamburg: Krä­mer, 2012. 333 S., € 26,- [D],

26,80 [A], sfr 36,40 ; ISBN 978-3-89622-113-1

Was auf uns zu­kommt

Als jun­ger Wis­sen­schaft­ler hat Jor­gen Ran­ders be­reits am ers­ten Be­richt an den Club of Ro­me (1972) mit­ge­wirkt. Nun, 40 Jah­re spä­ter, wagt er ei­nen Blick auf die Welt, wie sie in 40 Jah­ren aus­se­hen dürf­te. Nein, ei­ne Vor­her­sa­ge im Sin­ne ei­ner wis­sen­schaft­li­chen Wahr­heit bie­tet der nor­we­gi­sche Zu­kunfts­for­scher nicht, aber zu­min­dest ei­ne „wohl­be­grün­de­te Ver­mu­tung“. Sie er-

lau­be es ihm, „sich we­ni­ger zu quä­len“und an­ge­sichts klei­ne­rer, hoff­nungs­vol­ler Fort­schrit­te „mit ech­ter Freu­de“an­statt „all­ge­mei­ner Trau­er“auf den Lauf der Welt zu bli­cken“(S. 30).

Auf sei­ner Rei­se in die Zu­kunft nimmt Ran­ders fünf gro­ße Fra­gen ins Vi­sier: den Ka­pi­ta­lis­mus (er wird sich ver­än­dern, aber wei­ter be­ste­hen), das Wirt­schafts­wachs­tum (es wird sich nach ei­ner Auf­wärts­ent­wick­lung der Schwel­len­län­der im glo­ba­len Mit­tel ab­schwä­chen), die De­mo­kra­tie (sie ist in ih­rer der­zei­ti­gen Form nicht ge­eig­net, den glo­ba­len Her­aus­for­de­run­gen an­ge­mes­sen zu be­geg­nen und stellt ei­ne der größ­ten Her­aus­for­de­run­gen dar), die in­ter­ge­ne­ra­tio­nel­le Ge­rech­tig­keit und das glo­ba­le Kli­ma. Im zwei­ten Ab­schnitt ver­mit­telt Ran­ders sei­ne glo­ba­le Pro­gno­se. Ein­lei­tend legt er die ihr zu­grun­de lie­gen­de Lo­gik, sei­ne Da­ten­quel­len und er­kennt­nis­lei­ten­den Fra­gen dar, um sich dar­auf­hin ein­zel­nen da­mit zu­sam­men­hän­gen­den Aspek­te zu­zu­wen­den. Ei­ni­ge zen­tra­le Be­fun­de: Der Höchst­stand der glo­ba­len Be­völ­ke­rungs­ent­wick­lung wird in den frü­hen 2040er-jah­ren mit et­wa 8,1 Mil­li­ar­den Men­schen er­reicht; et­was frü­her schon wird der An­teil der welt­weit Er­werbs­tä­ti­gen wie­der ab­neh­men; das durch­schnitt­li­che BIP pro Welt­be­woh­ner wird in den nächs­ten 40 Jah­ren um ca. 80 Pro­zent an­stei­gen, der Kon­sum ins­ge­samt sich aber ab­fla­chen [im Fach­jar­gon „gro­cli­ne“ge­nannt, S. 127]; ei­ne Viel­zahl neu­er und ho­her Kos­ten kom­men auf uns zu, et­wa für Res­sour­cen, für öko­lo­gi­sche Di­enst­leis­tun­gen (Was­ser, Fisch­pro­te­ine), für Scha­dens­be­gren­zung frü­he­rer tech­no­lo­gi­scher Ent­wick­lun­gen (Akw-un­fäl­le) u. a. m. Um all die­se Auf­ga­ben zu or­ga­ni­sie­ren, „wird sich der Staat stär­ker ein­mi­schen“, sagt Ran­ders, und da­mit auch „grü­nes Wachs­tum“för­dern.

