Ernährung Die un­ge­wis­se Zu­kunft un­se­rer Le­bens-mit­tel

ProZukunft - - Inhalt -

Steht die to­ta­le Öko­no­mi­sie­rung und Kon­trol­le al­ler Le­bens­grund­la­gen durch ei­ni­ge we­ni­ge gro­ße Kon­zer­ne kurz be­vor? Oder könn­te der Weg in ei­ne viel­fäl­ti­ge, au­to­nom ge­stal­te­te und le­bens­na­he Zu­kunft wei­sen? Wal­ter Spiel­mann hat sich an­ge­se­hen, in wel­che Rich­tung die Rei­se geht.

Steht die to­ta­le Öko­no­mi­sie­rung und Kon­trol­le al­ler Le­bens­grund­la­gen durch ei­ni­ge we­ni­ge gro­ße Kon­zer­ne, an­ge­prie­sen als Weg in ei­ne si­che­re und nach­hal­ti­ge Si­cher­stel­lung von Nah­rung, Ge­sund­heit und Wohl­er­ge­hen für al­le Er­den­bür­ger, kurz vor dem Durch­bruch? Oder könn­te – auch da­für gibt es zahl­rei­che In­di­zi­en – an vie­len Or­ten auf al­len Kon­ti­nen­ten doch noch der Nach­weis ge­lin­gen, dass die vie­len „Pf­länz­chen der Hoff­nung“, von de­nen Ro­bert Jungk im­mer wie­der sprach, den Weg in ei­ne viel­fäl­ti­ge, au­to­nom ge­stal­te­te und le­bens­na­he Zu­kunft wei­sen? Wal­ter Spiel­mann hat sich an­ge­se­hen, in wel­che Rich­tung dies­be­züg­lich die Rei­se geht.

Irr­weg Bio­öko­no­mie

Weit­ge­hend un­be­ach­tet von der Öf­fent­lich­keit wird der­zeit im Wind­schat­ten der glo­ba­len Fi­nanz und Wirt­schafts­kri­se „an der Um­wer­tung al­les Le­ben­di­gen in ei­ne be­lie­big han­del-und ver­han­del­ba­re Wa­re“(S. 8 f.) ge­ar­bei­tet. Die da­mit ein­her­ge­hen­den Stra­te­gi­en ei­ner mäch­ti­gen Al­li­anz aus In­dus­trie, Po­li­tik und For­schung auf­zu­zei­gen, über die Po­ten­zia­le und Ri­si­ken die­ser Ent­wick­lung zu in­for­mie­ren und vor al­lem dar­zu­le­gen, wel­che Rol­le hier­bei von Deutsch­land ein­ge­nom­men wird, ist das am­bi­tio­nier­te An­lie­gen des Ban­des „Irr­weg Bio­öko­no­mie“.

Sach­kun­dig, streit­bar und trotz der Kom­ple­xi­tät des The­mas klar, prä­zi­se und all­ge­mein ver­ständ­lich for­mu­liert, stellt das Au­to­ren­duo – Gott­wald ist Ge­schäfts­füh­rer der Schweis­furth-stif­tung in Mün­chen, Krät­zer u. a. frei­be­ruf­lich in den Be­rei­chen Um­welt­schutz und Wirt­schafts­jour­na­lis­mus tä­tig – zu­nächst Be­grif­fe und zen­tra­le An­lie­gen der Bio­öko­no­mie vor, be­nennt de­ren Haupt­ak­teu­re (in Deutsch­land), dis­ku­tiert die trü­ge­ri­schen ge­sell­schaft­li­chen und tech­no­lo­gi­schen Ver­spre­chen der Dis­zi­plin, er­läu­tert die Stra­te­gi­en zu ei­ner brei­ten Im­ple­men­tie­rung auch ge­gen wach­sen­den Wi­der­stand und dis­ku­tiert schließ­lich wirt­schaft­li­che, wis­sen­schaft­li­che und po­li­ti­sche Al­ter­na­ti­ven.

