Zu­kunft in Dis­kus­si­on Von Span­nungs­fel­dern und an­ge­bun­de­nen Ka­me­len

Zi­vil­ge­sell­schaft im Kon­flikt – Vom Ge­lin­gen und Schei­tern in Kri­sen­ge­bie­ten

ProZukunft - - Inhalt -

Ein Rück­blick von Shi­la Auer

Bei glü­hen­der Hit­ze ge­hen man­che Leu­te ba­den. An­de­re hin­ge­gen dis­ku­tie­ren in den küh­len Ge­mäu­ern der Frie­dens­burg Sch­lai­ning über zi­vil­ge­sell­schaft­li­ches En­ga­ge­ment als Bei­trag zur Lö­sung in­ter­na­tio­na­ler Kon­flik­te. Hoff­nun­gen, Vi­sio­nen und Er­nüch­te­run­gen präg­ten die dor­ti­ge Som­mer­aka­de­mie von 5.-10. Ju­li 2015 – und zeig­ten Hand­lungs­be­darf. Zi­vil­ge­sell­schaft spielt in der Kon­flikt­be­ar­bei­tung ei­ne kaum weg­zu­den­ken­de Rol­le, dar­über wa­ren sich zu Be­ginn der Ver­an­stal­tung fast al­le ei­nig. Schon am Er­öff­nungs­abend wur­den die vie­len Hoff­nun­gen spür­bar, die da­mit ver­bun­den sind. Trotz­dem oder ge­ra­de des­halb stell­ten sich die rund 130 Teil­neh­me­rin­nen der Her­aus­for­de­rung, Zi­vil­ge­sell­schaft kri­tisch zu hin­ter­fra­gen. „Glau­be an Al­lah, aber bin­de dein Ka­mel an.“Die­ses is­la­mi­sche Sprich­wort zog der Or­ga­ni­sa­tor der Som­mer­aka­de­mie, Ma­xi­mi­li­an La­kitsch, in sei­ner Er­öff­nungs­an­spra­che her­an, um das Ziel der Ver­an­stal­tung deut­lich zu ma­chen: „Wir wol­len das Ka­mel an­bin­den“, al­so die Hoff­nun­gen er­den und kon­kre­te Hand­lungs­op­tio­nen für zi­vi­les En­ga­ge­ment in Kri­sen­ge­bie­ten ent­wi­ckeln.

Po­ten­tia­le und Ri­si­ken

Frie­dens­ar­beit geht nicht oh­ne Zi­vil­ge­sell­schaft, so der Grund­te­nor der Ver­an­stal­tung. Sie setzt auf den Kon­takt zur Be­völ­ke­rung vor Ort, sie ge­währ­leis­tet lang­fris­ti­ges En­ga­ge­ment, sie baut lo­ka­le Struk­tu­ren auf. Als „Dau­er­re­for­ma­tor des Ka­pi­ta­lis­mus“(Til­man Evers, Fo­rum Zi­vi­ler Frie­dens­dienst) sei sie zen­tral für die Mei­nungs­bil­dung im Vor­feld von Ent­schei­dungs­fin­dung. Ul­rich Men­zel von der TU Braunschweig sah in sei­nem Vor­trag die Be­deu­tung der Zi­vil­ge­sell­schaft we­ni­ger ro­sig. Für ihn hät­ten die eu­ro­päi­schen Län­der ge­gen­über den mäch­ti­gen USA oh­ne­hin we­nig Spiel­raum für ei­ne mo­ra­li­sche Au­ßen­po­li­tik. Er zeig­te da­mit, wie schwie­rig es ist, als eu­ro­päi­sche Zi­vil­ge­sell­schaft im Welt­ge­sche­hen ak­tiv zu sein. Zi­vil­ge­sell­schaft kön­ne aber auch, zum Bei­spiel in der Ent­wick­lungs­zu­sam­men­ar­beit, Ak­teu­rin bei der Durch­set­zung von Macht sein und so­mit im­pe­ria­lis­ti­scher Ge­walt die­nen. Mit die­ser pro­vo­kan­ten The­se er­mahn­te Hel­mut Krieger von der Uni­ver­si­tät Wi­en da­zu, Kon­flik­te und Kriegs­zo­nen im­mer im Rah­men von glo­ba­len Macht­ver­hält­nis­sen zu se­hen. De­ren Re­pro­duk­ti­on durch Ent­wick­lungs­zu­sam­men­ar­beit und Kon­flikt­be­ar­bei­tung be­un­ru­higt auch Ka­rin Fi­scher von der Uni­ver­si­tät Linz. Sie kri­ti­sier­te die Ar­ro­ganz, mit der „Ex­per­tin­nen“aus den so­ge­nann­ten In­dus­trie­län­dern den Ent­wick­lungs­län­dern zei­gen möch­ten, wie „Good Go­ver­nan­ce“aus­zu­se­hen ha­be. Hier bräuch­te es drin­gend ei­ne tie­fe­re Re­fle­xi­on des ei­ge­nen Han­delns und ei­nen Per­spek­ti­ven­wech­sel, um Zi­vil­ge­sell­schaft und Staat aus Sicht des Sü­dens zu de­fi­nie­ren.

