Eu­ro­pa Was ist los mit Eu­ro­pa?

ProZukunft - - Inhalt -

Ge­gen­wär­tig gibt es ei­ne weit ver­brei­te­te Rat­lo­sig­keit über den künf­ti­gen Weg der EU. Al­f­red Au­er wirft ei­nen Blick auf ei­ni­ge Ana­ly­sen der Mi­se­re bzw. auf Vor­schlä­ge zur Lö­sung der Kri­se. Hans Holzin­ger er­gänzt mit Ya­nis Va­rou­fa­kis’ Sicht der Schul­den­kri­se Grie­chen­lands, ei­nem Attac-band so­wie Re­por­ta­gen zur Eu-ab­schot­tungs­po­li­tik.

Ge­gen­wär­tig gibt es ei­ne weit ver­brei­te­te Rat­lo­sig­keit über den künf­ti­gen Weg der Eu­ro­päi­schen Ge­mein­schaft. Un­strit­tig ist, dass sich die eu­ro­päi­sche In­te­gra­ti­on ak­tu­ell in der schwie­rigs­ten Pha­se seit In­kraft­tre­ten der Rö­mi­schen Ver­trä­ge be­fin­det. Die Ge­mein­schaft zeigt sich auch nicht in der La­ge, die Struk­tur­män­gel der Maas­trich­ter Wirt­schafts­und Wäh­rungs­uni­on zu kor­ri­gie­ren. In der Flücht­lings­fra­ge ist es nicht ge­lun­gen, ei­nen Ver­tei­lungs­schlüs­sel für Mi­gran­tin­nen zu ent­wi­ckeln. Al­f­red Au­er wirft ei­nen Blick auf ei­ni­ge Ana­ly­sen der Mi­se­re bzw. auf Vor­schlä­ge, die hel­fen kön­nen, die Kri­sen zu meis­tern. Hans Holzin­ger er­gänzt das Ka­pi­tel mit Ya­nis Va­rou­fa­kis’ Sicht der Schul­den­kri­se Grie­chen­lands, ei­nem Attac-band so­wie Re­por­ta­gen zur Eu-ab­schot­tungs­po­li­tik.

Eu­ro­pa, was nun?

Der Ju­rist Andre­as Wehr ist über­zeugt, dass sich die EU ge­gen­wär­tig in ei­ner Pha­se der Sta­gna­ti­on be­fin­det und hält auch die vom fran­zö­si­schen Prä­si­den­ten Em­ma­nu­el Ma­cron an­ge­streb­te Ver­tie­fung der In­te­gra­ti­on für we­nig wahr­schein­lich. Es sind v.a. drei Pro­ble­me, die sei­ner Ein­schät­zung nach zu lö­sen sind. 1) Die s. E. seit 2010 an­hal­ten­de Eu­ro­kri­se, die nach wie vor nicht ge­löst, son­dern nur auf­ge­scho­ben ist. „Seit Ein­tritt der Zah­lungs­un­fä­hig­keit Grie­chen­lands im Früh­jahr 2010 ver­su­chen die Eu­ro­län­der, die Kri­se des ge­mein­sa­men Wäh­rungs­raums nur noch ein­zu­däm­men.“(S. 172) In Grie­chen­land hat die von der Re­gie­rungs­par­tei Sy­ri­za ab­ge­spal­te­ne Par­tei Volks­ein­heit be­reits ei­nen Vor­schlag für den Aus­tritt des Lan­des aus der Eu­ro­zo­ne vor­ge­legt. 2) Der Aus­tritt Groß­bri­tan­ni­ens ver­langt ein kon­struk­ti­ves Her­an­ge­hen an die Ver­hand­lun­gen über den Schei­dungs­ver­trag, denn der Br­ex­it ist be­reits für das Früh­jahr 2019 vor­ge­se­hen.