Nicht et­wa die „Öko­lo­gie­sie­rung der Öko­no­mie“, son­dern die „Öko­no­mi­sie­rung der Bio­lo­gie“ist

Ziel der Bio­öko­no­mie. Ihr wirt­schaft­li­ches Po­ten­zi­al wird al­lein in Eu­ro­pa auf 1,5 Bil­lio­nen Eu­ro pro Jahr ge­schätzt (S. 14) und vor­ran­gig von Deutsch­land vor­an­ge­trie­ben. Von maß­geb­li­chen Ak­teu­ren (wie et­wa der OECD) wer­de sie als „ein kon­flikt­frei­es, kon­tur­lo­ses Bild ei­ner voll­au­to­ma­ti­sier­ten, kli­ma­neu­tra­len, be­lie­big form- und be­herrsch­ba­ren Bio­tech-welt ge­zeich­net, die al­les Le­ben in ei­ne hoch pro­fi­ta­ble Bio­mas­se ver­wan­delt“(S. 18). Welt­wei­te Er­näh­rungs­si­cher­heit, nach­hal­ti­ge Agrar­pro­duk­ti­on, ge­sun­de und si­che­re Le­bens­mit­tel, die in­dus­tri­el­le Nut­zung nach­wach­sen­der Roh­stof­fe so­wie die Ent­wick­lung von Ener­gie­trä­gern auf der Ba­sis von Bio­mas­se sind lt. BMBF ei­ni­ge mit ihr ein­her­ge­hen­de Er­war­tun­gen. Das mit die­ser Dis­zi­plin ver­bun­de­ne For­schungs­in­ter­es­se spannt sich von der Bio­tech­no­lo­gie (Ma­ni­pu­la­ti­on von Pflan­zen, Tier, Mensch und Mi­kro­or­ga­nis­men) und der syn­the­ti­schen Bio­lo­gie (hat die Er­schaf­fung künst­li­chen Erb­guts zum Ziel) bis hin zum „Pre­ci­si­ons Far­ming“oder zur Pro­duk­ti­on von Bio­kunst­stof­fen [welt­weit soll die Pro­duk­ti­on von der­zeit knapp ei­ner Ton­ne auf 1,7 Mil­lio­nen Ton­nen bis 2015 stei­gen,s. 39] bis zur „Nu­t­ri­ge­no­mik“, die dar­auf ab­zielt, „per­so­na­li­sier­te“Le­bens­mit­tel zu er­zeu­gen. Die Bun­des­re­gie­rung un­ter­stüt­ze all die­se An­lie­gen vor­be­halt­los, kon­sta­tiert das Au­to­ren­duo, und ste­he et­wa dem Ziel des Frei­staa­tes Bay­ern, ei­ne gen­tech­nik­freie Zo­ne zu wer­den, ab­leh­nend ge­gen­über (S. 52); die Ge­neh­mi­gung „gi­gan­ti-

scher Tier­fa­bri­ken“, ja die „Ver­wüs­tung von Luft, Bö­den und Was­ser auf lan­ge Zeit“wer­de vor­an­ge­trie­ben. So wird et­wa dar­auf ver­wie­sen, dass zwi­schen 2009 und 2012 al­lein in Deutsch­land mehr als 2,5 Mio. Schwei­ne und 38 Mio. Ge­flü­gel­mast­plät­ze ge­neh­migt wur­den (S. 57), und dies ob­wohl nach Schät­zun­gen der FAO mit 1,3 Mrd. Ton­nen jähr­lich rund ein Drit­tel al­ler Nah­rungs­mit­tel ver­der­ben (S. 67). Eben­so we­nig hal­ten die Ver­spre­chen ei­ner „nach­hal­ti­gen Agrar­pro­duk­ti­on“oder der „Ver­söh­nung von Öko­no­mie und Öko­lo­gie durch die Ideo­lo­gi­sie­rung von Ener­gie­er­zeu­gung und In­dus­trie“ei­ner kri­ti­schen Prü­fung stand. Kurz­fris­ti­ges, li­nea­res und vor­ran­gig pro­fit­ori­en­tier­tes Den­ken kenn­zeich­ne den Irr­weg der Bio­öko­no­mie.

