Po­li­ti­sche Theo­rie Die Re­vo­lu­ti­on ist ab­ge­sagt

Gibt es neue Im­pul­se, wie ei­ne bes­se­re Welt mög­lich wird? Ste­fan Wal­ly hat ge­le­sen, was al­te Be­kann­te wie Chan­tal Mouf­fe und Karl-heinz Roth sa­gen und was jun­ge Wil­de wie Ar­men Avan­es­si­an und Fried­rich von Bor­ries bei­tra­gen kön­nen. Fest steht: Die Re­vo­lut

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NAVIGATOR

Gibt es neue Im­pul­se, wie ei­ne bes­se­re Welt mög­lich wird? Ste­fan Wal­ly hat ge­le­sen, was al­te Be­kann­te wie Chan­tal Mouf­fe und Karl-heinz Roth sa­gen und was jun­ge Wil­de wie Ar­men Avan­es­si­an und Fried­rich von Bor­ries bei­tra­gen kön­nen.

„Die zen­tra­le Fra­ge lau­tet dem­nach, wie die für jed­we­de Po­li­tik kon­sti­tu­ti­ve Un­ter­schei­dung zwi­schen ‘uns’ und ‘de­nen’ so ge­stal­tet wer­den kann, dass sie mit der An­er­ken­nung des Plu­ra­lis­mus ver­ein­bar wird.“(Chan­tal Mouf­fe in , S. 31f.)

Plu­ra­lis­mus statt Kon­sens

Sind die Kon­flik­te in den mo­der­nen frei­en De­mo­kra­ti­en durch ra­tio­na­len Dis­kurs auf­lös­bar? Ist es wünsch­bar, dass in Dis­kus­sio­nen ein um­fas­sen­der Kon­sens ent­steht? Chan­tal Mouf­fe ant­wor­tet zwei­mal „Nein“.

Chan­tal Mouf­fe hat sich über Jah­re hin­weg mit Fra­gen der De­mo­kra­tie aus­ein­an­der­ge­setzt. Sie wur­de zu ei­ner der ein­fluss­reichs­ten Ana­ly­ti­ke­rin­nen. Sie legt nun mit „Ago­nis­tik: Die Welt po­li­tisch den­ken“ein Buch vor, in dem sie ei­ne Über­sicht über den ak­tu­el­len Stand ih­rer Über­le­gun­gen gibt.

Mouf­fe lehnt die bei­den do­mi­nie­ren­den An­sät­ze des De­mo­kra­tie­ver­ständ­nis­ses ab. Das de­li­be­ra­ti­ve Mo­dell geht da­von aus, dass sich in ei­ner frei­en Ge­sell­schaft an­hand von mo­ra­li­schen Über­le­gun­gen und ver­nünf­ti­ger Ar­gu­men­ta­ti­on po­li­ti­sche Er­geb­nis­se er­zie­len las­sen. Das zwei­te Mo­dell, sie nennt es das “ag­gres­si­ve Mo­dell“, re­det von Po­li­tik als dem Durch­set­zen von In­ter­es­sen.

„Ago­nis­ti­sches Mo­dell“der Po­li­tik

Statt­des­sen spricht Mouf­fe von ei­nem „ago­nis­ti­schen Mo­dell“der Po­li­tik. Für die Au­to­rin ist es nicht denk­bar, ei­nen Kon­sens in der Ge­sell­schaft her­zu­stel­len. Kon­sens be­deu­te die Kon­sti­tu­ti­on ei­nes „Wir“, das aber oh­ne ein „Ihr“nicht mög­lich sei. Statt­des­sen sol­len Kon­flik­te ge­ra­de nicht eli­mi­niert wer­den, da sie die Grund­la­ge des Plu­ra­lis­mus sind. Kon­flik­te gel­te es aber nicht als Aus­ein­an­der­set­zung zwi­schen Fein­den (An­t­ago­nis­mus), son­dern als Aus­ein­an­der­set­zung un­ter Kon­tra­hen­ten (Ago­nis­mus) zu füh­ren. Kon­tra­hen­ten wol­len ih­re Ide­en durch­set­zen, sie he­ge­mo­ni­al wer­den las­sen, stel­len aber nicht das Recht der an­de­ren in­fra­ge, für des­sen Vor­schlä­ge zu wer­ben. Die­ser ago­nis­ti­sche Wett­streit sei die Grund­be­din­gung ei­ner le­ben­di­gen De­mo­kra­tie. (S. 28ff.) Die­ser Kon­kur­renz­kampf be­darf der Ak­zep­tanz von de­mo­kra­ti­schen Spiel­re­geln.

