Das Gen

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„Die Ten­denz der Men­schen, ein­an­der Scha­den zu­zu­fü­gen, ist we­der uni­ver­sell noch un­ver­meid­lich. Die Wis­sen­schaft be­ginnt, uns We­ge zu zei­gen, wie wir sie ver­mei­den kön­nen. Mei­nem pes­si­mis­ti­schen Ich ist es schwer­ge­fal­len, das zu­zu­ge­ben, aber es be­steht tat­säch­lich An­lass zum Op­ti­mis­mus.“(Robert Sa­pols­ky in 37 , S. 12f.)

Als Er­klä­rung für die Ver­er­bung bei Mensch und Tier war ge­gen En­de des 17. Jahr­hun­derts die so­ge­nann­te Prä­for­ma­ti­ons­theo­rie gän­gig: Man ging da­von aus, das je­des Sper­mi­um ei­nen Mi­nia­tur­men­schen ent­hält, al­so ei­nen ge­schrumpf­ten, voll aus­ge­bil­de­ten Fö­tus, der im Mut­ter­leib zu ei­nem Ba­by an­schwillt. Seit­her hat sich das Ver­ständ­nis of­fen­kun­dig ra­di­kal ver­än­dert. Der re­nom­mier­te Wis­sen­schafts­au­tor Sid­dhar­tha Muk­her­jee prä­sen­tiert die ent­spre­chen­de Ent­wick­lungs­ge­schich­te, in­dem er ei­nen gro­ßen Bo­gen vom frü­hen 19. Jahr­hun­dert bis zur Jetzt­zeit spannt, von Men­dels Ver­suchs­rei­hen mit Erb­sen­pflan­zen und Dar­wins Ent­de­ckungs­rei­sen bis hin zu neu­es­ten Mög­lich­kei­ten der Gen-be­ar­bei­tung.

Muk­her­jee wid­met sich im Zu­ge die­ses wis­sen­schaft­li­chen Spa­zier­gan­ges, den er mit sei­ner Fa­mi­li­en­ge­schich­te um­rahmt, nicht nur ver­gan­ge­nen und ge­gen­wär­ti­gen Aspek­ten. Er wagt auch ei­nen Blick in die Zu­kunft und ver­an­schau­licht, war­um das ak­tu­el­le Be­stre­ben den ge­ne­ti­schen Co­de ge­zielt zu ver­än­dern, so­zio­kul­tu­rel­le und po­li­ti­sche De­bat­ten for­ciert: Im his­to­ri­schen Rück­blick hat tech­no­lo­gi­scher Fort­schritt durch­aus wohl­tä­ti­ge For­men an­ge­nom­men und die Be­hand­lung oder Hei­lung von Krank­hei­ten er­mög­licht; Er­kennt­nis hat aber im­mer wie­der auch zu ab­we­gi­gen De­fi­ni­tio­nen von Nor­ma­li­tät ge­führt, dien­te zur Recht­fer­ti­gung von ge­ziel­ten Tö­tungs­ak­tio­nen. Muk­her­jee be­schreibt dem­ent­spre­chend die Wunsch­vor­stel­lung, das mensch­li­che Ge­nom be­lie­big zu be­ar­bei­ten als schöns­te und ge­fähr­lichs­te Idee der Mensch­heits­ge­schich­te.

Mit neu­en tech­ni­schen Ent­wick­lun­gen müs­sen im­mer auch ethi­sche Fra­gen dis­ku­tiert, Re­geln for­mu­liert und Gren­zen aus­ge­lo­tet wer­den. Die kurz­wei­li­ge Lek­tü­re ist nicht zu­letzt ei­ne Ein­la­dung an die brei­te Öf­fent­lich­keit, die­se De­bat­ten mit­zu­ge­stal­ten: „Die For­schung, wie Ge­ne die mensch­li­che Iden­ti­tät, Se­xua­li­tät oder Per­sön­lich­keit be­ein­flus­sen, ist ei­ne Sa­che. Die Vor­stel­lung, durch Gen­ma­ni­pu­la­ti­on Iden­ti­tät, Se­xua­li­tät oder Ver­hal­ten zu ver­än­dern, ist et­was völ­lig an­de­res. Das Ers­te­re be­schäf­tigt vi­el­leicht Psy­cho­lo­gie­pro­fes­so­ren und ih­re Kol­le­gen der Neu­ro­wis­sen­schaf­ten. Das zwei­te, mit Ver­hei­ßung und Ge­fah­ren be­frach­te­te An­lie­gen soll­te uns al­le be­schäf­ti­gen.“(S. 27)

Mo­le­ku­lar­ge­ne­tik

36 Muk­her­jee, Sid­dhar­tha: Das Gen. Ei­ne sehr per­sön­li­che Ge­schich­te. Frank­furt/m.: S. Fi­scher, 2017. 766 S., € 26,- [D], 26,80 [A]

ISBN 978-3-10-002271-4

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