De­mo­kra­tie in Ge­fahr

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Kri­sen­dia­gno­sen der De­mo­kra­tie sind so alt wie die­se selbst. An­de­rer­seits be­ken­nen sich heu­te welt­weit so vie­le Staa­ten wie nie zu­vor zur De­mo­kra­tie. Bir­git Ba­thic-kun­rath, Walter

Spiel­mann und Al­f­red Au­er ha­ben an­hand ak­tu­el­ler Bü­cher Ant­wor­ten dar­auf ge­sucht, wie das Prin­zip De­mo­kra­tie neu zu be­le­ben ist.

Kri­sen­dia­gno­sen über die De­mo­kra­tie sind so alt wie die­se selbst. An­de­rer­seits be­ken­nen sich heu­te welt­weit so vie­le Staa­ten wie nie zu­vor zur De­mo­kra­tie. Und den­noch spre­chen po­li­ti­sche Kom­men­ta­to­ren be­harr­lich von ei­ner viel­fa­chen Kri­se des Po­li­ti­schen. Zwei ak­tu­el­le Phä­no­me­ne kenn­zeich­nen die­sen Be­fund. Rechts­po­pu­lis­ti­sche Be­we­gun­gen pro­fi­tie­ren vom sin­ken­den Ver­trau­en in die De­mo­kra­tie. Jo­chen Bitt­ner un­ter­sucht im Wo­chen­ma­ga­zin „Die Zeit“die tief lie­gen­den Ur­sa­chen des Vor­mar­sches der Au­to­ri­tä­ren (DIE ZEIT, Nr. 24, 2016 De­mo­kra­tie: Läuft ih­re Zeit ab?). Er kommt zu fol­gen­dem Schluss: „De­mo­kra­tie heißt nicht mehr au­to­ma­tisch wach­sen­der Wohl­stand; Re­prä­sen­ta­ti­on heißt nicht mehr au­to­ma­tisch, sich ver­tre­ten zu füh­len; und ge­wählt zu sein heißt nicht mehr au­to­ma­tisch, selbst ei­ne Wahl zu ha­ben.“Gleich­zei­tig ge­fähr­det der di­gi­ta­li­sier­te All­tag den Pri­mat der Po­li­tik, die elek­tro­ni­sche Über­wa­chung be­droht de­mo­kra­ti­sche Wer­te, im In­for­ma­ti­ons­ka­pi­ta­lis­mus ist der Mensch nur noch Kon­su­ment. Was muss sich al­so än­dern? Bir­git Ba­thic-kun­rath, Walter Spiel­mann und Al­f­red Au­er ha­ben an­hand ak­tu­el­ler Bü­cher Ant­wor­ten dar­auf ge­sucht, wie das Prin­zip De­mo­kra­tie neu zu be­le­ben ist.

Schmut­zi­ge De­mo­kra­tie

Ich war skep­tisch als ich die­sen Ti­tel zur Hand nahm, denn ich ver­mu­te­te ei­ne ver­kürz­te, um Auf­merk­sam­keit hei­schen­de pla­ka­ti­ve Darstel­lung der viel­fach be­klag­ten Po­li­tik­ver­dros­sen­heit. Was Jür­gen Roth, ei­ner der be­kann­tes­ten in­ves­ti­ga­ti­ven Jour­na­lis­ten Deutsch­lands, in­des vor­legt, ist ei­ne grund­so­li­de, fak­ten­rei­che Analyse über den in der Tat be­kla­gens­wer­ten Zu­stand der De­mo­kra­tie in

vie­len Tei­len Eu­ro­pas. Aus­ge­hend von der Be­ob­ach­tung, dass die ak­tu­el­le Flücht­lings­kri­se po­pu­lis­ti­schen Strö­mun­gen Tür und Tor ge­öff­net hat, bie­tet Roth zu­nächst ei­ne Viel­zahl von dras­ti­schen Bei­spie­len über die zu­neh­mend ra­di­kal na­tio­na­len Strö­mun­gen nicht et­wa nur in der Tür­kei, in Un­garn oder der Slo­wa­kei. Über­zeu­gend weist er nach, dass füh­ren­de po­li­ti­sche Ak­teu­re viel­fach von ge­schäft­li­chen In­ter­es­sen ge­lei­tet ethi­sche Grund­wer­te zwar laut­stark be­nen­nen, de fac­to aber nicht

da­nach han­deln. Da­mit frei­lich nicht ge­nug. Auf Fak­ten ge­stützt und sich da­bei viel­fach auch auf per­sön­li­che In­for­ma­tio­nen be­ru­fend, ver­weist Roth auf die Rol­le du­bio­ser po­li­ti­scher Ak­teu­re, die viel­fach über gu­te Ma­fia-ver­bin­dun­gen ver­fü­gen und vor al­lem die Meh­rung ih­res per­sön­li­chen Wohl­stands im Sinn ha­ben. Un­garns Au­ßen­mi­nis­ter Sán­dor Pin­tér nimmt im Dunst­kreis rus­si­scher Ge­schäfts­leu­te (ne­ben vie­len an­de­ren) ei­ne aus­führ­lich ge­schil­der­te Rol­le ein. Aber auch an­de­re, die über der­ar­ti­ge Ver­däch­ti­gun­gen er­ha­ben sind, wer­den mit Kri­tik be­dacht: So et­wa auch Se­bas­ti­an Kurz, der neue Ob­mann der ÖVP, der in sei­ner Funk­ti­on als Au­ßen­mi­nis­ter da­von ge­spro­chen ha­be, dass Mi­gran­ten vor al­lem ei­ner bes­se­ren öko­no­mi­schen Zu­kunft we­gen nach Eu­ro­pa kä­men, nicht aber weil sie um ihr Le­ben fürch­ten müss­ten (vgl. S. 27).

Un­gleich­heit ge­fähr­det De­mo­kra­tie

Dass in die­sem Um­feld im­mer mehr Men­schen am Wert der De­mo­kra­tie zwei­feln und nach ei­nem „star­ken Mann“ru­fen, von dem sie mei­nen, dass er ih­re An­lie­gen bes­ser ver­tre­ten wür­de, ver­wun­dert Roth nicht. Aus­führ­lich zeigt er, wie auch die of­fi­zi­el­le Po­li­tik in Deutsch­land die­se Ten­den­zen be­flü­gelt. Die selbst von An­ge­la Mer­kel ge­wür­dig­ten Leis­tun­gen des 2012 als Chef der Deut­schen Bank zu­rück­ge­tre­te­nen Jo­sef Acker­mann und, pau­schal for­mu­liert, die ra­pi­de Zu­nah­me des Wohl­stands­ge­fäl­les tra­ge zum Ver­trau­ens­ver­lust ge­gen­über der De­mo­kra­tie eben­so bei wie die von Roth zu Recht kri­ti­sier­te De­mon­ta­ge so­zia­ler Si­che­rungs­sys­te­me. Wie sehr ins­be­son­de­re in Deutsch­land auf­grund die­ser Ent­wick­lung rechts-na­tio­na­le Strö­mun­gen an Zu­spruch ge­win­nen, macht der Au­tor am Auf­stieg der AFD und ei­ne Rei­he wei­te­rer ra­di­ka­ler Split­ter­grup­pen deut­lich. Ein Be­sorg­nis er­re­gen­der Be­fund.

