Die Kern­the­men der So­zi­al­de­mo­kra­tie blei­ben auf der Stre­cke

„Müs­sen zur Kennt­nis neh­men, dass die eu­ro­päi­schen Ge­sell­schaf­ten nicht mehr­heit­lich so­zi­al­de­mo­kra­tisch sind.“

Salzburger Nachrichten - - HINTERGRUND - ANDRE­AS KOLLER

Die So­zi­al­de­mo­kra­tie müs­se sich ver­stärkt der „ge­sell­schaft­li­chen Mit­te“zu­wen­den, er­klärt Alt­kanz­ler Franz Vra­nitz­ky

SN: Was ist ei­gent­lich mit der So­zi­al­de­mo­kra­tie los? Franz Vra­nitz­ky: Die Men­schen in fast al­len eu­ro­päi­schen Staa­ten sind mit ei­nem Ge­fühl der Un­si­cher­heit kon­fron­tiert. Wir ha­ben spä­tes­tens seit der Fi­nanz­kri­se von 2008 ei­nen Ver­trau­ens­ver­lust in staat­li­che Ord­nun­gen hin­neh­men müs­sen. Seit­her hat sich die La­ge ma­te­ri­ell zwar we­sent­lich ge­bes­sert, das Ver­trau­en ist aber nicht in wün­schens­wer­tem Maß zu­rück­ge­kehrt. Er­schwe­rend ka­men die gro­ßen Wan­de­rungs­be­we­gun­gen und krie­ge­ri­sche Er­eig­nis­se rund um Eu­ro­pa da­zu. Das hat in fast al­len Län­dern zum Vor­marsch rechts­po­pu­lis­ti­scher Par­tei­en ge­führt, die auf all die be­drü­cken­den Phä­no­me­ne ein­fa­che Ant­wor­ten ge­ben.

SN: Und die So­zi­al­de­mo­kra­ten? Sind ar­gu­men­ta­tiv ins Hin­ter­tref­fen ge­ra­ten, weil sie eben nicht auf ein­fa­che Ant­wor­ten set­zen. Aber nicht nur die So­zi­al­de­mo­kra­ten, son­dern sämt­li­che gro­ßen Volks­par­tei­en ha­ben hart zu kämp­fen, wenn die rech­te Kon­kur­renz mit Pa­ro­len wie „raus aus der EU“, „Gren­zen schlie­ßen“, „So­zi­al­leis­tun­gen nur für In­län­der“kommt.

SN: Was kann die So­zi­al­de­mo­kra­tie tun, um wie­der auf die Bei­ne zu kom­men? Der Auf­hol- und Wie­der­ge­ne­sungs­pro­zess wird kei­nes­falls ein­fach sein. Ers­tens müss­te das Füh­rungs­per­so­nal gro­ße An­stren­gun­gen un­ter­neh­men, um die po­li­ti­schen Ge­gen­spie­ler mit pro­fun­den Ar­gu­men­ten an die Wand zu spie­len. Das soll­te doch ge­lin­gen! Denn die grund­sätz­li­chen po­li­ti­schen An­ge­bo­te der lin­ken Sei­te sind ja nicht von heu­te auf mor­gen falsch ge­wor­den. Es be­darf aber na­tür­lich ei­ner Mo­der­ni­sie­rung der Kom­mu­ni­ka­ti­on – und der Or­ga­ni­sa­ti­on. Und zwei­tens geht es um die The­men.

SN: In­wie­fern? Es hat den An­schein, als kon­zen­trie­re sich die So­zi­al­de­mo­kra­tie auf Rand­the­men, wäh­rend die Kern­the­men auf der Stre­cke blei­ben. Es geht al­so dar­um, wie­der den So­zi­al­staat, der ja dem In­ter­es­sen­aus­gleich der ver­schie­de­nen Ge­sell­schafts­schich­ten dient, ins Zen­trum der Po­li­tik zu rü­cken. Das ist nicht zu­letzt des­halb wich­tig, weil ja die Rechts­po­pu­lis­ten den So­zi­al­staat ein­sei­tig nur mit Zu­wan­de­rung, Aus­län­dern, Min­der­hei­ten in Ver­bin­dung brin­gen. Der drit­te Punkt, der mir wich­tig scheint, ist die Po­si­tio­nie­rung der So­zi­al­de­mo­kra­tie.

SN: Was mei­nen Sie da­mit? Wir müs­sen zur Kennt­nis neh­men, dass die eu­ro­päi­schen Ge­sell­schaf­ten nicht mehr­heit­lich so­zi­al­de­mo­kra­tisch sind. Um da­her wie­der un­se­re al­te Po­si­ti­on der Stär­ke zu er­rin­gen, be­darf es ei­ner sorg­fäl­ti­gen Hin­wen­dung zur ge­sell­schaft­li­chen Mit­te, so­dass es auch für Leu­te mit hö­he­rem Ein­kom­men, für Un­ter­neh­mens­lei­ter und Füh­rungs­kräf­te kein grund­sätz­li­ches Pro­blem dar­stellt, sich der So­zi­al­de­mo­kra­tie in­halt­lich an­zu­schlie­ßen.

Und vier­tens geht es dar­um, sich nicht ein­bra­ten zu las­sen in die­se la­ten­te An­ti­in­te­gra­ti­ons­stim­mung, die Po­li­ti­ker von Le Pen über Or­bán bis Trump schü­ren. Es ist ei­ne wich­ti­ge Füh­rungs­auf­ga­be so­zi­al­de­mo­kra­ti­scher Po­li­ti­ker, klar­zu­ma­chen, dass Eu­ro­pa als Kon­ti­nent nur durch Ge­schlos­sen­heit er­folg­reich sein kann. Die So­zi­al­de­mo­kra­tie hat sich im­mer be­rühmt, ei­ne in­ter­na­tio­na­le Be­we­gung zu sein. Sie darf nicht je­nen in die Fal­le ge­hen, die die Pa­ro­le von der Rück­kehr zum Na­tio­nal­staat mit­brül­len.

SN: Wie be­ur­tei­len Sie die Be­mü­hun­gen der SPÖ? Sie muss sich nicht ge­nie­ren. Aber sie ist gut be­ra­ten, in die­ser Pha­se, in der sie kei­ne Re­gie­rungs­ver­ant­wor­tung hat, kei­ne Ge­le­gen­heit aus­zu­las­sen, Ver­bes­se­run­gen an­zu­stre­ben.

Franz Vra­nitz­ky, ge­bo­ren 1937, war Bun­des­kanz­ler (1986–1997) und SPÖ-Chef. Der EU-Bei­tritt Ös­ter­reichs fällt in sei­ne Amts­zeit.

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