Der Zeit­geist von 2052

Zu Mit­te des 21. Jahr­hun­derts wer­den „frag­men­tier­te Struk­tu­ren“selbst­ver­ständ­lich sein; auf­grund der stei­gen­den Tem­pe­ra­tu­ren wird sich ei­ne me­di­ter­ra­ne Al­li­anz zwi­schen Sü­d­eu­ro­pa und dem Ma­ghreb her­aus­bil­den; für Un­ter­neh­men wie für Kon­su­men­ten wird „nach­hal­ti­ges Pro­du­zie­ren“ei­ne we­sent­li­che Rol­le spie­len, und die Chan­cen ste­hen durch­aus gut, dass es (viel­leicht nach ei­nem Drit­ten oder Vier­ten Welt­krieg) ei­nen Ge­richts­hof ge­ben wird, vor dem Re­gie­run­gen oder Kon­zer­ne we­gen Ver­bre­chen ge­gen die In­ter­es­sen zu­künf­ti­ger Ge­ne­ra­tio­nen zur Ver­ant­wor­tung ge­zo­gen wer­den.

In Ab­schnitt drei, der Ana­ly­se, be­schreibt Ran­ders zu­nächst „Mo­to­ren der Ve­rän­de­rung“und be­ant­wor­tet „Acht kon­kre­te Fra­gen zur Zu­kunft“, von de­nen man­che in­ter­es­sant („Wird es ge­nü­gend Ar­beits­plät­ze ge­ben?“[Ja]), an­de­re aber eher ba­nal er­schei­nen („Wird Ener­gie teu­rer?“[bit­te ra­ten!]). Na­tür­lich spe­ku­liert der Au­tor auch mit dem Un­denk­ba­ren und zückt ei­ni­ge „Wild Cards“(Re­vo­lu­ti­on in den USA, welt­wei­tes ent­schlos­se­nes Vor­ge­hen ge­gen den Kli­ma­wan­del). Auf si­che­re­ren Bo­den be­gibt sich Ran­ders wie­der, wenn er mit Blick auf die Wirt­schafts­ent­wick­lung welt­weit „fünf re­gio­na­le Zu­künf­te“(USA, Chi­na, OECD [oh­ne USA], die Schwel­len­län­der BRISE und den „Rest der Welt“) ana­ly­siert und da­bei un­ter­schied­li­che zen­tra­le Pa­ra­me­ter in Kur­ven­dia­gram­men dar­stellt.

Zu­sam­men­fas­send: Ran­ders hält sei­ne Pro­gno­se für „pes­si­mis­tisch, aber nicht ka­ta­stro­phal“(S. 373). Sein Rat – der ers­te von 20 – in An­be­tracht die­ses Be­fun­des mehr Wert auf Zuf­rie­den­heit als Ein­kom­men zu le­gen, ist ei­ner­seits klug, an­de­rer­seits leich­ter ge­sagt als ge­tan. Und auch Ran­ders’ ab­schlie­ßen­der Ap­pell ist we­nig er­mu­ti­gend: „Bit­te hel­fen Sie mit, dass mei­ne Pro­gno­se sich als falsch er­weist. Ge­mein­sam kön­nen wir ei­ne bes­se­re Welt er­schaf­fen.“Wer sich da­zu (noch) nicht auf­raf­fen mag, dem ist viel­leicht mit ein we­nig Fa­ta­lis­mus ge­dient: „Las­sen sie sich von der dro­hen­den Ka­ta­stro­phe nicht die Lau­ne ver­der­ben. Las­sen Sie sich von der Aus­sicht auf ei­ne sub­op­ti­ma­le Zu­kunft nicht al­le Hoff­nun­gen zer­stö­ren. (…) Den­ken Sie au­ßer­dem da­ran: Selbst wenn wir un­se­ren Kampf um ei­ne bes­se­re Welt ver­lie­ren, wird es die Welt trotz­dem auch in Zu­kunft ge­ben.“(S. 404f.) Na al­so! W. Sp.

