Puc­ci­ni ist viel mo­der­ner, als man denkt

Klang­zau­be­rer Teo­dor Curr­ent­zis ent­deckt die viel­ge­spiel­te „La Bo­hè­me“auf­re­gend neu.

Salzburger Nachrichten - - KULTUR -

Teo­dor Curr­ent­zis po­la­ri­siert und pro­vo­ziert. In Salz­burg ist der „grie­chi­sche Rus­se“seit Mo­zarts „La Cle­men­za di Ti­to“und phä­no­me­na­len Fest­spiel­kon­zer­ten im Som­mer so Kult ge­wor­den wie an­ders­wo auch. Am 12. Jän­ner kommt er wie­der ans Pult der Ca­me­ra­ta Salz­burg, im nächs­ten Som­mer mit al­len Beet­ho­ven-Sym­pho­ni­en zu den Fest­spie­len. Da­nach über­nimmt das Klang­zau­ber-Wun­der­kind, das in No­wo­si­birsk – wo es vor Jah­ren schon Gé­r­ard Mor­tier auf­spür­te – und Perm für Sen­sa­tio­nen sorg­te und sorgt, die Lei­tung des neu auf­ge­stell­ten SWR-Sym­pho­nie-Orches­ters in Stutt­gart. Die Rei­sen zu Curr­ent­zis wer­den al­so gott­lob kür­zer . . .

Jetzt, nach zwei ex­klu­si­ven Aben­den im Fest­spiel­haus Ba­den-Ba­den, wo Curr­ent­zis mit (bei­na­he) na­men­lo­sen jun­gen Sän­ge­rin­nen und Sän­gern – aber welch sub­ti­len Ka­li­bern! – und sei­ner Mu­si­cAe­ter­na Puc­ci­nis „La Bo­hè­me“auf­re­gend neu durch­leuch­te­te, hät­te man ger­ne sei­nen ver­stor­be­nen Men­tor Mor­tier ge­fragt, ob er sein har­sches (Kitsch-)Ur­teil über Puc­ci­ni re­vi­die­ren wür­de. Wir müs­sen es wohl tun, wenn wir nicht oh­ne­dies die Mei­nung ver­tre­ten, dass der letz­te Groß­meis­ter der ita­lie­ni­schen Oper viel mo­der­ner ist, als man denkt. Teo­dor Curr­ent­zis lie­fert oh­ren­öff­nen­de Be­wei­se.

„La Bo­hè­me“: Das ist zwar ei­ne Oper der ganz gro­ßen Ge­füh­le. Aber ei­gent­lich sind es kühn mon­tier­te, bei­na­he po­lys­ti­lis­tisch ver­schach­tel­te, da­bei knapp und la­ko­nisch skiz­zier­te Künst­ler­sze­nen. Jun­ge Leu­te – Aus­stei­ger der 1960er Jah­re, wie sie Re­gis­seur Phil­ipp Him­mel­mann in sei­ner un­ter Dau­er­schnee et­was ge­dan­ken­fla­chen, im De­tail aber oft fein ge­ar­bei­te­ten Ins­ze­nie­rung zeigt – pro­ben mit bis­sig-sar­kas­ti­schem Hu­mor den Ar­me-Leu­te-Sta­tus, den die wirk­lich ar­me und tod­kran­ke Mi­mi fun­da­men­tal er­schüt­tert. Zu ech­tem Mit­ge­fühl ist ihr Kurz­zeit-Ge­lieb­ter, der Dich­ter Ro­dol­fo, der vor der Wirk­lich­keit stän­dig da­von­läuft, nicht fä­hig, wes­halb die bei­den in schöns­tem Schmelz und Schmerz (und hier auch sicht­bar bis zum Tod) an­ein­an­der vor­bei­sin­gen und -le­ben.

Das hin­dert Teo­dor Curr­ent­zis in­des­sen nie, die Ge­füh­le klang­lich­mu­si­ka­lisch in al­ler­feins­ten, so viel­leicht wirk­lich noch nicht ge­hör­ten Schat­tie­run­gen aus­zu­for­mu­lie­ren: Sen­ti­ment, nicht Sen­ti­men­ta­li­tät, Echt­heit, nicht Kitsch: Das ist sein Pro­gramm. Und da­mit öff­nen sich – atem­be­rau­bend von sei­nem Orches­ter in tau­sen­der­lei Klang­far­ben ver­wan­delt – zugleich auch wie von selbst die Am­bi­va­len­zen des Werks.

Aus dem Span­nungs­feld zwi­schen schlag­licht­ar­ti­ger Kon­ver­sa­ti­ons(tra­gi)ko­mö­die und blü­hen­der Emo­ti­on – Curr­ent­zis kann die Mu­sik wirk­lich im Mo­ment wie aus dem Nichts „auf­blü­hen“las­sen und mit (zu­wei­len ma­nie­riert über­dehn­ten) Tem­pi kris­tall­klar­lu­zid hal­ten – ge­ne­riert die­se sin­gu­lä­re In­ter­pre­ta­ti­on ih­re un­ver­gleich­li­che Ener­gie. Sie ist hauch­zärt­lich und bril­lant par­lie­rend, weich mo­del­liert und doch knall­hart prä­zi­se, voll schwei­fen­der Sehn­sucht oft bis an die Gren­ze des noch Hör­ba­ren und doch straff kon­trol­liert in der Sorg­falt bis in je­den sonst zu oft un­aus­ge­leuch­te­ten kleins­ten Win­kel die­ser mi­nu­ti­ös aus­for­mu­lier­ten Par­ti­tur.

Dem ent­schlack­ten Klang­bild ent­spre­chen die fein­sin­nig ab­ge­wo­ge­nen Sän­ger­leis­tun­gen: Za­ri­na Abae­vas Mi­mi kann die Pia­nis­si­mi ma­gisch ver­hau­chen, oh­ne an ly­ri­scher Trag­fä­hig­keit zu ver­lie­ren, Leo­nar­do Ca­pal­bo singt ei­nen un­si­cher su­chen­den und al­so vo­kal in die­ser Sicht glaub­wür­di­gen Ro­dol­fo, sei­ne Kom­mi­li­to­nen sind je­der für sich vo­ka­le Edel­stein-Cha­rak­te­re und So­fia Fo­mi­na sorgt als Mu­set­ta für über­ra­schend kräf­ti­ge Ak­zen­te. Puc­ci­ni al­so, wie man ihn denk­wür­di­ger sich nicht den­ken kann.

BILD: SN/SF/OLYA RUNYOVA

Teo­dor Curr­ent­zis

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