Wo ver­läuft die Gren­ze des Ich?

Zer­fall der Wahr­neh­mung. Wenn, wie in Un­garn, Ver­gan­gen­heit nicht auf­ge­ar­bei­tet wor­den ist, kann dies das in­di­vi­du­el­le Le­ben ir­ri­tie­ren.

Salzburger Nachrichten - - LESEN - COR­NE­LI­US HELL

Das Re­ser­voir an gro­ßen Schrift­stel­lern aus Un­garn scheint un­er­schöpf­lich. Dass wir hier­zu­lan­de nun auch Fe­renc Barnás le­sen kön­nen, ist dem Wie­ner Ni­schen Ver­lag zu ver­dan­ken, der sich auf die Über­set­zung un­ga­ri­scher Li­te­ra­tur kon­zen­triert. Schon der im Vor­jahr er­schie­ne­ne Ro­man „Der Ne­un­te“, ei­ne sub­ti­le Fa­mi­li­en­ge­schich­te aus den 1960er-Jah­ren, weist Fe­renc Barnás als gro­ßen Er­zäh­ler aus. Der zwei­te auf Deutsch er­schie­ne­ne Ro­man „Ein an­de­rer Tod“be­stä­tigt das aufs Neue. Er setzt den Zer­fall der Wahr­neh­mung und den Zer­fall ei­ner Le­bens­welt eben­so be­klem­mend wie sug­ges­tiv in Sze­ne. Die Un­si­cher­heit ei­nes Ich be­züg­lich all­täg­li­cher Tat­sa­chen, Zeit­ebe­nen und Er­in­ne­run­gen schafft schier end­lo­se Va­ria­tio­nen ei­ner Sua­da, mit der der Ich-Er­zäh­ler sich im­mer wie­der über Was­ser hält. Er ver­bun­kert sich in der Ein­zim­mer­woh­nung ei­nes her­un­ter­ge­kom­me­nen Ju­gend­stil­hau­ses in Bu­da­pest, lässt Fens­ter und Tü­ren ver­git­tern – im vier­ten Stock. Dass er bes­se­re Zei­ten ge­se­hen hat, ist noch nicht so lan­ge her. Rei­sen in die Schweiz wer­den er­in­nert – dort war der Er­zäh­ler als Stra­ßen­mu­si­ker un­ter­wegs. Zu­min­dest im Som­mer, denn ei­gent­lich war er ja Leh­rer. Er muss­te halt, wie vie­le Men­schen in Un­garn, da­zu­ver­die­nen, weil das Ge­halt nicht reich­te.

Bei der letz­ten Schweiz-Rei­se ist er „in ei­nen sol­chen Zu­stand“ge­ra­ten. Sei­ne IchG­ren­zen ver­schwim­men, oder in sei­nen ei­ge­nen, we­ni­ger abs­trak­ten Wor­ten ge­sagt: „Manch­mal ver­wech­se­le ich, wo ge­nau ich was sa­ge, wenn über­haupt ich es sa­ge, denn zu­wei­len ha­be ich das Ge­fühl, als sag­te gar nicht ich das, son­dern der an­de­re. Ich und der an­de­re. Falls nicht ich von vorn­her­ein der an­de­re bin.“Nicht nur die Ich-Gren­zen, auch die räum­li­chen und zeit­li­chen Pa­ra­me­ter ver­schwim­men ihm: „Wenn du dich von Zeit zu Zeit in ei­ner Ein­zim­mer­woh­nung ver­schließt, die sich oh­ne­hin au­ßer­halb von vie­lem be­fin­det, be­gin­nen die Sa­chen ihr ei­ge­nes Le­ben zu le­ben, das kann so weit füh­ren, dass du von Zeit zu Zeit selbst nicht mehr weißt, wann wo was pas­siert.“

Die äu­ße­ren Um­stän­de sei­nes Le­bens sind trist: Er hat Schul­den; sei­ne Stel­le als Leh­rer hat er ge­kün­digt, Do­zent an der Uni­ver­si­tät ist er schon lan­ge nicht mehr. Sein Tief­punkt war die Ar­beit in ei­nem Park­haus, jetzt ist er Auf­se­her in ei­nem Mu­se­um. Doch auch in die­ser Ar­beit zei­gen sich sei­ne Pro­ble­me, ei­nen kon­ti­nu­ier­li­chen All­tag zu meis­tern und So­zi­al­kon­tak­te auch nur ei­ni­ger­ma­ßen durch­zu­ste­hen. Im­mer wie­der kehrt die Er­in­ne­rung an die Not­auf­nah­me der Psych­ia­trie wie­der. Da­zwi­schen tau­chen an­de­re Er­in­ne­run­gen auf – vor al­lem die an sei­nen Freund Micha­el im baye­ri­schen Bad Heim, der ihn un­ter­stütz­te, da­mit er an sei­nem li­te­ra­ri­schen Werk, den „Va­ria­tio­nen“, ar­bei­ten konn­te. Micha­el, der See­len­ver­wand­te, er hat sich das Le­ben ge­nom­men.