Ihr An­satz ist, dass die „Lei­den­schaf­ten“als trei­ben­de Kraft auf dem Feld der Po­li­tik zur Kennt­nis

ge­nom­men wer­den müs­sen. Es gel­te nicht, die­se Lei­den­schaft zu eli­mi­nie­ren, sie sol­len frucht­bar ge­macht wer­den für kol­lek­ti­ve Iden­ti­fi­ka­ti­ons­mög­lich­kei­ten und de­mo­kra­ti­sche Zie­le. Zur ak­tu­el­len Po­li­tik be­zieht sich Mouf­fe auf das Vo­ka­bu­lar des ita­lie­ni­schen Mar­xis­ten An­to­nio Gram­sci. Die­ser un­ter­schei­det in der po­li­ti­schen Aus­ein­an­der­set­zung zwi­schen Be­we­gungs­krieg (Re­vo­lu­ti­on) und Stel­lungs­krieg (dem Rin­gen um Mei­nungs­füh­rer­schaft). Mouf­fe plä­diert heu­te für ein Strei­ten für das Wirk­sam­wer­den von De­mo­kra­tie und Frei­heit in den ent­wi­ckel­ten Staa­ten: „Des­halb soll­te es in sol­chen Ge­sell­schaf­ten die Stra­te­gie der Lin­ken sein, sich für die Stär­kung die­ser Prin­zi­pi­en ein­zu­set­zen, und dies er­for­dert kei­nen ra­di­ka­len Bruch, son­dern das, was Gram­sci ‘Stel­lungs­krieg’ nennt, ei­ne Aus­ein­an­der­set­zung al­so, die zur Er­zeu­gung ei­ner neu­en He­ge­mo­nie führt.“(S. 197) De­mo­kra­tie

98 Mouf­fe, Chan­tal: Ago­nis­tik. Die Welt po­li­tisch den­ken. Berlin: Suhr­kamp, 2014. 214 S.,

€ 16,- [D], 16,50 [A], sfr 23,10

ISBN 978-3-518-12677-6

Ent­schei­den­de Re­for­men

Ein klas­si­sches Ma­ni­fest stellt das Büch­lein dar, das Karl Heinz Roth und Zis­sis Pa­pa­di­mi­triou vor­ge­legt ha­ben. Un­ter dem Ti­tel „Die Ka­ta­stro­phe ver­hin­dern. Ma­ni­fest für ein ega­li­tä­res Eu­ro­pa“ar­gu­men­tie­ren sie für ei­nen neu­en Ver­such, die Po­li­tik auf die­sem Kon­ti­nent zu ver­än­dern. Roth gilt seit lan­gem als Vor­den­ker der ra­di­ka­len Lin­ken in Deutsch­land, mit vie­len Bü­chern hat er im­mer wie­der Ein­fluss auf das Ide­en­re­per­toire die­ses La­gers ge­nom­men. Zis­sis Pa­pa­di­mi­triou war Pro­fes­sor für So­zio­lo­gie und Po­li­ti­sche Wis­sen­schaf­ten in Thes­sa­lo­ni­ki und pu­bli­ziert eben­falls seit Jahr­zehn­ten.

In dem Ma­ni­fest be­schrei­ben die bei­den die Ent­wick­lung Eu­ro­pas, die zur Wirt­schafts­kri­se und zur ak­tu­el­len Sta­gna­ti­on führ­ten. „In­zwi­schen ist Eu­ro­pa zum Epi­zen­trum der glo­ba­len Sta­gna­ti­on

