Ge­schmacks­ver­än­de­run­gen

Un­se­rem Ge­schmack sol­len we­der un­se­re Freun­de noch wir selbst zu gro­ße Be­deu­tung bei­mes­sen. Er än­dert sich. Wie auch die Kunst, die wir kon­su­mie­ren. Ste­fan Wal­ly hat Bü­cher über Ge­schmack, Kunst und Ge­füh­le ge­le­sen. Die Au­to­rin­nen al­ler drei Bü­cher wol­len

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Ge­schmack miss­trau­en

War­um ge­fällt uns, was uns ge­fällt? Die­se Fra­ge steht am An­fang des Bu­ches von Tom Van­der­bilt über „Ge­schmack“. Der Jour­na­list Van­der­bilt, der un­ter an­de­rem für das New York Ti­mes Ma­ga­zi­ne schreibt, hat sich auf die Su­che ge­macht, um Ant­wor­ten auf die­se Fra­ge zu fin­den. Am En­de des Bu­ches hat man Er­fah­run­gen ge­sam­melt, die ab­schlie­ßen­de Er­klä­rung frei­lich kann auch der Au­tor nach 300 Sei­ten nicht bie­ten.

Da­für bie­tet er ab­schlie­ßend ei­ne Rei­he von Er­kennt­nis­sen an, „win­zi­ge Weg­wei­ser“, wie er sie nennt. Ei­ni­ge Bei­spie­le: Zum ei­nen ent­schei­den wir Men­schen in Mil­li­se­kun­den, ob uns et­was ge­fällt

oder nicht. Das hat sei­nen Preis, die­ser ef­fi­zi­en­te Fil­ter sor­tiert oft Din­ge aus, die uns bei län­ge­rer Aus­ein­an­der­set­zung lieb wer­den könn­ten. Wir soll­ten un­se­rem in­stink­ti­ven Ge­schmack al­so miss­trau­en. Ge­nau­so wie wir nicht über­se­hen dür­fen, dass vie­le un­se­rer Ur­tei­le in Wahr­heit durch den Kon­text be­stimmt sind. (Der Ge­schmack des Wei­nes war nur so gut, weil es ein war­mer Abend am Meer war!) Manch­mal ist es auch Sprach­lo­sig­keit, die uns da­zu bringt, Vor­lie­ben nicht an­zu­er­ken­nen. „Manch­mal er­klä­ren wir et­was zur Vor­lie­be, weil es sich leich­ter be­grün­den lässt als ei­ne Ab­nei­gung oder weil die Qua­li­tä­ten von dem, was uns ei­gent­lich ge­fällt, schwer zu be­schrei­ben sind.“Da­mit geht auch ein­her, dass wir da­zu nei­gen Din­ge mehr

zu mö­gen, die un­se­ren Ka­te­go­ri­en bes­ser ent­spre­chen. Was nicht in Schub­la­den passt, sor­tie­ren wir zu schnell aus.

Im Kern frei­lich ist Ge­schmack nicht et­was, was man in sich trägt und dort „fin­det“. „Ge­schmack ‘an sich’ ist ein Mär­chen. Was wir für un­se­re ‘na­tür­li­chen’ Vor­lie­ben hal­ten, ist oft kul­tu­rell er­wor­ben und kommt bloß im bio­lo­gi­schen Ge­wand da­her.“(S. 275) In­ter­es­san­ter als die Fra­ge, was ei­nem ge­fällt, sei dar­um die Fra­ge, war­um ei­nem et­was ge­fällt, so Van­der­bilt (S. 276). Ge­schmack

144 Van­der­bilt, Tom: Ge­schmack. War­um wir mö­gen, was wir mö­gen. Mün­chen: Han­ser, 2016. 365 S., € 24,00 [D], 24,70 [A]