Die Ero­si­on des Rechts­sys­tems als tra­gen­de Säu­le ei­ner ge­fes­tig­ten De­mo­kra­tie, die wach­sen­de Kon­zen­tra­ti­on un­glaub­li­cher Fi­nanz­mit­tel in den Hän­den We­ni­ger – das welt­weit­größ­te Fi­nanz­im­pe­ri­um „Black­rock“al­lei­ne ver­wal­tet € 4,7 Bil­lio­nen, be­deu­tend mehr als der Wert al­ler in Deutsch­land pro­du­zier­ten Pro­duk­te und Di­enst­leis­tun­gen pro Jahr ($ 3,8 Bil­lio­nen im Jahr 2014) und ge­winnt auch in Eu­ro­pa zu­neh­mend an Ein­fluss (vgl. S. 216). Vie­les spre­che da­für, dass ei­ne hu­ma­ne de­mo­kra­ti­sche Ge­sell­schaft mit dem ka­pi­ta­lis­ti­schen Wirt­schafts­sys­tem un­ver­ein­bar ist, mahnt Roth. Im­mer mehr Men­schen wür­den er­ken­nen, dass „es in­zwi­schen ei­ne un­über­wind­ba­re Mau­er zwi­schen po­li­ti­scher Ethik, der so­zia­len Ge­rech­tig­keit und der rea­len Macht­po­li­tik gibt“(S. 215). Was aber tun? Roth plä­diert un­ter an­de­rem da­für, den Fe­tisch der „schwar­zen Null“auf­zu­ge­ben, mas­siv in Bil­dung und leich­te­res Woh­nen zu in­ves­tie­ren – al­lein in Deutsch­land fehl­ten „32.000 Leh­rer und 124.000 Er­zie­her“so­wie „2,5 Mil­lio­nen So­zi­al­woh­nun­gen“(vgl. S. 247f.). Vor al­lem aber ge­he es dar­um, „für die Zu­kunft der De­mo­kra­tie und die Zu­kunft der künf­ti­gen Ge­ne­ra­tio­nen“zu kämp­fen (S. 286), ins­be­son­de­re im zi­vil­ge­sell­schaft­li­chen Kon­text. Hier fin­den sich vie­le über­zeu­gen­de Ar­gu­men­te für die­ses En­ga­ge­ment. W. Sp. De­mo­kra­tie 100 Roth, Jür­gen: Schmut­zi­ge De­mo­kra­tie. Aus­ge­höhlt – Aus­ge­nutzt – Aus­ge­löscht?

Wals: Eco­win, 2016. 319 S., € 24,- [D], 24,70 [A] ISBN 978-3-7110-0094-1

Ge­gen Wah­len

Be­kann­ter­ma­ßen ge­hen im­mer we­ni­ger Men­schen wäh­len, die Mit­glie­der­zah­len der po­li­ti­schen Par­tei­en und das Ver­trau­en der Be­völ­ke­rung in Re­prä­sen­tan­ten des tra­dier­ten Sys­tems sin­ken. Es ist al­so, so ein ver­brei­te­ter Te­nor, um die par­la­men­ta­risch-re­prä­sen­ta­ti­ve De­mo­kra­tie schlecht be­stellt. Vor al­lem Wah­len, die Säu­len der de­mo­kra­ti­schen Ver­fasst­heit, wer­den mehr und mehr in Fra­ge ge­stellt. Zu­neh­mend wer­den sie als ei­ne der Haupt­ur­sa­chen der Kri­se ver­or­tet. Nach An­sicht des bel­gi­schen His­to­ri­kers und Eth­no­lo­gen Da­vid Van Rey­brouck sind wir da­bei „un­se­re De­mo­kra­tie ka­putt zu ma­chen, in­dem wir sie auf Wah­len be­schrän­ken, und das, ob­wohl Wah­len nie als de­mo­kra­ti­sches In­stru­ment ge­dacht wa­ren“(S. 169). Des­halb will er Bür­ger wie­der zu mehr po­li­ti­scher Teil­nah­me ver­pflich­ten. Im his­to­ri­schen Ex­kurs zeigt der Au­tor, dass De­mo­kra­tie im Lau­fe ih­rer Ent­wick­lung ganz an­de­re und über­aus er­folg­rei­che Ver­fah­ren der po­li­ti­schen Teil­ha­be kann­te. Zu­nächst aber wid­met er sich der Analyse ei­ner macht­los ge­wor­de­nen De­mo­kra­tie.

Die Sym­pto­me, an de­nen west­li­che De­mo­kra­ti­en kran­ken, zei­gen sich so­wohl an der Kri­se der Le­gi­ti­mi­tät (die Un­ter­stüt­zung nimmt ab) als auch an der Kri­se der Ef­fi­zi­enz (die Tat­kraft nimmt ab). Um sei­ne The­sen zu un­ter­mau­ern, lie­fert Van Rey­brouck vie­le Fak­ten, so­wohl was den Wäh­ler­schwund als auch Wäh­ler­wan­de­rung und Rück­gang von Par­tei­en­mit­glied­schaf­ten be­trifft. Er zeigt auch, wie zahn­los ei­ne Po­li­tik ge­wor­den ist, die gleich­zei­tig im­mer laut­stär­ker agiert. „Der Wahn des Ta­ges re­giert wie nie zu­vor.“(S. 22) Der Au­tor zeigt am Bei­spiel Bel­gi­ens (das Land