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ge­wor­den.“(S. 40) Sie be­gin­nen mit den Aus­ein­an­der­set­zun­gen nach dem Kol­laps des Gold­stan­dards in der ers­ten Hälf­te der 1970er-jah­re und be­schrei­ben die De­re­gu­lie­rung der Fi­nanz­märk­te und die Ent­wick­lung der deut­schen Vor­macht­stel­lung in Eu­ro­pa. Sie kri­ti­sie­ren das „bei­spiel­lo­se Pro­gramm zum Aus­bau der deut­schen Wett­be­werbs­po­si­ti­on auf dem eu­ro­päi­schen Bin­nen­markt“(S. 29) durch die Agen­da 2010 der rot-grü­nen deut­schen Bun­des­re­gie­rung, das auf De­re­gu­lie­rung der Ar­beits­märk­te, der Ein­füh­rung ei­nes Nied­rig­lohn­sek­tors und dem Ab­bau von So­zi­al­leis­tun­gen ba­sier­te. So stei­ger­te Deutsch­land sei­ne Ar­beits­pro­duk­ti­vi­tät und senk­te die Re­al­lohn­kos­ten. Die Au­to­ren spre­chen von der „Lo­gik des deut­schen Neo­mer­kan­ti­lis­mus.“Die über­ak­ku­mu­lier­te deut­sche Pro­duk­ti­ons­ba­sis konn­te dau­er­haft nur ge­si­chert wer­den, da sie auf stän­dig wach­sen­de Wa­ren- und Ka­pi­tal­ex­port­märk­te zu­rück­grei­fen konn­te, auf de­nen der in Deutsch­land pro­du­zier­te Mehr­wert rea­li­siert und re­inves­tiert wer­den konn­te. Die Si­tua­ti­on in Grie­chen­land lässt sich auch so er­klä­ren.

Ma­ni­fest der Re­for­men

In dem Ma­ni­fest ge­hen die Au­to­ren von der Be­schrei­bung der Ent­wick­lung zur For­mu­lie­rung ei­nes Pro­gram­mes über. Be­mer­kens­wert da­bei, dass sie sich von Re­vo­lu­ti­ons­mo­del­len ver­ab­schie­det ha­ben. „Die ers­te Prä­mis­se ba­siert auf der im Er­geb­nis un­se­res jahr­zehn­te­lan­gen En­ga­ge­ments ge­won­ne­nen Ein­sicht, dass die Re­vo­lu­ti­ons­mo­del­le, die einst die ver­schie­de­nen Strö­mun­gen der Ar­bei­ter­lin­ken be­flü­gel­ten, über­holt sind.“(S. 93) Die Au­to­ren set­zen auf „ent­schei­den­de Re­for­men“, die schließ­lich den Sys­tem­bruch her­bei­füh­ren, auf meh­re­re Etap­pen sich ver­tei­len und über län­ge­re Zeit­span­nen er­stre­cken und die ei­nen oder meh­re­re Ge­ne­ra­ti­ons­wech­sel ein­schlie­ßen (S. 94). Klar sei auch, dass der Sys­tem­wech­sel nur mehr auf der Grund­la­ge ei­nes trans­na­tio­nal ko­or­di­nier­ten Vor­ge­hens mög­lich sei, das gan­ze Kon­ti­nen­te oder Welt­re­gio­nen um­fasst (S. 97).

Die Kern­for­de­run­gen in dem Ma­ni­fest sind die Ent­schleu­ni­gung des Ar­beits­tem­pos und der Ar­beits­rhyth­men so­wie Ar­beits­zeit­ver­kür­zung bei Lohn­aus­gleich (s. a. nächs­tes Ka­pi­tel in die­ser PZ). Es geht um den Aus­bau und die Er­neue­rung der so­zia­len Si­che­run­gen, die Rück­ver­tei­lung von ge­sell­schaft­li­chem Reich­tum, die Ver­hin­de­rung von Ka­pi­tal­flucht und die Ver­ge­sell­schaft­li­chung der In­ves­ti­tio­nen. Öf­fent­li­che Gü­ter sol­len wie­der von der Ge­mein­schaft an­ge­eig­net wer­den, die Gleich­heit der Ge­schlech­ter un­ter­stützt, das Schen­ge­ner Grenz­re­gime li­qui­diert, ei­ne Kehrt­wen­de in der Um­welt­po­li­tik her­bei­ge­führt und die Un­gleich­ge­wich­te in Eu­ro­pa über­wun­den wer­den. Die Au­to­ren den­ken an ei­ne Fö­de­ra­ti­ve Re­pu­blik Eu­ro­pa, in der Kom­mu­nen und Kan­to­ne stark sind, die Na­tio­nen in über­na­tio­na­len Re­gio­nen zu­sam­men­ge­fasst wer­den. Ei­nen „Auf­bruch zu neu­en Ufern“nen­nen sie ihr Pro­jekt. Kaum wo liest man ei­ne der­art kom­pak­te Darstel­lung der Po­li­tik der ra­di­ka­len Lin­ken wie hier, wenn­gleich de­ren Ra­di­ka­li­tät vor Jah­ren schon we­sent­lich aus­ge­präg­ter war. Eu­ro­pa: Fö­de­ra­ti­ve Re­pu­blik