3) Der Haupt­streit­punkt ist be­kann­ter­ma­ßen die Flücht­lings- und Mi­gra­ti­ons­po­li­tik und wie sich ge­zeigt hat, ist ei­ne Ver­pflich­tung al­ler Eu-staa­ten zur Auf­nah­me von Flücht­lin­gen vor­erst nicht durch­setz­bar. Hin­zu kom­men auch Ent­frem­dungs­pro­zes­se zwi­schen der Grup­pe der Vi­se­grád-staa­ten Po­len, Slo­wa­kei, Tsche­chi­en und Un­garn auf der ei­nen und den kern­eu­ro­päi­schen Ländern un­ter Füh­rung Deutsch­lands auf der an­de­ren Sei­te.

Kein Aus­weg in Sicht?

Ma­cron hat mit der Idee ei­ner „eu­ro­päi­schen Asyl­be­hör­de“bzw. ei­ner „eu­ro­päi­schen Grenz­po­li­zei“ein ehr­gei­zi­ges Pro­gramm vor­ge­legt. In den Be­stre­bun­gen zu ei­ner ge­mein­sa­men Si­cher­heits­und Ver­tei­di­gungs­po­li­tik sei­en aber bis­her kei­ne we­sent­li­chen Fort­schrit­te zu se­hen. Ein­zig von ei­ner Stär­kung bzw. ei­ner de­mo­kra­ti­schen Le­gi­ti­mie­rung der zur Be­wäl­ti­gung der Grie­chen­land­kri­se

ge­schaf­fe­nen In­sti­tu­ti­on „Eu­ro­päi­scher Sta­bi­li­täts­me­cha­nis­mus“(ESM) ver­spricht sich Andre­as Wehr ei­nen Er­folg. Der Au­tor be­tont im­mer wie­der auch den ei­gent­li­chen Cha­rak­ter der EU, die näm­lich kei­ne mit ei­ge­ner Sou­ve­rä­ni­tät aus­ge­stat­te­te In­sti­tu­ti­on und schon gar nicht ein Staat ist, son­dern ei­ne su­pra­na­tio­na­le Ein­rich­tung. Des­halb hängt es sei­ner An­sicht nach in der ge­gen­wär­ti­gen Kri­se mehr und mehr von den po­li­ti­schen Ent­schei­dun­gen der Mit­glieds­län­der ab, was aus der EU wird. In An­be­tracht der ge­gen­wär­ti­gen po­li­ti­schen Kon­stel­la­ti­on vie­ler Mit­glieds­staa­ten sei hier kaum An­lass zur Hoff­nung ge­ge­ben. Eu­ro­pa: Mi­gra­ti­on

113 Wehr, Andre­as: Eu­ro­pa, was nun? Trump, Br­ex­it, Mi­gra­ti­on und Eu­ro­kri­se. Köln: Pa­py­ross­a­verl., 175 S. (Neue Klei­ne Bi­b­lio­thek; 252)

€ 13,90 [D], 14,30 [A] ; ISBN 978-3-89438-653-5

Was ist los mit dir, Eu­ro­pa?

Fried­helm Hengs­bach, Doy­en der Wirt­schafts­und So­zi­al­ethik in Deutsch­land, be­schäf­tigt sich eben­falls mit dem Zu­stand Eu­ro­pas in Zei­ten des Br­ex­it, des Auf­kom­mens na­tio­na­lis­ti­scher Strö­mun­gen und ei­ner zu­neh­men­den Ent­frem­dung zwi­schen Re­gie­ren­den und Re­gier­ten. Er fragt sich, wie es so weit kom­men konn­te, „dass die Grund­sät­ze der eu­ro­päi­schen Ver­trä­ge, die So­li­da­ri­tät un­ter den Mit­glieds­län­dern zu stär­ken und den ge­sell­schaft­li­chen Zu­sam­men­halt zu för­dern, in ihr Ge­gen­teil ver­kehrt wur­den?“(S. 10) Er sucht Ant­wor­ten auf die Fra­gen, wie ein Eu­ro­pa „für mehr Ge­rech­tig­keit, Frie­den und So­li­da­ri­tät“, wie ein Neu­start aus der ak­tu­el­len Mi­se­re aus­se­hen könn­te.

