FREI­ZEIT

Bern­hard Sch­link. Der Au­tor von „Der Vor­le­ser“hat ei­nen neu­en Ro­man ge­schrie­ben.

Salzburger Nachrichten - - INNENPOLITIK - VERENA SCHWEI­GER

Le­sen. Bern­hard Sch­link, Au­tor von „Der Vor­le­ser“, hat ei­nen neu­en Ro­man ge­schrie­ben.

Ol­ga wächst als Wai­se in ärm­li­chen Ver­hält­nis­sen auf. Sie setzt auf Be­stän­dig­keit und ar­bei­tet auf ein si­che­res Le­ben hin. Her­bert hin­ge­gen ist der Spross rei­cher El­tern und seit Kin­des­bei­nen an ein hals­bre­che­ri­scher Aben­teu­rer. Sie liebt das Ler­nen, er mag das Ren­nen. Als Ol­ga und Her­bert als Te­enager im länd­li­chen Pom­mern auf­ein­an­der­tref­fen, ent­wi­ckeln sie den­noch ei­ne star­ke Freund­schaft. Sie eint ein Da­sein als Au­ßen­sei­ter.

Als Her­berts Schwes­ter Vik­to­ria in ein hö­he­res Mäd­chen­pen­sio­nat ein­tritt, ent­wächst der Freund­schaft ei­ne Lie­be. Doch Her­bert träumt von grö­ße­ren Wel­ten, als Pom­mern oder Ol­ga sie ihm bie­ten könn­ten. Kai­ser­treu zieht er in den Krieg nach Deutsch-Süd­west­afri­ka. Es fol­gen Rei­sen nach Ar­gen­ti­ni­en und ins nor­we­gi­sche Trom­sø, von wo er zu ei­ner Ex­pe­di­ti­on nach Nord­ost­land auf­bricht. In all der Zeit blei­ben er und Ol­ga ver­bun­den. Ih­rer bei­der Lie­be be­steht in Brie­fen und dem Ge­den­ken an­ein­an­der so­wie we­ni­ger St­un­den sel­te­ner Wie­der­se­hen. Ol­ga geht der­wei­len ih­ren Weg. Sie ab­sol­viert das Leh­re­rin­nen­se­mi­nar, un­ter­rich­tet und en­ga­giert sich im Kir­chen­chor. Von der Ex­pe­di­ti­on kehrt Her­bert nicht zu­rück. Er bleibt ver­schol­len. Doch Ol­ga hält ihm über sei­nen Tod hin­aus die Treue.

Für die Be­spie­ge­lung von Ol­gas Biografie teilt der Au­tor Bern­hard Sch­link den Ro­man in zwei Tei­le. Auf den ers­ten gut ein­hun­dert Sei­ten steckt er als neu­tra­ler Er­zäh­ler die Eck­pfei­ler der Hand­lung ab. Man er­fährt über die Kind­heit der bei­den Prot­ago­nis­ten, ih­re Le­bens­er­eig­nis­se und die Jah­re zwi­schen zwei Welt­krie­gen. Ob­wohl Sch­links Spra­che karg aus­fällt, ver­schafft er dem Le­ser den­noch ei­ne Vor­stel­lung der Si­tua­tio­nen und der vor­herr­schen­den At­mo­sphä­re.

Im zwei­ten Teil kom­men mit dem Icher­zäh­ler Fer­di­nand die Ar­a­bes­ken der Spra­che in den Ro­man. So er­hält die bis da­hin sil­hou­et­ten­haf­te Fi­gur der Ol­ga an Gestalt. Ihr We­sen wird greif­ba­rer. Der Le­ser be­kommt ei­ne Fähr­te, die zum In­nen­le­ben die­ser au­ßer­ge­wöhn­li­chen Frau führt.