In An­be­tracht ei­ner „auch das Über­le­ben der Men­schen selbst ge­fähr­den­den Um­welt­ver­nich­tung“be­gin­ne sich je­doch „ei­ne glo­ba­le Sen­si­bi­li­tät und Nach­denk­lich­keit her­aus­zu­bil­den“, kon­sta­tie­ren die Ver­fas­ser, um dar­zu­le­gen, wie die­ser Ent­wick­lung durch ei­ne Kom­mu­ni­ka­ti­ons­of­fen­si­ve ent­ge­gen­ge­wirkt wer­de, die auf „Schein­of­fen­heit“, „In­fil­tra­ti­on“, „Angs­ter­zeu­gung“oder die Sug­ges­ti­on von „Al­ter­na­tiv­lo­sig­keit“ab­zielt.

Al­ter­na­ti­ven den­ken, zu­las­sen und um­set­zen

Wie dem Dik­tat der Bio­öko­no­mie ent­ge­gen ge­wirkt wer­den kann, und dies­be­züg­lich kon­kre­te Bei­spie­le aus­se­hen, wird im ab­schlie­ßen­den Ka­pi­tel dis­ku­tiert. Ge­gen­über „groß­in­dus­tri­el­len Stra­te­gi­en“set­zen die Au­to­ren auf „fle­xi­ble re­gio­na­le Netz­wer­ke mit weit­ge­hend ge­schlos­se­nen Stoff­kreis­läu­fen, ei­ne den je­wei­li­gen Er­for­der­nis­sen an­ge­pass­te lo­ka­len Selbst­ver­sor­gung mit re­ge­ne­ra­ti­ven Ener­gi­en, ei­ne an Er­näh­rungs­sou­ve­rä­ni­tät und re­la­ti­ve Er­näh­rungs­aut­ar­kie ori­en­tier­te Le­bens­mit­tel­wirt­schaft so­wie ei­ne nach Be­darf er­fol­gen­de lo­ka­le, na­tio­na­le und glo­ba­le Ver­net­zung“(S. 117). „Die am Ka­pi­tal­markt wie in der Pro­duk­ti­on land­wirt­schaft­li­cher Gü­ter über­all zu be­ob­ach­ten­den In­sta­bi­li­tä­ten und Vo­la­ti­li­tä­ten be­nö­ti­gen feh­ler­freund­li­che An­sät­ze statt un­fle­xi­bler Pau­schal­lö­sun­gen.“(S. 118) Skiz­ziert wer­den fer­ner die Kon­tu­ren ei­ner post­fos­si­len und post­in­dus­tri­el­len Wirt­schaft, wie sie von Amo­ry Lo­vins, Micha­el Braun­gart und Gun­ter Pau­li (Kon­zept der „Blue Eco­no­my“) ent­wi­ckelt wur­den. Schließ­lich wer­den die Prin­zi­pi­en „Ver­ant­wor­tung“, „Ge­ne­ra­tio­nen­ge­rech­tig­keit“und „Bi­o­di­ver­si­tät“als Leit­li­ni­en nach­hal­ti­gen Wirt­schaf­tens in Er­in­ne­rung ge­ru­fen, die For­cie­rung ei­ner „öko­lo­gisch-sys­te­mi­schen For­schung“emp­foh­len und ei­ne „Po­li­tik als För­de­rer nach­hal­ti­ger Al­ter­na­ti­ven“ge­for­dert, die sich zu­min­dest dem „Of­fen­hal­ten von Al­ter­na­ti­ven“ver­pflich­tet weiß (S. 148). In Über­ein­stim­mung mit der Stu­die „Zu­kunfts­fä­hi­ges Deutsch­land“(Wup­per­tal-in­sti­tut, 2008) wer­den vier un­ab­ding­ba­re Maß­nah­men in Rich­tung ei­ner öko­lo­gisch und so­zi­al ge­rech­ten Wel­t­ord­nung in Er­in­ne­rung ge­ru­fen: 1.) Men­schen­rechts- und Um­welt­ver­träg­lich­keit als nor­ma­ti­ve Grund­la­ge in­ter­na­tio­na­ler Be­zie­hun­gen; 2.) Ab­schaf­fung von Ex­port­hil­fen, die an­de­re Län­der be­nach­tei­li­gen; 3.) Gestal­tung bi­la­te­ra­ler Han­dels­be­zie­hun­gen zu Guns­ten von Men­schen­rech­ten und Um­welt­schutz und der Ver­wirk­li­chung von Er­näh­rungs­sou­ve­rä­ni­tät in den Ent­wick­lungs­län­dern; schließ­lich 4.) Bin­dung trans­na­tio­na­ler Un­ter­neh­men an so­zia­le und öko­lo­gi­sche Stan­dards (S. 149f.). Ab­schlie­ßend skiz­ziert wird ei­ne vom Welt­zu­kunfts­rat (WFC) ent­wi­ckel­te Me­tho­do­lo­gie für ei­ne „zu­kunfts­ge­rech­te Ge­setz­ge­bung“, die un­ter an­de­rem die Prin­zi­pi­en der Gleich­heit, der öf­fent­li­chen Teil­ha­be, der ver­ant­wor­tungs­vol­len Re­gie­rungs­füh­rung und der Ge­mein­sam­keit (zur Si­cher­stel­lung von his­to­risch ge­wach­se­nen und kul­tu­rel­len Un­ter­schie­den) um­fasst.

