Öko­no­mie Ar­beit, Zeit und Ma­schi­nen

Die Ar­beits­welt ist in ra­san­tem Um­bruch. Die Po­ten­zia­le der Ra­tio­na­li­sie­rung, Di­gi­ta­li­sie­rung und Ar­beits­ver­dich­tung sind kei­nes­wegs aus­ge­schöpft. Ver­bun­den wer­den da­mit Chan­cen und neue Ri­si­ken. Ge­spro­chen wird von In­dus­trie 4.0 eben­so wie von zu­neh­men­de

ProZukunft - - Inhalt -

Die Ar­beits­welt ist in ra­san­tem Um­bruch. Ver­bun­den wer­den da­mit Chan­cen und neue Ri­si­ken. Hans Holzin­ger stellt Neu­er­schei­nun­gen zur Zu­kunft der Ar­beit so­wie zu Aus­we­gen aus Wachs­tums- und Be­schleu­ni­gungs­zwän­gen vor.

In­tel­li­gen­te Ma­schi­nen?

Ei­ne kürz­lich ver­öf­fent­lich­te Stu­die des Brüs­se­ler Think Tank „Brue­gel“kommt zum Schluss, dass in Eu­ro­pa in den nächs­ten 20 Jah­ren die Hälf­te der Jobs durch Ro­bo­ter er­setzt wer­den könn­ten. Die größ­ten Ra­tio­na­li­sie­rungs­po­ten­zia­le wer­den na­he­lie­gen­der Wei­se in ost­eu­ro­päi­schen Län­dern aus­ge­macht, aber auch die Eu-wohl­stands­län­der blie­ben von wei­te­ren Au­to­ma­ti­sie­rungs­wel­len nicht ver­schont, so die Stu­di­en­au­to­rin­nen. Zu ähn­li­chen Er­geb­nis­sen führ­ten jüngst pu­bli­zier­te Stu­di­en aus den USA. Von 702 in den USA un­ter­such­ten Be­rufs­grup­pen sind 47 Pro­zent hoch­gra­dig durch Com­pu­ter be­droht: Dar­un­ter Kre­dit­ana­lys­ten, tech­ni­sche Geo­lo­gen und Kr­an­füh­rer, Kar­to­gra­fen, Mak­ler und Ar­chi­va­re, so die Stu­die „Die Zu­kunft der Be­schäf­tig­ten“der Ox­ford-öko­no­men Carl Be­ne­dikt Frey und Micha­el A. Os­bor­ne. Zi­tiert wird sie in dem Zeit-ar­ti­kel „Ist er bes­ser als wir?“von Ro­man Plet­ter (DIE ZEIT 10. 7. 2014). Und in der im Bei­trag zi­tier­ten Stu­die „Das zwei­te Ma­schi­nen­zeit­al­ter“be­schrei­ben die Mit-spe­zia­lis­ten Erik Byrn­jolf­son und And­rew Mca­fee, was in­tel­li­gen­te Com­pu­ter be­reits heu­te schon kön­nen und wie die­se die Zu­kunft der Ar­beits­welt ver­än­dern wer­den: nur we­ni­ge Men­schen, et­wa Pro­gram­mie­rer, wür­den vom neu­en di­gi­ta­len Wohl­stand pro­fi­tie­ren, und vie­le bis­lang von Tech­nik nicht be­droh­te Be­ru­fe wür­den „un­ter der neu­en Kon­kur­renz“lei­den. Ei­ne neue Com­pu­ter­ge­ne­ra­ti­on soll schaf­fen, was bis­her nicht mög­lich war, näm­lich un­struk­tu­rier­te Tex­te zu ver­ste­hen. Ge­spro­chen wird da­her von „al­pha­be­ti­sier­ten Com­pu­tern“. Dass ein sol­ches Ge­rät vor kur­zem in der Tv-quiz­show Jeo­par­dy in 74 Fol­gen hin­ter­ein­an­der als Sie­ger her­vor­ge­gan­gen und so 2,5 Mil­lio­nen Dol­lar Preis­geld ge­won­nen hat, ist ein öf­fent­lich­keits­wirk­sa­mes Bei­spiel für die künst­li­che In­tel­li­genz, frei­lich nicht das fol­gen­reichs­te. Pro­gnos­ti­ziert wird, dass in­tel­li­gen­te Com­pu­ter in zahl­rei­chen Bran­chen Ein­zug hal­ten und auch qua­li­ta­tiv hoch­wer­ti­ge mensch­li­che Ar­beit er­set­zen wer­den.

Plet­ter be­rich­tet von An­wen­dun­gen in der Me­di­zin,

et­wa der Dia­gno­se und The­ra­pie von Krebs­er­kran­kun­gen, in der Sprach­er­ken­nung und im Dol­metsch­be­reich oder in der Su­che der ge­eig­ne­ten Mit­ar­bei­te­rin­nen für das ei­ge­ne Un­ter­neh­men. Und dass mit­tels Da­ten­be­vor­ra­tung ziel­grup­pen­ge­naue Wer­bung mög­lich ist, zeigt be­reits die jet­zi­ge Rea­li­tät des On­line-mar­ke­ting. Erik Byrn­jolf­son geht im Ge­spräch mit dem Jour­na­lis­ten da­von aus, dass Tech­no­lo­gie je­doch kein Schick­sal sei. „Wir kön­nen die Tech­nik nut­zen, um den Pla­ne­ten zu zer­stö­ren. Oder wir kön­nen den Wohl­stand tei­len“(S. 21), meint er und rät den Staa­ten da­zu, ih­ren Bür­ge­rin­nen ein Grund­ein­kom­men zu ge­wäh­ren, um sie an den Pro­duk­ti­vi­täts­zu­wäch­sen zu be­tei­li­gen.