ISBN 978-3-518-58693-8

Ana­lo­ges Come­back

Einst lieb­ten wir Vi­nyl-schall­plat­ten, dann ver­ga­ßen wir sie, jetzt lie­ben wir sie wie­der. Was war ge­sche­hen? Schall­plat­ten, Pa­pier­pro­duk­te, Fo­to­gra­fie und Brett­spie­le. Das sind ana­lo­ge Pro­duk­te. Sie ste­hen in Kon­kur­renz zu Strea­m­ing­diens­ten, Touch­screens, Mo­bil­ka­me­ras mit Fo­to­lin­se und der Play­sta­ti­on. Zu­letzt hol­ten die ana­lo­gen Pro­duk­te wie­der auf: Je­der, der in Elek­tro­märk­te geht, sieht heu­te mehr Schall­plat­ten. Und rund um Schreib­blocks ist ei­ne neue, krea­ti­ve In­dus­trie ent­stan­den. Kommt das Ana­lo­ge zu­rück? Und wenn ja: War­um? Die­sen Fra­gen geht Da­vid Sax in sei­nem Buch „Die Ra­che des Ana­lo­gen“nach. Er teilt das Buch in zwei Hälf­ten. Zu­erst re­det er über die Ra­che der ana­lo­gen Din­ge. Dann folgt die Hälf­te mit der Ra­che der ana­lo­gen Ide­en. „Die Ra­che des Ana­lo­gen fin­det jetzt statt, eben ge­nau weil die di­gi­ta­le Tech­no­lo­gie so ver­dammt gut ge­wor­den ist.“Die Über­macht des Di­gi­ta­len ha­be das Ana­lo­ge wert­los er­schei­nen las­sen und ha­be ei­ne Ent­wer­tung der an­dern Tech­no­lo­gi­en be­wirkt. Aber im Lauf der Zeit ha­be sich das Wer­te­ver­ständ­nis ge­än­dert. „Die in­hä­ren­te In­ef­fi­zi­enz des Ana­lo­gen ist auf ein­mal be­gehrt, sei­ne Schwä­che wird wie­der als Stär­ke ge­se­hen.“(S. 17) „Ana­lo­ge Er­fah­run­gen bie­ten uns nicht nur die Freun­den und Be­loh­nun­gen der wirk­li­chen Welt – das kann Di­gi­ta­les nicht –- , manch­mal sind sie auch ganz ein­fach leis­tungs­fä­hi­ger. Wenn man et­wa ei­nem Ge­dan­ken un­ge­hin­dert frei­en Lauf las­sen möch­te, ist der Stift im­mer noch mäch­ti­ger als die Tas­ta­tur und der Touch­screen.“(S. 18) Das Ar­gu­ment wird auch plau­si­bel, wenn man an das Bil­dungs­we­sen denkt. Die Di­gi­ta­li­sie­rung macht Wis­sen im­mer mehr Men­schen zu­gäng­lich, Kur­se sind auf Youtube zu hö­ren und zu se­hen, je­der kann sich fort­bil­den, so­bald er Zu­gang zur di­gi­ta­len Welt hat. Fast je­der, der aber so­wohl Kur­se in der ana­lo­gen als auch Kur­se in der di­gi­ta­len Welt er­lebt hat, weiß um die Vor­tei­le, die sich im Ana­lo­gen er­ge­ben. Was im­mer die Ur­sa­che ist (Die ein­ge­schränk­te Mög­lich­keit sich ab­zu­len­ken? Die Auf­merk­sam­keit för­dern­de Tat­sa­che, selbst ge­se­hen zu wer­den?), die Er­fah­run­gen mit Di­gi­ta­lem schu­fen die Vor­aus­set­zun­gen für ei­nen ge­rech­ten Ver­gleich. Wie in die­sem Bei­spiel so geht es in vie­len zu: Kei­nes­wegs ist die Di­gi­ta­li­sie­rung ei­ne Sack­gas­se, aus der man sich nun wie­der her­aus­be­wegt. Aber es zeich­net sich ab, dass wir nicht nur die­sen Weg ge­hen wol­len, da auch der Weg des Ana­lo­gen viel zu bie­ten hat. Es kommt dar­auf an, wie man sich fort­be­we­gen und wo man hin will.

Sax ver­dich­tet sein Ar­gu­ment am En­de des Bu­ches: „Übe­r­all dort, wo das di­gi­ta­le Le­ben zu ei­ner rea­len und dau­er­haf­ten Ein­rich­tung ge­wor­den ist, ent­schei­den sich mehr und mehr Men­schen ganz be­wusst für das Ana­lo­ge, das mehr ver­langt, so­wohl ma­te­ri­ell als auch in Be­zug auf un­se­re Zeit und un­se­re in­tel­lek­tu­el­len Fä­hig­kei­ten. Und den­noch ent­schei­det sich ei­ne stei­gen­de An­zahl der Men­schen da­für.“(S. 289) Die Grün­de sei­en Ver­gnü­gen (ech­te Din­ge an­fas­sen), Ge­winn (es ent­steht ein post­di­gi­ta­ler Markt), das wach­sen­de Wis­sen über die ne­ga­ti­ven Aus­wir­kun­gen om­ni­prä­sen­ter di­gi­ta­ler Tech­no­lo­gi­en und die Mög­lich­keit uns mit ana­lo­gen Werk­zeu­gen viel tie­fer mit an­de­ren Men­schen zu ver­bin­den. Le­ben: ana­lo­ges

145 Sax, Da­vid: Die Ra­che des Ana­lo­gen. War­um wir uns nach rea­len Din­gen seh­nen. Salzburg/wi­en: Re­si­denz-verl., 2017. 272 S., € 24,- [D, A]

ISBN 978-3-701734078

Nach­po­pu­lä­re Küns­te

Un­ser Ge­schmack än­dert sich in der Dia­lek­tik von tech­ni­schen Mög­lich­kei­ten, de­ren Ver­mark­tung und un­se­ren Er­fah­run­gen. Auch die Kunst­pro­duk­ti­on und -re­zep­ti­on emp­fängt ent­schei­den­de Im­pul­se aus tech­ni­schen Neue­run­gen und de­ren An­wen­dung.

Died­rich Die­de­rich­sen ist Pro­fes­sor für Theo­rie, Pra­xis und Ver­mitt­lung von Ge­gen­warts­kunst an der Aka­de­mie der bil­den­den Küns­te in Wi­en. Dar­über hin­aus ist er seit vie­len Jah­ren ei­ne fes­te Grö­ße in den De­bat­ten über Po­pu­lär­kul­tur und Kunst seit. In sei­nem neu­en Buch „Kör­per­tref­fer“ana­ly­siert er die Ent­wick­lung der Küns­te in den ver­gan­ge­nen Jah­ren und stellt da­zu die The­se auf, dass der letzte ent­schei­den­de Bruch sich in Eu­ro­pa auf die 1960er-jah­re da­tie­ren lässt.

