Von ges­tern für mor­gen ler­nen

ProZukunft - - Vorderseite -

In An­be­tracht der zum „glo­ba­len Dorf“ge­schrumpf­ten Welt des 21. Jahr­hun­derts stellt sich die Fra­ge, was zu wel­chem Zweck zu tun, zu un­ter­las­sen und vor al­lem auch zu ler­nen wä­re, mit zu­neh­men­der Dring­lich­keit. Ins­be­son­de­re gilt dies für ei­ne „Wis­sens­ge­sell­schaft“, die für sich in An­spruch nimmt, al­len nur er­denk­li­chen Ge­fah­ren früh­zei­tig und an­ge­mes­sen zu be­geg­nen.

Ein Blick auf die Rea­li­tät frei­lich sieht an­ders aus: St­un­den­plä­ne, uni­ver­si­tä­re Cur­ri­cu­la und be­rufs­be­glei­ten­de Maß­nah­men sind ganz of­fen­sicht­lich nicht hin­rei­chend ge­eig­net, dau­er­haft sta­bi­le (Er­werbs-) Bio­gra­fi­en oder gar glück­li­che Le­bens­ver­läu­fe zu si­chern. Selbst in den wohl­ha­ben­den Staa­ten­ge­mein­schaf­ten zählt ei­ne bis vor kur­zem kaum für mög­lich ge­hal­te­ne Ju­gend­ar­beits­lo­sig­keit von bis zu 50 % zu den größ­ten Hy­po­the­ken auf ei­ne ge­deih­li­che Zu­kunfts­ge­stal­tung.

Es ist wohl kein Zu­fall, dass in die­sem Kon­text ver­mehrt da­nach ge­fragt wird, wie es um die Lern­fä­hig­keit mo­der­ner Ge­sell­schaf­ten grund­sätz­lich be­stellt ist.

Ha­ben wir, um nur ein Bei­spiel zu nen­nen, aus der Ka­ta­stro­phe von Fu­kus­hi­ma tat­säch­lich die rich­ti­gen und un­um­kehr­ba­ren Schlüs­se ge­zo­gen? Wor­auf kön­nen wir uns, grund­sätz­lich ge­spro­chen, in die­sem Pro­zess kol­lek­ti­ver Ori­en­tie­rung stüt­zen? Das dies­jäh­ri­ge „Fo- rum Al­pach“, erst­mals von dem ehe­ma­li­gen EU-KOM- mis­sar Franz Fisch­ler ge­lei­tet, wid­me­te sich mit Be- dacht dem The­ma „Er­fah­rung macht Wer­te“, um der Rol­le Eu­ro­pas zwi­schen Selbst­über­schät­zung und Ge­schichts­ver­ges­sen­heit nach­zu­spü­ren. Und es kommt wohl nicht von un­ge­fähr, dass Ja­red Dia­mond, welt­weit wohl der be­kann­tes­te Evo­lu­ti­ons­bio­lo­ge, kürz­lich unter dem Ti­tel „Ver­mächt­nis“die Sum­me sei­ner For­schun­gen vor­ge­legt hat, um zu er­läu­tern, „was wir von tra­di­tio­nel­len Ge­sell­schaf­ten ler­nen kön­nen“.1) Oh­ne die An­nehm­lich­kei­ten und Vor­zü­ge ka­pi­ta­lis­tisch ge­präg­ter Staa­ten­ge­mein­schaf­ten in Abre­de zu stel­len (oder gar ver­mis­sen zu wol­len), macht Dia­mond vor­wie­gend auf der Ba­sis ei­ge­ner Be­ob­ach­tun­gen in Neu­gui­nea, aber auch auf Grund­la­ge zahl­rei­cher an­de­rer Stu­di­en zur Le­bens­wei­se tra­di­tio­nel­ler Ge­sell­schaf­ten dar­auf auf­merk­sam, dass wir gut dar­an tä­ten, von den Er­fah­run­gen un­se­rer Vor­fah­ren und frem­der Kul­tu­ren zu ler­nen. Mehr­spra­chig­keit – so das Er­geb­nis jüngs­ter Stu­di­en