99 Roth, Karl Heinz ; Pa­pa­di­mi­triou, Zis­sis:

Die Ka­ta­stro­phe ver­hin­dern. Ma­ni­fest für ein ega­li­tä­res Eu­ro­pa. Ham­burg: Nau­ti­lus, 2013. 125 S., € 9,90 [D], 10,30 [A], sfr 13,90

ISBN 978-3-89401785-9

Die Im­ma­nenz der Macht

Ba­ruch de Spi­no­za war ein ra­di­ka­ler Den­ker im 17. Jahr­hun­dert. Mar­tin Saar un­ter­sucht, wel­che An­schlüs­se heu­te noch an den nie­der­län­di­schen Ta­bu­bre­cher mög­lich sind, wenn wir über Po­li­tik re­den. In­di­zi­en, dass Spi­no­za noch heu­te ei­ne Rol­le spie­len kann, fin­det man ge­nug: Auf ihn be­zo­gen sich Struk­tu­ra­lis­ten genau­so wie zu­letzt An­to­nio Ne­gri und Micha­el Hardt in ih­rem Buch über die Multi­tu­de. Und der Be­griff der Multi­tu­de hat ei­ne Vor­ge­schich­te bei Spi­no­za.

Saar prä­sen­tiert die drei zen­tra­len Wer­ke Spi­no­zas, die das Ge­mein­we­sen zum The­ma hat­ten. Das sind der „Trac­ta­tus theo­lo­gi­co-po­li­ti­cus“, der „Trac­ta­tus po­li­ti­cus“und sein Haupt­werk „Et­hi­ca or­di­ne geo­metri­co de­mons­tra­ta“. Aus al­len Tex­ten ver­sucht er Kern­ele­men­te her­aus­zu­fil­tern, die an­schluss­fä­hig sind.

Spi­no­za at­ta­ckier­te die theo­lo­gi­schen Leh­ren sei­ner Zeit. Auch der po­li­ti­schen Ob­rig­keit sprach er die Au­to­ri­tät in der Be­stim­mung kon­kre­ter Le­bens­ge­stal­tung ab. Die Kir­che sol­le au­ßer prak­tisch-mo­ra­li­schen Grund­sät­zen kei­ne Aus­sa­gen tref­fen, die Po­li­tik müs­se ih­re Le­gi­ti­mi­tät we­sent­lich an­spruchs­vol­ler de­fi­nie­ren. Er kam zur Über­zeu­gung, dass „ge­mein­schaft­li­che Ei­ni­gung die al­lei­ni­ge Qu­el­le le­gi­ti­mer po­li­ti­scher Au­to­ri­tät ist und dass al­lein die Ver­nunft das Fo­rum zur Prü­fung ein­an­der wi­der­strei­ten­der Ar­gu­men­te sein kann“(S. 412). Die Macht des Vol­kes, der Multi­tu­de, sei die ein­zi­ge Qu­el­le der Hand­lungs­fä­hig­keit und der Sta­bi­li­tät der In­sti­tu­tio­nen und Herr­schafts­struk­tu­ren. Des­halb müs­se sie in das Re­gie­ren ein­ge­bun­den sein.

Die­se Multi­tu­de be­steht nun aus Men­schen, die im­mer zu­gleich ver­nünf­tig und af­fekt­ge­lei­tet sind.