Zu­sam­men­ge­nom­men: ein emi­nent wich­ti­ges Buch, dem gro­ße Be­ach­tung und ei­ne fol­gen­rei­che Dis­kus­si­on zu wün­schen ist.

Bio­öko­no­mie: Kri­tik 114 Gott­wald, Franz-theo; Krät­zer, Ani­ta: Irr­weg Bio­öko­no­mie. Kri­tik an ei­nem to­ta­li­tä­ren An­satz. Berlin: Suhr­kamp, 2014. 176 S.

(ed. un­seld; 51) € 14,- [D], 14,40 [A], sfr 21,ISBN 978-3-518-26051-7

Brot und Back­stein

An die­ser Stel­le ha­ben wir be­reits mehr­fach auf die kras­sen Fehl­ent­wick­lun­gen des Wel­ter­näh­rungs­sys­tems auf­merk­sam ge­macht. Nun, da be­reits mehr als die Hälf­te der Welt­be­völ­ke­rung in Städ­ten lebt, wach­sen die Ri­si­ken, nimmt die Zahl der Op­fer wei­ter zu.

Wil­fried Bom­mert, wid­met sich die­ser Her­aus­for­de­rung. Fak­ten­reich, poin­tiert, kri­tisch, vor al­lem aber auch er­mu­ti­gend nimmt er uns zu Be­ginn sei­ner Darstel­lung mit auf ei­ne Zeitreise, die im Som­mer des Jah­res 2029 in Frei­burg im Breis­gau be­ginnt, wo die „25. Haupt­ver­samm­lung der Bür­ger­ak­ti­en­ge­sell­schaft Re­gio­nal­wert AG“ge­fei­ert wird.

Der Blick zu­rück – so will es die Dra­ma­tur­gie die­ser Er­zäh­lung – be­nennt das all­zu lan­ge Zö­gern und Zau­dern der Po­li­tik, be­rich­tet von dar­aus re­sul­tie­ren­den Um­welt­ka­ta­stro­phen (de­ren Zeu­gen