„Wenn die Rechts­ra­di­ka­len und die rechts­po­pu­lis­ti­schen Po­li­ti­ker wirk­lich ei­ne so gro­ße Be­dro­hung für die li­be­ra­le De­mo­kra­tie und ei­ne freie Bür­ger­ge­sell­schaft sind, dann kann es kei­ne Neu­tra­li­tät mehr ge­ben, dann muss man Far­be be­ken­nen und die­se Be­dro­hung ge­mein­sam be­kämp­fen. Das be­deu­tet An­stren­gung und En­ga­ge­ment.” (Jür­gen Roth in 100 , S. 281)

war nach dem Ju­ni 2010 an­dert­halb Jah­re oh­ne Re­gie­rung), dass tat­kräf­ti­ges Re­gie­ren im­mer schwie­ri­ger wird, u. a. weil Ko­ali­ti­ons­ver­hand­lun­gen im­mer län­ger dau­ern. Als Heil­mit­tel für die of­fen­sicht­lich kran­ke De­mo­kra­tie sieht Van Rey­brouck drei Mög­lich­kei­ten an: den Po­pu­lis­mus, die Stär­kung der Tech­no­kra­tie so­wie den An­ti­par­la­men­ta­ris­mus (z. B. in Form der „Fünf-ster­ne-be­we­gung“in Ita­li­en). Al­le drei Op­tio­nen er­ach­tet der Au­tor als ge­fähr­li­che Fein­de der De­mo­kra­tie. Ins­ge­samt, so meint er, wer­de das De­mo­kra­tie­mü­dig­keits­syn­drom aber nicht von der re­prä­sen­ta­ti­ven De­mo­kra­tie als sol­cher ver­ur­sacht, son­dern von ei­ner spe­zi­fi­schen Va­ri­an­te, „der elek­to­ral-re­prä­sen­ta­ti­ven De­mo­kra­tie, der De­mo­kra­tie, bei der die Volks­ver­tre­tung durch Wah­len zu­stan­de kommt“(S. 46). Der blin­de Glau­be an den Ur­nen­gang als das ul­ti­ma­ti­ve Fun­da­ment der Volks­sou­ve­rä­ni­tät sei nicht mehr zeit­ge­mäß, denn „ei­ne De­mo­kra­tie, die sich dar­auf re­du­ziert, ist dem To­de ge­weiht“und Wah­len sind heu­te nur mehr „der fos­si­le Brenn­stoff der Po­li­tik“(S. 61f.). Ei­ne mög­li­che Al­ter­na­ti­ve sieht Van Rey­brouck im Los­ver­fah­ren. Da­bei han­de­le es sich, so sei­ne Analyse, um ein historisch viel de­mo­kra­ti­sche­res In­stru­ment, das heu­te wie­der­ein­ge­führt wer­den könn­te. Bei­spie­le sei­en das an­ti­ke At­hen, die blü­hen­den Re­pu­bli­ken von Ve­ne­dig oder Flo­renz zu Zei­ten der Re­nais­sance so­wie in ih­ren An­fän­gen auch die Fran­zö­si­sche Re­vo­lu­ti­on. Durch das Los­ver­fah­ren wür­den Bür­ger ak­tiv - et­wa in ei­ner zu­sätz­li­chen Bür­ger­kam­mer (an­ge­dacht mit Con­ven­ti­ons, Bür­ger­ver­samm­lun­gen oder Zu­kunfts­rä­ten) - an Ent­schei­dungs­pro­zes­sen und der For­mu­lie­rung von Ge­set­zes­tex­ten mit­wir­ken. Die Bür­ger wür­den re­prä­sen­ta­tiv aus den ver­schie­dens­ten Be­völ­ke­rungs­grup­pen aus­ge­lost, um ein brei­tes Spek­trum ab­zu­bil­den. Van Rey­brouck schwebt da­bei ein dua­les Sys­tem aus Wah­len und Los­ver­fah­ren vor. So könn­te bei­spiels­wei­se der Se­nat aus­schließ­lich aus ge­los­ten Bür­gern be­ste­hen, wäh­rend im Par­la­ment wei­ter­hin die ge­wähl­ten Ver­tre­ter ih­ren Sitz hät­ten. Da­für spricht je­den­falls die Tat­sa­che, dass die Be­völ­ke­rung we­sent­lich brei­ter be­tei­ligt wä­re. Ein in­ter­es­san­ter An­satz, des­sen Er­folg frei­lich nicht ge­währ­leis­tet ist. Un­klar ist vor al­lem, ob die per Los­ent­scheid Be­ru­fe­nen hin­läng­lich mo­ti­viert bzw. qua­li­fi­ziert sind, sich den ih­nen an­ver­trau­ten Auf­ga­ben ent­spre­chend zu wid­men. De­mo­kra­tie

101 Van Rey­brouck, Da­vid: Ge­gen Wah­len. War­um Ab­stim­men nicht de­mo­kra­tisch ist. Göt­tin­gen: Wall­stein-verl., 2016 (2. Aufl.). 198 S., € 17,90 [D],

18,40 [A] ; ISBN 978-3-8353-1871-7

Au­to­ri­tät und Ver­ant­wor­tung

Au­to­ri­tät be­sitzt, wer das Sa­gen hat, heißt es. Was aber be­grün­det die Au­to­ri­tät ei­nes Men­schen? Der bel­gi­sche Psy­cho­ana­ly­ti­ker Paul Ver­ha­eg­he geht die­ser Fra­ge nach und be­schreibt ver­schie­de­ne Zu­gän­ge von Theo­re­ti­kern, die sich dar­über den Kopf zer­bro­chen ha­ben. Über­zeu­gend fin­det er v. a. die scharf­sin­ni­gen Aus­sa­gen von Han­nah Arendt. Grund­la­ge von Au­to­ri­tät ist i. E., dass sie auf Ba­sis frei­wil­li­ger Un­ter­ord­nung er­folgt, ganz im Ge­gen­satz zur Dik­ta­tur, die auf Ge­walt grün­det und Men­schen zur Un­ter­wer­fung zwingt. Dar­aus er­gibt sich ei­ne wei­te­re Fra­ge: War­um un­ter­wer­fen sich Men­schen frei­wil­lig? Nach Arendt be­ruht Au­to­ri­tät auf ei­ner ex­ter­nen Grö­ße, an der ei­ne Mehr­heit der Men­schen sich ori­en­tiert. In den letz­ten 2000 Jah­ren wa­ren das die klas­si­sche Phi­lo­so­phie, das al­te Rom und das Chris­ten­tum. Die­se Au­to­ri­tä­ten ha­ben als Ori­en­tie­rungs­macht seit der Auf­klä­rung er­heb­lich an Wirk­macht ver­lo­ren. Gleich­zei­tig wird der Ruf nach Au­to­ri­tät, nach ei­nem star­ken Staat, nach ei­nem „Ma­cher-ty­pus“in ei­ni­gen Län­dern wie­der lau­ter.

