ZU­KUNFTS­FOR­SCHUNG

ProZukunft - - Inhalt -

Gast­re­zen­sent Ed­gar Göll hat für uns die Stu­die „Das Land, in dem wir le­ben wol­len“von

Jut­ta All­men­din­ger kri­tisch be­spro­chen.

Le­ben oh­ne Ver­mächt­nis?

In die­sem Buch geht es um „das Ver­mächt­nis, das Heu­te und das Mor­gen“(S. 16), und zwar um die je­wei­li­gen Be­find­lich­kei­ten und Vor­stel­lun­gen in der Be­völ­ke­rung Deutsch­lands zu die­sen drei Ka­te­go­ri­en. Kon­zi­piert und durch­ge­führt wur­de die zu­grun­de lie­gen­de Stu­die vom Wis­sen­schafts­zen­trum Ber­lin, dem Mei­nungs­for­schungs­in­sti­tut in­fas und der Wo­chen­zei­tung Die Zeit im Jahr 2015. Be­fragt wur­den 3100 Men­schen im Al­ter zwi­schen 14 und 80 Jah­ren in Deutsch­land. Das Buch be­inhal­tet auch die Er­geb­nis­se ei­ner 2016 er­folg­ten Wie­der­ho­lungs­be­fra­gung und stellt ei­ne ver­ein­fach­te Zu­sam­men­fas­sung durch die Lei­te­rin der Ge­samt­stu­die, Jut­ta All­men­din­ger, dar (vom WZB se­pa­rat ver­öf­fent­licht). Die Au­to­rin be­zeich­net es als „Le­se­buch“so­wie als „Ver­mächt­nis­stu­die“(S. 15), weil es un­ter an­de­rem dar­um geht zu er­fah­ren, wel­che Wer­te den Men­schen wich­tig sind, wie sie die­se selbst le­ben und wel­che sie da­von an die nächs­te Ge­ne­ra­ti­on wei­ter­ge­ben möch­ten.

Kurz ge­fasst lau­ten die ge­stell­ten Fra­gen: „Wie ist es heu­te?“, „Wie soll es wer­den?“, „Wie wird es sein?“Die­ser zeit­lich-sub­jek­ti­ve Drei­klang wur­de in durch­schnitt­lich ein­stün­di­gen In­ter­views er­forscht. Und die­se tra­di­tio­nel­le For­schungs­me­tho­de wur­de er­gänzt durch Re­ak­tio­nen und Er­läu­te­run­gen der Men­schen zu drei Ar­ten von „Sin­nes­ein­drü­cken“, de­nen sie aus­ge­setzt wur­den: Rie­chen (vier Düf­te), Füh­len (an­fas­sen von Ma­te­ria­li­en) und Hö­ren (Rhyth­men). Er­war­tet wur­de hier­durch, dass die Be­frag­ten ih­re der­zei­ti­ge Be­find­lich­keit/la­ge so­wie künf­ti­ge Ent­wick­lun­gen an­ders als nur ko­gni­tiv wahr­neh­men und ar­ti­ku­lie­ren. Dies scheint al­ler­dings nur un­zu­rei­chend ge­lun­gen, da es sich um äu­ßerst sub­jek­ti­ve Phä­no­me­ne han­delt, eben um Ge­schmack­sa­chen, und um va­ge In­ter­pre­ta­tio­nen, wie z. B. um­die Fra­ge: „Was be­deu­tet es, wenn man den nach­fol­gen­den Ge­ne­ra­tio­nen ei­nen ‚ro­si­gen Duft‘ wünscht? Wel­che Zu­kunft er­war­tet man, wenn man glaubt, dass sie von ei­nem ‚wech­sel­haf­ten Rhyth­mus‘ ge­prägt sein wird?“(S. 79) Gleich­wohl soll­te in der Zu­kunfts­for­schung ex­pe­ri­men­tiert wer­den und ist es le­gi­tim, der­ar­ti­ge Sin­ne­s­an­ge­bo­te auch zu nut­zen. Denn über die von den Men­schen er­war­te­te Zu­kunft heißt es z. B.: „Hier hat der Duft die größ­te Aus­sa­ge­kraft“(S. 81) und wenn man ih­re Aus­wahl von Sin­nes­rei­zen für be­stimm­te Be­rei­che ken­ne, lie­ßen sich de­ren Ein­stel­lun­gen vor­aus­sa­gen. Al­ler­dings er­for­dert dies ein ho­hes Maß an Sen­si­ti­vi­tät und Klä­rung, und dürf­te mit knap­pen Dia­lo­gen – wie in die­ser Stu­die – nicht an­ge­mes­sen zu be­ar­bei­ten sein.

Mit die­ser sehr auf­wän­di­gen Ver­mächt­nis­stu­die wer­den Er­geb­nis­se vor­ge­legt, mit de­nen frü­he­re Stu­di­en zu Teil­as­pek­ten weit­ge­hend be­stä­tigt wer­den, hier aber in the­ma­ti­schen und zeit­li­chen Be­zie­hun­gen be­schreib­bar und in­ter­pre­tier­bar sind. So un­ter­streicht All­men­din­ger, dass künf­tig Bil­dung noch viel stär­ker zu för­dern sei, for­dert ei­ne „Kul­tur der Wei­ter­bil­dung“und schlägt „ei­ne vor­aus­schau­en­de, stra­te­gi­sche Qua­li­fi­zie­rungs­po­li­tik“vor (239). Fest­ge­stellt wird, dass durch die Er­eig­nis­se der jüngs­ten Zeit (Flücht­lin­ge, Br­ex­it etc.) die der Po­li­tik zu­ge­spro­che­ne Re­le­vanz ge­stie­gen sei. Es wer­de mehr er­war­tet, wenn auch nicht er­hofft. Lei­der wird die Kluft zwi­schen ge­äu­ßer­ten Idea­len und Ver­mächt­nis­sen so­wie der ge­leb­ten bzw. er­war­te­ten Rea­li­tät nur am Ran­de the­ma­ti­siert. Denn das zu­ge­spitz­te Fa­zit lau­tet: Wir Heu­ti­gen sind über­for­dert, schaf­fen es nicht ge­mäß un­se­rer Idea­le zu le­ben, da­her sol­len es künf­ti­ge Ge­ne­ra­tio­nen ma­chen. Hier wä­re die Wech­sel­wir­kung mit ge­sell­schaft­li­chen und po­li­ti­schen Rah­men­be­din­gun­gen ein Fo­kus, der künf­tig in­ten­si­viert wer­den soll­te – in­klu­si­ve der er­for­der­li­chen Trans­for­ma­ti­on zu Nach­hal­tig­keit. E. G.

Deutsch­land: Zu­kunfts­pro­gno­se

38 All­men­din­ger, Jut­ta: Das Land, in dem wir le­ben wol­len. Wie die Deut­schen sich ih­re Zu­kunft vor­stel­len. Mün­chen: Pan­the­on Verl., 2017. 270 S., € 16,99 [D], 17,50 [A] ; ISBN 978-3-570-55347-3

„Po­li­ti­sche und ge­sell­schaft­li­che Rah­men­be­din­gun­gen ha­ben ei­nen gro­ßen Ein­fluss auf die Ein­stel­lun­gen der Men­schen. Sie be­fä­hi­gen oder iso­lie­ren, för­dern oder brem­sen.“(Jut­ta All­men­din­ger in 38 , S. 227)

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