Ei­nes der gro­ßen Pro­ble­me der EU sieht Hengs­bach in ei­nem „Schlam­mas­sel der Struk­tu­ren und Ver­fah­ren“, die kaum ei­ner mehr durch­schaut. Da sind zum ei­nen das eu­ro­päi­sche Par-

la­ment, die Eu-kom­mis­si­on und der Mi­nis­ter­rat, zum an­de­ren die ver­schie­de­nen Gip­fel der Staats­und Re­gie­rungs­chefs und schließ­lich die zahl­rei­chen völ­ker­recht­li­chen Ver­trä­ge, die ein­zel­ne Mit­glieds­län­der un­ter­ein­an­der ge­schlos­sen ha­ben. Zwi­schen all die­sen In­sti­tu­tio­nen herrsch­ten Kom­pe­tenz­ge­ran­gel, un­kla­re Zu­stän­dig­kei­ten und Macht­ver­hält­nis­se. „Im schlei­chen­den Ab­schmel­zen des po­li­ti­schen Pro­fils der Uni­on se­he ich die Ur­sa­che des Un­be­ha­gens, der in­ne­ren Dis­tanz und Ab­leh­nung ei­nes gro­ßen Teils der Be­völ­ke­rung, die sich ge­gen ei­nen mons­trös er­schei­nen­den Ap­pa­rat rich­tet, der von bü­ro­kra­ti­scher und fi­nanz­wirt­schaft­li­cher Ge­schäf­tig­keit be­herrscht wird“, schreibt der Au­tor. (S.105) Ve­he­ment kri­ti­siert er auch Ide­en ei­nes Ker­n­eu­ro­pas und ei­nes Eu­ro­pas zwei­er Ge­schwin­dig­kei­ten. Ins­ge­samt sind es fünf The­men­fel­der, die sich der Her­aus­ge­ber nä­her an­sieht: ers­tens die so­zia­len Schief­la­gen, die sich in­ner­halb und zwi­schen den Mit­glieds­län­dern auf­ge­tan ha­ben; zwei­tens die Fra­ge, ob die EU ei­ne So­zi­al­uni­on ist; drit­tens die Asyl­po­li­tik im Kon­text der Pa­ro­le „Wir schaf­fen das“der deut­schen Bun­des­kanz­le­rin An­ge­la Mer­kel; vier­tens das Wirr­warr der In­sti­tu­tio­nen und Zu­stän­dig­kei­ten auf der Ebe­ne der Eu­ro­päi­schen Uni­on; fünf­tens die Fra­ge, wie nach dem Br­ex­it-schock ein Neu­start der EU aus­se­hen könn­te.

Sein Re­sü­mee lau­tet: Nur mit ra­di­ka­lem Um­den­ken ist der freie Fall der EU auf­zu­hal­ten. Kon­kret soll­ten sich die „er­kenn­ba­ren In­sti­tu­tio­nen und Ver­fah­ren der EU (…) ernst­haft auf die Ebe­ne der Na­tio­nen, Re­gio­nen und Le­bens­wel­ten der Bür­ge­rin­nen und Bür­ger aus­rich­ten und sie be­tei­li­gen“(S. 121). Au­ßer­dem soll­ten sich die Eue­liten nicht in ei­ne er­reg­te Rhe­to­rik und Um­trie­big­keit stür­zen, son­dern die Her­aus­for­de­run­gen ge­dul­dig an­ge­hen. Ei­ne Re­form der In­sti­tu­tio­nen und Ver­fah­ren scheint für Hengs­bach un­ver­meid­bar. „Nur ei­ne ega­li­tä­re Ab­stim­mung gro­ßer und klei­ner Län­der kann bis­he­ri­ge Ani­mo­si­tä­ten oder Ri­va­li­tä­ten aus­schal­ten und den wech­sel­sei­ti­gen Re­spekt fes­ti­gen.“(S. 119)