Einst do­mi­nier­ten die bür­ger­li­chen Küns­te. Ih­nen

sei es seit der Auf­klä­rung pri­mär um die „Ein­ma­lig­keit des men­ta­len Le­bens ih­rer Cha­rak­te­re“ge­gan­gen. Die­se Ein­ma­lig­keit ha­be sich in der Re­zep­ti­on der Adres­sa­ten als re­fle­xiv rea­li­sier­te In­di­vi­dua­li­tät ent­fal­tet.

Auf die­se Pha­se sei­en die tra­di­tio­nel­len po­pu­lä­ren Küns­te ge­folgt, in de­nen da­ge­gen „die kör­per­li­che Prä­senz und Co-prä­senz von Per­so­nen in ei­ner öf­fent­li­chen oder halb­öf­fent­li­chen, fest­li­chen bis ek­sta­ti­schen Li­ve-si­tua­ti­on (do­mi­niert), in de­ren Fo­kus ei­ne trick­reich-ver­blüf­fen­de oder ero­tisch-ver­füh­re­ri­sche Kör­per­lich­keit steht“. (S. 17) Der letzte Bruch bringt nun die „nach­po­pu­lä­ren Küns­te“. Die­se ba­sie­ren auf der Ver­füg­bar­keit von Auf­zeich­nungs­tech­no­lo­gi­en. In die­sen „wird das Le­ben des Geis­tes, der In­di­vi­dua­li­tät der bür­ger­li­chen See­le, durch die Über­tra­gung oder das Aus­le­sen ei­ner auf­ge­zeich­ne­ten kör­per­li­chen Prä­senz be­schwo­ren. Da­bei wird die See­le je­doch we­ni­ger ge­schicht­lich oder se­quen­ti­ell ent­fal­tet, son­dern er­scheint viel­mehr so dicht, ver­blüf­fend und prä­sent wie der Kör­per, aus dem die Über­tra­gung, das Re­cor­ding sie her­aus­holt.“(S. 17)

Um die The­se des Bu­ches zu ver­ste­hen, muss man wis­sen, was der Au­tor mit dem Be­griff „In­dex“meint. „In­dex“be­deu­tet in Dis­kur­sen wie dem Vor­lie­gen­den, dass et­was ein An­zei­chen für et­was an­de­res ist. Das Stöh­nen ei­nes Gi­tar­ris­ten ins Mi­kro­fon nach ei­nem So­lo ist ein An­zei­chen für sei­ne Ver­aus­ga­bung. Klar, dass in den Zei­ten der Auf­zeich­nungs­tech­no­lo­gi­en der Be­griff des In­de­xes so­mit an Be­deu­tung ge­winnt.

Ein wei­te­rer Schlüs­sel­be­griff, um Die­de­rich­sen zu ver­ste­hen, ist die „Ver­ur­sa­chung“. Da­mit be­zeich­net er „ein Ma­chen un­ter­halb oder ne­ben al­ler In­ten­tio­nen, bis­wei­len auch da­ge­gen – al­so Stol­pern, Kle­ckern, Ab­sor­biert- oder auch Süß­sein.“(S. 10)

„Pho­no­gra­phie und Pho­to­gra­phie zeich­nen nicht nur or­ga­ni­sier­te Klän­ge und Bil­der auf, son­dern im­mer auch ein Stück Welt. Die­ses un­kon­trol­lier­te und nie ganz be­herrsch­ba­re Stück Welt rückt im Lau­fe des zwan­zigs­ten Jahr­hun­derts ins Zen­trum der At­trak­ti­vi­tät von Kunst­wer­ken und un­ter­wan­dert da­bei die sub­jek­ti­ven, in­ten­tio­na­len Plä­ne von Künst­lern und Au­to­ren.“(S. 142) Un­se­re Auf­zeich­nun­gen, Auf­nah­men, Fo­to­gra­phi­en le­ben ge­ra­de durch die­se Ver­ur­sa­chun­gen, al­so die un­ge­plan­ten Ge­scheh­nis­sen, de­ren An­zei­chen man in den Auf­zeich­nun­gen er­kennt. „Das Er­eig­nis ist jetzt die Per­son per se und nicht mehr sein Kön­nen, Wol­len oder Mei­nen – und da­mit wo­mög­lich et­was ganz und gar Au­ßer­künst­le­ri­sches.“(S. 12) Für den Au­tor fällt in den nach­po­pu­lä­ren Küns­ten auch der Un­ter­schied zwi­schen U und E, zwi­schen „ho­her“und „nied­ri­ger“Kunst. „Bloß dreht sich nun nicht län­ger al­les ent­we­der um leich­te Un­ter­hal­tung, Mit­sin­gen, Tan­zen, Schmun­zeln und Rüh­rung oder um Re­fle­xi­vi­tät, Kat­har­sis und Er­schüt­te­rung, son­dern stets und vor al­lem (…) um den In­dex, al­so gleich­sam um die Di­rekt­über­tra­gung ei­ner an­de­ren Men­schen­see­le ver­mit­tels der tech­ni­schen Auf­zeich­nung ih­res Kör­pers, zu­mal in des­sen un­will­kür­li­chen Mo­men­ten.“(S. 11)