Zu­kunfts­pro­gno­sen

21 Ran­ders, Jor­gen: 2052. Der neue Be­richt an den Club of Ro­me: Ei­ne glo­ba­le Pro­gno­se für die nächs­ten 40 Jah­re. Mün­chen: oe­kom-verl., 2012. 430 S., € 25,95 [D], 26,70 [A], sfr 36,30 ; ISBN 978-3865813985

We­ge aus der Kri­se

Das Wort „Kri­se“ist in al­ler Mun­de. Ein Ge­fühl der Hilf­lo­sig­keit und Ohn­macht macht sich an­ge­sichts der Staats­schul­den­kri­se­und­der„gran­di­os­ge­schei­ter­ten­ver­su­che“breit, die Kli­ma­er­wär­mung auf in­ter­na­tio­na­ler Ebe­ne wirk­sam in den Griff zu be­kom­men. Die 29. In­ter­na­tio­na­le­som­mer­aka­de­mie­auf­der­frie­dens­burg­schlai­ning woll­te ge­gen­steu­ern und die Men­schen er­mu­ti­gen, sich ein­zu­mi­schen und We­ge aus der Kri­se zu be­schrei­ten. „Wir woll­ten“, so Her­aus­ge­ber Elias Bier­del in der njn vor­lie­gen­den Do­ku­men­ta­ti­on, „ein Si­gnal der Er­mu­ti­gung ent­ge­gen­set­zen“(S. 10) und den Ver­such wa­gen,„be­reits­aus­ge­ar­bei­te­te,zu­kunfts­fä­hi­ge­al­ter­na­ti­ven zu ei­ner Po­li­tik des ‚Wei­ter so!‘ auf­zu­zei­gen und zu dis­ku­tie­ren. U. a. konn­ten da­zu nam­haf­te Au­to­rin­nen wie El­mar Alt­va­ter, An­ge­li­ka Beer, Andre­as No­vy oder Ja­kob­vo­nu­ex­küll,grün­der­des„welt-zu­kunfts­ra­tes“,ge­won­nen wer­den. Her­vor­zu­he­ben ist auch der ge­lun­ge­ne Ver­such, im Plenum ein ge­mein­sa­mes Do­ku­ment zu ver­ab­schie­den: Das „Ma­ni­fest der 29. In­ter­na­tio­na­len Som­mer­aka­de­mie“be­inhal­tet kla­re Po­si­tio­nen zur ge-

sell­schaft­li­chen Um­ge­stal­tung.

Aber nicht nur in Vor­trä­gen, auf die hier nur ex­em­pla­risch ein­ge­gan­gen wer­den kann, wur­den „Ide­en und Kon­zep­te für mor­gen“the­ma­ti­siert, auch in Work­shops wur­de an der Kri­se ge­ar­bei­tet. Un­ter dem Mot­to „In wel­cher Ge­sell­schaft wol­len wir le­ben“führ­ten et­wa Kol­le­ge Hans Holzin­ger und Lui­sa Gr­a­ben­schwei­ger ei­ne Zu­kunfts­werk­statt durch, in der ge­zeigt wur­de, dass zwar „Er­run­gen­schaf­ten­un­se­res­wohl­stan­des­wie­de­mo­kra­tie­und­freie Mei­nungs­äu­ße­rung,wahl­mög­lich­kei­ten­in­be­zug­auf­gü­ter wie Le­bens­ent­wür­fe oder so­zia­le Si­che­rungs­sys­te­me und me­di­zi­ni­sche Ver­sor­gung für al­le“durch­aus ge­schätzt wer­den,aber­doch­vie­l­es­schief­lau­fe.zahl­rei­che­vor­schlä­ge, wie dem kon­struk­tiv ge­gen­zu­steu­ern sei, lie­ßen er­ken­nen, so die Mo­de­ra­to­rin­nen, „dass die Po­ten­zia­le der Selbst­or­ga­ni­sa­ti­on für die Ent­wick­lung so­zia­ler In­no­va­tio­nen noch kei­nes­wegs aus­ge­schöpft sind“(S. 186).

