Ein Han­dy ist kei­ne Ba­na­ne. Fair­pho­ne will Han­dys so fair wie mög­lich pro­du­zie­ren. Re­cy­cling ist aber nicht das The­ma.

Die Fir­ma Fair­pho­ne will die Pro­duk­ti­on von Han­dys so fair wie mög­lich ma­chen. Mit Re­cy­cling hat Grün­der Bas van Abel kei­ne Freu­de, da­für er­fin­det er das Leih­te­le­fon.

Salzburger Nachrichten - - INNENPOLITIK - HELMUT KRETZL

Mo­bil­te­le­fo­ne brau­chen Roh­stof­fe, die oft aus Bür­ger­kriegs­län­dern oder un­ter Ein­satz von Kin­der­ar­beit ge­won­nen wer­den. Die nie­der­län­di­sche Fir­ma Fair­pho­ne geht ei­nen an­de­ren Weg. Kürz­lich er­hielt Fair­pho­ne-Chef Bas van Abel in Wi­en den Tri­gos-Preis für nach­hal­ti­ges Wirt­schaf­ten.

SN: Wie fair kann ein Mo­bil­te­le­fon über­haupt sein, wenn es Roh­stof­fe aus Kriegs­ge­bie­ten braucht, wie et­wa Ko­balt? Bas van Abel: Ein Han­dy ist kei­ne Ba­na­ne oder ein Scho­ko­rie­gel, es ist viel kom­ple­xer. Es be­steht aus 1200 Tei­len von Hun­der­ten Fir­men und ent­hält mehr als 60 Mi­ne­ra­li­en, die welt­weit ge­won­nen wer­den. Fair­ness be­trifft auch geis­ti­ges Ei­gen­tum, den Schutz von Pri­vat­sphä­re. Die Lie­fer­ket­te um­fasst die gan­ze Welt. Da gleich al­le Pro­ble­me lö­sen zu wol­len ist ähn­lich schwie­rig wie den Welt­frie­den an­zu­stre­ben.

Da­her kon­zen­trie­ren wir uns zu­nächst nur auf die pro­ble­ma­tischs­ten Fel­der und zei­gen, dass Ver­bes­se­run­gen mög­lich sind. Letzt­lich geht es um ei­nen Wan­del des ge­sam­ten Wirt­schafts­sys­tems. Es geht um Ver­ant­wor­tung von Un­ter­neh­men in ih­ren Ge­schäfts­mo­del­len. Als so­zia­les Un­ter­neh­men ar­bei­ten wir nicht ge­winn­ori­en­tiert, wir ver­su­chen Din­ge aus­zu­ba­lan­cie­ren.

SN: Wie lässt sich der Er­folg in die­ser Hin­sicht mes­sen? Wir zäh­len nicht nur die er­zeug­ten und ver­kauf­ten Ge­rä­te wie an­de­re Han­dy-Her­stel­ler. Für uns ist es auch ein Er­folg, wenn Leu­te ihr Te­le­fon so lang wie mög­lich ver­wen­den. Das scheint pa­ra­dox, ent­spricht aber un­se­rem ethi­schen Ge­schäfts­mo­dell. Nach­hal­tig­keit ist für mich die Be­reit­schaft ei­nes Un­ter­neh­mens, sich mit ei­nem Di­lem­ma aus­ein­an­der­zu­set­zen – und nicht, ihm aus dem Weg zu ge­hen und das Sys­tem ent­schei­den zu las­sen. Wir wer­den nie al­le Pro­ble­me der Lie­fer­ket­te lö­sen, das ist un­mög­lich. Nie­mand kann die ge­sam­te Lie­fer­ket­te bis ins letz­te De­tail auf­schlüs­seln. Die Sa­che ist auch sehr dy­na­misch, al­lein für das Fair­pho­ne 2 muss­ten wir sie­ben Mal die Her­stel­ler­fir­ma wech­seln, aus un­ter­schied­li­chen Grün­den.