Eu­ro­pa: So­li­da­ri­tät 114 Hengs­bach, Fried­helm: „Was ist los mit dir, Eu­ro­pa?“Für mehr Ge­rech­tig­keit, Frie­den und So­li­da­ri­tät! Frank­furt/m.: Wes­tend-verl., 2017. 126 S., € 14,- [D], 14,40 [A] ; ISBN 978-3-86489-166-3

Eu­ro­pa und der Wes­ten

Po­pu­lis­ten fei­ern in Eu­ro­pa Er­fol­ge, Dik­ta­tu­ren brei­ten sich aus, De­mo­kra­ti­en ge­ra­ten in die Kri­se. Was ist los mit der Wer­te­ge­mein­schaft des so­ge­nann­ten „Wes­tens“? Die­se Fra­gen dis­ku­tiert der ita­lie­ni­sche His­to­ri­ker Lu­cia­no Can­fo­ra, Mit­glied der „Par­ti­to di Co­mu­nis­ti Ita­lia­ni“und en­ga­gier­ter In­tel­lek­tu­el­ler der ita­lie­ni­schen Lin­ken. Er hat 2005 das äu­ßerst kon­tro­vers auf­ge­nom­me­ne Buch „Kur­ze Ge­schich­te der De­mo­kra­tie“(nach­zu­le­sen auf www.per­len­tau­cher.de) ver­öf­fent­licht. Nun­mehr legt er mit die­sem Büch­lein ei­ne eben­falls um­strit­te­ne Ein­schät­zung der zwei Uto­pi­en vor, die sich auf der Welt­büh­ne ge­gen­über­ste­hen, die der Brü­der­lich­keit und die des Ego­is­mus. Ge­nau­er ge­sagt un­ter­nimmt er ei­nen Aus­flug in die Be­griffs­ge­schich­te des so ge­nann­ten „Wes­tens“und prä­sen­tiert ne­ben ei­ni­gen an­de­ren, dar­un­ter auch un­be­kann­ten Au­to­ren, zu­al­ler­erst Vol­taires Po­si­ti­on da­zu an­hand zwei­er Ar­ti­kel, die vor al­lem von ei­nem Re­zen­sen­ten auf „Cor­re­spon­dance Vol­taire“hef­tigst kri­ti­siert wer­den. (vgl. www.cor­re­spon­dance-vol­taire.de) Ab­ge­se­hen von Vol­taire-zi­ta­ten fällt die Ana­ly­se über den Zu­stand Eu­ro­pas ver­nich­tend aus. Can­fo­ra spricht da­von, dass die EU die Uto­pie des Ego­is­mus in ei­nem Mo­ment der Be­wäh­rungs­pro­be re­prä­sen­tiert. (vgl. S. 82) Er be­zeich­net Eu­ro­pa als mo­ne­tä­re Fe­s­tung, die der „tür­ki­schen Dik­ta­tur, Tür­ste­her und Raus­schmei­ßer des Wes­tens, Mil­li­ar­den Eu­ro“(S. 83) schenkt. Auf der an­de­ren Sei­te der Uto­pie, je­ner der Brü­der­lich­keit, sind es die ar­men Re­gio­nen (Grie­chen­land, Ita­li­en), die ver­su­chen die­se ins Werk zu set­zen. Gleich­zei­tig er­in­nert Can­fo­ra dar­an, dass der sich selbst als frei, ent­wi­ckelt und frei­zü­gig be­trach­ten­de Wes­ten die af­gha­ni­schen Ta­li­ban auf­ge­rüs­tet hat, um den schon wan­ken­den „rea­len So­zia­lis­mus“zu be­sie­gen. War al­so al­les ver­geb­lich, so der streit­ba­re Lin­ke, von der „Berg­pre­digt“bis zur Ein­nah­me der Bas­til­le, von Lu­thers The­sen bis zur Be­frei­ung von Sai­gon? Der Au­tor be­haup­tet, die Ge­schich­te ver­lau­fe in Spi­ra­len, und wir könn­ten nicht vor­her­se­hen, wel­che neu­en My­then und neu­en Be­grif­fe sich in Zu­kunft noch ein­mal als In­ter­pre­ten an­bie­ten wer­den. „Wir kön­nen uns nur vor­stel­len, dass auch sie nicht auf Dau­er herr­schen wer­den: an­ge­sichts (…) ei­nes schnel­len und un­auf­hör­li­chen tech­no­lo­gi­schen Wan­dels, der ei­lig je­de Si­cher­heit wan­ken lässt.“(S. 91) Auch er­in­nert Can­fo­ra an ei­ne Be­mer­kung Toc­quil­les, für den die Frei­heit ein Ide­al mit Un­ter­bre­chun­gen, die Gleich­heit da­ge­gen ei­ne Not­wen­dig­keit ist, „die im­mer da ist wie der Hun­ger“(ebd.). Eu­ro­pa: Wer­te­ge­mein­schaft