Sie müs­sen sich zu al­ler­erst von un­ver­stan­de­ner Be­dingt­heit und in­ne­ren und äu­ße­ren Ein­flüs­sen be­frei­en, um zu ei­ner selbst­be­stimm­ten Exis­tenz zu ge­lan­gen. Da­bei le­gen sie ih­re po­te­nia frei, das, was sie von Na­tur aus ver­mö­gen und kön­nen. Die­se Fä­hig­kei­ten sind nach Spi­no­za im­mer schon ge­ge­ben, im­ma­nent. Die­se Na­tur ist aber nicht sta­bil, bei Spi­no­za kommt durch das „Co­na­tus-prin­zip“Dy­na­mik in die Sa­che. Un­ter die­sem Prin­zip ver­steht er ei­ne Wirk­kraft, die den Akt des Wer­dens er­mög­licht: Das Wach­sen und Ver­ge­hen von Pflan­zen genau­so wie das mensch­li­che Wer­den.

Das Prin­zip des Wer­dens

Die­ses Wer­den führt aber genau­so zu ver­nünf­ti­gen wie zu von Af­fek­ten ge­lei­te­ten Re­ak­tio­nen der ein­zel­nen Men­schen und der Multi­tu­de. Saar be­harrt des­we­gen dar­auf, dass die Ef­fek­te der Macht der Multi­tu­de bei Spi­no­za „grund­sätz­lich un­ter­be­stimmt sind, ihr Wir­ken pro­duk­tiv oder de­struk­tiv sein kön­ne und des­halb Macht, an­ders als es vie­le Theo­ri­en zu­las­sen, Kon­sti­tu­ti­on oder Zer­stö­rung be­deu­ten kann.“(S. 414f.) Die Af­fek­ten­leh­re räumt den Ge­füh­len und emo­tio­na­len Dis­po­si­tio­nen so­wie ima­gi­nä­ren Dy­na­mi­ken ei­nen her­aus­ra­gen­den Platz ein und macht da­mit die Un­be­stimmt­heit der Macht in Be­zug auf das, was man Fort­schritt nennt, of­fen­sicht­lich.

„In ih­rem Zen­trum steht ei­ne Kon­zep­ti­on der multi­tu­do, der Men­ge, als des un­ver­fass­ten, aber un­ver­zicht­ba­ren Fun­da­ments der Macht des Staa­tes so­wie ei­ne an­spruchs­vol­le Theo­rie der po­li­ti­schen Frei­heit. Auch an die­sem Punkt ist Spi­no­zas Theo­rie of­fen für Am­bi­va­lenz und Kon­tin­genz. Die Men­ge er­mög­licht und be­droht zu­gleich die staat­li­che Ord­nung.“(S. 416) Die­se In­ter­pre­ta­ti­on ist in­so­fern wich­tig, als auch An­to­nio Ne­gri sich auf Spi­no­za be­zieht, Ne­gri aber ei­ne grund­sätz­lich po­si­ti­ve Rich­tung der Macht­aus­übung der Multi­tu­de an­nimmt.

Saar kommt zu ei­ni­gen Schluss­fol­ge­run­gen für die po­li­ti­sche Theo­rie. „Ge­gen die ei­ne Macht hilft nur ei­ne an­de­re Macht.“Spi­no­zas Den­ken der Re­gie­rung, der Af­fek­te und der De­mo­kra­tie ver­fährt (…) ganz ähn­lich: Das un­ver­meid­li­che Re­giert­wer­den kann nur durch al­ter­na­ti­ve For­men der (Selbst-)re­gie­rung in ver­träg­li­che Bah­nen ge­lenkt wer­den.“Spi­no­za rich­te sich ge­gen ei­ne ein­deu­ti­ge Schei­dung zwi­schen gu­ter und de­struk­ti­ver Ge­walt, er rich­te sich ge­gen die Idee ei­ner voll­stän­di­gen Steue­rung durch die Re­gie­rung, er rich­te sich ge­gen den Ver­such, Af­fek­te aus der Po­li­tik zu ver­ban­nen. Sei­ne Theo­rie der Im­ma­nenz liest Saar so, dass die Ge­set­ze, Nor­men und Kri­te­ri­en aus den Voll­zü­gen des mensch­li­chen Le­bens, Er­ken­nens und Zu­sam­men­le­bens selbst ent­ste­hen und des­we­gen Aus­druck ih­rer Na­tur sei­en. Auf­ruhr sei im­mer im­ma­nent, in der Na­tur des Men­schen an­ge­legt, Aus­druck des­sen, dass Re­giert­wer­den nur so lan­ge to­le­riert wird, so­lan­ge der Preis da­für, si­cher zu le­ben, nicht zu hoch ge­wor­den sei (S. 426). De­mo­kra­ti­e­theo­rie

