Der Zu­kunft ei­ne (pas­sen­de) Stim­me ge­ben

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Wie wol­len wir künf­tig le­ben und ar­bei­ten? Um das zu er­grün­den hat die Initia­ti­ve „Deutsch­land 2030“1) ei­nen um­fas­sen­den Zu­kunfts­dis­kurs ge­star­tet. Des­sen Er­geb­nis­se lie­gen jetzt in Buch­form vor. Klaus Bur­meis­ter, Alex­an­der Fink, Bea­te Schulz-mon­tag und Karl­heinz St­ein­mül­ler ge­hen der Fra­ge nach, wie wir es schaf­fen, „dass sich die Ge­sell­schaft und ih­re Teil­sys­te­me wie Po­li­tik, Un­ter­neh­men und Ge­sell­schaft vor­aus­schau­end den lang­fris­ti­gen Fra­gen der Gestal­tung ei­ner resi­li­en­ten, ro­bus­ten Er­neue­rung stel­len, in der nicht Ein­zel­in­ter­es­sen do­mi­nie­ren, son­dern ge­mein­wohlori­en­tiert das Fun­da­ment für ei­nen trag­fä­hi­gen ge­sell­schaft­li­chen Zu­sam­men­halt er­rich­tet wer­den kann?“(S. 142) Da­bei rei­che es nicht, über Fahr­ver­bo­te für Die­sel­fahr­zeu­ge zu dis­ku­tie­ren, an­statt über ei­ne post­fos­si­le und ver­netz­te Mo­bi­li­tät zu re­den. Es rei­che nicht, über Ab­schie­be­quo­ten zu strei­ten, an­statt ei­ne eu­ro­päi­sche Ein­wan­de­rungs­po­li­tik zu ent­wi­ckeln. Die Fra­ge, wie un­se­re Städ­te und länd­li­chen Re­gio­nen an­ge­sichts der de­mo­gra­fi­schen Ent­wick­lung und der Di­gi­ta­li­sie­rung bei gleich­zei­tig deut­lich spür­ba­rem Kli­ma­wan­del aus­se­hen könn­ten, soll­te uns eben­falls be­schäf­ti­gen. Au­ßer­dem ge­he es dar­um, dass ge­ra­de her­an­wach­sen­de Ge­ne­ra­tio­nen noch gu­te Le­bens­be­din­gun­gen vor­fin­den. Um das zu schaf­fen, da­von sind die Au­to­ren über­zeugt, müs­sen wir der Zu­kunft im Kon­zert der Mei­nun­gen dau­er­haft ei­ne Stim­me ge­ben.

Sie se­hen sich hier ganz in der Tra­di­ti­on von Ro­bert Jungk, „der mit den Zu­kunfts­werk­stät­ten uns Bür­ger zu Be­tei­lig­ten und Mit­ge­stal­tern ma­chen woll­te“(S. 140). Je­der Ein­zel­ne ist ge­for­dert. „Zu­kunft kommt nicht ein­fach. Sie ist Re­sul­tat von ak­ti­ven Gestal­tungs­pro­zes­sen. Selbst­ver­ant­wort­li­ches Tun im Wett­be­werb um gu­te Lö­sun­gen ver­eint Frei­heit und Ver­ant­wor­tung der Han­deln­den.“(S. 143) Ge­for­dert sind wir aber nicht nur be­züg­lich ei­ner kon­struk­ti­ven Zu­kunfts­ge­stal­tung, son­dern ak­tu­ell auch da­mit, wie wir künf­tig mit­ein­an­der um­ge­hen. Wir le­ben in­zwi­schen mit vie­lem, das ei­gent­lich un­er­träg­lich ist; et­wa da­mit, dass der Ver­lust je­des An­stands ei­nen Mann nicht dar­an ge­hin­dert hat, 45. Prä­si­dent der Ver­ei­nig­ten Staa­ten von Ame­ri­ka zu