115 Can­fo­ra, Lu­cia­no: Eu­ro­pa, der Wes­ten und die Skla­ve­rei des Ka­pi­tals. Köln: Pa­py­ros­sa-verl., 2018. 107 S., € 9,90 [D], 10,20 [A]

ISBN 978-3-89438-663-4

„Das mark­t­ra­di­ka­le Erb­gut, das in den ver­gan­ge­nen 30 bis 40 Jah­ren welt­weit die wirt­schaft­li­che und po­li­ti­sche Arena be­herrscht hat, ist in die Kon­struk­ti­on des Eu­ro­päi­schen Bin­nen­markts und der Wäh­rungs­uni­on ein­ge­flos­sen und hat dort gro­ße Schä­den ver­ur­sacht.“

(F. Hengs­bach in 114 , S. 10)

Die gan­ze Ge­schich­te

„Ei­ne Pflicht­lek­tü­re für Eu­ro­pä­er“– so über­ti­tel­te DIE ZEIT ih­re Be­spre­chung des Buchs „Die gan­ze Ge­schich­te“. Dar­in be­schreibt der Öko­nom Ya­nis Va­rou­fa­kis de­tail­ge­nau sei­ne Zeit als Kurz­zeit­fi­nanz­mi­nis­ter Grie­chen­lands und die Ver­hand­lun­gen mit der so­ge­nann­ten Troi­ka. „Nein, die gan­ze Ge­schich­te um die Aus­ein­an­der­set­zung um die Grie­chen­land­hil­fe im ers­ten Halb­jahr 2015 ist das nicht“, meint die FAZ, die den­noch kon­sta­tiert, Va­rou­fa­kis’plan sei „im Grund­satz rea­lis­tisch“ge­we­sen. Die­ser sah ei­ne nach­hal­ti­ge Um­schul­dung Grie­chen­lands durch neue An­lei­hen mit 30 Jah­ren Lauf­zeit vor, de­ren Zin­sen an die Wachs­tums­ra­ten ge­kop­pelt wer­den soll­ten und de­ren Rück­zah­lung erst bei an­hal­ten­dem Wachs­tum ein­set­zen wür­de. Ver­bun­den wer­den soll­te dies mit ei­ner „rea­lis­ti­schen Fis­kal­po­li­tik“– Va­rou­fa­kis plä­dier­te für die Sen­kung von Un­ter­neh­mens­steu­er, um die Wirtschaft an­zu­kur­beln, je­doch für ei­ne strik­te Ein­trei­bung von Steu­er­schul­den; Re­for­men, die die grie­chi­sche Olig­ar­chie ins Vi­sier nah­men.