Und auch die Ver­viel­fäl­ti­gungs­mög­lich­keit führt nicht zur Ni­vel­lie­rung. Ganz im Ge­gen­teil. „Ent­schei­dend für den be­son­de­ren Fol­gen­reich­tum die­ser Form von künst­le­ri­scher Ar­beit ist viel­mehr auch das der Sin­gu­la­ri­tät und Kon­tin­genz von Per­son und Si­tua­ti­on ge­ra­de ent­ge­gen­ge­setz­te (Mas­sen-)me­di­um, des­sen stan­dar­di­sier­ter und stan­dar­di­sie­ren­der, ver­viel­fäl­tig­ter und ver­viel­fäl­ti­gen­der Rah­men die in­de­xi­kal her­vor­ge­brach­te Ein­ma­lig­keit wir­kungs­voll her­vor­hebt und ver­stärkt. Erst das Mas­sen­me­di­um schafft den ein­ma­li­gen Star (...).“(S. 14f.)

Die­se Ein­ma­lig­keit, die durch die Mas­sen­me­di­en mit her­vor­ge­bracht wird, un­ter­liegt frei­lich ei­nem Ge­gen­trend. Die­de­rich­sen des­we­gen di­rekt fol­gend auf die so­eben zi­tier­te Fest­stel­lung: Des ein­ma­li­gen Stars mas­sen­me­dia­le Fei­er mar­kie­re schon ei­ne Do­mes­ti­zie­rung die­ses Ef­fekts vom In­de­xi­ka­len zum Iko­ni­schen, „ei­ne Ver­ge­sell­schaf­tung vom Schock des Sin­gu­lä­ren zu ei­ner Syn­tax und Sys­te­ma­tik von Mas­ke und Ty­pus” (S. 15). Äs­t­he­tik

146 Die­de­rich­sen, Died­rich: Kör­per­tref­fer. Zur Äs­t­he­tik der nach­po­pu­lä­ren Küns­te. Ber­lin: Suhr­kamp, 2017. 148 S., € 17,- [D], 17,50 [A] ISBN 978-3-518-58693-8

Mu­sik mit Marx

Andre­as Do­mann hat sich mit der Fra­ge aus­ein­an­der­ge­setzt, was die Phi­lo­so­phie von Karl Marx uns über die Mu­sik sa­gen kann. Do­mann leis­tet da­bei kei­nen Bei­trag zu mar­xis­ti­scher Theo­rie, er un­ter­sucht sie von au­ßen. „Marx und die an ihm ori­en­tier­ten Au­to­ren lei­ten ih­re Be­grif­fe und Kon­zep­te aus ei­ner be­wusst wer­ten­den Ein­stel­lung ge­gen­über der Wirk­lich­keit ab, die ih­re Me­tho­den, die Wahl ih­rer For­schungs­ge­gen­stän­de und die Dia­gno­sen über die Wirk­lich­keit be­stim­men.“(S. 200)

Aus der Ver­bin­dung zwi­schen wis­sen­schaft­li­chem An­spruch und der be­wuss­ten Ver­nei­nung ei­nes wert­neu­tra­len Blicks auf die Wirk­lich­keit lei­te­ten sich die mar­xis­ti­schen Zu­grif­fe auf die Mu­sik und ih­re Ge­schich­te ab. Das Fun­da­ment sei da­bei die

Sym­bio­se aus ei­ner ma­te­ria­lis­tisch be­grün­de­ten Äs­t­he­tik und ei­nem stark te­leo­lo­gisch aus­ge­rich­te­ten his­to­ri­schen Den­ken. Die Be­trach­tung des Kunst­werks als blo­ßes Do­ku­ment oder Zeug­nis sei­ner Ge­gen­wart wer­de in mar­xis­ti­schem Den­ken um die ideo­lo­gie­kri­ti­sche Un­ter­su­chung des Wer­kes auf sei­nen Ge­halt in Be­zug auf den his­to­rischma­te­ria­lis­ti­schen ge­sell­schaft­li­chen Fort­schritt er­wei­tert. Mu­sik­phi­lo­so­phie

147 Do­mann, Andre­as: Phi­lo­so­phie der Mu­sik nach Karl Marx. Frei­burg: Al­ber, 2016. 222 S., € 30,- [D], 30,90 [A] ; ISBN 978-3-495-48786-0

Be­rech­nen­de Af­fek­te

Nicht nur un­ser Ge­schmack und un­se­re Kunst sind nur im Zu­sam­men­hang mit tech­ni­schen und ge­sell­schaft­li­chen Ve­rän­de­run­gen zu ver­ste­hen. Auch wann und wie wir lä­cheln ist nicht im­mer spon­tan, son­dern ge­sell­schaft­lich not­wen­dig de­ter­mi­niert. Man kann es den not­wen­di­gen Ein­satz af­fek­ti­ven Ka­pi­tals in un­se­ren Di­enst­leis­tungs­öko­no­mi­en nen­nen.