trägt we­sent­lich da­zu bei, kom­ple­xe Zu­sam­men­hän­ge bes­ser zu ver­ste­hen und re­du­ziert die Wahr­schein­lich­keit an Alz­hei­mer zu er­kran­ken ent­schei­dend. Was al­so mag es be­deu­ten, dass in den kom­men­den 100 Jah­ren rund 95 % der heu­te noch ge­spro­che­nen 7000 Spra­chen welt­weit aus­ster­ben? Kon­flik­te durch Me­dia­ti­on und Ver­gleich dau­er­haft zu lö­sen, Er­näh­rungs­kri­sen durch Sor­ten­viel­falt und klein­räu­mi­ge An­bau­flä­chen zu be­gren­zen, oder das Auf­tre­ten von nicht­über­trag­ba­ren Zi­vi­li­sa­ti­ons­krank­hei­ten dras­tisch zu re­du­zie­ren oder gar aus­zu­schlie­ßen: das und mehr könn­ten (und soll­ten) wir von tra­di­tio­nel­len Ge­sell­schaf­ten ler­nen, oh­ne die Vor­zü­ge un­se­rer Zi­vi­li­sa­ti­on auf­ge­ben zu müs­sen. Ein we­sent­li­cher Schritt, so Dia­mond, wä­re be­reits ge­tan, wenn wir „uns be­we­gen, lang­sam es­sen und uns beim Es­sen mit Freun­den un­ter­hal­ten, statt die Le­bens­mit­tel al­lein hin­un­ter­zu­sch­lin­gen“(S. 530).

Ob Kin­der­er­zie­hung, Wert­schät­zung der Al­ten oder Re­li­gi­on – die von Ja­red Dia­mond an­ge­spro­che­nen The­men sind als Er­fah­rungs­schatz der Vor­fah­ren nicht von abs­trak­tem In­ter­es­se, son­dern da und dort auch Schlüssel zur Zu­kunfts­ge­stal­tung.

Dies gilt wohl auch für die in die­ser Aus­ga­be be­han­del­ten The­men: Wie es um die Zu­kunft der Atom­tech­no­lo­gie aus­sieht, hat sich ein­gangs Hans Holzin­ger an­ge­se­hen, und er stellt fest, dass, welt­weit be­trach­tet, der Aus­stieg noch längst nicht aus­ge­mach­te Sa­che ist. Na­tür­lich wis­sen wir auch um die Not­wen­dig­keit, das Mo­bi­li­täts­ver­hal­ten in An­be­tracht der glo­ba­len Ent­wick­lung grund­sätz­lich zu über­den­ken. Al­f­red Au­er und Ste­fan Wal­ly ha­ben sich in die­sem Zu­sam­men­hang ei­ne Rei­he neu­er Pu­bli­ka­tio­nen an­ge­se­hen. Bräuch­ten wir in An­be­tracht der ak­tu­el­len Her­aus­for­de­run­gen nicht ei­ne gänz­lich neue, „ent­fes­sel­te“, von den Dog­men des Ma­te­ria­lis­mus be­frei­te Wis­sen­schaft, ei­ne an­de­re Form der (uni­ver­si­tä­ren) Aus­bil­dung? Fra­gen wie die­sen wird in ei­nem wei­te­ren Ka­pi­tel nach­ge­gan­gen. Und schließ­lich geht es - kei­nes­wegs zum ers­ten Mal an die­ser Stel­le - um die Fra­ge, wie Wirt­schaft zu­kunfts­fä­hig ge­stal­tet wer­den könn­te. Er­gän­zun­gen aus dem wei­ten Feld der Zu­kunfts­for­schung run­den die­se Aus­ga­be ab.

Ei­ne er­kennt­nis- und fol­gen­rei­che Lek­tü­re wünscht im Na­men des Jbz-teams

Ihr w.spiel­mann@salz­burg.at

Newspapers in German

Newspapers from Austria

© PressReader. All rights reserved.