Braucht es al­so ei­ne neue Art von Au­to­ri­tät, ge­prägt von den Wer­ten der Auf­klä­rung, die von den Men­schen ak­zep­tiert, die dem Wer­te­wan­del ge­recht wird? Ei­ne der Haupt­ur­sa­chen für den Ori­en­tie­rungs­ver­lust sieht Ver­ha­eg­he im Dik­tat der neo­li­be­ra­len Öko­no­mi­en und dem da­mit ver­bun­de­nen Schei­tern der tra­di­tio­nel­len po­li­ti­schen Ord­nung. Im­mer mehr Men­schen wür­den die­ses Ver­sa­gen als ein Schei­tern der De­mo­kra­tie be­trach­ten. In­so­fern sei­en auch Wah­len kei­ne Ga­ran­tie mehr für De­mo­kra­tie. Ähn­lich wie Van Rey­brouck ar­gu­men­tiert Ver­ha­eg­he, dass Wah­len heu­te nicht mehr die Au­to­ri­tät der Re­gie­ren­den be­för­dern. „Im Au­gen­blick ha­ben Wah­len so­gar ei­nen an­ti­de­mo­kra­ti­schen Ef­fekt“, meint der Psy­cho­lo­ge (S. 191). Er spricht da­von, dass je­de Ver­si­on von De­mo­kra­tie per de­fi­ni­tio­nem zeit­lich be­grenzt sei und ir­gend­wann er­neu­ert wer­den müs­se. De­mo­kra­tie sei al­so nie­mals voll­kom­men son­dern ein ste­ter Pro­zess.

Ver­ha­eg­he plä­diert da­für, dass die Po­li­tik von den Bür­gern zu­rück­er­obert wird, die dann die Ent­mark­tung un­se­rer Ge­sell­schaft an­ge­hen müss­ten (vgl. S. 197). Sein Vor­schlag lau­tet, dass das Kol­lek­tiv die Ba­sis die­ser Au­to­ri­tät bil­den müss­te. Da­zu müss­te das pri­mä­re Be­schluss­recht wie­der der Po­li­tik zu­fal­len und nicht den Märk­ten. Die zwei­te not­wen­di­ge ra­di­ka­le Ve­rän­de­rung wä­re, „dass po­li­ti­sche Be­schlüs­se wie­der mit Blick auf das Ge­mein­wohl und nicht auf das ei­ner fi­nanz­star­ken Min­der­heit ge­trof­fen wer­den müs­sen“(S. 198).

„Der Ge­brauch des Lo­ses ist kein Wun­der­mit­tel, kein per­fek­tes Re­zept, ge­nau­so we­nig wie Wah­len es je wa­ren, aber es kann ei­ne Rei­he von Übeln des heu­ti­gen Sys­tems be­sei­ti­gen. Aus­lo­sung ist nicht ir­ra­tio­nal, sie ist ara­tio­nal: ein be­wusst neu­tra­les Ver­fah­ren, mit dem po­li­ti­sche Chan­cen ge­recht ver­teilt wer­den und Un­frie­den ver­mie­den wird. Das Ri­si­ko von Kor­rup­ti­on wird klei­ner, das Wahl­fie­ber sinkt, die Auf­merk­sam­keit für das Ge­mein­wohl nimmt zu. Aus­ge­los­te Bür­ger ha­ben viel­leicht nicht die Ex­per­ti­se von Be­rufs­po­li­ti­kern, aber sie ha­ben et­was an­de­res: Frei­heit. Sie brau­chen schließ­lich nicht ge­wählt oder wie­der­ge­wählt zu wer­den.” (Da­vid Van Rey­brouck in 101 , S. 156)

Schließ­lich for­dert der Au­tor ei­nen wei­te­ren Schritt in Rich­tung ei­ner de­li­be­ra­ti­ven De­mo­kra­tie. De­ren Ziel sei es, ei­ne Grup­pe zu­sam­men­zu­stel­len, die so gut wie mög­lich die Ge­mein­schaft wi­der­spie­gelt (vgl. S. 202). Ver­ha­eg­he be­schreibt ei­ni­ge neue, er­mu­ti­gen­de Bei­spie­le von Netz­wer­ken und Grup­pen mit fla­chen Hier­ar­chi­en, sei es in Bür­ger­initia­ti­ven, El­tern­ver­ei­ni­gun­gen oder Ak­ti­ons­ver­samm­lun­gen. Der Wan­del zu die­ser neu­en Form von „ho­ri­zon­ta­ler Au­to­ri­tät“ist be­reits er­folg­reich auf dem Weg. Te­xas hat mit ei­nem De­li­be­ra­ti­ons­fo­rum bei­spiels­wei­se ei­ne neue, nach­hal­ti­ge Ener­gie­ver­sor­gung um­ge­setzt. In zwei Teil­staa­ten Ka­na­das (Bri­tish Co­lum­bia und On­ta­rio) ha­ben Bür­ger ei­nen Ent­wurf zur Re­form des Wahl­sys­tems aus­ge­ar­bei­tet, der da­nach von der Po­li­tik um­ge­setzt wur­de. Ver­ha­eg­he zeigt ein­drucks­voll, dass es gang­ba­re Al­ter­na­ti­ven gibt. V. a. be­tont er wie Van Reyb­grouck, dass we­der der Po­pu­lis­mus noch die Tech­no­kra­tie als Lö­sung funk­tio­nie­ren wer­den, denn die Me­di­zin wä­re dann schlim­mer als die Krank­heit.

De­mo­kra­tie 102 Ver­ha­eg­he, Paul: Au­to­ri­tät und Ver­ant­wor­tung. München: Kunst­mann, 2016. 254 S., € 24,- [D], 24,70 [A] ; ISBN-13: 978-3956141270