Fer­di­nand ist der jüngs­te Sohn ei­ner Pas­to­ren­fa­mi­lie, bei der Ol­ga nach ih­rem Taub­wer­den als Nä­he­rin ar­bei­tet. Auch nach ih­rer Pen­sio­nie­rung hält er zu ihr Kon­takt, be­sucht sie in ih­rer be­schei­de­nen Woh­nung oder geht mit ihr in Museen. Sie er­zählt ihm von ih­rer Lie­be zu Her­bert. Als sie nach ei­nem du­bio­sen An­schlag auf ein Bis­marck-Denk­mal schwer ver­letzt im Kran­ken­haus stirbt, hält Fer­di­nand ih­re Hand. Jah­re spä­ter fal­len ihm Hin­wei­se auf den Brief­ver­kehr zwi­schen Ol­ga und Her­bert zu. Er reist nach Nor­we­gen, wo er bei ei­nem An­ti­quar auf wa­che Oh­ren stößt. In die­sen Pas­sa­gen glänzt Bern­hard Sch­link als er­fah­re­ner Kri­mi­au­tor.

We­ni­ge Mo­na­te spä­ter und zu­rück in Deutsch­land er­hält Fer­di­nand ein Kon­vo­lut von 31 Brie­fen. Der Au­tor reiht sie chro­no­lo­gisch und oh­ne Kom­men­tar hin­ter­ein­an­der. Nun kommt end­lich die Ti­tel­hel­din selbst zu Wort. Fast wie ei­ne Be­stä­ti­gung steht dar­in ge­schrie­ben, was der Le­ser be­reits ahnt – dass es un­ter der be­stän­di­gen so­wie auf Ver­nunft aus­ge­rich­te­ten Ober­flä­che noch ei­ne an­de­re Sei­te Ol­gas gibt. Sie träumt und hofft, ist wü­tend und ver­zwei­felt. Der Le­ser er­fährt von dem Sohn, den Ol­ga ge­bo­ren hat. Her­berts Va­ter­schaft hat sie ihm auf­grund ge­sell­schaft­li­chen Drucks ver­schwie­gen. Ein­zig an die­ser Stel­le wi­der­fährt dem sonst so tap­fe­ren Frau­en­cha­rak­ter ein Bruch. Denn Bern­hard Sch­links Ol­ga ist im üb­ri­gen Hand­lungs­ver­lauf kei­ne war­ten­de Frau im Stil der Ro­man­tik, die sich schwind­süch­tig ih­rem Schick­sal er­gibt.

Die Ti­tel­hel­din steht auf ei­ge­nen Bei­nen, was dem Ro­man ei­ne Grund­span­nung ver­leiht. Sie ist ei­ne Kämp­fe­rin, die zwar nicht das Aben­teu­er der Fer­ne sucht, aber es durch­aus mit dem Le­ben auf­nimmt. Schon als Kind er­strei­tet sie sich das Ler­nendür­fen, spä­ter ih­re Stel­lung in der Ge­sell­schaft als Lehr­kraft. Wach­sam be­glei­tet sie die Zeit und blickt kri­tisch auf die ko­lo­nia­len Träu­me ih­res Liebs­ten und den un­mensch­li­chen Grö­ßen­wahn des Na­tio­nal­so­zia­lis­mus. Der Au­tor spart de­tail­lier­te Schil­de­run­gen des ge­sell­schaft­li­chen Hin­ter­grunds aus, die Hal­tung der ein­zel­nen Fi­gu­ren tritt den­noch deut­lich zu­ta­ge.

Was Bern­hard Sch­links Ro­man le­sens­wert macht, ist sein dy­na­mi­scher Stil. Der Au­tor legt sich nicht auf ei­ne Ton­art fest, son­dern passt sich dem In­halt an. Zu­gu­te­zu­hal­ten ist ihm die dif­fe­ren­zier­te Darstel­lung des Fest­hal­tens an ei­ner Lie­be. Denn er zeigt, dass das amou­rö­se War­ten-auf­Go­dot zwar nicht zwangs­läu­fig in den per­sön­li­chen Ab­grund führt, aber doch ei­nen wich­ti­gen Teil in­ner­halb ei­nes er­füll­ten Le­bens als Leer­stel­le zu­rück­lässt. Bern­hard Sch­link: „Ol­ga“, Ro­man, 320 Sei­ten, Dio­ge­nes Ver­lag, Zü­rich 2018.

Newspapers in German

Newspapers from Austria

© PressReader. All rights reserved.