SN: Wie viel fehlt noch auf 100 Pro­zent Fair­ness? Wir ha­ben kla­re Zie­le de­fi­niert. Die kri­ti­schen Stof­fe ma­chen ein Drit­tel des Te­le­fons aus. Da sind 30 bis 40 Pro­zent Fair­ness un­ser Ziel, in drei Jah­ren wol­len wir da auf 100 Pro­zent kom­men. Dann kon­zen­trie­ren wir uns auf die nächs­ten Tei­le. Fair­ness be­deu­tet in je­dem Land et­was an­de­res und ist je nach Um­feld an­ders zu be­wer­ten. Im Kon­go wä­re die kon­flikt­freie Ge­win­nung ein gro­ßer Schritt, wäh­rend es in Chi­na um ge­rech­te Ar­beits­be­din­gun­gen und Men­schen­rech­te geht. Dort mes­sen wir, wie zuf­rie­den die Ar­bei­ter sind. Wenn es Ver­bes­se­run­gen gibt, zah­len wir ex­tra. In ei­ner Gre­en­peace-Stu­die schnei­det das Fair­pho­ne beim Ener­gie­ver­brauch un­ter al­len Her­stel­lern am bes­ten ab. Aber es geht noch bes­ser.

SN: Kön­nen Sie als klei­ner Ni­schen­play­er auch die gro­ßen Her­stel­ler be­ein­flus­sen? Dar­auf kommt es letzt­lich ja an, da­mit sich et­was ver­än­dert. Es wä­re an­ma­ßend zu sa­gen, dass wir die Bran­che ver­än­dern. Aber wir ar­bei­ten an ei­ner Ver­bes­se­rung der Lie­fer­ket­ten und ha­ben et­wa ein Pro­gramm für fair ge­han­del­tes Gold auf­ge­setzt. Da geht es um

Gold­ge­win­nung oh­ne Kin­der­ar­beit und die kon­flikt­freie Ge­win­nung von Ko­balt, ei­nem wich­ti­gen Trei­ber der Ener­gie­wen­de. Wir ver­han­deln mit meh­re­ren Sei­ten und brin­gen Part­ner zu­sam­men, dar­un­ter Am­nes­ty In­ter­na­tio­nal und Fir­men wie Si­gni­fy, frü­her Phi­lips Light­ing, oder den stei­ri­schen Lei­ter­plat­ten­her­stel­ler AT&S. Lei­der wird die­se Mög­lich­keit we­nig ge­nutzt.

SN: Woran liegt das, fehlt es da noch an Be­wusst­sein? Da müss­ten auch die Ver­brau­cher sa­gen, ja, wir wol­len das. Dass es ei­ne gro­ße Nach­fra­ge und ei­nen Markt für nach­hal­ti­ge Pro­duk­te gibt, zeigt sich bei Nah­rungs­mit­teln und Kos­me­tik, da sind um­welt- und so­zi­al be­wuss­te Pro­duk­te kei­ne Ni­sche mehr. In Hol­land steht hin­ter der größ­ten Scho­ko­la­den­mar­ke ein so­zia­les Un­ter­neh­men. Bei Te­le­fo­nen sind wir noch nicht so weit.

Ein Han­dy ist ein Ge­brauchs­ge­gen­stand, über den man nicht viel nach­denkt. Wir kön­nen ei­ne ei­ge­ne Ge­schich­te er­zäh­len, das un­ter­schei­det uns von an­de­ren Her­stel­lern. Nicht je­der braucht je­des Jahr ein neu­es Te­le­fon. Wir wol­len kei­ne Ge­rä­te ver­kau­fen, die man nicht wirk­lich braucht. Des­halb ent­wi­ckeln wir neue Ge­schäfts­mo­del­le wie Ver­mie­tung von Te­le­fo­nen. Leu­te, Ge­mein­den oder Un­ter­neh­men zah­len nur für die Nut­zung von Fair­pho­nes, die in un­se­rem Be­sitz blei­ben und die sie uns nach 24 Mo­na­ten zu­rück­ge­ben.

SN: Glau­ben Sie, hat die­ses Leih­te­le­fon das Zeug zu ei­nem neu­en Trend? Vor dem Hin­ter­grund der Sha­ring Eco­no­my sind die Men­schen be­reit für sol­che Din­ge. Als Ge­schäfts­mo­dell ist es ein Ope­ra­ting Lea­sing, man zahlt für die Nut­zung. Bei Au­tos ist das sehr ver­brei­tet, in un­se­rer Bran­che ist es neu. Vie­le Men­schen ha­ben heu­te ei­ne an­de­re Ein­stel­lung zu Be­sitz, Res­sour­cen­nut­zung und Ver­ant­wor­tung.