Ide­en und Kon­zep­te für Mor­gen

Ja­kob von Uex­küll, Stif­ter des „Al­ter­na­ti­ven No­bel­prei­ses“, hält in sei­nem State­ment zu­nächst fest, dass sich die An­zei­chen meh­ren, dass die vom Men­schen ver­ur­sach­ten Schä­den sich ei­nem Punkt nä­hern, jen­seits des­sen sie nicht wie­der gut­zu­ma­chen sind, da sie die Wi­der­stands­fä­hig­keit und die Selbst­hei­lungs­fä­hig­keit der Na­tur über­stra­pa­zie­ren. Er prä­sen­tiert im An­schluss ei­ne Fül­le an Vor­schlä­gen, „ei­ne Kom­bi­na­ti­on aus er­prob­ten und be­währ­ten Ge­set­zen und Po­li­ti­ken, die in ei­nem oder meh­re­ren Län­dern er­folg­reich sind, und op­ti­ma­len Po­li­tik­lö­sun­gen, die wir in um­fang­rei­chen Re­cher­chen er­mit­telt ha­ben“(S. 21) U. a. lässt Uex­küll mit dem Vor­schlag auf­hor­chen, die 1,6 Bil­lio­nen USD der jähr­li­chen Mi­li­tär­aus­ga­be­nim­rah­men­ei­nes­glo­ba­len­ab­kom­mens schritt­wei­se­um­zu­wid­men­und­zur­fi­nan­zie­rungder­um­welt-,nah­rungs-un­d­was­ser­si­cher­heits­o­wiez­um­schutz des ge­mein­sa­men Er­bes der Mensch­heit ein­zu­set­zen. Wei­ters­schläg­ter­ei­ne­über­fünf­jah­re­ge­hen­de­welt­wei­te Auf­klä­rungs­kam­pa­gne für die Öf­fent­lich­keit und die po­li­ti­schen Ent­schei­dungs­trä­ger vor. ( vgl. S. 24) Andre­as­no­vy,do­zenta­min­sti­tutfür­re­gio­nal-un­d­um­welt­wirt­schaft an der Uni­ver­si­tät Wi­en prä­sen­tiert in fünf The­sen (zwei Ge­gen­warts­ana­ly­sen und 3 Lö­sungs­we­ge) sei­nen Dis­kus­si­ons­bei­trag. Be­mer­kens­wert ist sei­ne Ana­ly­se, dass wir uns in Eu­ro­pa von der Idee, „die Hü­ter der Wel­t­ord­nung (das ma­chen die Rech­ten) und der Welt­mo­ral (das ist das Feld der Lin­ken) zu sein, ver­ab­schie­den müss­ten. Viel­mehr ge­he es dar­um, uns im In­ter­es­se der Welt-ent­wick­lung um die ei­ge­nen Haus­auf­ga­ben zu küm­mern, näm­lich den Über­gang zu ei­ner Ge­sell­schaft, die vom Ei­ge­nen, den ei­ge­nen Res­sour­cen und Mög­lich­kei­ten lebt“(S. 29). Es ge­he, so No­vy, letzt­lich dar­um, das Bild der Zwei-drit­tel-ge­sell­schaft durch das Bild der Oc­cu­py-be­we­gung mit ih­rem Mot­to „Wir sind die 99 Pro­zent“zu er­set­zen und als glo­ba­le Stra­te­gie zu im­ple­men­tie­ren. Des­halb gel­te es in Eu­ro­pa, den Ka­pi­ta­lis­mus und Ex­pan­sio­nis­mus ein­zu­schrän­ken und zu über­win­den.