Ko­ope­ra­tio­nen für nach­hal­ti­ge Frie­dens­pro­zes­se

Um die Po­ten­zia­le zu nut­zen und die Ri­si­ken ab­zu­schwä­chen, muss Zi­vil­ge­sell­schaft, das wur­de im Lau­fe der Ver­an­stal­tung im­mer wie­der be­tont, mit an­de­ren Ak­teu­ren ko­ope­rie­ren. Als ers­ten Schritt müs­se es mehr or­ga­ni­sier­te Zu­sam­men­ar­beit in­ner­halb der Zi­vil­ge­sell­schaft ge­ben, denn nur mit deut­lich wahr­nehm­ba­ren Part­ne­rin­nen kön­nen zi­vi­le Kräf­te über­haupt als Ak­teu­re wahr­ge­nom­men wer­den. Als nächs­ter Schritt wird an­ge­sichts der vie­len kom­ple­xen Kri­sen ei­ne Zu­sam­men­ar­beit zwi­schen zi­vi­len und staat­li­chen Ak­teu­ren im­mer drin­gen­der.

Zu durch­aus kon­tro­ver­sen Re­ak­tio­nen im Pu­bli­kum führ­te das Plä­doy­er für mehr zi­vil-mi­li­tä­ri­sche Ko­ope­ra­ti­on von Kay Brink­mann (Deut­sche Bun­des­wehr) und Andre­as Papp (Soskin­der­dorf). Der Kon­takt von zi­vi­len Ak­teu­ren mit der lo­ka­len Be­völ­ke­rung auf der ei­nen Sei­te so­wie die lo­gis­ti­schen, fi­nan­zi­el­len und per­so­nel­len Ka­pa­zi­tä­ten der Mi­li­tärs auf der an­de­ren Sei­te sei­en für ei­nen nach­hal­ti­gen Frie­dens­pro­zess glei­cher­ma­ßen wich­tig. Brink­mann sprach sich des­halb für ei­ne An­nä­he­rung auf Au­gen­hö­he aus, wo­für zu­erst die je­wei­li­gen Stär­ken und die ge­mein­sa­men In­ter­es­sen iden­ti­fi­ziert wer­den müss­ten. „Ak­teur­se­go­is­men“auf bei­den Sei­ten gel­te es zu über­win­den.

Dass die­se an­ste­hen­den Her­aus­for­de­run­gen viel Mut, Ener­gie und vor al­lem ei­nen lan­gen Atem brau­chen, war wohl al­len 130 Teil­neh­me­rin­nen der Som­mer­aka­de­mie klar. Nur gut, dass es rund um die in­ten­si­ven Re­fle­xio­nen auch viel Raum gab, sich in in­for­mel­lem Aus­tausch und ei­nem le­ben­di­gen Rah­men­pro­gramm ge­gen­sei­tig Kraft zu ge­ben. Shi­la Auer Lang­fas­sung er­schie­nen auf www.pfz.at (Fo­to­nach­weis: www.frie­dens­burg.at)

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