Chris­ti­ne Nöst­lin­ger ist tot, aber der Franz bleibt

Salzburger Nachrichten - - KULTUR -

Et­wa 150 Bü­cher. Aber was sol­len Fak­ten?! Ehr­lich­keit, Aben­teu­er­lust und Un­si­cher­heit in Bü­chern las­sen sich nicht auf­zäh­len, son­dern nur le­send er­spü­ren. Dank Chris­ti­ne Nöst­lin­ger, die – wie am Frei­tag be­kannt wur­de – am 28. Ju­ni 81-jäh­rig in Wi­en ge­stor­ben ist, hat die Frie­de­ri­ke bei uns ge­wohnt. Und ein Mai­kä­fer flog her­um in den 70ern und 80ern, als wir Kin­der wa­ren. Als wir El­tern wur­den, zog der Franz Fröstl bei uns ein.

Der Franz wur­de der Liebs­te, viel­leicht, weil ich sei­ne Ge­schich­ten – 19 er­schie­nen von 1984 bis 2011 – nicht für mich las, son­dern gar nicht schnell ge­nug im­mer wie­der vor­le­sen durf­te. Da war zu er­le­ben, wie die Fi­gur ins Le­ben des Kin­des tritt. Der Franz ist schüch­tern, aus­sichts­los ver­liebt, wird vom Bru­der ge­hän­selt. Aber er hat ei­ne tie­fe Men­sch­lich­keit, und er ist ein Mu­ti­ger, der sich sein Le­ben sel­ber zu­sam­men­denkt.

Das Le­ben vom Franz, das ist das Le­ben der meis­ten Kin­der. Aber vie­le sol­len an­ders sein als der Franz. Sie sol­len das, weil sich El­tern oft mehr fürch­ten als ih­re Kin­der. Kürz­lich er­zähl­te ein Freund, es ge­be un­ter El­tern der Klas­se sei­nes Soh­nes Dis­kus­sio­nen, ob man Nöst­lin­ger-Bü­cher le­sen sol­le. Da wür­den Kin­der in Aben­teu­er ge­schickt, die ge­fähr­lich sein könn­ten, gar po­li­tisch Un­kor­rek­tes wer­de ent­deckt. Nöst­lin­ger hielt sich mit sol­chen Fra­gen nicht auf, weil sie schrieb, wie Kin­der sind und nicht wie Er­wach­se­ne sie gern hät­ten. Man soll ih­re Bü­cher al­so nicht le­sen – man muss! Auch weil sie un­be­quem sind, wie „Mai­kä­fer flieg“, wo Nöst­lin­ger ihr Nach­kriegs­kind­heit auf­ar­bei­tet.

Wenn die Kin­der, die Nöst­lin­gers Bü­chern be­geg­net sind, groß ge­wor­den sind, sol­len sie auch le­sen, was die­se wun­der­bar stör­ri­sche Frau zu ge­sell­schafts­po­li­ti­schen The­men ge­sagt hat. Et­wa als sie im Par­la­ment zum Jah­res­tag der Be­frei­ung des KZ Maut­hau­sen von der dün­nen „Zi­vi­li­sa­ti­ons­haut“sprach, die leicht rei­ßen kann. Ih­re Bü­cher stär­ken die­se Haut – als Mit­tel zur Selbst­stän­dig­keit, die auch Wi­der­stand be­deu­tet ge­gen al­le Mo­den.

Chris­ti­ne Nöst­lin­ger schrieb für ei­ne Kind­heit oh­ne Angst. Das schaff­te sie, weil sie nichts be­schö­nig­te, weil sie die an­geb­lich lie­ben Klei­nen nicht zu Unan­tast­ba­ren mach­te. Sie sind halt oft Frat­zen.

Ih­re schar­fen Sät­ze in In­ter­views oder Ko­lum­nen wer­den feh­len. Ih­re Bü­cher über­dau­ern die Zeit oh­ne­hin schon lan­ge. Al­so: Her mit den Bü­chern und dann hin­aus zum Franz und in ei­ne feu­er­ro­te Frie­de­ri­ke-Welt! Und al­le Mai­kä­fer sol­len zu ih­ren Eh­ren ei­ne Run­de flie­gen.

BILD: SN/APA/GE­ORG HOCH­MUTH

Chris­ti­ne Nöst­lin­ger (1936–2018).

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