Ar­beit: Au­to­ma­ti­sie­rung 104 Plet­ter, Ro­man: Ist er bes­ser als wir? In: DIE ZEIT v. 10. 7. 2014, S. 19-21

Frei von Ar­beit?

„Ar­beits­frei“lau­tet ganz in die­sem Sin­ne der Ti­tel von Re­por­ta­gen des Au­to­ren­du­os Con­stan­ze Kurz und Frank Rie­ger – bei­de Spre­cher des Cha­os Com­pu­ter Clubs. In ih­rer „Ent­de­ckungs­rei­se zu den Ma­schi­nen, die uns er­set­zen“schil­dern sie, wie Ar­beits­fel­der be­reits jetzt durch Com­pu­ter au­to­ma­ti­siert sind. Im ers­ten Ab­schnitt „Vom Bau­ern zum Brot“geht es um die Au­to­ma­ti­sie­rung im Le­bens­mit­tel­be­reich: Ob in mo­der­nen Agrar­pro­duk­ti­ons­stät­ten mit aus­ge­klü­gel­ten Saat- und Kunst­dün­ge­r­aus­brin­gungs­sys­te­men, bei Milch­bau­ern mit Melk­ro­bo­tern, die täg­lich an die 8000 Kü­he “ver­sor­gen“, in mo­der­nen Mahl- und Back­fa­bri­ken, die die frü­he­ren Müh­len und Bä­cke­rei­en ab­ge­löst ha­ben, oder in der Fa­b­ri­ka­ti­ons­stät­te für Mäh­dre­scher – Rie­sen­din­ger mit Flü­gel­brei­ten bis zu 10 Me­tern und mehr, die weit­ge­hend oh­ne Men­schen­hand pro­du­ziert wer­den – über­all ha­ben die Com­pu­ter das Kom­man­do über­nom­men. Be­schrie­ben wer­den „men­schen­lee­re Druck­stra­ßen“, die oh­ne Set­zer aus­kom­men, Erd­öl­raf­fi­ne­ri­en, die uns das Schmier­mit­tel der ge­gen­wär­ti­gen Wirt­schaft bei­na­he oh­ne mensch­li­chen Ar­beits­ein­satz zu Ta­ge för­dern, so­wie au­to­ma­ti­sier­te La­ger­hal­len und Trans­port­lo­gis­ti­ken, über die Gü­ter sor­tiert und für den Ver­kauf vor­be­rei­tet wer­den.

Im zwei­ten Ab­schnitt des Bu­ches wer­den Bei­spie­le vor­ge­stellt, wie die Com­pu­ter neue Ar­beits­fel­der er­obern wer­den: Au­tos oh­ne Fah­rer, der Ein­satz von Te­le­prä­senz und Droh­nen, die die al­te Fern­steue­rung ab­lö­sen wer­den, Ro­bo­ter, die selbst Ro­bo­ter bau­en so­wie schließ­lich Ma­schi­nen, die – wir ha­ben be­reits da­von ge­hört – in­tel­li­gen­te Leis­tun­gen voll­brin­gen wer­den. Die Com­pu­ter­ex­per­ten, die all die­se Er­neue­run­gen mit gro­ßer Eu­pho­rie be­schrei­ben, kom­men am En­de dar­auf zu spre­chen, dass Com­pu­ter schließ­lich auch je­ne er­set­zen wer­den, die die Ge­win­ner der der­zei­ti­gen Au­to­ma­ti­sie­rungs­pro­zes­se sind.

Kos­ten­güns­ti­ge Sub­sti­tu­ti­on

Ein we­sent­li­ches Merk­mal der Er­set­zung von Men­schen durch Ma­schi­nen im Be­reich nicht­kör­per­li­cher Ar­beit ist für das Au­to­ren­duo die ra­sche und kos­ten­güns­ti­ge Sub­sti­tu­ti­on: Ei­nen Men­schen vor dem Com­pu­ter durch ein Pro­gramm im Com­pu­ter zu er­set­zen er­for­de­re kei­ne so teu­ren In­ves­ti­tio­nen wie in kos­ten­träch­ti­ge Ro­bo­ter und Au­to­ma­ti­sie­rungs­tech­nik: „Der Sport­re­dak­teur, der heu­te noch Dritt­li­ga­spiel­be­rich­te tippt, kann so schnell, wie es sei­ne Kün­di­gungs­frist er­laubt, durch Soft­ware er­setzt wer­den.“(260f.) Als be­reits üb­li­che Pra­xis nen­nen Kurz/rie­ger die vie­len kos­ten­güns­ti­gen bzw. so­gar kos­ten­lo­sen Soft­ware-pro­gram­me, die es er­mög­li­chen, selbst Web­sites zu ge­stal­ten. Wäh­rend dies frü­her Auf­ga­be von teu­ren Ex­per­ten war, wür­den heu­te für die meis­ten An­sprü­che Stan­dard-bau­kas­ten­sys­te­me rei­chen, „die der Prak­ti­kant zu­sam­men­ge­flickt hat“(S. 262). In den Mensch-ma­schi­ne-sym­bio­sen der Zu­kunft wer­de der Mensch häu­fig nur mehr die no­mi­nel­le Ver­ant­wor­tung tra­gen: „Die Il­lu­si­on von Kon­trol­le durch ei­nen Men­schen soll auf­recht­er­hal­ten wer­den, und sei es als Trä­ger der Ver­si­che­rungs­pflicht, wie et­wa beim selbst­fah­ren­den Au­to.“(S. 263). Die Ma­schi­nen sei­en uns in schma­len Fel­dern schnell über­le­gen, weil sie auf un­gleich grö­ße­ren Da­ten­men­gen ope­rie­ren kön­nen, weit­aus schnel­ler rech­nen kön­nen und auch „nicht mü­de oder hung­rig wer­den“, sie sei­en aber auch stör­an­fäl­lig und durch elek­tro­ni­sche Atta­cken an­greif­bar. Und sie wer­den – so der Schluss der Au­to­ren – in Zu­kunft zu noch deut­li­che­ren Macht­ver­stär­kern, „die ge­sell­schaft­li­che und öko­no­mi­sche Ver­hält­nis­se ze­men­tie­ren und ver­schär­fen kön­nen“(S. 265). So bleibt es Auf­ga­be der Men­schen, die Pro­duk­ti­vi­täts­fort­schrit­te durch die neu­en Tech­no­lo­gi­en al­len zu­gäng­lich zu ma­chen. Dies nimmt uns kein Com­pu­ter ab. Ar­beit: Au­to­ma­ti­sie­rung

