Die Angst der AfD vor dem Ver­fas­sungs­schutz

Die Par­tei­füh­rung re­agiert mit de­mons­tra­ti­ver Ge­las­sen­heit – und be­ginnt auf­zu­räu­men.

Salzburger Nachrichten - - WELTPOLITIK -

Ist die Na­zi­ver­gan­gen­heit Deutsch­lands nur ein „Vo­gel­schiss“in der deut­schen Ge­schich­te und ist das Ho­lo­caust-Mahn­mal in Ber­lin ei­ne „Denk­mal der Schan­de“? Mit der­art pro­vo­kan­ten Be­mer­kun­gen ha­ben Par­tei­chef Alex­an­der Gau­land so­wie der thü­rin­gi­sche Lan­des­vor­sit­zen­de Björn Hö­cke nicht nur Schlag­zei­len ver­ur­sacht. Sie ha­ben auch die De­bat­te be­flü­gelt, ob die Par­tei noch auf dem Bo­den des Rechts­staa­tes steht.

Da sich in den ver­gan­ge­nen Wo­chen die Ru­fe nach ei­ner Be­ob­ach­tung durch den Ver­fas­sungs­schutz meh­ren und in ei­ni­gen Bun­des­län­dern be­reits flei­ßig Ma­te­ri­al ge­sam­melt wird, be­kommt man an der Par­tei­spit­ze of­fen­bar kal­te Fü­ße. Dar­um fährt sie nun ei­ne Dop­pel­stra­te­gie: Nach au­ßen wird ge­klagt und nach in­nen auf­ge­räumt.

Par­tei­chef Jörg Meu­then be­zeich­ne­te die­ser Ta­ge zwar die Be­ob­ach­tung durch den Ver­fas­sungs­schutz als „ab­surd“, da sei­ne Par­tei „fel­sen­fest auf dem Fun­da­ment der frei­heit­lich-de­mo­kra­ti­schen Grund­ord­nung“ste­he. An­de­rer­seits geht man aber ver­stärkt ge­gen Mit­glie­der vor, die doch nicht ganz so fest auf die­sem Bo­den ste­hen. Bei ei­ni­gen sei der frei­wil­li­ge Aus­tritt er­reicht wor­den, be­ton­te Meu­then. Bei an­de­ren sol­len Par­tei­ord­nungs­ver­fah­ren ein­ge­lei­tet wer­den.

So wur­de am ver­gan­ge­nen Wo­che­n­en­de die Ju­gend­or­ga­ni­sa­ti­on Jun­ge Al­ter­na­ti­ve in Nie­der­sach­sen auf­ge­löst. Be­reits zu­vor war de­ren Chef ab­ge­setzt wor­den, weil er den Hit­ler-At­ten­tä­ter Claus Schenk Graf von St­auf­fen­berg als Ver­rä­ter be­zeich­net hat­te.

Die Ber­li­ner AfD-Frak­ti­on hat ei­ne Ab­ge­ord­ne­te aus­ge­schlos­sen, die vor Wein­fla­schen mit Hit­lerKon­ter­fei po­siert hat.

Noch of­fen ist das Schick­sal des Bun­des­tags­ab­ge­ord­ne­ten Ste­fan Keu­ter, der WhatsApp-Bil­der von ei­nem Ba­de­zim­mer mit Ha­ken­kreuz-Flie­sen ver­sandt hat.

Dass sich die AfD mit ih­ren Rechts­au­ßen in al­ler Re­gel je­doch sehr schwer tut, be­legt vor al­lem der Fall Hö­cke. Auch er soll­te aus­ge­schlos­sen wer­den. Doch nach dem Aus­tritt der frü­he­ren Par­tei­che­fin Frau­ke Pe­try lief das Aus­schluss­ver­fah­ren ins Lee­re – nicht zu­letzt dank der schüt­zen­den Hand Gau­lands. Nun aber ist es wohl auch Gau­land zu viel ge­wor­den. Er fin­det es falsch, dass Hö­cke die Angst vor der Be­ob­ach­tung durch den Ver­fas­sungs­schutz als „po­li­ti­sche Bett­näs­se­rei“be­zeich­net hat.

Doch Hö­cke steht mit sei­ner Kri­tik am Vor­ge­hen der Par­tei­spit­ze nicht al­lein da. Vie­le ver­glei­chen die ex­tra ein­ge­rich­te­te Ar­beits­grup­pe mit der Sta­si. Ba­den-würt­tem­ber­gi­sche Land­tags­ab­ge­ord­ne­te ver­wah­ren sich ge­gen Denk- und Sprech­ver­bo­te. Ge­meint ist da­mit das Gut­ach­ten des Staats­recht­lers Dietrich Murs­wiek, das die Par­tei­spit­ze in Auf­trag ge­ge­ben hat. Dar­in warnt der Gut­ach­ter vor der Ver­wen­dung be­stimm­ter Be­grif­fe wie „Um­vol­kung“und „Über­frem­dung.“Auch rät er da­von ab, Mus­li­men das Recht auf Re­li­gi­ons­frei­heit ab­zu­spre­chen, wie es et­wa der Bun­des­tags­ab­ge­ord­ne­te Al­brecht Gla­ser ge­tan hat. Der soll­te ei­gent­lich Bun­des­tags­vi­ze­prä­si­dent wer­den. Doch we­gen die­ser Hal­tung ver­wei­ger­ten ihm die an­de­ren Frak­tio­nen in der kon­sti­tu­ie­ren­den Sit­zung des Bun­des­tags ih­re Zu­stim­mung.

Don­ners­tag und Frei­tag tag­ten die Ver­fas­sungs­schüt­zer der deut­schen Bun­des­län­der in der Zen­tra­le in Köln. Ein­zi­ges The­ma: Sich­tung und Wer­tung der bis Ok­to­ber ge­sam­mel­ten Er­kennt­nis­se über rechts­ex­tre­me und na­tio­nal­so­zia­lis­ti­sche Ten­den­zen in der AfD.

BILD: SN/APA/MAR­TIN SCHUTT

Björn Hö­cke ist ein Rechts­au­ßen in der AfD.

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