wir ja re­gel­mä­ßig sind) und zeigt wie dar­auf lang­sam, aber zu­neh­mend be­stimmt re­agie­rend, ein „Wet­ter­leuch­ten der Zi­vil­ge­sell­schaft“ein­setzt. Die­ses nimmt – und das ist wohl vor al­lem dem Wis­sen des Au­tors um Al­ter­na­tiv­pro­jek­te, nicht aber al­ter­na­tiv-he­ge­mo­nia­ler At­ti­tü­de ge­schul­det – von Deutsch­land sei­nen Aus­gang, und zeigt, flan­kiert von Er­folgs­pro­jek­ten in al­ler Welt, wie ur­ba­ne Kon­glo­me­ra­te zu In­seln selbst­be­stimm­ter (Er­näh­rungs-)sou­ve­rä­ni­tät wer­den kön­nen. Zu­neh­men­de Knapp­hei­ten, stei­gen­de Pro­duk­ti­ons­und Trans­port­kos­ten so­wie die wach­sen­de Ein­sicht, dass es un­trag­bar ist, Nah­rungs­mit­tel nicht für die Pro­duk­ti­on von Treib­stof­fen zu miss­brau­chen, hat nach und nach zu ei­nem Um­den­ken ge­führt und Neu­es ent­ste­hen las­sen. Die gu­te Nach­richt: Dies ge­schieht nicht erst in fer­ner Zu­kunft, son­dern ist längst schon Teil ei­ner über­aus le­ben­di­gen und kraft­vol­len Al­ter­na­tiv­be­we­gung.

Viel­falt ur­ba­ner Er­näh­rungs­sou­ve­rä­ni­tät

Bom­mert be­rich­tet über Pro­jek­te, die als ka­pi­tal­in­ten­si­ve Un­ter­neh­mun­gen kon­zi­piert, das Ge­trei­de bis in die 27. Eta­ge von Hoch­häu­sern wach­sen las­sen und klin­gen­de Na­men wie „Food Ci­ty“oder „Fu­tur­ama“tra­gen. Kon­zep­te und Ide­en die­ser Art gibt es – wie nicht an­ders zu er­war­ten – vor al­lem in den USA, aber auch in Berlin wird über reich­hal­ti­ge Ern­ten auf Dä­chern al­ter Fa­b­rik­ge­bäu­de nach­ge­dacht, die gut und ger­ne die Grö­ße von Fuß­ball­fel­dern er­rei­chen.

Die Sym­pa­thie des Au­tors gilt frei­lich der Viel­zahl zi­vil­ge­sell­schaft­li­cher Initia­ti­ven, die, aus­ge­hend von Deutsch­land und Ös­ter­reich, zei­gen, auf wie viel­fäl­ti­ge und krea­ti­ve Wei­se die An­lie­gen ei­ner ge­sun­den, re­gio­na­len Ernährung mit neu­en For­men ge­sell­schaft­li­chen Mit­ein­an­ders er­probt und er­folg­reich um­ge­setzt wer­den. Ge­mein­schafts­gär­ten oder Ge­nuss­ge­mein­schaf­ten mit so klin­gen­den Na­men wie „Agro­po­lis“(Mün­chen) oder „ess­ba­re Stadt“(An­der­nach) ma­chen neu­gie­rig und la­den zur Nach­ah­mung ein. Das Spek­trum reicht da­bei von Ver­suchs­an­ord­nun­gen auf kleins­tem Raum – dem selbst­ge­zo­ge­nen Ge­mü­se auf dem Bal­kon – bis hin zur „Aut­ar­ken Re­pu­blik“, wie sie in der Tran­si­ti­on-town-be­we­gung an­ge­dacht wird.

Bei­spie­le aus Eu­ro­pa (von Spa­ni­en, Ita­li­en und Grie­chen­land oder Frank­reich bis hin zu bri­ti­schen Be­son­der­hei­ten) aber auch Be­rich­te über das „Food Mo­ve­ment“in den USA (mit ei­nem Schwer­punkt in Den­ver, Co­lo­ra­do), über Selbst­ver­sor­ger-initia­ti­ven in Chi­na, In­di­en oder Sri Lan­ka, Afri­ka oder Latein­ame­ri­ka be­le­gen ein­drucks­voll: Welt­weit gibt es viel­fäl­ti­gen, wach­sen­den Wi­der­stand ge­gen das Dik­tat des glo­ba­len Er­näh­rungs­mo­no­pols. Wür­den die­se Initia­ti­ven der Zi­vil­ge­sell­schaft dar­über hin­aus ent­spre­chen­de Un­ter­stüt­zung von­sei­ten der Wis­sen­schaft und Po­li­tik fin­den, wä­re weit mehr als nur ein Schritt ge­setzt, um das Grund­recht auf ge­sun­de und aus­rei­chen­de Nah­rung für al­le Men­schen zu ge­währ­leis­ten. Es ist be­drü­ckend und er­mu­ti­gend zu­gleich, dass Bü­cher wie die­ses noch ge­schrie­ben wer­den (müs­sen).