100 Saar, Mar­tin: Die Im­ma­nenz der Macht. Po­li­ti­sche Theo­rie nach Spi­no­za. Berlin: Suhr­kamp, 2013. 459 S., € 22,- [D], 22,70 [A], sfr 30,80

ISBN 978-3-518-29654-7

Ka­pi­ta­lis­mus ge­gen Ka­pi­ta­lis­mus

Wenn ge­gen den Ka­pi­ta­lis­mus nichts wirkt: Wie wä­re es da­mit, den Ka­pi­ta­lis­mus ge­gen sich selbst an­tre­ten zu las­sen? Auf die­se Idee ist Fried­rich von Bor­ries ge­kom­men. Wie er sich das vor­stellt, lässt er uns in sei­nem Buch „RLF. Das rich­ti­ge Le­ben im fal­schen“ver­fol­gen.

Ein Ham­bur­ger Krea­tiv­di­rek­tor ei­ner Wer­be­fir­ma ge­rät in Lon­don in die Wir­ren po­li­ti­scher Aus­ein­an­der­set­zun­gen, schlägt sich auf die Sei­te des Pro­tests, mo­ti­viert auch durch ei­ne der Ak­ti­vis­tin­nen. Er wirft St­ei­ne und ge­rät in das Vi­sier der Po­li­zei und sei­ne Über­wa­chung be­ginnt.

Jan, so heißt der Wer­ber, be­ginnt nun, das was er kann: wer­ben und ver­kau­fen, ge­gen das Sys­tem ein­zu­set­zen, das ihn be­schat­tet. Er grün­det das Un­ter­neh­men RLF, das Geld ver­dient, mit dem ei­ne Mi­kro­na­ti­on auf­ge­baut wird, die der Kern der kom­men­den Welt­re­vo­lu­ti­on sein soll. Auch die Art des Geld­ver­die­nens ist Aus­druck des Pro­tests: Er ver­kauft das Le­bens­ge­fühl des Wi­der­stands, ko­piert und ver­frem­det. Er ver­klei­det ei­nen Couch­tisch von IKEA mit Gold und bricht so die Zu­ord­nun­gen, die die Ge­sell­schaft Wa­ren zu­schrei­ben will.

Ei­ne Art Uto­pie­ver­bot

Mi­ka­el, ei­ner der Part­ner Jans, sieht das so: „Wir sol­len die Al­ter­na­ti­ven zum be­ste­hen­den Sys­tem nicht den­ken. Ei­ne Art Uto­pie­ver­bot. Und da setzt RLF an. Denn RLF kann wie ein Vi­rus in das be­ste­hen­de Sys­tem ein­drin­gen, den Co­de der Kon­su­men­ten ver­än­dern. Wie ei­ne Krebs­zel­le, die die Hel­fer­zel­len des Kör­pers ak­ti­viert, um ihn zu zer­stö­ren, und dann pro­du­ziert der Kör­per sei­ne ei­ge­nen Krebs­zel­len, zer­setzt sich sel­ber, ge­nau so soll RLF funk­tio­nie­ren. Den Ka­pi­ta­lis­mus von in­nen zer­fres­sen…“(S. 191).

Die Fir­ma RLF gibt es wirk­lich, sie ver­kauft tat­säch­lich sol­che Pro­duk­te. Das Buch ist ein Ro­man,

sei­ne Spra­che ist auch an­ge­mes­sen, um die­se Idee der Re­bel­li­on zu er­zäh­len. Er­zäh­len funk­tio­niert hier bes­ser als er­klä­ren. Ka­pi­ta­lis­mus­kri­tik

101 Bor­ries, Fried­rich von: RLF. Das rich­ti­ge Le­ben im fal­schen. Berlin: Suhr­kamp no­va, 2013. 251 S., € 13,99 [D], 14,40 [A], sfr 13,90