Soll­te die Troi­ka, die Grup­pe aus Eu­ro-fi­nanz­mi­nis­tern, EZB und IWF, die­sen Plan nicht an­neh­men, wür­de „Plan B“in Kraft tre­ten, den Va­rou­fa­kis von ei­nem Ex­per­tin­nen­team aus­ar­bei­ten ließ. Um den er­wart­ba­ren po­li­ti­schen Wi­der­stand ge­gen ei­ne Um­schul­dung zu über­win­den, wür­de die Sy­ri­zare­gie­rung der dro­hen­den Ban­ken­schlie­ßung mit der An­dro­hung ei­nes „Hair­cuts“der grie­chi­schen Staats­an­lei­hen be­geg­nen, die die EZB von pri­va­ten In­ves­to­ren auf­ge­kauft hat­te, um den grie­chi­schen Staat flüs­sig zu hal­ten. Im Fal­le ei­nes Gr­ex­it, den Va­rou­fa­kis – an­ders als der ganz lin­ke Flü­gel von Sy­ri­za und der deut­sche Fi­nanz­mi­nis­ter Schäu­b­le – kei­nes­wegs an­streb­te, soll­te ei­ne vor­be­rei­te­te On­li­ne-wäh­rung aus­ge­ge­ben wer­den.

Va­rou­fa­kis stützt sich auf mit sei­nem Han­dy auf­ge­zeich­ne­te Ge­sprä­che so­wie sei­nen re­gen Email­ver­kehr. Deut­lich wird in den pro­to­kol­la­risch wie­der­ge­ge­be­nen Ge­scheh­nis­sen, dass durch­aus prak­ti­ka­ble Al­ter­na­ti­ven zur Aus­te­ri­täts­po­li­tik als Be­din­gung für wei­te­re Kre­di­te (die­se lehn­te Va­rouf­kais als Fort­set­zung der Schuld­knecht­schaft strikt ab) zur Dis­kus­si­on stan­den. Hin­ter den Ku­lis­sen herrsch­te kei­nes­wegs Ei­nig­keit über die Ab­leh­nung von Schul­den­schnit­ten, die et­wa der IWF be­für­wor­te­te. Deut­lich wird eben­so, wie fahr­läs­sig die Kre­dit­ver­ga­be in­ner­halb der EU funk­tio­nier­te und Grie­chen­land auch Op­fer der Ka­pi­tal­märk­te wur­de, die im Zu­ge der Fi­nanz­kri­se die Zin­sen in die Hö­he trie­ben. So dien­te das ers­te „Ret­tungs­pa­ket“für Grie­chen­land vor al­lem da­für, die dro­hen­den Aus­fäl­le deut­scher und fran­zö­si­scher Ban­ken ab­zu­wen­den. Va­rou­fa­kis’ Plan war der Ver­such, die in­ter­na­tio­na­len Gläu­bi­ger in die Pflicht zu­neh­men. Doch man woll­te kei­nen Prä­ze­denz­fall schaf­fen – in Por­tu­gal stand ein Wahl­sieg des Links­bünd­nis­ses Po­de­mus in Raum, in Ita­li­en war die Staats­ver­schul­dung gi­gan­tisch hoch. Zah­lungs­un­fä­hig­keit gilt als ro­tes Tuch der Ka­pi­tal­märk­te, da sie ei­nem Ein­ge­ständ­nis gleich­kommt, dass Schul­den nicht im­mer zu­rück­be­zahlt wer­den.