105 Kurz, Con­stan­ze; Rie­ger, Frank: Ar­beits­frei. Ei­ne Ent­de­ckungs­rei­se zu den Ma­schi­nen, die uns er­set­zen. Mün­chen: Rie­mann, 2013. 286 S., € 17,99 [D], 18,50 [A], sfr 25,90 ; ISBN 978-3-570-50155-9

Ar­beits­welt 2030

Ei­ne auf ei­ne Ex­per­tin­nen-kom­mis­si­on der Ro­bert-bosch-stif­tung zu­rück­ge­hen­de Stu­die „Ar­beits­welt 2030“ne­giert Me­ga­trends wie die Ent­wick­lung zur „Wis­sens- und In­for­ma­ti­ons­ge­sell­schaft“, die Ve­rän­de­rung der Roh­stoff­si­tua­ti­on und Ener­gie­ver­sor­gung oder ge­sell­schaft­li­che Trends wie „Sen­si­bi­li­sie­rung für Nach­hal­tig­keit“, „Fe­mi­ni­sie­rung“, „In­di­vi­dua­li­sie­rung“oder den mög­li­chen Wer­te­wan­del hin zu we­ni­ger kon­sum­ori­en­tier­ten Le­bens­sti­len nicht. Der Haupt­fo­kus wird je­doch auf die de­mo­gra­fi­schen Ver­schie­bun­gen bis zum Jahr2030 ge­legt, der – so die Aus­gangs­the­se – Deutsch­land ei­nen mar­kan­ten Fach­kräf­te­man­gel und Pro­ble­me in der Fi­nan­zie­rung der Ren­ten be­sche­ren könn­te. Aus­ge­gan­gen wird von ei­ner dra­ma­ti­schen Ver­schie­bung des Al­ters­quo­ti­en­ten, der das Ver­hält­nis der über 65-Jäh­ri­gen ge­gen­über den 20- bis 65 Jah­ren, al­so je­nen im er­werbs­fä­hi­gen Al­ter, an­zeigt. Die­ser wer­de von heu­te knapp 35 bis 2030 auf 50 an­stei­gen (100 Er­werbs­tä­ti­gen ste­hen dann 50 Se­nio­rin­nen ge­gen­über) und bis 2050 noch­mals auf über 60 klet­tern.

Vor die­sem Hin­ter­grund wer­den Re­form­not­wen­dig­kei­ten in den Be­rei­chen Ar­beits­markt, Un­ter­neh­men, So­zi­al­part­ner­schaft, Bil­dung, Arbeitsrecht und Zu­kunft der so­zia­len Si­che­rung dar­ge­legt. Drei „Po­li­tik­clus­ter“die­nen da­bei als Hand­lungs­rah­men, de­ren (Wech­sel)wir­kung ana­ly­siert wird: 1) Er­hö­hung der Er­werbs­per­so­nen, mög­lich durch ver­stärk­ten Ar­beits­markt­zu­gang hier le­ben­der Mi­gran­tin­nen, durch Er­hö­hung der Net­to­zu­wan­de­rung und/oder der Ge­bur­ten­ra­te. 2) Er­hö­hung des Ar­beits­vo­lu­mens, mög­lich durch Aus­wei­tung der Jah­res- bzw. Le­bens­ar­beits­zeit so­wie durch Er­hö­hung der Be­schäf­ti­gungs­quo­ten (Ver­rin­ge­rung der Ar­beits­lo­sig­keit, Ver­rin­ge­rung des Teil­zeit­an­ge­bots, Er­hö­hung der Er­werbs­be­tei­li­gung). 3) Stei­ge­rung der Ar­beits­pro­duk­ti­vi­tät, mög­lich durch die Er­leich­te­rung von Hö­her­qua­li­fi­zie­rung, Ver­bes­se­rung der Ar­beits­or­ga­ni­sa­ti­on und des Le­bens­lan­gen Ler­nens so­wie ei­ne Stei­ge­rung der In­no­va­ti­ons­pro­duk­ti­vi­tät der Un­ter­neh­men (Zu­sam­men­fas­sung S. 67f).

