Das Dog­ma an der Leer­stel­le

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Au­to­ren wir Hen­rik Mül­ler kri­ti­sie­ren, dass der Po­pu­lis­mus der Ge­gen­wart nicht den An­for­de­run­gen der La­ge an­ge­mes­sen sei. Mit ei­nem neu­en Na­tio­na­lis­mus wer­de man die glo­ba­len Her­aus­for­de­run­gen nicht be­wäl­ti­gen kön­nen. Bernd Ste­ge­mann wür­de hier zö­gern zu­zu­stim­men. Ste­ge­mann ist kein Freund des Rechts­po­pu­lis­mus, aber er hat den Ver­dacht, dass die­ser nicht der ein­zi­ge Po­pu­lis­mus im Raum ist.

Ein bei Ste­ge­mann zu fin­den­der Be­griff ist der des „li­be­ra­len Po­pu­lis­mus“. Und die­ser Po­pu­lis­mus ist Ste­ge­mann auch äu­ßerst un­sym­pa­thisch. Fol­gen wir sei­nen Ar­gu­men­ten.

Ers­tens de­fi­niert der Au­tor den Be­griff des Po­pu­lis­mus. Ihn nur von der in­halt­li­chen Sei­te oder nur von der for­ma­len Sei­te her zu be­stim­men ver­feh­le sein We­sen. Viel­mehr gel­te: „Die po­pu­lis­ti­sche An­ru­fung stellt ei­nen ge­mein­sa­men Raum zwi­schen Re­den­den und Zu­hö­ren­den her, in dem die An­we­sen­den zu ei­ner be­son­de­ren Ge­mein­schaft zu­sam­men­ge­führt wer­den, weil sie von ei­ner an­de­ren Grup­pe un­ter­schie­den wer­den. Die An­ru­fung ei­nes Wir, das nur zum Wir wer­den kann, weil es sich von an­de­ren ab­grenzt, ge­hört zu den we­sent­li­chen Si­tua­tio­nen des Po­li­ti­schen.“(S. 15) Mit Jan-wer­ner Mül­ler ar­gu­men­tiert der Au­tor wei­ter, dass aber die Be­grün­dun­gen im Po-

pu­lis­mus das Ent­schei­den­de sei­en. Der span­nends­te Teil bei Ste­ge­mann ist nun, dass er die­se Be­stim­mung der po­pu­lis­ti­schen Aus­sa­ge ge­gen den in un­se­rer Ge­sell­schaft herr­schen­den Dis­kurs wen­det: „Der Glau­be, als Po­li­ti­ker den Markt ver­neh­men und sei­ne Wahr­heit ver­kör­pern zu kön­nen, ist von der glei­chen Ir­ra­tio­na­li­tät wie der Glau­be an ei­nen Volks­wil­len und sei­ne In­kar­na­ti­on in ei­ner Füh­rer­ge­stalt. Wird der Markt von sol­chen Po­li­ti­kern zur ab­so­lu­ten Wahr­heit ge­macht, die über der De­mo­kra­tie steht, kön­nen sie im­mer ab­sur­de­re For­de­run­gen da­mit be­grün­den. (…) Der Po­pu­lis­mus, der die Lau­nen des Mark­tes zur ab­so­lu­ten Wahr­heit er­klärt, ist der li­be­ra­le Po­pu­lis­mus un­se­rer Zeit, der vor al­lem in Deutsch­land sei­ne Mus­ter­schü­le­rin ge­fun­den hat.“(S. 65f.) Die bür­ger­li­che Schicht ha­be im li­be­ra­len Dis­kurs die Pa­ra­do­xie im Me­di­um der öf­fent­li­chen Mei­nung zu ih­ren Guns­ten ge­nutzt, was da­zu ge­führt ha­be, dass öf­fent­li­ches Spre­chen im­mer in den Kom­mu­ni­ka­ti­ons­for­men des Li­be­ra­lis­mus statt­fin­de. Da­mit aber sind po­li­ti­sche Mei­nun­gen blo­ckiert, die ein an­de­res Welt­bild als den bür­ger­li­chen Li­be­ra­lis­mus zur Grund­la­ge ha­ben. „Die kür­zes­te For­mel, mit der al­le sys­tem­kri­ti­schen Aus­sa­gen ver­hin­dert wer­den, ist die prag­ma­ti­sche Be­haup­tung: ‚Das ist nicht durch­führ­bar‘ … Die­ses Dis­po­si­tiv nen­ne ich den li­be­ra­len Po­pu­lis­mus (…).“(S. 37)