Aus dem reich­hal­ti­gen, kul­tu­rell je­weils un­ter­schied­lich ge­präg­ten Wis­sen um den Wert re­gio­na­len Land­baus so­wie aus dem je­weils tief ver­wur­zel­ten Be­dürf­nis, Es­sen – und Fei­ern – in selbst­ge­wähl­ter Ge­mein­sam­keit zu ge­nie­ßen und nicht als fremd­be­stimmt zu er­le­ben, kann vi­el­leicht ei­ne der kraft­volls­ten For­men von Wi­der­stän­dig­keit wach­sen. Ernährung

115 Bom­mert, Wil­fried: Brot und Back­stein. Wer er­nährt die Städ­te der Zu­kunft? Un­ter Mit­ar­beit v. Sa­bi­ne Ja­cobs … Wien: Ue­ber­reu­ter, 2014. 254 S., € 19,50 [D], 19,95 [A], sfr 27,30

ISBN 978-3-8000-7596-6

Wenn es um die Wurst geht …,

dann hat ein Metz­ger viel zu er­zäh­len. Dies gilt für Karl Lud­wig Schweis­furth in ganz be­son­de­rem Ma­ße, der hier ei­ne au­ßer­ge­wöhn­li­che und in vie­ler Hin­sicht zu­kunfts­wei­sen­de (Zwi­schen-) Bi­lanz ei­nes er­eig­nis­rei­chen Le­bens vor­legt, die er aus An­lass sei­nes 70. Ge­burts­tags in Zu­sam­men­ar­beit mit dem Um­welt-jour­na­lis­ten Claus-pe­ter Lieck­feld er­ar­bei­tet hat. Er­geb­nis ist ein flott er­zähl­tes, mit per­sön­li­chen Er­leb­nis­sen an­ge­rei­cher­tes, an Da­ten und Fak­ten vor al­lem zur Per­ver­si­tät des (noch) vor­herr­schen­den in­dus­tri­el­len Nah­rungs­mit­tel-be­schaf­fungs­sys­tems, rei­ches, kurz, ein sym­pa­thi­sches Buch. Des­sen Bot­schaft ist klar und ein­fach: Der Wan­del ist mög­lich – es liegt an uns, ihn zu ge­stal­ten.

Karl Lud­wig Schweis­furth er­zählt in „14 Ge­schich­ten und Sta­tio­nen“aus sei­nem Le­ben, von Le­bens-mit­teln und sei­nem „lan­gen Weg vom hand­werk­li­chen Metz­ger, über den Fleisch­in­dus­tri­el­len zum ‚auf­ge­klär­ten‘ Metz­ger­meis­ter und ‚Aus­wärts-ve­ge­ta­ri­er‘“(S. 7).

Zu Be­ginn – und die­ser Aspekt zieht sich wie ein ro­ter Fa­den durch die Le­bens­ge­schich­te(n) des Au­tors – er­fah­ren wir viel über das Glück be­wuss­ter, acht­sa­mer Na­tur­er­fah­rung. Die Freu­de, in art­ge­rech­ter Tier­hal­tung le­ben­der Schwei­ne und Hüh­ner bei ih­rer Lieb­lings­be­schäf­ti­gung, dem