Rol­le von Bil­dung

Ex­em­pla­risch sei auf die ge­for­der­ten An­stren­gun­gen im Be­reich Bil­dung ein­ge­gan­gen, de­nen ei­ne wich­ti­ge Funk­ti­on zu­ge­spro­chen wird. Kri­tik üben die Au­to­rin­nen die­ses Ka­pi­tels an den nach wie vor be­ste­hen­den so­zia­len Un­gleich­hei­ten in Be­zug auf Bil­dungs­chan­cen. Von bil­dungs­be­zo­ge­nen Ri­si­ken für Her­an­wach­sen­de

wird da­bei ge­spro­chen, wenn bei­de El­tern­tei­le nicht min­des­tens ei­nen Se­kun­dar-ii-ab­schluss ha­ben, was der­zeit auf 12 Pro­zent der deut­schen Be­völ­ke­rung zu­tref­fe. Da „Ge­le­gen­heits­struk­tu­ren“und „Ver­wert­bar­keits­as­pek­te“ei­ne ent­schei­den­de Rol­le hin­sicht­lich Auf­nah­me von Wei­ter­bil­dungs­ak­ti­vi­tä­ten ha­ben, sei die Er­werbs­tä­tig­keit so­wie die Bil­dungs­för­de­rung am Ar­beits­platz ein we­sent­li­cher Fak­tor für den Bil­dungs­zu­gang. Der über­pro­por­tio­nal ho­he An­teil von Mi­gran­tin­nen­kin­der in von so­zia­len und fi­nan­zi­el­len Ri­si­ken be­trof­fe­nen Grup­pen stel­le ei­ne spe­zi­el­le Her­aus­for­de­rung an das (Wei­ter)-bil­dungs­sys­tem in den nächs­ten Jahr­zehn­ten dar.

Al­lein auf­grund der stei­gen­den Zahl hö­her qua­li­fi­zier­ter Be­schäf­tig­ter in der Wis­sens­ge­sell­schaft bzw. der wis­sens­ba­sier­ten Öko­no­mie sei in Zu­kunft mit ei­ner Zu­nah­me der Wei­ter­bil­dungs­teil­nah­me zu rech­nen, so ei­ne wei­te­re The­se der Stu­di­en­au­to­rin­nen, die von ei­ner „ver­än­der­ten Rhyth­mi­sie­rung von Bil­dungs­zei­ten“aus­ge­hen. Nicht mehr die Ab­fol­ge Aus­bil­dung – Be­ruf – Ru­he­stand wer­de die Bil­dungs­zei­ten be­stim­men, son­dern ei­ne viel stär­ke­re Ver­tei­lung von Bil­dungs­ak­ti­vi­tä­ten auf al­le Le­bens­pha­sen. Grün­de sei­en die sich ra­scher ver­än­dern­den Leis­tungs­an­for­de­run­gen in der wis­sens­ba­sier­ten Öko­no­mie, die Ver­län­ge­rung der Le­bens­ar­beits­zeit, die sich kaum oh­ne ver­stärk­te Wei­ter­bil­dungs­ak­ti­vi­tä­ten rea­li­sie­ren las­se, der An­stieg des durch­schnitt­li­chen Bil­dungs- und Qua­li­fi­ka­ti­ons­ni­veaus in der Be­völ­ke­rung, der auf mitt­le­re Sicht mit ei­nem An­stieg der Wei­ter­bil­dungs­be­tei­li­gung auch in hö­he­ren Al­ters­grup­pen ein­her­ge­he, so­wie schließ­lich neue Bil­dungs­ak­ti­vi­tä­ten in der nach­be­ruf­li­chen Pha­se. Vor­aus­sicht­lich wer­de das für Bil­dung auf­ge­wen­de­te Zeit­vo­lu­men zu­neh­men – bei wach­sen­den An­tei­len non-for­ma­ler Bil­dung und in­for­mel­len Ler­nens.

Neue Lern­um­ge­bun­gen

Ein wei­te­rer Be­fund: Auf­grund des de­mo­gra­fi­schen Wan­dels wird sich der „In­no­va­ti­ons­me­cha­nis­mus“vom „Ge­ne­ra­tio­nen­aus­tausch“zum „Wei­ter­bil­dungs­be­darf für die be­reits Er­werbs­tä­ti­gen“ver­schie­ben. Die Un­ter­neh­men müss­ten ver­mehrt Lern­um­ge­bun­gen ge­stal­ten, in de­nen Ler­nen und Ar­beit mit­ein­an­der ver­knüpft sind. „Ne­ben den klas­si­schen Se­mi­na­ren wer­den in­di­vi­dua­li­sier­te kur­ze Lern­an­ge­bo­te be­nö­tigt.“(S. 116) In­for­mel­le Lern­pro­zes­se und da­mit auch ih­re Zer­ti­fi­zie­rung ge­win­nen da­durch an Be­deu­tung. Drit­tens be­dür­fe es ei­ner bes­se­ren An­ge­bots­ver­zah­nung zwi­schen for­ma­ler und non-for­ma­ler Bil­dung. Ins­be­son­de­re bräuch­ten Un­ter­neh­men „neue For­men wis­sen­schaft­li­cher Wei­ter­bil­dung, wel­che die Er­fah­run­gen der Be­schäf­tig­ten mit neu­en Wis­sens­be­stän­den ver­knüp­fen und für äl­te­re Er­werbs­tä­ti­ge at­trak­tiv sind“(S. 113). Ei­ne Fol­ge da­von sei der Wan­del im Ver­ständ­nis von Uni­ver­si­tä­ten und Hoch­schu­len, die ne­ben Erst­aus­bil­dun­gen im­mer stär­ker auch Wei­ter­bil­dun­gen an­bie­ten müss­ten. Ge­ne­rell könn­te, so ein Fa­zit der Stu­die, die De­ckung des zu­sätz­li­chen Be­darfs an Fach­kräf­ten in Zu­kunft nur ge­lin­gen, wenn die „ku­mu­la­tiv auf­ge­bau­ten Qua­li­fi­zie­rungs­ver­säum­nis­se“über­wun­den wer­den. Zi­tat: „Ins­be­son­de­re in der be­ruf­li­chen Wei­ter­bil­dung muss die Be­tei­li­gung äl­te­rer und ge­ring­qua­li­fi­zier­ter Per­so­nen so­wie von Per­so­nen mit Mi­gra­ti­ons­hin­ter­grund mas­siv er­höht wer­den.“(S. 120) Un­ter­be­lich­tet blei­ben – so das Re­sü­mee des Re­zen­sen­ten – die wohl be­nann­ten Her­aus­for­de­run­gen der Roh­stoff­ver­knap­pung und Ener­gie­ver­sor­gung zum ei­nen so­wie ei­nes mög­li­chen Wer­te­wan­dels hin zu post­kon­su­mis­ti­schen Le­bens­sti­len an­de­rer­seits, die auch ei­ne Zu­kunfts­per­spek­ti­ve mit (be­deu­tend) we­ni­ger Er­werbs­ar­beit in ei­ner Post­wachs­tums­öko­no­mie (ex­em­pla­risch Pa­ech 2012 so­wie in die­ser PZ, Nr. 107) mög­lich bzw. nö­tig ma­chen könn­ten.