Das En­de der De­mo­kra­tie

Wir er­in­nern uns an Ha­rald Wel­zers Ein­schät­zung in sei­nem Best­sel­ler „Die smar­te Dik­ta­tur“, je­ne viel­dis­ku­tier­te Ab­hand­lung über un­se­ren Weg in die Un­frei­heit, in der v. a. die to­ta­li­tä­re Macht der In­ter­net­kon­zer­ne an­pran­gert wer­den. Ähn­lich ar­gu­men­tiert Yvon­ne Hof­stet­ter in „Das En­de der De­mo­kra­tie“. Die Ju­ris­tin und Soft­ware-un­ter­neh­me­rin kri­ti­siert vor al­lem, dass wir uns von künst­li­cher In­tel­li­genz ent­mün­di­gen las­sen. In ei­nem In­ter­view warnt sie vor dem Ge­fähr­dungs­po­ten­ti­al in Be­zug auf die Sou­ve­rä­ni­tät des In­di­vi­du­ums durch die Be­nut­zung von so­zia­len Netz­wer­ken und Such­ma­schi­nen (in ttt v. 25.9.2016 „Wie uns künst­li­che In­tel­li­genz ent­mün­digt“). Bei Face­book et­wa zen­sie­ren au­to­ma­ti­sier­te Pro­gram­me In­hal­te der User. Des­halb konn­te ei­ne schwe­di­sche Zei­tung ein An­ti-kriegs-foto, auf dem ein un­be­klei­de­tes Kind zu se­hen war, nicht pos­ten. Die Au­to­rin fürch­tet so­gar, dass der „Mensch im 21. Jahr­hun­dert be­reit sein könn­te, die de­mo­kra­tisch for­ma­li­sier­te Rechts­ord­nung auf dem Al­tar der Di­gi­ta­li­sie­rung zu op­fern“(S. 365). V. a. sei­en es die ame­ri­ka­ni­schen It-kon­zer­ne, die den Men­schen als un­voll­kom­me­ne Ma­schi­ne, mit­tel­fris­tig als Aus­lauf­mo­dell, als ein Ding un­ter Din­gen im „In­ter­net of Ever­y­thing“, be­trach­ten. Im Ge­gen­satz zu den Ver­fas­sun­gen der eu­ro­päi­schen Na­tio­nal­staa­ten räumt näm­lich die ame­ri­ka­ni­sche Ver­fas­sung dem frei­en Han­del Prio­ri­tät vor der Men­schen­wür­de ein, im Sin­ne ei­ner Frei­heit, die zu­al­ler­erst die Frei­heit vom Staat meint. Ge­nau das er­laubt es den It-kon­zer­nen, Staat und Ge­sell­schaft nach dem ei­ge­nen Ge­schäfts­mo­dell um­zu­pro­gram­mie­ren. Des­halb, ist die Au­to­rin (wie Ha­rald Wel­zer) über­zeugt, steu­ern wir ge­ra­de­wegs auf die Dik­ta­tur der ame­ri­ka­ni­schen It-kon­zer­ne zu.

Hof­stet­ter zeigt, wie wir uns so be­reit­wil­lig von Ma­schi­nen ent­mün­di­gen las­sen. Neh­men wir bei­spiels­wei­se das Smart­pho­ne. Durch des­sen Nut­zung las­sen sich Ge­wohn­hei­ten be­rech­nen und Pro­fi­le er­stel­len. Da­durch ent­steht die Mög­lich­keit, „in un­ser Le­ben, in un­se­re Sou­ve­rä­ni­tät ein­zu­grei­fen, weil uns die­se Ge­samt­um­ge­bungs­in­tel­li­genz, wie wir das in der For­schung nen­nen, im­mer ei­nen Schritt vor­aus sein wird“, er­klärt sie (sie­he In­ter­view in ttt). Durch die Mas­sen­da­ten­ana­ly­se kann so­mit der nächs­te Schritt, den wir wahr­schein­lich tun wer­den, be­rech­net wer­den. Auch Ba­rack Oba­ma hat sich vor sei­ner Wie­der­wahl die­se Tech­nik zu Ei­gen ge­macht, um ganz ge­ziel­te, per­so­na­li­sier­te Wer­bung an sei­ne Wäh­ler zu schi­cken.

Die Un­ter­neh­me­rin setzt sich da­für ein, dass die Künst­li­che In­tel­li­genz hu­man und de­mo­kra­tisch be­herrsch­bar bleibt. Hof­stet­ter for­dert ei­ne Ab­kehr von der Gra­tis­nut­zung, ein er­wei­ter­tes Kla­ge­recht ge­gen Ma­schi­nen und den Aus­bau des Um­ge­bungs­rechts, um uns ge­gen die an­ti­de­mo­kra­ti­schen Ten­den­zen von Goog­le und Co. zu schüt­zen. Sie hofft, dass sich die Ve­rän­de­rung des In­for­ma­ti­ons­ka­pi­ta­lis­mus ähn­lich voll­zie­hen wird, wie sich einst die Märk­te zum Wohl der Bür­ger hin zur so­zia­len Markt­wirt­schaft wan­del­ten, „wenn sich die aus­ge­han­del­ten so­zio­tech­ni­schen In­fra­struk­tu­ren, In­no­va­tio­nen, Tech­no­lo­gi­en oder öko­no­mi­schen Pro­zes­se an eu­ro­päi­sche Grund­wer­te zu­rück­bin­den“(S. 450). De­mo­kra­tie

103 Hof­stet­ter, Yvon­ne: Das En­de der De­mo­kra­tie. München: C. Ber­tels­mann, 2016. 509 S., € 22,99 [D], 23,70 [A] ; ISBN 978-3-570-10306-7

Die gu­te Re­gie­rung

„Tra­di­tio­nel­le Po­li­tik stößt nicht mehr auf In­ter­es­se, es sei denn in Form von Ent­rüs­tung."

(Paul Ver­ha­eg­he in 102 , S. 184)

„Un­se­re Zu­kunft wird nach­hal­tig sein oder nicht exis­tie­ren. Wachs­tum ist kei­ne Lö­sung mehr, son­dern das Pro­blem." (Paul Ver­ha­eg­he in 102 , S. 181)

Dem po­si­ti­ven Ti­tel zum Trotz geht es auch hier um Män­gel heu­ti­ger De­mo­kra­ti­en und um die Fra­ge, ob die De­mo­kra­tie noch zu ret­ten sei. In der Tat lei­det sie, von au­ßen an­ge­grif­fen durch die Dy­na­mik der Glo­ba­li­sie­rung, von in­nen ge­schwächt durch Po­pu­lis­mus, au­to­ri­tä­re Be­we­gun­gen, die Macht des Mark­tes und den Zer­fall der Öf­fent­lich­keit, an fort­schrei­ten­der Aus­zeh­rung. Der fran­zö­si­sche In­tel­lek­tu­el­le Pier­re Ro­san­val­lon geht

die­ser Kri­sen­dia­gno­se auf den Grund.