Schar­ren im Bo­den zu­zu­se­hen, wird nach­voll­zieh­bar in le­ben­di­ger, bei­na­he ‚er­di­ger‘ Spra­che, be­glei­tet von bei­na­he all­zu idyl­lisch wir­ken­den Schwarz-weiß-bil­dern. Um­so mehr ir­ri­tie­ren – und das mit gu­ter Ab­sicht – wie­der­keh­ren­de Ver­wei­se auf die Pra­xis in­dus­tri­el­ler Tier-pro­duk­ti­on: jähr­lich wer­den al­lein in Deutsch­land „an die 40 Mil­lio­nen Le­ge­hüh­ner“und et­wa eben­so vie­le männ­li­che Kü­ken weg­ge­wor­fen, un­zäh­li­ge „Hy­brid­tie­re“wür­de­los für kur­ze Zeit ge­mäs­tet und dann zu To­de ge­bracht, um dem Be­dürf­nis nach gro­ßem Pro­fit und bil­li­gem Fleisch zu ge­nü­gen, das uns – et­wa mit Blick auf die me­di­zi­ni­schen Fol­ge­kos­ten – im Üb­ri­gen teu­er zu ste­hen kommt. Deut­lich wird aber auch der Zu­sam­men­hang von bil­li­gen Nah­rungs­mit­teln und un­sin­ni­gem Kon­sum­ver­hal­ten: „Wür­den Le­bens­mit­tel wirk­lich das Kos­ten, was sie kos­ten müs­sen – wenn der öko­lo­gi­sche Fuß­ab­druck nicht län­ger ein Tritt ins Ge­sicht der Er­de wä­re –, dann wür­de sich ei­ni­ges um­schich­ten und der An­teil an den Le­bens­hal­tungs­kos­ten von jetzt zwölf auf vi­el­leicht 16 Pro­zent stei­gen.“(S. 196) Was aber hat „KLS“– so un­ter­zeich­net der Au­tor ei­ni­ge der von ihm selbst bei­ge­steu­er­ten Ge­dan­ken zu An­fang je­den Ab­schnitts – be­wegt, das von ihm in drit­ter Ge­ne­ra­ti­on zu ei­nem Im­pe­ri­um ge­wach­se­ne Fa­mi­li­en­un­ter­neh­men mit Stamm­sitz in Her­ten (NRW) –1984 wa­ren dies 10 Fa­b­ri­ken mit 5500 Mit­ar­bei­tern und ei­nem Jah­res­um­satz von 1,5 Mil­li­ar­den (S. 133) – an Nest­lé zu ver­kau­fen? Es gab kein „Da­mas­ku­s­er­leb­nis“, viel­mehr wa­ren lang­sam wach­sen­de Ein­sicht in die Zi­el­lo­sig­keit je­nes „im­mer Mehrund-im­mer-schnel­ler“so­wie kri­ti­sche Vor­wür­fe der Kin­der, „nicht mehr zu wis­sen, was drau­ßen ei­gent­lich los ist“, für die­sen Schritt ver­ant­wort­lich. Karl Lud­wig Schweis­furth hat ihn kei­ne Se­kun­de lang be­reut.

Der Wert der Le­bens-mit­tel

Sind wir dem­nach lern­fä­hig und in der La­ge, für uns und an­de­re ein bes­se­res Le­ben zu be­rei­ten? „KLS“zeigt ex­em­pla­risch, dass dies mög­lich ist. Die von ihm auf­ge­bau­ten Land­werk­stät­ten in Herr­manns­dorf (süd­öst­lich von Mün­chen ge­le­gen) las­sen nach­voll­zie­hen, wie ein ver­ant­wor­tungs­vol­les Le­ben im Ein­klang mit Na­tur, Um­welt, Mit­ar­bei­ter/in­nen und Fa­mi­lie ge­lin­gen kann. Ge­wiss, man­che(r) mag ver­wei­sen auf die au­ßer­ge­wöhn­li­chen fa­mi­liä­ren und fi­nan­zi­el­len Rah­men­be­din­gun­gen, man­ches auch ist all­zu idyl­lisch ge­zeich­net; gleich­wohl aber sind im­mer wie­der auch Mo­men­te des Zwei­felns und auch des Schei­terns ein­ge­wo­ben in die Darstel­lung ei­nes ge­glück­ten und glück­li­chen Le­bens. Der Ein­satz für ähn­lich ori­en­tier­te Pro­jek­te in Russ­land, die Grün­dung der „Schweis­furth Stif­tung“, an der, ge­lei­tet von Franz-theo Gott­wald, den Mög­lich­kei­ten ei­ner „Sym­bio­ti­schen Land­wirt­schaft“und im Geis­te des un­ver­ges­se­nen Fre­de­ric Ves­ter über den Zu­sam­men­hang von „Füh­len und Ah­nen ei­ner­seits und wis­sen­schaft­li­chem Wis­sen an­de­rer­seits“nach­ge­dacht wird, ist bei­spiel­ge­bend.