Ar­beits­welt: De­mo­gra­fie 106 Ar­beits­welt 2030. Trends, Pro­gno­sen, Gestal­tungs­mög­lich­kei­ten. Hrsg. v. Jut­ta Rump ... Stuttgart: Sch­äf­fer-poe­schel, 2013. 185 S., € 29,75 [D],

30,60 [A], sfr 40,50 ; ISBN 978-3-7910-3275-7

Zeit­wohl­stand

„Wie wir an­ders ar­bei­ten, nach­hal­tig wirt­schaf­ten und bes­ser le­ben“– dies ver­spricht ein Band des Kon­zept­werk Neue Öko­no­mie zu „Zeit­wohl­stand“. Das Team des „jun­gen Thinktank“mit Sitz in Leip­zig (Ei­gen­de­fi­ni­ti­on) lud be­kann­te Au­to­rin­nen wie Hart­mut Ro­sa, Ni­ko Pa­ech, Friederike Ha­ber­mann und Frig­ga Haugg zu ei­ner Ver­an­stal­tungs­rei­he ein und mach­te aus den Bei­trä­gen das vor­lie­gen­de Buch. Vor­ge­stellt wer­den Be­fun­de zum stei­gen­den Stress in der Ar­beits­welt (so er­war­tet laut ei­ner Um­fra­ge in Deutsch­land bei ein bis zwei Drit­tel der Ar­beit­neh­me­rin­nen de­ren Chef(in), dass sie auch in der Frei­zeit er­reich­bar sind), den da­mit kon­tras­tie­ren­den Zeit­wün­schen der Bür­ge­rin­nen (zwei Drit­tel der Deut­schen se­hen als wich­tigs­te Be­din­gung für Frei­heit, selbst über sei­ne ei­ge­ne Zeit ent­schei­den zu kön­nen, Ha­ber­mann S. 20f) so­wie den öko­lo­gi­schen Schä­den des per­ma­nent stei­gen­den „Out­puts“in ei­ner hoch­ra­tio­na­li­sier­ten Pro­duk­ti­ons­ma­schi­ne­rie. Ni­ko Pa­ech pro­gnos­ti­ziert den öko­lo­gi­schen Kol­laps

bis spä­tes­tens 2050, wei­te Tei­le der glo­ba­len Mo­bi­li­tät und In­dus­trie wer­den dann zu­sam­men­ge­bro­chen sein, da­hin­ter wür­den aber neue re­gio­na­le Öko­no­mi­en zu blü­hen be­gin­nen. Wäh­rend Pa­ech von ei­nem neu­en 20:20-Mo­dell hin­sicht­lich Ar­beit aus­geht (je 20 Wo­chen­stun­den Er­werbs­ar­beit und Ei­gen­ar­beit für al­le), plä­diert Frig­ga Haug für ei­nen 4-St­un­den­tag, der in ei­ner „Vie­rin-ei­nem-per­spek­ti­ve“ne­ben Er­werbs­ar­beit auch Zeit für Re­pro­duk­ti­ons­ar­beit, kul­tu­rel­le Bil­dung und po­li­ti­sches En­ga­ge­ment für al­le lässt. Und je­nen, die dies als uto­pisch oder un­rea­lis­tisch ab­tun, ant­wor­tet die fe­mi­nis­ti­sche So­zi­al­for­sche­rin: „Oh­ne ei­ne Vor­stel­lung, wie ei­ne an­de­re Ge­sell­schaft sein könn­te, lässt sich schwer Po­li­tik ma­chen.“(S. 33)

Fe­lix Witt­mann vom Kon­zept­werk Neue Öko­no­mie plä­diert da­für, die Wohl­stands­de­bat­te in die Po­li­tik zu tra­gen. Denn „die De­mo­kra­tie dient uns Men­schen als Mit­tel, un­se­re Ge­sell­schaft selbst­be­stimmt zu ge­stal­ten“(S. 76). Er schlägt vor, „Zei­ten und Räu­me für de­mo­kra­ti­sche Be­tei­li­gung zu schaf­fen“, die Mit­be­stim­mung in Be­trie­ben aus­zu­wei­ten, po­li­ti­sche Bil­dung und me­dia­le Be­richt­er­stat­tung zu ver­bes­sern und nicht zu­letzt die In­stru­men­te di­rek­ter De­mo­kra­tie aus­zu­bau­en (S. 81f). Sei­ne Kol­le­gin Le­na Kir­schen­mann führt schließ­lich öko­lo­gi­sche, psy­chi­sche und so­zia­le Ar­gu­men­te für ei­nen neu­en Um­gang mit Zeit und Wohl­stand aus, wo­bei sie zeigt, dass al­lein der Ar­beits­markt Neu­jus­tie­run­gen er­for­de­re. So sei die „Nor­mal­ar­beit“in Deutsch­land auf dem Rück­zug, die fai­re Ver­tei­lung des Ar­beits­vo­lu­mens ge­lin­ge je­doch nicht. Der An­teil der Teil­zeit­stel­len hat sich von 14 Pro­zent im Jahr 1991 auf 26,7 Pro­zent im Jahr 2010 er­höht, der An­teil der ge­ring­fü­gig Be­schäf­tig­ten sei auf 14,3 Pro­zent und je­ner der be­fris­tet Be­schäf­tig­ten auf knapp 10 Pro­zent an­ge­wach­sen. Zeit: Ar­beits­welt