Die meis­ten po­li­ti­schen Sys­te­me gel­ten als de­mo­kra­tisch - le­gi­ti­miert durch freie Wah­len und ei­nen Rechts­staat, der sich zu in­di­vi­du­el­len Frei­heits­rech­ten be­kennt und die­se schützt. Für Ro­san­val­lon füh­ren aber ge­ra­de die­se Le­gi­ti­ma­ti­ons­prin­zi­pi­en zu ei­ner Vor­herr­schaft der Exe­ku­ti­ve: „Un­se­re po­li­ti­schen Sys­te­me kön­nen als de­mo­kra­tisch be­zeich­net wer­den, doch de­mo­kra­tisch re­giert wer­den wir nicht“(S. 9), ist er über­zeugt. In al­len re­al exis­tie­ren­den De­mo­kra­ti­en ha­be sich die po­li­ti­sche Macht auf die Exe­ku­ti­ve ver­la­gert. Die­se Macht­kon­zen­tra­ti­on füh­re nicht nur da­zu, dass die Ge­wal­ten­tei­lung aus der Ba­lan­ce ge­ra­te, viel­mehr ver­än­de­re sich der Gestal­tungs­mo­dus der De­mo­kra­tie da­durch grund­le­gend. Die­se Ver­la­ge­rung zu­guns­ten der Exe­ku­ti­ve nennt der Au­tor „Prä­si­dia­li­sie­rung“. Da­mit meint er nicht nur Län­der wie Frank­reich, in de­nen die Re­gie­rungs­spit­ze, der Prä­si­dent, di­rekt und ne­ben dem Par­la­ment ge­wählt wird, son­dern al­le üb­ri­gen De­mo­kra­ti­en (mit Aus­nah­me der kon­sti­tu­tio­nel­len Mon­ar­chie und den USA). In vie­len Re­pu­bli­ken ha­ben Pre­mier­mi­nis­ter oder Kanz­ler heu­te ei­ne ähn­lich über­ra­gen­de Macht­po­si­ti­on wie die un­mit­tel­bar ge­wähl­ten Prä­si­den­ten, wenn auch in­for­mell.

Die de­mo­kra­ti­sche Teil­ha­be re­du­zie­re sich hin­ge­gen mehr und mehr auf die Wahl von Re­prä­sen­tan­ten und Re­gie­ren­den als sim­ples Ver­fah­ren zur Be­glau­bi­gung von Macht und Be­stä­ti­gung po­li­ti­scher Zie­le. Ro­san­val­lon nennt dies schlicht „Ge­neh­mi­gungs­de­mo­kra­tie“, in der die Bür­ger „Sou­ve­rä­ne für ei­nen Tag“sind. Da­ge­gen wünscht er sich ei­ne kon­ti­nu­ier­li­che­re Kon­trol­le der Re­gie­ren­den und ent­wirft dem­ent­spre­chend ei­ne all­ge­mei­ne Theo­rie de­mo­kra­ti­scher Kon­trol­le, er­gänzt um ei­ne For­mu­lie­rung der Prin­zi­pi­en de­mo­kra­ti­schen Han­delns in der Po­li­tik. Die Säu­len ei­ner sol­chen Be­tä­ti­gungs­de­mo­kra­tie wä­ren ein „Rat für den de­mo­kra­ti­schen Pro­zess“als Hü­ter der ju­ris­tisch for­ma­li­sier­ba­ren Prin­zi­pi­en ei­ner sol­chen De­mo­kra­tie, „öf­fent­li­che Kom­mis­sio­nen“, die da­mit be­traut wä­ren, die de­mo­kra­ti­sche Qua­li­tät des Zu­stan­de­kom­mens po­li­ti­scher Kon­zep­te und der Pra­xis der Ver­wal­tungs­ap­pa­ra­te zu be­wer­ten und schließ­lich „zi­vi­le Wach­sam­keits­or­ga­ni­sa­tio­nen“, die auf die Kon­trol­le der Re­gie­ren­den spe­zia­li­siert sind. „Auf die­ser Grund­la­ge“, so Ro­san­val­lon, „könn­te ei­ne Char­ta des de­mo­kra­ti­schen Han­delns dis­ku­tiert und per Ab­stim­mung be­stä­tigt wer­den, der ein ähn­li­cher Sta­tus wie der Er­klä­rung der Men­schen- und Bür­ger­rech­te zu­kä­me.“(S. 343) Die Struk­tu­rie­rung die­ser Be­tä­ti­gungs­de­mo­kra­tie wä­re nach den Plä­nen des Au­tors Ziel der zwei­ten de­mo­kra­ti­schen Re­vo­lu­ti­on (Die ers­te de­mo­kra­ti­sche Re­vo­lu­ti­on war auf die Ero­be­rung des all­ge­mei­nen Wahl­rechts aus­ge­rich­tet.)

Je­den­falls be­darf es ei­nes po­si­ti­ven Bil­des der Zu­kunft, ge­dacht „als Mög­lich­keit, die Welt zu meis­tern, als Fä­hig­keit, die Ge­schich­te be­wusst zu gestal­ten“(S. 349). „Das hießt“, so der Au­tor ab­schlie­ßend, „De­mo­kra­tie als Ar­beit an sich selbst zu ver­ste­hen, bei der die De­bat­te über ih­re Funk­ti­ons­be­din­gun­gen mit dem Ver­ständ­nis der Pro­duk­ti­ons­be­din­gun­gen ei­ner stär­ke­ren Kom­mu­na­li­tät ver­knüpft ist“(S. 349). De­mo­kra­tie

104 Ro­san­val­lon, Pier­re: Die gu­te Re­gie­rung. Hamburg: Ham­bur­ger Ed., 2016. 376 S., € 35,- [D], 36,- [A] ; ISBN 978-3-86854-301-8