ISBN 978-3-518-46443-4

Be­deu­tun­gen ver­schie­ben

Aus dem Mer­ve Ver­lag kommt das Buch über „Me­ta­noia“, das Ar­men Avan­es­si­an ge­mein­sam mit An­ke Hennig ge­schrie­ben habt. Avan­es­si­an ist Phi­lo­soph, Hennig ist Li­te­ra­tur­wis­sen­schaft­le­rin. Die bei­den ge­hen dem Phä­no­men nach, war­um Men­schen nach der Lek­tü­re von Bü­chern manch­mal den Satz ver­wen­den: „Jetzt se­he ich al­les an­ders.“Oder: „Das Buch hat mich zu ei­nem an­de­ren Men­schen ge­macht.“Oder: „Ich ver­ste­he nicht mehr, was ich mir frü­her da­bei ge­dacht ha­be.“

Kann das wirk­lich pas­sie­ren? Macht das Sinn? Kön­nen Tex­te ein Le­ben wirk­lich ver­än­dern? Avan­es­si­an und Hen­ning mei­nen ja, und ho­len zu ei­ner um­fas­sen­den phi­lo­so­phi­schen Be­grün­dung aus. Sie nen­nen das Phä­no­men „Me­ta­noia“.

„Spe­ku­la­ti­ver“Rea­lis­mus

In ei­ner Me­ta­noia wer­den bis­he­ri­ge Lek­tio­nen des Le­bens über­schrie­ben, es kommt zu ei­ner Ver­schie­bung im Ver­hält­nis zum Den­ken und zur Welt. Me­ta­noia ist ei­ne fun­da­men­ta­le Trans­for­ma­ti­on des Geis­tes. Die Haupt­rol­le kommt da­bei der Spra­che zu. Sie ent­wi­ckelt sich „im Rah­men der Mög­lich­kei­ten, die in ih­rer Ver­bun­den­heit mit Den­ken und Welt be­steht und sich stän­dig ver­än­dert. Des­we­gen sind die Mög­lich­kei­ten ei­nes neu­en Ver­ste­hens im­mer auch an das Fin­den und Er­fin­den ei­ner neu­en Spra­che ge­bun­den.“(S. 8) Die­se neue Form der Spra­che macht es na­tür­lich nicht mehr mög­lich, die ei­ge­nen Sät­ze der Ver­gan­gen­heit zu ver­ste­hen, denn das Ver­schie­ben der Be­deu­tun­gen führt zur Ver­schie­bung der Re­al­titä­ten, „Wenn tat­säch­lich das `Gan­ze´ ver­scho­ben wird, än­dert sich der Sinn al­ler Tei­le. Dann ist die Ver­gan­gen­heit auf ein­mal nicht mehr das, was war, nicht mehr das, was sie vor­her war, son­dern das, was als Un­ver­stan­de­nes zu­rück­kommt. Un­se­re For­mel für die nicht ein­fach rea­li­täts­ver­än­dern­den, son­dern rea­li­täts­stif­ten­den Ef­fek­te von Me­ta­noia lau­tet: Das Vor­her ist nach­her ein an­de­res.“(S. 9)

Das Buch ist im Um­feld ei­ner neu­en Grup­pe von Phi­lo­so­phen er­schie­nen, die in den ver­gan­ge­nen Jah­ren rund um den Be­griff des „Spe­ku­la­ti­ven Rea­lis­mus“ent­stan­den ist. Un­ter die­sem Ti­tel fand 2007 in Lon­don ei­ne Kon­fe­renz statt. Da­bei ka­men Den­ker zu­sam­men, die Über­schnei­dun­gen in ih­rem Den­ken in Fra­gen der Epis­te­mo­lo­gie und Me­ta­phy­sik, der on­to­lo­gi­schen Fun­die­rung des Den­kens und der Kon­struk­ti­on spe­ku­la­ti­ver Mo­del­le der Me­ta­phy­sik auf­wie­sen. Was wa­ren die­se Über­schnei­dun­gen?