„Af­fek­ti­ves Ka­pi­tal“von Ot­to Penz und Bir­git Sau­er ist ein po­li­tik­wis­sen­schaft­li­ches Werk, das die Öko­no­mi­sie­rung der Ge­füh­le im Ar­beits­le­ben un­ter­sucht. Die Au­to­rin und der Au­tor ha­ben be­ob­ach­tet, wie Ge­füh­le in der Ar­beits­welt nicht nur nicht mehr ver­bo­ten sind, son­dern so­gar er­war­tet wer­den. „Men­schen sol­len er­mun­tert wer­den, ih­re Ge­füh­le nicht mehr als ‘pri­vat’ zu be­trach­ten, son­dern sie zu äu­ßern, zu ver­öf­fent­li­chen.“Wer kei­ne Ge­füh­le zei­ge, ver­lie­re und sei so­mit höchs­tens am Ran­de der neu­en (Ar­beits-) Welt ver­or­tet. In ih­rem Buch ana­ly­sie­ren sie die­se In­stru­men­ta­li­sie­rung von Ge­füh­len in der Ar­beits­welt und ver­su­chen dies theo­re­tisch zu ver­an­kern.

Wie kam es da­zu? Das Buch legt na­he, dass wir neue öko­no­mi­sche, so­zia­le und po­li­ti­sche Ver­hält­nis­se er­le­ben. In­dus­tri­ell ge­präg­te Öko­no­mi­en wan­del(te)n sich zu Di­enst­leis­tungs- und Wis­sens­öko­no­mi­en. Das hat Fol­gen: Ar­beits­pro­zes­se kon­zen­trie­ren sich im­mer stär­ker auf im­ma­te­ri­el­le Ar­beit, Di­enst­leis­tun­gen, die im weit über­wie­gen­den Ma­ße in Kom­mu­ni­ka­ti­on mit an­de­ren Men­schen, Mit­ar­bei­te­rin­nen oder Kun­din­nen durch­ge­führt wer­den. Par­al­lel da­zu stel­len die Au­to­rin und der Au­tor fest, dass öf­fent­li­che Di­enst­leis­tun­gen pri­va­ti­siert wer­den, was ei­nen an­de­ren Im­pe­ra­tiv hin­ter die Er­brin­gung der Di­enst­leis­tungs­ar­beit setzt (Kom­mo­di­fi­zie­rung der Di­enst­leis­tun­gen). Drit­tens wird ei­ne Ent- und Re­so­li­da­ri­sie­rung fest­ge­stellt, wo tra­di­tio­nel­le For­men des Zu­sam­men­halts (wie Fa­mi­lie, Ge­werk­schaf­ten u. a.) an Be­deu­tung ver­lie­ren, wäh­rend neue For­men des Zu­sam­men­hel­fens („Com­mons“) an Be­deu­tung ge­win­nen.

„Al­le drei Ent­wick­lun­gen, so un­se­re The­se, las­sen die Ar­beits­kräf­te, die be­rufs­tä­ti­gen Men­schen al­so, nicht un­be­rührt. Viel mehr noch: Sie tra­gen zur For­mung von Sub­jek­ten bei, die das für Di­enst­leis­tun­gen not­wen­di­ge af­fek­ti­ve Ver­mö­gen und die kon­kur­renz­ge­lei­te­te (Kun­din­nen-) Ori­en­tie­run­gen ver­in­ner­licht ha­ben und dies als ihr Ta­lent und ih­re per­sön­li­che Kom­pe­tenz be­trach­ten. Dem Ge­fühls­ma­nage­ment kommt da­bei ei­ne zen­tra­le Rol­le zu, er­weist sich die Qua­li­tät von kun­din­nen­ori­en­tier­ter, in­ter­ak­ti­ver Di­enst­leis­tungs­ar­beit doch am Ein­füh­lungs­ver­mö­gen und an der Ver­trau­ens­bil­dung im Um­gang mit Kund­schaft, so­dass die Sub­jek­ti­vie­rung am Ar­beits­platz und Vor­stel­lun­gen von Pro­fes­sio­na­li­tät ganz we­sent­lich die Ge­füh­le tan­gie­ren.“(S. 10f.).

Die Ent­wick­lung zur Nutz­bar­ma­chung des „af­fek­ti­ven Ka­pi­tals“ist kei­nes­wegs an ih­rem Hö­he­punkt an­ge­langt. Die Pre­ka­ri­sie­rung der Ar­beit und die Wie­der­kehr so­zia­ler Un­gleich­heit för­dern die Aus­beu­tung al­ler Res­sour­cen, al­so auch der Emo­ti­on.