107 Zeit­wohl­stand. Wie wir an­ders ar­bei­ten, nach­hal­tig wirt­schaf­ten und bes­ser le­ben. Hrsg. v. Kon­zept­werk Neue Öko­no­mie. Mün­chen: ökom, 2014. 106 S., € 16,95 [D], 17,50 [A], sfr 22,90 ; ISBN 978-3-86581-476-0

Be­schleu­ni­gungs­ge­sell­schaft

Nicht we­ni­ger als ei­ne neue „So­zio­lo­gie der Be­schleu­ni­gung“ver­spricht Hart­mut Ro­sa in sei­nem Es­say „Be­schleu­ni­gung und Ent­frem­dung“. Das Buch sei ein „kur­zer Ver­such über das mo­der­ne Le­ben“und wol­le die So­zi­al­wis­sen­schaf­ten wie­der an je­ne Fra­gen her­an­füh­ren, die die Men­schen in ih­rem All­tag be­schäf­ti­gen. Es keh­re da­her zu­rück zur Fra­ge „nach dem gu­ten Le­ben – und der Fra­ge da­nach, war­um wir ei­gent­lich kein gu­tes Le­ben ha­ben“(S. 7). In ei­ner „Theo­rie der Be­schleu­ni­gung“be­schreibt Ro­sa zu­nächst die tech­ni­sche Be­schleu­ni­gung, je­ne des so­zia­len Wan­dels so­wie je­ne des Le­bens­tem­pos. Er stößt da­bei auf fast food, speed da­ting, po­wer naps oder gar dri­ve-trough fu­n­e­rals, die es den USA be­reits ge­ben soll. An Stu­di­en der Zeit­ver­wen­dungs­for­schung macht der Au­tor deut­lich, dass sich die Zeit in der Tat im­mer mehr ver­dich­te, ob­wohl die tech­ni­sche Be­schleu­ni­gung ei­gent­lich Zeit frei­set­zen müss­te. Als „Mo­to­ren der so­zia­len Be­schleu­ni­gung“iden­ti­fi­ziert Ro­sa zu­al­ler­erst das wett­be­werbs­ori­en­tier­te ka­pi­ta­lis­ti­sche Markt­sys­tem, das mit dem Wett­be­werb der Na­tio­nal­staa­ten seit der Eta­b­lie­rung des „West­fä­li­schen Sys­tems“nach 1648 be­gon­nen ha­be und sich heu­te aus der Per­spek­ti­ve der In­di­vi­du­en fort­set­ze, „in ei­nem an­dau­ern­den Kon­kur­renz­kampf um Bil­dungs­ab­schlüs­se und Jobs, Gü­ter zum de­mons­tra­ti­ven Kon­sum, den Er­folg der Kin­der, aber auch, und am wich­tigs­ten, dar­um, ei­nen Part­ner so­wie ei­ne Rei­he von Freun­den zu fin­den und zu hal­ten“(S. 37). Da­zu kommt nach Ro­sa ein „kul­tu­rel­ler Mo­tor“, da in der sä­ku­la­ren mo­der­nen Ge­sell­schaft die Be­schleu­ni­gung „ein funk­tio­na­les Äqui­va­lent für die (re­li­giö­se) Ver­hei­ßung ei­nes ewi­gen Le­bens“dar­stel­le (S. 39). Wer dop­pelt so schnell lebt, kön­ne die Sum­me der Er­fah­run­gen eben­falls ver­dop­peln, so die trü­ge­ri­sche An­nah­me, die je­doch in die Ir­re füh­re. Denn: „Die­sel­ben Tech­ni­ken, die uns da­bei hel­fen, Zeit zu spa­ren, füh­ren zu ei­ner Ex­plo­si­on der Welt­op­tio­nen.“(S. 41)

In der Fol­ge wen­det sich Ro­sa Ent­schleu­ni­gungs­stra­te­gi­en zu, wo­bei er dys­funk­tio­na­le oder pa­tho­lo­gi­sche For­men der Ent­schleu­ni­gung wie Staus, De­pres­si­ons­er­kran­kun­gen oder Lang­zeit­ar­beits­lo­sig­keit von „in­ten­tio­na­ler Ent­schleu­ni­gung“un­ter­schei­det. Doch auch letz­te­re kön­ne wie­der der Be­schleu­ni­gung die­nen, et­wa der Ein­kehr­auf­ent­halt im Klos­ter oder der Yo­ga­kurs, die je­doch nur ei­ne „Pau­se vom Ren­nen“(S. 50) sei­en. An­ders ver­hal­te es sich bei der „op­po­si­tio­nel­len Ent­schleu­ni­gung“, die als Aus­stei­gen aus dem Sys­tem ver­stan­den wird, was je­doch nur be­dingt mög­lich sei. Mit Paul Vi­ri­lio u. a. ver­weist Ro­sa schließ­lich auf das Phä­no­men des „ra­sen­den Still­stands“bzw. der „Er­schöp­fung uto­pi­scher Ener­gi­en“(S. 53) in den mo­der­nen Be­schleu­ni­gungs­ge­sell­schaf­ten.