wer­den. In In­ter­net­fo­ren herrscht zu­neh­mend ein rau­er und un­ver­schäm­ter Ton, zi­vi­le Kon­ven­tio­nen ver­schwin­den mehr und mehr. Es schwappt „seit ei­ner Wei­le nicht nur ei­ne Wo­ge von An­stands­lo­sig­keit um die Welt, son­dern ein gan­zer Oze­an tobt“(S. 7), ist Axel Ha­cke, Ko­lum­nist der Süd­deut­schen Zei­tung, über­zeugt. Sei­ne Ge­dan­ken da­zu hat er in ei­nem klei­nen Essay „Über den An­stand in schwie­ri­gen Zei­ten“2) ver­öf­fent­licht. Sei­ne Er­zäh­lun­gen, un­sys­te­ma­tisch an­ein­an­der­ge­reiht, ge­ben all­täg­li­che Er­leb­nis­se wie­der. Et­wa die Ge­schich­te von ei­nem gut an­ge­zo­ge­nen Mann, „der mit sei­nem gro­ßen Au­to um die Ecke biegt, haar­scharf an ei­ner Mut­ter mit ih­ren zwei Kin­dern vor­bei, die an ei­nem Ze­bra­strei­fen bei Grün über die Stra­ße ge­hen - und der, als die Mut­ter auf die für sie grü­ne Am­pel zeigt, die Schei­be her­un­ter­lässt und sagt: ‚Halt’s Maul, Schlam­pe!‘“(S. 10). Es sind nicht nur die klei­nen Din­ge des Alltags, die hier zur Spra­che kom­men. Mit AFD, Pe­gi­da & Co zog ei­ne rü­de, ag­gres­si­ve Ton­art in die po­li­ti­sche De­bat­te und den deut­schen Bun­des­tag ein. Po­li­ti­ker wer­den von Markt­plät­zen ver­trie­ben, der Kanz­le­rin zeigt man (in Dresden) bei ei­nem der mon­täg­li­chen Um­zü­ge den Gal­gen. „Wir wer­den Frau Mer­kel - oder wen auch im­mer - ja­gen!“, droh­te Alex­an­der Gau­land nach der Bun­des­tags­wahl. Axel Ha­cke er­kun­det den, für man­che von uns vi­el­leicht schon ver­staub­ten, aber wie­der ak­tu­el­len Be­griff „An­stand“. Was ver­steht man heu­te dar­un­ter? An­stän­dig sein be­deu­tet für ihn et­wa Rück­sicht auf an­de­re zu neh­men, sich nicht selbst in den Vor­der­grund zu stel­len, nach Mög­lich­keit zu be­den­ken, wel­che Fol­gen das ei­ge­ne Ver­hal­ten für an­de­re ha­ben kann. Ha­cke lie­fert kei­ne Ge­brauchs­an­wei­sung für gu­tes Be­neh­men, kei­nen Knig­ge für An­stand. Es ge­lingt ihm aber mit sei­nen Ge­schich­ten und An­ek­do­ten uns zu be­stär­ken, das nicht ein­fach hin­zu­neh­men, denn wohl je­der von uns hat die ei­ne oder an­de­re Ge­schich­te schon sel­ber er­lebt.

Ne­ben den The­men Zu­kunfts­for­schung so­wie über „das En­de der so­zia­len Kämp­fe“, ver­schie­de­nen Fa­cet­ten der Ge­walt und des Ter­rors be­schäf­ti­gen wir uns in die­ser Aus­ga­be mit der Ak­tua­li­tät der Wer­ke von Karl Marx so­wie um­fang­reich mit „Nach­hal­ti­gem Wirt­schaf­ten“. Schließ­lich geht es um ver­schie­de­ne As­pek­te von Müll und Ab­fall.

Ich per­sön­lich darf mich, lie­be Le­se­rin, lie­ber Le­ser, mit die­ser Aus­ga­be von pro Zu­kunft nach 32 Jah­ren von Ih­nen in den Ru­he­stand ver­ab­schie­den. Pro Zu­kunft wird künf­tig fe­der­füh­rend von Kat­ha­ri­na Ki­e­ning be­treut.

Ei­ne er­kennt­nis­rei­che und span­nen­de Lek­tü­re wünscht wie im­mer, auch im Na­men des Jbz-teams,

Ihr

al­f­red.au­er@jungk-bi­b­lio­thek.org

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