SN: Wol­len Sie das Leih­te­le­fon Pri­vat­kun­den an­bie­ten? Es funk­tio­niert für Fir­men und Pri­va­te gut, wir wol­len das aus­wei­ten. Die Her­aus­for­de­rung ist die Fi­nan­zie­rung. Wir müs­sen ja die An­schaf­fung vor­fi­nan­zie­ren, die Ein­nah­men ver­tei­len sich dann auf 24 Mo­na­te. Da­für brau­chen wir gro­ße Ban­ken und Ver­si­che­run­gen als Fi­nanz­part­ner.

SN: Was pas­siert nach der Nut­zung mit dem Te­le­fon? Der Kun­de kann das Han­dy wie beim Lea­sing kau­fen. Oder wir neh­men es zu­rück, ma­chen es über un­ser mo­du­la­res Sys­tem wie­der neu­wer­tig und ver­kau­fen es. Wir wol­len ja die Le­bens­dau­er ei­nes Te­le­fons so weit wie mög­lich ver­län­gern, der Wert soll so hoch wie mög­lich blei­ben, das ist der Ge­dan­ke der Kreis­lauf­wirt­schaft.

SN: Geht es da um Re­cy­cling? Das ist die al­ler­letz­te Lö­sung. Dank der mo­du­la­ren Bau­wei­se kön­nen wir Tei­le leicht und schnell aus­tau­schen und so die Le­bens­dau­er er­hö­hen. Wir wol­len, dass Te­le­fo­ne län­ger ver­wen­det und er­neu­ert wer­den. Beim Re­cy­celn geht viel Wert ver­lo­ren, am Schluss bleibt ein rei­ner Ma­te­ri­al­wert von et­wa 4 Eu­ro. Die Rech­nung ist sim­pel: Wird ein Te­le­fon dop­pelt so lang ver­wen­det, muss man nur halb so vie­le bau­en.

Die meis­ten CO2-Emis­sio­nen ent­ste­hen bei der Pro­duk­ti­on. Bei dop­pelt so lan­ger Ver­wen­dung sinkt der öko­lo­gi­sche Fuß­ab­druck ei­nes Han­dys um 40 Pro­zent. Bau­en wir we­ni­ger Ge­rä­te, ha­ben wir auch we­ni­ger Elek­tro­schrott. An­de­re Her­stel­ler wol­len im­mer mehr Ge­rä­te ver­kau­fen, genau das stel­len wir in­fra­ge. Wir wol­len Mo­del­le ent­wi­ckeln, die mög­lichst we­ni­ge Roh­stof­fe ver­brau­chen und trotz­dem pro­fi­ta­bles Wirt­schaf­ten er­lau­ben.

SN: Wel­chen Markt­an­teil pei­len Sie län­ger­fris­tig an? Noch sind wir der Da­vid in der Ni­sche, aber wir wol­len bald aus die­ser Ge­schich­te hin­aus­wach­sen. In zwei, drei Jah­ren wol­len wir 200.000 Te­le­fo­ne ver­kau­fen. Das klingt viel, wä­re aber nur 0,15 Pro­zent des west­li­chen Smart­pho­neMarkts. Es ist ein rie­si­ger Markt. Je­der fünf­te ist laut Stu­di­en be­reit, für ein glaub­wür­dig nach­hal­ti­ges Pro­dukt mehr zu be­zah­len. Und wenn ich es fünf Jah­re ver­wen­den kann, ist ein teu­res Te­le­fon auch bil­li­ger als ein an­de­res, das ist für Un­ter­neh­men in­ter­es­sant. Bei un­se­rem Ser­vice­mo­dell sind Re­pa­ra­tu­ren viel ein­fa­cher und bil­li­ger. 50 Pro­zent der Bild­schir­me wer­den in drei bis fünf Jah­ren ka­putt, al­le zwei Jah­re ist ein Bat­te­rie­tausch fäl­lig.