Deut­lich wird schließ­lich der Wan­del der lin­ken Par­tei Sy­ri­za, die mit dem Ver­spre­chen kein wei­te­res Spar­dik­tat der EU mehr zu ak­zep­tie­ren, die Wahl und dann so­gar noch ein Re­fe­ren­dum ge­won­nen hat­te, sich letzt­lich aber doch dem Dik­tat der Gläu­bi­ger un­ter­warf. Man­che sa­gen, un­ter­wer­fen muss­te, weil sonst die Ban­ken schlie­ßen und der Geld­ver­kehr zum Er­lie­gen ge­kom­men wä­re. Va­rou­fa­kis hät­te es dar­auf an­kom­men las­sen. Sein Buch gibt Aus­kunft dar­über, dass die EU über kei­ne ko­hä­ren­te ge­mein­sa­me Steu­er-, Fi­nanz- und Wirt­schafts­po­li­tik ver­fügt. Was wei­ters ei­ne nicht un­er­heb­li­che Rol­le spiel­te: per­sön­li­che Ani­mo­si­tä­ten (et­wa zwi­schen Mer­kel und ih­rem Fi­nanz­mi­nis­ter, der Eu-kom­mis­si­on und der von Schäu­b­le do­mi­nier­ten Grup­pe der Eu­ro-fi­nanz­mi­nis­ter), Heu­che­lei­en und In­tri­gen (et­wa von So­zi­al­de­mo­kra­ten wie Ga­b­ri­el oder Mosco­vici, die Sy­ri­za in Ein­zel­ge­sprä­chen Un­ter­stüt­zung zu­sag­ten um dann in der Öf­fent­lich­keit die Li­nie der Troi­ka zu ver­fol­gen). All das wirft kein gu­tes Licht auf die eu­ro­päi­sche De­mo­kra­tie. Wich­ti­ger noch sind grund­sätz­li­che Fra­gen: wie es kom­men konn­te, dass leicht­fer­tig Kre­di­te ver­ge­ben wur­den; war­um Staa­ten im­mer stär­ker in die Ab­hän­gig­keit der Fi­nanz­märk­te ge­ra­ten; wie die Schul­de­nöko­no­mie des mo­der­nen Fi­nanz­ka­pi­ta­lis­mus über­wun­den wer­den kann; schließ­lich wie in ei­ner Wäh­rungs­uni­on mit Volks­wirt­schaf­ten un­ter­schied­li­cher Pro­duk­ti­vi­tät ver­fah­ren wer­den soll und wie all­zu un­glei­che Zah­lungs­bi­lan­zen un­ter­bun­den wer­den kön­nen, was John Meynard Keynes be­reits nach 1945 ge­for­dert hat­te. Da­bei ist zu fra­gen, ob ei­ne Trans­fer­uni­on in Zei­ten des zu­rück­keh­ren­den Na­tio­na­lis­mus über­haupt noch Rea­li­sie­rungs­chan­cen be­sitzt.

Die­se The­men sind über den „Fall Grie­chen­land“hin­aus von Re­le­vanz. Ei­ne Eu-po­li­tik jen­seits von Re-na­tio­na­li­sie­rung kann nur ge­lin­gen, wenn trans­na­tio­na­le Kon­zer­ne und die Ge­win­ner des Fi­nanz­ka­pi­ta­lis­mus in die Steu­er­pflicht ge­nom­men wer­den. In Grie­chen­land sei dies, so ein bit­te­res Fa­zit von Va­rou­fa­kis, letzt­lich ge­schei­tert. Die Pri­vi­le­gi­en der Olig­ar­chie be­ste­hen of­fen­sicht­lich wei­ter, die tat­säch­li­che Er­ho­lung der grie­chi­schen Wirtschaft ist nicht in Sicht. Nach­dem En­de Au­gust 2018 das drit­te „Hilfs­pro­gramm“aus­lief, ist

pro­zu­kunft 2018 | 4

„Dass ein eu­ro­päi­sches Land, Teil des gro­ßen Ex­pe­ri­ments des Kon­ti­nents mit ei­ner ge­mein­sa­men Wäh­rung, am En­de wie ei­ne Ba­na­nen re­pu­blik her­um­ge­sto­ßen wur­de, ist ei­ne An­kla­ge ge­gen ei­ne Ge­mein­schaft, die an­geb­lich auf dem Ver­spre­chen ge­mein­sa­men Wohl­stands und ge­gen­sei­ti­gen Re­spekts ge­grün­det wur­de.” (Ya­nis Va­rou­fa­kis in 116 , S. 64)

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