Für den Po­li­to­lo­gen El­mar Alt­va­ter spielt der Staat in der Kri­se nur des­halb ei­ne wich­ti­ge Rol­le, „weil er ge­braucht wird, um den Ka­pi­ta­lis­mus zu ret­ten“. „Der Ka­pi­ta­lis­mus ist al­so im neo­li­be­ra­len Zeit­al­ter zu­gleich fi­nanz­ge­trie­ben und staats­re­gu­liert.“(S. 55) Alt­va­ter hält vier We­ge für mög­lich, die den Ka­pi­ta­lis­mus aus der Kri­se füh­ren könn­ten. Den ers­ten, die Er­hö­hung der Wachs­tums­ra­ten, hält der Ex­per­te für nicht ziel­füh­rend, eben­so we­nig wie die po­li­tisch er­zwun­ge­ne wei­te­re Um­ver­tei­lung von Ein­kom­men und Ver­mö­gen nach oben durch har­sche Ein­grif­fe in die So­zi­al­sys­te­me. Ein drit­ter Weg wä­re die Schul­densen­kung, um aus der Fi­nanz­kri­se her­aus­zu­fin­den und schließ­lich sei die lo­gi­sche Ent­spre­chung des We­ges der Ent­schul­dung die Ver­klei­ne­rung der „Spe­ku­la­ti­ons­kas­se“mit­hil­fe ei­ner Ver­mö­gens­ab­ga­be, ei­ner Ver­mö­gens­steu­er und durch Ka­pi­tal­trans­ak­ti­ons­steu­ern. Kei­nes­falls, so Alt­va­ter, kön­ne das un­säg­li­che Po­li­tik­pa­ket ei­ner „Schul­den­wachst­umgs­be­schleu­ni­gungs­brem­se“funk­tio­nie­ren,weil­dadurch­die letz­ten Res­te der so­li­da­ri­schen Um­ver­tei­lung durch den So­zi­al­staat un­ter­blei­ben bzw. weg­ge­kürzt wer­den müss­ten. (vgl. S. 59) Alt­va­ters größ­te Sor­ge ist die Be­schrän­kung de­mo­kra­ti­scher Par­ti­zi­pa­ti­on durch Fis­kal­pakt und ESM, weil des­sen Ver­wen­dung von „tech­ni­schen Fach­leu­ten“zum öko­no­misch Bes­ten des Sys­tems be­stimmt wer­de.

Hans Holzin­ger warnt in sei­nem Bei­trag über die „Ener­gie­ver­sor­gung als Achil­les­fer­se des Kon­sum­ka­pi­ta­lis­mus“vor mög­li­chen Res­sour­cen­kon­flik­ten im 21. Jahr­hun­dert­und­plä­diert­für­ei­ne„so­lar­spar­ge­sell­schaft“un­ter Nut­zung der gro­ßen Po­ten­zia­le er­neu­er­ba­rer Ener­gi­en und ei­ner de­zen­tra­len Ener­gie­ver­sor­gung. Es ist die wohl be­rech­tig­te, aber auch nicht un­wi­der­spro­che­ne Er­war­tung Holzin­gers auf ei­nen tief­grei­fen­den Wan­del im post­fos­si­len Wirt­schaf­ten und Le­ben zu set­zen, in dem „wir uns ge­mein­sam dar­um küm­mern, was uns wirk­lich an­geht und was wir wirk­lich wol­len. Da­zu zäh­len auch die Fä­hig­keit zur Mu­ße so­wie die Kunst des Un­ter­las­sens“(S. 76f.).

Schließ­lich zeigt das „Ma­ni­fest der 29. Som­mer­aka­de­mie“,was­zur­über­win­dungder­kri­se­zu­tun­wä­re:über­win­dung der glo­ba­len Hun­ger­kri­se durch „grün“-tech­no­lo­gi­sche Re­vo­lu­tio­nen, ei­ne deut­li­che Re­du­zie­rung des­pro-kopf-ver­brauchsa­n­ener­gie,die­er­ar­bei­tung­zi­vil­ge­sell­schaft­li­cher Bud­gets (vgl. da­zu auch www.we­ge­aus­der­kri­se.at) und schließ­lich die Kon­flikt­über­win­dung durch ge­walt­freie Kom­mu­ni­ka­ti­on. Al­les in al­lem ei­ne ge­lun­ge­ne Mi­schung aus Uto­pie und kon­kre­ten Hand­lungs­vor­schlä­gen. A. A.

Pro­gno­sen: Hand­lungs­op­tio­nen

22 We­ge aus der Kri­se. Ide­en und Kon­zep­te für Mo­gen. Hrsg.v. Elias Bier­del … Wi­en (u. a.): LIT-VERL., 2013. 209 S., € 9,80 [D], 10,10 [A], sfr 11,80 ; ISBN 978-3-643-50466-1

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