SN: Wie groß müss­te Fair­pho­ne sein, um ei­ne ech­te Aus­wir­kung auf den Markt zu ha­ben? Wenn wir über 100.000 Ge­rä­te ver­kau­fen, sind wir pro­fi­ta­bel, dann kann auch die Pro­duk­ti­on sta­bil lau­fen. Zum Preis von 549 Eu­ro sind das gut 50 Mil­lio­nen Eu­ro Um­satz, da­mit sind wir ei­ne mit­tel­gro­ße Fir­ma. Jetzt lie­gen wir bei 10 bis 15 Mil­lio­nen im Jahr, dann pei­len wir 40 bis 50 Mil­lio­nen an. Es gibt we­ni­ge So­zi­al­un­ter­neh­men, die die­ses Ni­veau er­reicht ha­ben. Wir sind da­bei, Ge­schich­te zu schrei­ben in die­sem Be­reich.

SN: Wo ist das In­ter­es­se am Fair­pho­ne am größ­ten? In den Nie­der­lan­den, Deutsch­land , Ös­ter­reich und der Schweiz ist das Po­ten­zi­al be­son­ders hoch. Als Sym­bol für den Wan­del be­kom­men wir viel Auf­merk­sam­keit. Doch häu­fig schre­cken Leu­te vor dem letz­ten Schritt zu­rück und kau­fen das Fair­pho­ne doch nicht. Un­se­re Pro­ble­me in der Pro­duk­ti­on sind ge­löst. Jetzt ist die Her­aus­for­de­rung, die rich­ti­gen Mar­ke­ting-Bot­schaf­ten aus­zu­sen­den, da­mit die Leu­te das für sich ent­de­cken und auch kau­fen.

SN: Wann wer­den Sie Ge­winn schrei­ben? Heu­er wer­den wir die­sem Ziel schon sehr na­he kom­men. 2019 wol­len wir dann schwar­ze Zah­len schrei­ben, al­so Ge­winn er­zie­len.

SN: Wie viel Geld brau­chen Sie, um das wei­te­re Wachs­tum zu fi­nan­zie­ren? Bei un­se­rer ak­tu­el­len In­ves­ti­ti­ons­run­de pla­nen wir von der Ban­ken­sei­te rund 10 Mil­lio­nen als Be­triebs­ka­pi­tal und wei­te­re 5 Mil­lio­nen Eu­ro als Ei­gen­ka­pi­tal. Wir über­le­gen auch ein Crowd­fun­ding-Mo­dell, al­so Schwarm­fi­nan­zie­rung. Das wür­de zur Mar­ke pas­sen.

SN: Wol­len Sie ei­nes Ta­ges auch et­was an­de­res ma­chen als Smart­pho­nes, et­wa Ka­me­ras? Ja! Das Te­le­fon ist das schwie­rigs­te elek­tro­ni­sche Ge­rät, es gibt sie­ben An­ten­nen und Fre­quen­zen, vie­le Re­gu­lie­run­gen, al­les ist sehr kom­pli­ziert. Wenn wir das pro­fi­ta­bel hin­be­kom­men, kön­nen wir uns als Elek­tro­nik­mar­ke voll po­si­tio­nie­ren, Ta­blets bau­en und beim In­ter­net der Din­ge mit­ma­chen. Aber wir ma­chen das Schritt für Schritt, mit je­dem neu­en Pro­dukt braucht man mehr Ka­pi­tal. Wenn man ein­mal pro­fi­ta­bel ist, kann man mit Ban­ken re­den, um in die Lie­fer­ket­te und in neue Pro­duk­te zu in­ves­tie­ren. Zur Per­son Bas van Abel: In Delft und Ut­recht stu­dier­te Bas van Abel (*1977) Com­pu­ter­wis­sen­schaft, Elek­tro­tech­nik und in­ter­ak­ti­ves Me­di­en­de­sign. 2010 grün­de­te er Fair­pho­ne zu­nächst als Initia­ti­ve in­ner­halb der Waag So­cie­ty, 2013 wur­de es zum So­zi­al­un­ter­neh­men.

„Wie der Kampf um Welt­frie­den.“ Bas van Abel, Fair­pho­ne-Grün­der

BILD: SN//FAIR­PHO­NE

Das Fair­pho­ne ver­sucht Lang­le­big­keit, Nach­hal­tig­keit und fai­re Pro­duk­ti­ons­be­din­gun­gen un­ter ei­nen Hut zu be­kom­men.

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