An­er­ken­nungs­kampf

Ro­sa sieht kei­ne grund­le­gen­de Ab­kehr von der Ak­ze­le­ra­ti­ons­dy­na­mik, viel­mehr ei­ne Ab­lö­sung

des dy­na­mi­schen Wan­dels, der ei­ne Rich­tung hat und als Fort­schritt ge­deu­tet wer­den kön­ne, hin zu ei­nem ziel­lo­sen und ra­sen­den Wan­del, der in die Er­schöp­fung füh­ren muss. Kenn­zei­chen die­ser Ge­sell­schaft oh­ne Rich­tung sei­en die Schrump­fung von Raum und Ge­gen­wart, der Ver­lust ei­nes „Ver­hält­nis­ses zur Welt der Din­ge“, die kei­ne Au­ra mehr ha­ben (S. 64), aber auch der so­zia­le Wett­be­werb. Die „Er­schöp­fung des Selbst“sieht Ro­sa vor al­lem im stei­gen­den An­er­ken­nungs­kampf be­grün­det, der mit dem in­tra­ge­ne­ra­ti­o­no­na­len Tem­po des so­zia­len Wan­dels zu­sam­men­hän­ge: „So­bald ein Ba­by ge­bo­ren wird, ent­wi­ckeln die El­tern die pa­ra­no­ide Angst, es kön­ne in der ei­nen oder an­de­ren Wei­se ,zu­rück­ge­blie­ben‘ sein.“(S. 88) Und auch die Po­li­tik müs­se so ver­fla­chen: „Mehr­hei­ten wer­den durch das Er­zeu­gen und Be­ein­flus­sen (spin­ning) von Er­eig­nis­sen ge­won­nen, nicht durch Ar­gu­men­te.“(S. 81) Wäh­ler sei­en da­her heu­te nicht mehr kon­ser­va­tiv, links oder grün, son­dern wäh­len nach der je­wei­li­gen Per­for­mance der Par­tei­en und Po­li­ti­ke­rin­nen. Ro­sa fol­gert dar­aus, dass ei­ne „Kri­ti­sche Theo­rie der An­er­ken­nungs­ver­hält­nis­se“mit ei­ner „Kri­ti­schen Theo­rie der Zeit­ver­hält­nis­se“ver­knüpft wer­den müs­se (S. 88). Die De­mo­kra­tie wird laut Ro­sa auch ge­schwächt durch ei­ne zu­neh­men­de „De­sys­nchro­ni­sa­ti­on zwi­schen Po­li­tik und der öko­no­mi­schen Sphä­re“(S. 103), wel­che durch die zu­neh­men­de Plu­ra­li­sie­rung wei­ter ver­schärft wer­de (Ver­län­ge­rung der Wil­lens­bil­dung und Ent­schei­dungs­fin­dung bei gleich­zei­tig be­schleu­nig­tem tech­no­lo­gi­schen Wan­del). Die Po­li­tik wer­de da­her nicht mehr als Schritt­ma­cher so­zia­len Wan­dels wahr­ge­nom­men, „pro­gres­si­ve Po­li­tik“ha­be viel­mehr die Auf­ga­be, Ent­schleu­ni­gungs­brem­sen ein­zu­bau­en, um wie­der ei­ne ge­wis­se Kon­trol­le über die Ge­schwin­dig­keit und Rich­tung des so­zia­len Wan­dels zu ge­win­nen.

Re­so­nan­zer­fah­run­gen

Und wie fin­den wir nun zum gu­ten Le­ben? Ro­sa ver­weist zu­nächst noch auf ei­nen wei­te­ren Wi­der­spruch. Trotz der mas­siv ge­stie­ge­nen Op­tio­nen­viel­falt be­fän­den wir uns ei­nem be­denk­li­chen Zwangs­kor­sett. „Ich wa­ge zu be­haup­ten“, so der Au­tor poin­tiert, „dass nir­gend­wo au­ßer­halb der west­li­chen Mo­der­ne All­tags­prak­ti­ken so kon­sis­tent durch den Rück­griff auf ei­ne ,Rhe­to­rik des Müs­sens‘ struk­tu­riert sind.“(S. 109) Die Lis­te des Müs­sens sei lang und en­de schließ­lich mit dem Muss zur Ent­span­nung oder Fit­ness­trai­ning, um dem Herz­in­farkt oder der De­pres­si­on zu ent­ge­hen. Auf­grund der vie­len Op­tio­nen und Ver­pflich­tun­gen fühl­ten wir uns am En­de des Ta­ges je­doch im­mer schul­dig, weil wir die so­zia­len Er­war­tun­gen nicht ge­nü­gend er­füllt und die To-do-lis­ten nicht zur Gän­ze ab­ge­ar­bei­tet hät­ten.

Ro­sa ge­langt schließ­lich zum „ge­bro­che­nen Ver­spre­chen der Mo­der­ne“(S. 113), dass der Mensch aus Un­mün­dig­keit und Zwän­gen be­freit wer­de, was so nicht ein­ge­tre­ten sei: „Die Kräf­te der Be­schleu­ni­gung wer­den nicht län­ger als be­frei­end er­fah­ren, son­dern als un­ter­drü­ck­e­ri­sche und per­ma­nen­ten Druck aus­üben­de Macht.“(S. 116)

Hart­mut Ro­sas Es­say legt kri­ti­sche Be­fun­de vor – der Band schließt mit Be­ob­ach­tun­gen, wie Be­schleu­ni­gung auch zur Ent­frem­dung vom Raum, von den Din­gen so­wie ge­gen­über den ei­ge­nen Hand­lun­gen führt – und deu­tet so­mit nur in­di­rekt Aus­we­ge an. Die­se müs­sen je­doch, das wird deut­lich, vor­nehm­lich in po­li­ti­schen Rah­men­set­zun­gen lie­gen, die dem Be­schleu­ni­gungs­di­kat ent­ge­gen­wir­ken. Und die Richt­schnur für ein gu­tes Le­ben sieht Ro­sa in „viel­schich­ti­gen Re­so­nan­zer­fah­run­gen“(S. 148), die sich in der Be­zie­hung des „Sub­jekts zur so­zia­len Welt, zur Welt der Din­ge, zur Na­tur und zur Ar­beit er­ge­ben“(ebd.), was auf die emo­tio­na­le Di­men­si­on des In-der-welt-seins ver­weist und sich rein nut­zen­ma­xi­mie­ren­dem Den­ken ent­zieht. Be­schleu­ni­gung: Ent­frem­dung