Das Ar­gu­ment von Ste­ge­mann ist nun, dass der Rechts­po­pu­lis­mus ei­ne Re­ak­ti­on auf den Li­be­ra­len Po­pu­lis­mus dar­stel­le. Den Denk­ver­bo­ten, weil ja Al­ter­na­ti­ven zum Markt „un­durch­führ­bar“sei­en, wer­de nun der „Volks­wil­len“ent­ge­gen­ge­hal­ten. Ste­ge­mann hat Sor­ge, dass zwei­te­rer sich durch­set­zen kön­ne. Denn nur frü­her brauch­te der Ka­pi­ta­lis­mus den Li­be­ra­lis­mus zum Öff­nen der Märk­te. Heu­te sind fast al­le Märk­te ge­öff­net, und ein Ka­pi­ta­lis­mus oh­ne De­mo­kra­tie wird denk­bar. Der Li­be­ra­lis­mus müs­se sich des­we­gen vom den Ka­pi­ta­lis­mus über­hö­hen­den Neo­li­be­ra­lis­mus ab­wen­den. Ein lin­ker Po­pu­lis­mus müs­se ent­ste­hen, des­sen „Wir“und „die An­de­ren“die Men­schen ei­ner­seits und das Ka­pi­tal an­de­rer­seits wä­ren. Nicht mehr der Mensch soll be­wei­sen müs­sen, dass er nütz­lich ist, um Gren­zen über­schrei­ten zu dür­fen, son­dern nun müs­se das Ka­pi­tal dies be­wei­sen. Die­ser lin­ke Po­pu­lis­mus könn­te zei­gen, „dass die Ver­hält­nis­se durch In­ter­es­sen so ge­wor­den sind, [dass] die Gren­zen dem Schutz der Men­schen und ih­rer Frei­heit die­nen sol­len und nicht dem Ego­is­mus des Ka­pi­tals und der Na­tio­nen, und er könn­te die Wi­der­sprü­che zwi­schen der dys­funk­tio­na­len Gier und den Be­dürf­nis­sen der Men­schen zu den al­ler­schöns­ten und al­ler­bru­tals­ten Zu­spit­zun­gen

brin­gen. Mit ei­nem Wort, der Po­pu­lis­mus könn­te die Klas­sen­fra­ge wie­der zur we­sent­li­chen Kraft im po­li­ti­schen Feld ma­chen.“(S. 170)

Po­pu­lis­mus

11 Ste­ge­mann, Bernd: Das Ge­spenst des Po­pu­lis­mus. Ein Es­say zur po­li­ti­schen Dra­ma­tur­gie. Ber­lin: Thea­ter der Zeit, 2017. 177 S., € 14,- [D], 14,40 [A] ISBN 978-3-95749-097-1

„Ei­ne Aus­sa­ge ist po­pu­lis­tisch, wenn sie für sich ei­ne Wahr­heit be­an­sprucht, die we­der de­mo­kra­tisch noch wis­sen­schaft­lich be­grün­det ist, son­dern die sich aus ei­nem Volks­wil­len ab­lei­tet, der we­der über­prüft noch be­wie­sen wer­den kann. Der Volks­wil­le ist die un­greif­ba­re Letzt­ver­si­che­rung, die der Po­pu­list in An­spruch nimmt, um dar­aus ei­ne un­an­greif­ba­re Au­to­ri­tät ab­zu­lei­ten.“(Bernd Ste­ge­mann in , S. 64)

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