Kunst für die Küh‘

Nicht nä­her aus­ge­führt, aber mit Sym­pa­thie er­wähnt sei­en die Über­le­gun­gen, die der Au­tor dem Zu­sam­men­wir­ken von Kunst und Wohl­er­ge­hen für Tier und Mensch wid­met. Dass er, an­ge­regt von dem Den­ken Jo­seph Beuys‘, die Kan­ti­nen sei­ner Fa­b­ri­ken von nam­haf­ten Künst­lern ge­stal­ten ließ, darf als Bei­trag zu un­ter­neh­me­ri­scher Ge­samt­ver­ant­wor­tung ver­stan­den wer­den und mit brei­ter Zu­stim­mung rech­nen. Dass „KLS“je­doch ein Mu­si­k­en­sem­ble von or­ches­tra­ler Grö­ße en­ga­gier­te, um wei­den­de Kü­he mit „pas­to­ra­len Klän­gen“zu er­freu­en, und dass er gar dar­über nach­denkt, sich bei den Re­gen­wür­mern mit Aus­schnit­ten aus Mah­lers „Lied von der Er­de“zu be­dan­ken, wird, wie ich ver­mu­te, so man­che(n) ir­ri­tie­ren. Sei’s drum. Für bei wei­tem nicht so au­ßer­ge­wöhn­lich hal­te ich hin­ge­gen des Au­tors Be­kennt­nis, kon­se­quen­ter „Aus­wärts-ve­ge­ta­ri­er“zu sein. Auch wenn der Ti­tel die­ser Bio­gra­fie an­de­res an­spricht, ist sie durch­aus emp­feh­lens­wert. Le­bens­mit­tel

116 Schweis­furth, Karl Lud­wig: Der Metz­ger, der kein Fleisch mehr isst ... In Zu­sam­men­ar­beit mit Claus Pe­ter Lieck­feld. Mün­chen: ökom-verl., 2014. 236 S., € 19,95 [D], 22,95 [A], sfr 29,90

ISBN 978-3-86581-470-8

Zum Zu­sam­men­hang von Hu­mus und Hu­ma­ni­tät, von Bil­dung und Selbst­bil­dung und der Be­deu­tung von Kunst als In­stru­ment per­sön­li­cher und ge­sell­schaft­li­cher Trans­for­ma­ti­on emp­feh­lens­wert: 117 Sacks, Shel­ly; Kurt, Hil­de­gard: Die ro­te Blu­me. Äs­t­he­ti­sche Pra­xis in Zei­ten des Wan­dels.

Mit ei­nem Vor­wort von Wolf­gang Sachs.

Klein Ja­se­dow: thin­koya, 2013. 220 S.,

€ 24,80 [D], 25,50 [A], sfr 34,70

ISBN 978-3-927369-77-1

„Die FAO nimmt an, dass in In­dus­trie­und in Ent­wick­lungs­län­dern et­wa gleich viel Nah­rung ver­lo­ren geht, näm­lich

670 bzw. 630 Mil­lio­nen Ton­nen. Zu­sam­men stel­len die­se 1,3 Mil­li­ar­den Ton­nen et­wa ein Drit­tel der Nah­rungs­mit­tel dar, die je­des Jahr welt­weit für den mensch­li­chen Ver­zehr pro­du­ziert wer­den.“(Franz-theo Gott­wald in 114 , S. 67)

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