Man ar­bei­tet sich an der Fra­ge­stel­lung ab, ob es ei­ne Rea­li­tät gibt, die sich in­dif­fe­rent zur mensch­li­chen Er­kennt­nis ver­hält. Die­se Fra­ge­stel­lung ist wich­tig, weil sich im Den­ken des Wes­tens die Über­zeu­gung durch­setz­te, dass un­se­re Wahr­neh­mung der Rea­li­tät im­mer durch un­se­re Kul­tur, Spra­che und Ge­schich­te ko­diert ist. „Ei­ne Welt an sich, die un­ab­hän­gig von der Re­la­ti­on ist, die das Den­ken zu ihr un­ter­hält, lässt sich nicht den­ken“, bringt Avan­es­si­an die­ses vor­herr­schen­de Den­ken auf den Punkt. (S. 12)

Rea­lis­mus Jetzt

Der Sam­mel­band „Rea­lis­mus jetzt“trägt Bei­trä­ge der Denk­rich­tung zu­sam­men, die mit die­sem vor­her­schen­den Pos­tu­lat un­zu­frie­den sind. De­ren wich­tigs­te Ver­tre­ter kom­men da­bei zu Wort: Ray Bras­sier, Iain Ha­mil­ton Grant, Gra­ham Har­man und Qu­en­tin Meil­las­soux.

Ein wich­ti­ger An­satz­punkt ist, dass die ge­gen­wär­ti­gen ex­pe­ri­men­tel­len Wis­sen­schaf­ten in der La­ge sei­en, erst­mals ei­ne Welt und ein Uni­ver­sum zu be­schrei­ben, das der Ent­ste­hung mensch­li­cher In­tel­li­genz vor­aus­geht. Sol­che Aus­sa­gen, die die Ent­ste­hung des Uni­ver­sums, der Welt oder des Men­schen da­tie­ren, „er­for­dern des­halb ei­nen spe­ku­la­ti­ven Ma­te­ria­lis­mus oder Rea­lis­mus“. Dass man näm­lich ei­ne Welt oh­ne Den­ken den­ken kann, be­deu­te euch, dass es ein Ab­so­lu­tes gibt, das nicht auf das Den­ken an­ge­wie­sen sei (S. 13).

Der Sam­mel­band ist star­ker To­bak für Le­se­rin­nen und Le­ser, die sich zen­tra­le phi­lo­so­phi­sche Be­grif­fe erst an­eig­nen müs­sen. Er hat aber ho­he Re­le­vanz für un­ser Den­ken.

Phi­lo­so­phie: Rea­lis­mus 102 Avan­es­si­an, Ar­men ; Hennig,an­ke: Me­ta­noia. Berlin: Mer­ve-verl., 2014. 279 S., € 20,- [D],

20,60 [A}, sfr 28,- ; ISBN 978-3-88396-351-8

103 Avan­es­si­an, Ar­men: Rea­lis­mus Jetzt. Berlin: Mer­ve-verl., 2013. 248 S,

€ 22,- [D], 22,70 [A], sfr 30,80

ISBN 978-3-88396-285-6

„Das Ge­gen­mo­dell, das uns vor­schwebt, ist ei­ne Fö­de­ra­ti­ve Re­pu­blik Eu­ro­pa.“(Roth/pa­pa­di­mi­triou in , S. 112)

99 „Hier wird die Macht ge­teilt und da­durch grö­ßer. Sie ge­hört nie­man­dem al­lein und dar­in eher noch al­len ge­mein­sam. Das ist Spi­no­zas Vi­si­on der Po­li­tik.“(Mar­tin Saar in , S. 426)

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„Die Ori­en­tie­rung an Spi­no­za er­öff­net für die Ge­gen­wart die Per­spek­ti­ve ei­ner po­li­ti­schen Theo­rie, wel­che die Po­li­tik we­ni­ger von den sta­bi­len Ord­nun­gen, ab­so­lu­ten Rech­ten und ein­deu­ti­gen Iden­ti­tä­ten als viel­mehr von den vie­len Kräf­ten und Mäch­ten, vom viel­fa­chen Wer­den und von den plu­ra­len Mög­lich­kei­ten zu sein her be­greift.“(Mar­tin Saar in , S. 11)

„Ein in­kon­sis­ten­tes

– uni­ver­sell wi­der­sprüch­li­ches – Sein ist un­mög­lich, weil die­ses Sein nicht mehr kon­tin­gent sein könn­te.“

(A. Avan­es­si­an in 102 , S. 56)

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