Penz und Sau­er ha­ben die Ent­wick­lung durch Be­fra­gun­gen von Mit­ar­bei­te­rin­nen der ös­ter­rei­chi­schen Post AG ab­ge­stützt. An­hand der dor­ti­gen Er­fah­run­gen re­flek­tie­ren sie auch über die Gen­der­ver­hält­nis­se. Die af­fekt­be­zo­ge­ne neue Ar­beit for­de­re zwar die Zwei­ge­schlecht­lich­keit des For­dis­mus mit den tra­di­tio­nel­len Rol­len­bil­dern her­aus, weil nun auch von Män­nern ge­wöhn­lich Frau­en zu­ge­schrie­be­ne Ei­gen­schaf­ten im Ser­vice­be­reich ge­for­dert wer­den. Aber dies füh­re nicht zu ei­ner Auf­lö­sung der Rol­len, son­dern ent­wick­le neue For­men und Hier­ar­chi­en ei­ner „he­ge­mo­nia­len Männ­lich­keit“. (S. 201)

Bei­de Au­to­ren spre­chen von ei­nem Kon­zept der „Af­fi­zie­rung“im An­schluss an Gilles De­leu­ze, Bri­an Mas­su­mi und Ar­lie Hoch­schild. „Af­fi­zie­rung als Pro­zess den­ken, er­laubt es, mo­der­ne Bi­na­ri­sie­run­gen zu über­win­den und zu­gleich deut­lich zu ma­chen, dass neo­li­be­ra­le Herr­schaft ge­ra­de auf die­ser Über­win­dung ba­siert, in­dem ein zen­tra­les Prin­zip die­ses Herr­schafts­mo­dus die In­te­gra­ti­on der ‘gan­zen Per­son’, ih­re Geis­tes und ih­res Kör­pers, in den öko­no­mi­schen Ver­wer­tungs­pro­zess ist.“(S. 220) Ar­beits­le­ben: Ge­füh­le

148 Penz, Ot­to; Sau­er, Bir­git: Af­fek­ti­ves Ka­pi­tal. Die Öko­no­mi­sie­rung der Ge­füh­le im Ar­beits­le­ben. Frankfurt/m.: Cam­pus-verl., 2016. 245 S.,

€ 34,95 [D], 36,- [A] ; ISBN 978-3-518-58693-8

Un­ver­nünf­ti­ges Han­deln

Man kann mit Geld im­mer Pro­ble­me ha­ben. Mit sei­nem Fe­tisch­cha­rak­ter, mit sei­ner Rol­le in der Wirt­schaft und mit dem Ver­die­nen und Aus­ge­ben. Egal wel­ches Pro­blem das Ih­re ist, Clau­dia Ham­monds Buch hat Ih­nen et­was zu sa­gen.

In ih­rem Buch „Erst den­ken, dann zah­len“hat sie 263 Stu­di­en ver­ar­bei­tet, die sich um das The­ma Geld ran­ken. Da­bei ha­ben wir er­fah­ren, wie­viel wir falsch ma­chen, wenn wir mit un­se­rem Geld un­ter­wegs sind. Ganz ne­ben­bei ha­ben wir aber auch mit­be­kom­men, dass un­ser Um­gang mit Geld nicht wirk­lich ra­tio­nal ist, und dass das ei­gent­lich be­deu­tet, dass ei­ne der Gr­und­an­nah­men un­se­rer vor­herr­schen­den Wirt­schafts­leh­re, die des ra­tio­na­len Ent­schei­ders, bes­ser in der re­la­ti­vier­ten Form wei­ter dis­ku­tiert wer­den soll­te.

Zu­erst zum Prak­ti­schen. „Nen­nen Sie bei Geld­ver­hand­lun­gen ei­nen Be­trag, be­vor Ihr Ge­gen­über das tut, au­ßer Sie ha­ben kei­ne Ah­nung, was an­ge­mes­sen sein könn­te.“„Wenn Sie ein nu­klea­res End­la­ger bau­en wol­len, ver­su­chen Sie nicht, das durch Ent­schä­di­gung der An­woh­ner zu er­rei­chen.“„Wenn Sie mit Freun­den ins Re­stau­rant ge­hen, stim­men Sie der ge­mein­sa­men Rechnung erst zu, wenn al­le be­stellt ha­ben.“32 Schluss­fol­ge­run­gen die­ser Art hat die Au­to­rin am En­de des Bu­ches zu­sam­men­ge­fasst. Hin­ter je­dem der Sät­ze steht ei­ne wis­sen­schaft­li­che Stu­die, was sie kom­bi­niert über un­se­re Welt aus­sa­gen, ist nicht aus­ge­wer­tet.

Will man selbst über die Rol­le des Gel­des und un­se­ren Um­gang da­mit Schluss­fol­ge­run­gen zie­hen, sind vie­le der re­fe­rier­ten Stu­di­en nütz­lich. Da wä­re zum Bei­spiel die Stu­die mit dem 3D-puz­zle. Drei Grup­pen hat­ten ein Puz­zle zu er­le­di­gen. Nach 13 Mi­nu­ten ging der Ver­suchs­lei­ter das „Spiel“un­ter­bre­chend aus dem Raum, mit dem Hin­weis, dass die Teil­neh­mer jetzt An­de­res tun könn­ten (Zeit­schrif­ten la­gen zum Bei­spiel auf). Die Grup­pen ar­bei­te­ten trotz­dem wei­ter. Ein an­de­res Mal wähl­te man ei­ne Grup­pe aus, der man für das Fer­tig­stel­len des Puz­zles Geld ver­sprach. Die­se Grup­pe re­agier­te dann an­ders auf die Pau­se: Vie­le Ih­rer Mit­glie­der nah­men die Pau­se nun als Pau­se wahr. Am flei­ßigs­ten auch in der Pau­se war frei­lich ei­ne Grup­pe, der man kein Geld bot, die man aber zu Be­ginn der Pau­se mit Lob über­schüt­te­te. Ham­mond: „Wir las­sen zu, dass Geld un­ser Den­ken kon­trol­liert, und das im­mer wie­der auch in kon­tra­pro­duk­ti­ver, wenn nicht gar zer­stö­re­ri­scher Art und Wei­se.“(S. 18) Ihr Buch will uns im All­tag hel­fen, bes­ser zu­recht zu kom­men. Man kann es aber auch le­sen, um un­ser Den­ken über un­ser Wirt­schafts­sys­tem grund­sätz­lich zu hin­ter­fra­gen.