Der Ro­man fo­kus­siert kei­nes­wegs nur den aus dem Le­ben her­aus­ge­fal­le­nen Er­zäh­ler. Des­sen psy­chi­sche Pro­ble­me sind aufs Engs­te mit dem Zu­stand der un­ga­ri­schen Ge­sell­schaft ver­bun­den. In sei­nen Mo­no­lo­gen sind nicht nur die lan­gen Schat­ten der un­ga­ri­schen Na­tio­nal­so­zia­lis­ten, der Pfeil­kreuz­ler, prä­sent, son­dern auch die gleich­falls nicht auf­ge­ar­bei­te­te kom­mu­nis­ti­sche Ver­gan­gen­heit, vor al­lem die Light-Va­ri­an­te der Dik­ta­tur un­ter Já­nos Kádár. Ei­ne Ro­man­fi­gur weiß da­von ein Lied zu sin­gen: „Der war Pfeil­kreuz­ler, dann Kom­mu­nist, dann wur­de er De­mo­krat oder Christ, ei­ner vom Fi­desz oder Frei­er De­mo­krat, da­bei ist je­der zwei­te ein Kádá­rist, das wis­sen sie nicht, schau nur, schau, der Mist­kerl stopft sich Speck ins Maul.“

Das ist ei­ne Aus­nah­me­stel­le, denn die Stär­ke des Ro­mans „Ein an­de­rer Tod“liegt dar­in, dass er kei­ne Dia­gno­sen stellt – we­der für die Ge­sell­schaft noch für den Er­zäh­ler. Des­sen kon­se­quent durch­ge­hal­te­ne IchPer­spek­ti­ve des Er­zäh­lers be­währt sich, weil sie Selbst­deu­tun­gen ver­mei­det und Fremd­deu­tun­gen aus­schließt.

Au­ßer­dem ver­fügt Fe­renc Barnás über ei­ne schmuck­lo­se und ge­naue Spra­che so­wohl für die psy­chi­schen Zu­stän­de wie auch für die Re­mi­nis­zen­zen sei­nes Er­zäh­lers und auch für das fa­cet­ten­rei­che Bild von Bu­da­pest, das die­ser Fla­neur ent­ste­hen lässt. In der Über­set­zung fin­den sich lei­der ge­le­gent­lich un­pas­sen­de Aus­drü­cke, zum Bei­spiel „sie se­hen bei uns vor­bei“an­statt „sie schau­en bei uns vor­bei“. Vor al­lem aber ir­ri­tie­ren die un­zäh­li­gen in­kor­rek­ten Re­la­tiv­sät­ze nach dem Mus­ter „an das ich ge­dacht ha­be“oder „von was ich leb­te“. Die Re­la­ti­vad­ver­bi­en woran, wo­von oder wo­mit kom­men so gut wie nicht vor.

Den­noch wird, wer die­sen Ro­man liest, hin­ein­ge­zo­gen in die un­ga­ri­sche und eu­ro­päi­sche Ge­gen­wart, vor al­lem aber in das In­nen­le­ben und die ge­stör­te Wahr­neh­mung sei­nes Er­zäh­lers. Und er wird nach­den­ken über die Gren­ze zwi­schen nor­mal und pa­tho­lo­gisch, denn der Er­zäh­ler rückt ei­nem ja da­durch auf den Leib, dass man et­li­che der be­schrie­be­nen Zu­stän­de selbst kennt. Das al­les ist nicht we­nig für ei­nen Ro­man, und es weist Fe­renc Barnás als gro­ßen Er­zäh­ler Un­garns aus.

Fe­renc Barnás: Ein an­de­rer Tod, Ro­man, aus dem Un­ga­ri­schen von Eva Za­dor, 340 Sei­ten, Ni­schen Ver­lag, Wi­en 2016.

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