Ein völ­lig neu­es Ös­ter­reich

Kei­ne Lan­des­ge­set­ze mehr – und nur noch ganz we­nig Bun­des­ver­wal­tung. Und das ganz oh­ne Bun­des­rat. Ex­per­ten prä­sen­tie­ren Vor­schlä­ge zur Staats­re­form.

Salzburger Nachrichten - - HINTERGRUND ZORN & ZWEIFEL - WI­EN. a.k.

Die Lis­te ist ein­drucks­voll, sie um­fasst vier­ein­halb eng be­druck­te DIN-A4-Sei­ten. Da­bei ist sie nicht ein­mal voll­stän­dig, sie reicht nicht von A bis Z, son­dern le­dig­lich von A wie Ab­fall wirt schafts ge­setz bis W wie W oh nungs­för­de­rungs ge­setz. Auf den Blät­tern sind all je­ne Ge­set­ze und Ver­ord­nun­gen auf­ge­lis­tet, die in Ös­ter­reich neun­fach – al­so für je­des Bun­des­land ex­tra–er­las­sen wer­den. Vom An­ti­dis­kri mi­ni erungs ge­setz über die Bau ord­nung und die Lan­des lehr­per­so­nen Di­ensth oh eits ver­ord­nung bis zum Um­welt schutz­ge­setz.

Ei­ne Rei­he von Ex­per­ten und ehe­ma­li­gen Spit­zen po­li­ti­kern hat sich im Auf­trag des Ver­eins re­spekt.net der Auf­ga­be un­ter­zo­gen, nicht bloß die­sen Ge­set­zes wild wuchs zu durch­fors­ten, son­dern gleich ei­ne um­fas­sen­de Staats- und Fö­de­ra­lis­mus re­form vor­zu­schla­gen .„ Oh­ne ei­ne sol­che Re­form geht die Zu­kunfts fä­hig­keit Ös­ter­reichs ver­lo­ren“, sagt Wer­ner Muhm, einst AK-Di­rek­tor und Be­ra­ter ro­ter Bun­des­kanz­ler. Ne­ben Muhm ge­hö­ren dem Denk­erzir­kel so un­ter­schied­li­che Per­sön­lich­kei­ten an wie der In­dus­tri­el­le Hans Pe­ter Ha­sel­stei­ner, die Ma­na­ge­rin Bri­git­te Ede­rer, die eins­ti­ge grü­ne Volks­an­wäl­tin Tere­zi­ja Stoi­sits, die ehe­ma­li­ge LIF-Che­fin Hei­de Schmidt, der eins­ti­ge ÖVP-Lan­des­rat Her­bert Pai­erl und der eins­ti­ge Raiff­ei­sen-Ma­na­ger Karl Se­vel­da.

Die Vor­schlä­ge zur Staats­re­form sind ziem­lich weit­rei­chend: Die Ge­setz­ge­bung und das Ver­ord­nungs­recht sol­len zur Gän­ze auf den Na­tio­nal­rat be­zie­hungs­wei­se den Bund über­ge­hen. Lan­des­ge­set­ze sei­en nicht er­for­der­lich. Auch die Bud­get­ho­heit soll aus­schließ­lich beim Bund lie­gen. Die Län­der sol­len kei­ne Schul­den mehr ma­chen und kei­ne Haf­tun­gen mehr über­neh­men dür­fen. Na­he­zu die ge­sam­te öf­fent­li­che

Ver­wal­tung soll vom Bund auf die Län­der über­ge­hen. Der Bund soll nur noch Be­rei­che wie die Lan­des­ver­tei­di­gung, das Hoch­schul­we­sen und die Si­cher­heit ver­wal­ten. Der Na­tio­nal­rat soll auf 199 Man­da­ta­re ver­grö­ßert wer­den. 99 da­von sol­len in Ei­ner­wahl­krei­sen di­rekt ge­wählt wer­den, „das wür­de die Bin­dung zwi­schen Wäh­lern und Man­da­ta­ren si­cher­stel­len“, sag­te Hei­de Schmidt. Die rest­li­chen 100 sol­len in ei­nem Bun­des­wahl­kreis für den Aus­gleich im Sin­ne des Ver­hält­nis­wahl­rechts sor­gen. Da mit 99 Ei­ner­wahl­krei­sen die re­gio­na­len In­ter­es­sen hin­rei­chend ab­ge­deckt sei­en, kön­ne der Bun­des­rat ab­ge­schafft wer­den.

Für Be­am­te auf Bun­des-, Lan­des­und Ge­mein­de­ebe­ne soll ein ein­heit­li­ches Di­enst­recht ge­schaf­fen wer­den. Al­le öf­fent­li­chen Spi­tä­ler in­klu­si­ve der Lan­des­kran­ken­an­stal­ten sol­len vom Haupt­ver­band der So­zi­al­ver­si­che­rungs­trä­ger zen­tral ge­steu­ert wer­den. Bei al­len Ge­mein­den und Be­zir

ken sol­le über­legt wer­den, ob ei­ne Zu­sam­men­le­gung mit an­de­ren Ge­mein­den und Be­zir­ken sinn­voll sei. Die­se neue Auf­ga­ben­tei­lung „nimmt nie­man­dem et­was weg“, es ge­he auch kei­nes­wegs um die Zer­schla­gung der Län­der, ver­si­cher­te der eins­ti­ge Wirt­schafts­lan­des­rat und spä­te­re Ma­na­ger Pai­erl. Die­se sei­en „für un­se­ren Staat un­ver­zicht­bar“. Es ge­he le­dig­lich dar­um, Dop­pel­glei­sig­kei­ten und Über­schnei­dun­gen zu ver­mei­den. So kön­ne man ei­nen mo­der­nen Staat schaf­fen. Und gleich­zei­tig Geld von der Ver­wal­tung in wirk­lich zu­kunfts­träch­ti­ge Be­rei­che um­schich­ten. Da ei­ni­ge der Vor­schlä­ge die Bun­des­ver­fas­sung in ih­rer Ge­samt­heit be­rüh­ren, wä­re ei­ne Um­set­zung der Re­form nur nach ei­ner Volks­ab­stim­mung denk­bar.

„Bin­dung des Man­da­tars an den Bür­ger.“Hei­de Schmidt, De­mo­kra­tie­ex­per­tin

„Neh­men nie­man­dem et­was weg.“Her­bert Pai­erl, Wirt­schafts­ex­per­te

„Zu­kunfts­fä­hig­keit ist in Ge­fahr.“Wer­ner Muhm, Wirt­schafts­ex­per­te

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