Geld: Psy­cho­lo­gie 149 Ham­mond, Clau­dia: Erst den­ken, dann zah­len. Die Psy­cho­lo­gie des Gel­des und wie wir sie nut­zen kön­nen. Stuttgart: Klett-cot­ta, 2017. 432 S.,

€ 18,95 [D], 19,60 [A] ; ISBN 978-3-608-96116-4

Wie der Zu­fall die Zu­kunft un­vor­her­seh­bar macht

Gibt es den Zu­fall? Hat nicht al­les ei­ne Ur­sa­che in un­se­rer Welt in Zei­ten nach der Auf­klä­rung? Mit sol­chen Fra­gen ist man kon­fron­tiert, wenn man sich das neue Buch von Flo­ri­an Ai­g­ner zu Ge­mü­te führt. Vor­weg: Das Buch ist sehr gut les­bar, was bei je­man­dem, der über theo­re­ti­sche Quan­ten­phy­sik pro­mo­viert hat, nicht un­be­dingt zu er­war­ten ist. Pier­re-si­mon La­place forsch­te im 18. Jahr­hun­dert in Frank­reich an der Aka­de­mie der Wis­sen­schaf­ten. Be­rühmt wur­de er für den nach ihm be­nann­ten Dä­mon. Die­ser La­pla­ce­sche Dä­mon ist, so das Ge­dan­ken­ex­pe­ri­ment, in der La­ge, un­end­lich viel In­for­ma­ti­on auf­zu­neh­men und un­end­lich schnell zu rech­nen. Die­ser Dä­mon wüss­te dann al­les über die Ge­gen­wart und die Ver­gan­gen­heit und könn­te so, in ei­ner Welt von Ur­sa­che und Wir­kung, auch al­les über die Zu­kunft sa­gen. Der La­pla­ce­sche Dä­mon ist die ra­di­kals­te For­mu­lie­rung des Wis­sen­schafts­bil­des der Auf­klä­rung im 18. Jahr­hun­dert.

Ai­g­ner nimmt die Idee als Aus­gangs­punkt. „Wie kann ein be­re­chen­ba­res Uni­ver­sum so et­was wie Zu­fall über­haupt zu­las­sen? Gar nicht, ha­ben vie­le Leu­te vor hun­dert­fünf­zig Jah­ren noch ge­sagt, und den Zu­fall als blo­ße Il­lu­si­on ab­ge­tan. Die mo­der­ne Wis­sen­schaft er­öff­net uns heu­te al­ler­dings ei­nen et­was dif­fe­ren­zier­te­ren Blick auf die­se Fra­ge: Die Cha­os­theo­rie er­klärt, wie dra­ma­tisch sich win­zi­ge Zu­fäl­le aus­wir­ken kön­nen, und die Quan­ten­phy­sik sagt uns, dass der Zu­fall in der un­ge­wohn­ten Welt der win­zig klei­nen Teil­chen ei­ne ganz be­son­de­re Be­deu­tung hat.“(S. 8) Da­mit steckt Ai­g­ner früh in sei­nem Buch ab, wel­che Wis­sen­schafts­zwei­ge für die Fra­ge nach dem Zu­fall be­son­ders in­ter­es­sant sind.

Zu­erst wen­det sich Ai­g­ner der Cha­os­theo­rie zu. Wenn man ein Zünd­holz aus­bläst, bil­det der Rauch im Luft­zug im­mer neue Kräu­sel oder an­de­re For­men. Die­se Tur­bu­len­zen ha­ben ei­ne der­art ho­he Kom­ple­xi­tät, dass sie nicht ein­mal für ei­ni­ge Se­kun­den vor­her­sag­bar sind. Der Rauch des Zünd­hol­zes ist ein „chao­ti­sches Sys­tem“. Be­mer­kens­wert ist aber auch, dass das schein­bar aus gro­ßen und trä­gen Him­mels­kör­pern be­ste­hen­de Uni­ver­sum eben­falls ein chao­ti­sches Sys­tem ist. Die vie­len auf­ein­an­der wir­ken­den Him­mels­kör­per ha­ben un­ter­schied­li­che Aus­wir­kun­gen auf die Bah­nen vie­ler an­de­rer Ster­ne und Pla­ne­ten, so­dass nur ge­rings­te

Falsch­in­for­ma­tio­nen über Bahn, Ort und Grö­ße von Ster­nen dem ge­sam­ten Uni­ver­sum ei­ne an­de­re Rich­tung ge­ben kön­nen, als wir vor­be­rech­nen wür­den. „Al­les, was wir tun oder nicht tun, kann ei­nen Ein­fluss auf al­les an­de­re im Uni­ver­sum ha­ben – aber bloß auf rein zu­fäl­li­ge, un­vor­her­seh­ba­re und un­plan­ba­re Wei­se.“(S. 49)