TTIP

Ei­ni­ge nen­nen es ei­nen „Fron­tal­an­griff auf die De­mo­kra­tie“, an­de­re se­hen im Trans­at­lan­ti­schen Han­dels­ab­kom­men (TTIP) den Ga­rant für mehr Wohl­stand, Wachs­tum und Be­schäf­ti­gung. Die Au­to­ren, bei­de aus­ge­wie­se­ne Ken­ner der Eu­han­dels­po­li­tik und po­li­ti­scher Öko­no­mie, bli­cken hin­ter die Fas­sa­de der Mut­ma­ßun­gen, dass TTIP den kri­sen­ge­schüt­tel­ten Volks­wirt­schaf­ten der USA und der EU Wachs­tum und Be­schäf­ti­gung brin­gen wer­de und dar­über hin­aus die do­mi­nan­te öko­no­mi­sche Po­si­ti­on bei­der ge­gen­über Chi­na und den Schwel­len­län­dern er­hal­ten wer­de. Sie hal­ten es hin­ge­gen für un­wahr­schein­lich, dass sich die­se „op­ti­mis­ti­schen Pro­jek­tio­nen“ver­wirk­li­chen wer­den. Die Ex­per­ten kri­ti­sie­ren zwar die Haupt­ar­gu­men­te für und ge­gen TTIP; es ge­he aber, wie sie mei­nen, um viel Wich­ti­ge­res als um Chlor­huhn, In­ves­to­ren­schutz und frei­en Han­del. Ih­re Sor­ge gilt der Dis­kre­di­tie­rung von Um­welt­schutz und So­zi­al­po­li­tik zu­guns­ten des frei­en Mark­tes, der je­de Form von Re­gu­lie­rung zu­rück­weist. Es wird er­klärt, was hin­ter die­sem Ab­kom­men steckt. Es ge­he in ers­ter Li­nie dar­um, den Markt­zu­gang et­wa durch Zolleli­mi­nie­rung zu er­leich­tern; ein wei­te­rer Be­reich ist die Zu­sam­men­ar­beit in Re­gu­lie­rungs­fra­gen, denn dort lie­gen die Haupt­hemm­nis­se für In­ves­ti­tio­nen. Äu­ßerst pro­ble­ma­tisch se­hen die Au­to­ren die in­di­rek­te Um­ge­hung der Re­gu­lie­rung durch ge­gen­sei­ti­ge An­er­ken­nung. „TTIP ist der Hö­he­punkt ei­nes Trends, Re­gu­lie­run­gen in ers­ter Li­nie als ir­ri­tie­ren­de Hemm­nis­se für Han­del, In­ves­ti­tio­nen und Un­ter­neh­mer­tum zu be­trach­ten.“(S. 23)

Die Au­to­ren ver­wei­sen auf das be­rüch­tig­te Is­ds­vor­ha­ben (In­ves­tor-sta­te dis­pu­te set­t­le­ment) als of­fen­kun­digs­tes Bei­spiel da­für, wie die­ses Ab-

kom­men den Pri­mat der Po­li­tik zu­guns­ten pri­va­ten Un­ter­neh­mer­tums ein­schrän­ken soll. Ge­nau die­se Agen­da stößt aber v. a. in Eu­ro­pa auf er­heb­li­chen Wi­der­stand vor al­lem von­sei­ten zi­vil­ge­sell­schaft­li­cher Grup­pen. Die Au­to­ren zei­gen, dass es den NGOS ge­lun­gen ist, „das Ab­kom­men in der öf­fent­li­chen Sphä­re als ei­ne Be­dro­hung der De­mo­kra­tie und der schwer er­run­ge­nen Schutz­vor­keh­run­gen für So­zi­al­po­li­tik, Um­welt und öf­fent­li­che Ge­sund­heit an­zu­pran­gern“(S. 23). In­so­fern hat TTIP, so De Vil­le und Si­les-brüg­ge, we­ni­ger als Vor­bo­te der Ent­po­li­ti­sie­rung von re­gu­la­to­ri­scher Po­li­tik fun­giert, son­dern viel­mehr zur (Re-)po­li­ti­sie­rung von Han­dels­po­li­tik ge­führt. Ab­schlie­ßend wer­den Ge­dan­ken vor­ge­tra­gen, wie die­ses Ab­kom­men und die Han­dels­po­li­tik ge­ne­rell zu­guns­ten der Bür­ge­rin­nen ab­ge­fasst wer­den könn­ten (vgl. S. 128). Nichts we­ni­ger als ein ge­ne­rel­ler Kurs­wech­sel sei ge­for­dert: „So könn­ten bei­spiels­wei­se die EU und die USA ein Aus­räu­men der Re­gu­lie­rungs­un­ter­schie­de durch ein kon­se­quen­tes Har­mo­ni­sie­ren nach oben be­schlie­ßen.“(S. 129) Wei­ters könn­te man sich dar­auf ei­ni­gen, Steu­ern an den Gren­zen zu er­he­ben, um fai­re Be­din­gun­gen für So­zi­al- und Um­welt­schutz zu ge­währ­leis­ten. Bei­des könn­te ernst­haft mit der Be­haup­tung im Ein­klang ste­hen, dass TTIP für Wachs­tum und Be­schäf­ti­gung so­wie glo­ba­le Stan­dards sor­gen könn­te, oh­ne Schutz­ni­veaus ab­zu­sen­ken.

Die Zu­kunft von TTIP ist je­den­falls un­ge­wiss, es könn­te so­wohl schei­tern als auch er­folg­reich ab­ge­schlos­sen oder im bes­ten Fall durch er­folg­rei­che Lob­by­ar­beit der NGOS ei­ne an­de­re Han­dels­po­li­tik er­reicht wer­den. Maß­geb­li­chen Ein­fluss auf die wei­te­re Ent­wick­lung wird vor al­lem die Po­li­tik Do­nald Trumps ha­ben, von der an die­ser Stel­le noch nicht die Re­de ist. TTIP

105 De Vil­le, Fer­di ; Si­les-brüg­ge, Ga­b­ri­el: TTIP.

Wie das Han­dels­ab­kom­men den Welt­han­del ver­än­dert und die Po­li­tik ent­mach­tet. Bie­le­feld: tran­script-verl., 2016. 183 S., € 20,60 [D], 21,20 [A]

ISBN 978-3-8376-3412-9

Zi­vil­cou­ra­ge

Micha­el Wolffs­ohn, eme­ri­tier­ter Pro­fes­sor von der Uni­ver­si­tät der Bun­des­wehr München, ist be­kannt für sei­ne kon­tro­ver­sen An­sich­ten, sei es zur Wehr­pflicht, das Ver­hält­nis Deutsch­land - Is­ra­el oder sei­ne of­fe­ne Hal­tung ge­gen­über um­strit­te­nen Me­tho­den im Kampf ge­gen den Ter­ror. Die Grund­the­se sei­nes schma­len Ban­des „Zi­vil­cou­ra­ge“ver­tritt die An­sicht, dass die viel­fach ge­lob­te und ein­ge­for­der­te Zi­vil­cou­ra­ge von in­di­vi­du­el­len Bür­ge­rin­nen nichts wei­ter als ein Sym­ptom für Staats­ver­sa­gen ist und den Nie­der­gang des staat­li­chen Ge­walt­mo­no­pols för­dert. Mit Auf­ru­fen zur Zi­vil­cou­ra­ge Sei­tens der Po­li­tik brin­ge der Staat sei­ne Bür­ge­rin­nen nicht nur in Ge­fahr, son­dern för­de­re Un­frie­den zwi­schen po­li­tisch An­ders­den­ken­den, die sich auf Zi­vil­cou­ra­ge be­ru­fen, um ih­re per­sön­li­chen An­sin­nen durch­zu­set­zen. Zahl­rei­che Bei­spie­le für töd­li­che Aus­gän­ge von bür­ger­li­cher Zi­vil­cou­ra­ge so­wie der Ver­weis auf ei­ne zu­neh­mend er­hitz­te Stim­mung im Zu­ge von Pe­gi­da-de­mons­tra­tio­nen und Ge­gen- de­mons­tra­tio­nen un­ter­mau­ern die The­se: „Der bei uns in der Re­gel nicht be­wehr­te und be­waff­ne­te, al­so wehr­lo­se Bür­ger ist auf­ge­ru­fen, Bür­ger­wehr zu spie­len.“(S. 21) Nach An­sicht des Au­tors ist die ers­te und wich­tigs­te Staats­auf­ga­be, das Recht auf Le­ben zu si­chern und erst da­nach die Frei­heit und das Stre­ben nach Glück: „Der Staat muss uns qua­si kör­per­lich schüt­zen, nicht wir den Staat.“(S. 42) Die­se Schutz­funk­ti­on wer­de aber zu­neh­mend un­ter­mi­niert, wo­bei der Grund für die­sen Pro­zess in fünf Re­vo­lu­tio­nen zu fin­den sei, die der­zeit in vie­len Ge­sell­schaf­ten statt­fin­den:

Zu­nächst die de­mo­gra­phisch-ge­sell­schaft­li­che Re­vo­lu­ti­on als Re­sul­tat glo­ba­ler Mi­gra­ti­on, die mit­un­ter zu ge­walt­tä­ti­gen Aus­ein­an­der­set­zun­gen führt, auf wel­che der Staat nur un­zu­rei­chend re­agiert; wei­ters die po­li­tisch-ideo­lo­gi­sche Re­vo­lu­ti­on, sicht­bar in fort­wäh­ren­den Pro­zes­sen von Staats­zer­fall und dem Ent­ste­hen neu­er Staa­ten in Ost­eu­ro­pa, dem Na­hen Os­ten und Afri­ka so­wie dem Auf­stieg rechts­po­pu­lis­ti­scher Par­tei­en in Eu­ro­pa. Die da­mit ver­bun­de­ne na­tio­na­le Re­vo­lu­ti­on ver­weist auf das Feh­len steu­ern­der Po­li­tik: An­stel­le von Zi­vil­cou­ra­ge­de­mons­tra­tio­nen bräuch­te es kon­kre­te po­li­ti­sche Maß­nah­men, um den Auf­stieg von Rechts­ra­di­ka­lis­mus und Na­tio­na­lis­mus zu un­ter­bin­den. Die wirt­schaft­li­che Re­vo­lu­ti­on, die häu­fig Ver­lie­rer pro­du­ziert, trägt zum Pro­blem bei, in­dem ei­ner­seits Flucht­be­we­gun­gen ge­för­dert, an­de­rer­seits die Ver­lie­rer in den Auf­nah­me­län­dern zur Ra­di­ka­li­sie­rung ge­trie­ben wer­den. Schluss­end­lich or­tet Wolffs­ohn ei­ne kul­tu­rel­le Re­vo­lu­ti­on: ei­ne Zu­nah­me von po­li­ti­scher Ge­walt seit den 60er-jah­ren, ein­her­ge­hend mit sprach­li­cher Ver­ro­hung und der Un­ter­mi­nie­rung von Po­li­zei­ar­beit, wel­che das staat­li­che Ge­walt­mo­no­pol un­ter­mi­niert.

Wolffs­ohn schließt sei­ne Aus­füh­run­gen mit dem Ap­pell, auf „Zi­vi­li­tät“an­stel­le von Zi­vil­cou­ra­ge zu set­zen: ein ge­mein­sa­mes Le­bens­ge­fühl und ein ge­teil­ter Wert­maß­stab, der kei­nen Bür­ger­mut braucht und Po­li­tik als Steue­rungs­vor­gang zu­rück ins Zen­trum des Staa­tes holt (S. 84f.). Was dem Buch fehlt, ist ei­ne Agen­da auf dem Weg zu ei­nem star­ken, ge-

„Wir brau­chen al­so ei­ne Kurs­wen­de bei TTIP. So könn­ten bei­spiels­wei­se die EU und die USA ein Aus­räu­men der Re­gu­lie­rungs­un­ter­schie­de durch ein kon­se­quen­tes Har­mo­ni­sie­ren nach oben be­schlie­ßen. Sie könn­ten sich auch dar­auf ei­ni­gen, Steu­ern an den Gren­zen zu er­he­ben, die nicht nur für fai­re Be­din­gun­gen für So­zi­alund Um­welt­schutz (...) sor­gen wür­den ...”

(de Vil­le/si­les-brüg­ge in 105 , 129f.)

de­mo­kra­ti­schen Staat: Braucht es da­für ei­ne all­ge­gen­wär­ti­ge Po­li­zei? Här­te­re Stra­fen? Gar ein Über­den­ken des ab­so­lu­ten Fol­ter­ver­bots? Wäh­rend es kei­ne Fra­ge ist, dass das Ge­walt­mo­no­pol des Staa­tes nicht un­ter­mi­niert wer­den darf, bleibt der Au­tor kon­kre­te Bei­spie­le für ei­nen sol­chen Si­cher­heits-staat oh­ne au­to­ri­tä­re Ten­den­zen schul­dig.

B. B.-K Zi­vil­ge­sell­schaft

106 Wolffs­ohn, Micha­el: Zi­vil­cou­ra­ge. Wie der Staat sei­ne Bür­ger in Stich lässt. München: dtv, 2016. 94 S., € 7,90 [D], € 8,20 [A] ; ISBN 978-3-2423-34885-0

Emp­feh­lung am Schluss:

Sa­ti­ri­sche und po­le­mi­sche Tex­te u. a. zu den The­men Po­li­tik, Ge­sell­schaft, Jus­tiz und Kon­sum hat Wolf­gang Bitt­ner, Ju­rist und Schrift­stel­ler, ab­ge­lie­fert. Für ihn liegt „bei ge­naue­rem Hin­se­hen (...) der Schluss nicht all­zu fern, dass uns in un­se­rer ge­sell­schaft­li­chen Wirk­lich­keit die rea­le Idio­tie um­gibt” (S. 11). Po­li­tik: Sa­ti­re

107 Bitt­ner, Wolf­gang: Die Ab­schaf­fung der De­mo­kra­tie. Frankfurt/m.: Wes­tend-verl., 2017. 217 S., € 16,- [D], 16,50 [A] ; ISBN 978-3-86489-167-0

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