108 Ro­sa, Har­mut: Be­schleu­ni­gung und Ent­frem­dung. Frankfurt/m.: Suhr­kamp, 2013. 156 S.,

€ 20,- [D], 20,60 [A], sfr 28,90

ISBN 978-3-518-58596-2

Neue Ar­beit?

Jen­seits so­zio­lo­gi­scher Be­fun­de zur Ar­beits­welt meh­ren sich frei­lich auch die Rat­ge­ber­bü­cher, die uns da­zu auf­for­dern, den al­ten Ar­beitstrott zu ver­las­sen und uns selbst zu ver­wirk­li­chen in je­ner Ar­beit, die wir ger­ne ma­chen. Meist ab­stra­hie­ren die­se Bü­cher je­doch von den rea­len Ar­beits­ver­hält­nis­sen nach dem Mot­to: Je­der kann es schaf­fen, wenn er/sie es nur will. In die­se Ka­te­go­rie ein­zu­stu­fen ist der Ti­tel „Hört auf zu ar­bei­ten“. An­ja Förs­ter und Pe­ter Kreuz wol­len den Buch­ti­tel frei­lich nicht als sub­ver­si­ve An­sa­ge ge­gen die gras­sie­ren­de Ar­beits­wut ver­stan­den wis­sen, son­dern als Auf­for­de­rung, sich selbst krea­ti­ve Jobs zu schaf­fen. Die bei­den plä­die­ren für ei­ne neue Grün­der­zeit, die uns blü­hen­de Star­tups in den Krea­tiv­bran­chen be­schert, sie kri­ti­sie­ren das ver­al­te­te Schul- und Aus­bil­dungs­sys­tem, wel­ches Krea­ti­vi­tät im Keim er­sti­cke, so­wie ver­al­te­te Denk­wei­sen in Un­ter­neh­men und Po­li­tik. Auch wenn die bei­den die Sze­ne der Zu­kunfts­rat­ge­ber kri­ti­sie­ren („Leu­te ma­chen ihr Ding, in­dem sie Leu­ten er­klä­ren, wie man sein Ding macht“, S. 129), so sind sie selbst nicht frei von der

„Die Kom­bi­na­ti­on von al­go­rith­men­ge­rech­ter Um­stel­lung von Ge­schäfts­pro­zes­sen, voll­stän­di­ger Di­gi­ta­li­sie­rung al­ler Vor­gän­ge, plus Soft­ware und Re­chen­leis­tung, um dar­aus Ein­sich­ten zu ge­ne­rie­ren, könn­te lang­fris­tig so­gar da­zu füh­ren, dass die bis­he­ri­gen Sur­fer auf der Wel­le des Op­ti­mie­rungs­und Ef­fi­zi­enz­wahns, die Un­ter­neh­mens­be­ra­ter, um ih­re Jobs fürch­ten müs­sen.“(Kurz/rie­ger in , S. 259f.)

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„Kind­heit und Ju­gend sind als Ent­wick­lungs- und Le­bens­pha­sen für le­bens­lan­ges Ler­nen des­halb von zen­tra­ler Be­deu­tung, weil hier die ent­schei­den­den Mo­ti­va­tio­nen und Kom­pe­ten­zen für die Teil­nah­me an spä­te­ren Bil­dungs­und Lern­ak­ti­vi­tä­ten auf­ge­baut wer­den.“(Su­san See­ber u.a. in , S. 115)

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„In der Be­schleu­ni­gungs­ge­sell­schaft wer­den die Din­ge in­des­sen nicht mehr re­pa­riert: Weil die Pro­duk­ti­on von Gü­tern in ge­wal­ti­gem Ma­ße be­schleu­nigt wur­de, wäh­rend sich ih­re Re­pa­ra­tur nur in ge­rin­gem Ma­ße und oft gar nicht be­schleu­ni­gen läßt, wird die Letz­te­re im­ver­gleich zur Ers­te­ren im­mer teu­rer. Hin­zu kommt, daß vie­le, vor al­lem tech­ni­sche Ob­jek­te so kom­plex ge­wor­den sind, daß wir die prak­ti­sche Fä­hig­keit ver­lie­ren, mit ih­nen um­zu­ge­hen.“(Hart­mut Ro­sa in , S. 126)

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„Den po­li­ti­schen Re­for­men des 21. Jahr­hun­derts wohnt gar nicht mehr die In­ten­ti­on in­ne, ei­ne grund­le­gen­de Ver­bes­se­rung der so­zia­len Be­din­gun­gen oder die Gestal­tung des Ge­mein­we­sens nach de­mo­kra­tisch be­stimm­ten kul­tu­rel­len oder so­zia­len Zie­len zu er­rei­chen. Statt des­sen ist es das bei­na­he ein­zi­ge Ziel po­li­ti­scher Gestal­tung ge­wor­den, die Kon­kur­renz­fä­hig­keit der Ge­sell­schaft zu si­chern oder zu ver­bes­sern, das heißt, ih­re Be­schleu­ni­gungs­fä­hig­kei­ten auf­recht­zu­er­hal­ten.“(Hart­mut Ro­sa in , S. 119)

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