Ein Ura­na­tom ist ein ra­dio­ak­ti­ves Ele­ment, es kann je­der­zeit zer­fal­len. Trotz­dem, auch wenn wir al­les über ein vor uns lie­gen­des Ura­na­tom wis­sen, kön­nen wir die­sen Zeit­punkt nicht be­stim­men. (Wir kön­nen nur die Wahr­schein­lich­keit nen­nen, wel­cher An­teil von vie­len Mil­lio­nen Ura­na­to­men in ei­ner be­stimm­ten Zeit zer­fal­len wird.) In der Quan­ten­phy­sik re­den wir vom Quan­ten­zu­fall. Die­ser kommt zum Zeit­punkt von Mes­sun­gen ins Spiel. Ein Quan­ten­sys­tem zu mes­sen, be­deu­te, es in Kon­takt mit et­was Grö­ße­rem zu brin­gen: mit ei­nem Mess­ge­rät, mit uns selbst oder mit der Welt.

Auch die phy­si­ka­li­schen Er­kennt­nis­se der Ther­mo­dy­na­mik sind für uns in­ter­es­sant, wenn wir den Zu­fall ver­ste­hen wol­len. Im Ge­gen­satz zur Ener­gie, die nach den Ge­set­zen der Ther­mo­dy­na­mik im­mer gleich blei­ben muss, nimmt die En­tro­pie in ei­nem ab­ge­schlos­se­nen Sys­tem lau­fend zu. An­ders ge­sagt: „Am En­de ge­winnt die Un­ord­nung.“(S. 51) „Ist es denk­bar, dass wir ir­gend­wann ei­ne Re­chen­ma­schi­ne bau­en, mit der man die Zu­kunft vor­her­sa­gen kann? New­ton und sei­ne Zeit­ge­nos­sen hät­ten das viel­leicht für mög­lich ge­hal­ten – heu­te wis­sen wir, dass es sol­che Ma­schi­nen nie­mals ge­ben wird.“(S.111) Wir könn­ten ziem­lich si­cher sein, dass die Gren­zen von Cha­os­theo­rie und Quan­ten­phy­sik auch von den bes­ten Re­chen­ma­schi­nen nicht über­wun­den wer­den, schreibt Ai­g­ner. Der Au­tor re­flek­tiert dann über die Be­deu­tung des Zu­falls. Aus­führ­lich wid­met er sich der Evo­lu­ti­on („be­ruht auf un­zäh­li­gen zu­fäl­li­gen Er­eig­nis­sen“S. 141), kür­zer dem The­ma Wall­fahr­ten („Wenn man aus­rei­chend vie­le kran­ke Leu­te an ei­nem Ort ver­sam­melt, dann wer­den man­che von ih­nen auf un­er­klär­li­che Wei­se ge­sund.“S. 194).

Ge­gen En­de des Bu­ches ent­steht beim Le­ser oder der Le­se­rin trotz al­ler So­li­di­tät der Ar­gu­men­ta­ti­on ein Un­be­ha­gen. Die be­schrie­be­nen Phä­no­me­ne als Ab­hand­lung des „Zu­falls“zu ver­han­deln, ist si­cher nicht an den Haa­ren her­bei­ge­zo­gen, aber im­mer kla­rer wird, dass die be­spro­che­nen Er­kennt­nis­se sehr un­ter­schied­li­che Be­zü­ge ha­ben: Kom­ple­xi­tät, Un­be­re­chen­bar­keit, Un­kon­trol­lier­bar­keit, Un­mess­bar­keit. Al­le Phä­no­me­ne grei­fen den La­pla­ce­schen Dä­mon an, die Idee, die Zu­kunft ken­nen zu kön­nen. Aber kon­sti­tu­ie­ren sie das, was wir Zu­fall nen­nen? Ge­nau dar­auf ant­wor­tet der Au­tor im letz­ten Kapitel und das in ei­ner Wei­se, die schlüs­sig ist. Denn er stutzt den Be­griff „Zu­fall“zu­recht. „Nicht wir Men­schen sind da, weil uns der Zu­fall her­vor­ge­bracht hat, son­dern der Zu­fall ist da, weil wir Men­schen ihn her­vor­ge­bracht ha­ben. Von ei­nem zu­fäl­li­gen Er­eig­nis kann man nur spre­chen, wenn es je­man­den gibt, der die­ses Er­eig­nis als zu­fäl­lig emp­fin­det.“(S. 228) Und schließ­lich kommt Ai­g­ner zu dem Satz: „Zu­fall be­deu­tet, dass et­was Un­vor­her­ge­se­he­nes pas­siert, über das man ei­ne Ge­schich­te er­zäh­len kann.“(S. 239). Dann ist der Zu­fall übe­r­all, die gan­ze Zeit. Zu­fall

150 Ai­g­ner, Flo­ri­an: Der Zu­fall das Uni­ver­sum und du. Wi­en: Brand­stät­ter, 2017. 247 S., € 22,90 [D, A] ISBN 978-3-7106-0074-6

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