Linz ver­än­dert die Rei­se­kul­tur

Ober­ös­ter­reichs Lan­des­haupt­stadt hat sich un­ter Ös­ter­rei­chern ein mo­der­nes Image er­ar­bei­tet. Ide­en­reich will man es nun stär­ker nach au­ßen tra­gen. Auch in­dem zur ers­ten „Tra­velCul­tu­re“ge­ru­fen wur­de.

Salzburger Nachrichten - - TOURISMUS -

LINZ. Der größ­te Feh­ler sei, die Tou­ris­mus­ent­wick­lung Tou­ris­ti­kern zu über­las­sen, pro­vo­zier­te Ha­rald Pech­laner beim ers­ten „Tra­velCul­tu­re“-Kon­gress in Linz. Der Uni­ver­si­täts­pro­fes­sor an der Ka­tho­li­schen Uni­ver­si­tät Eich­stätt-In­gol­stadt pre­digt nicht aus dem wis­sen­schaft­li­chen El­fen­bein­turm, son­dern lei­te­te einst selbst die Tou­ris­mus­or­ga­ni­sa­ti­on sei­ner Hei­mat Süd­ti­rol. Je stär­ker sich Rei­sen­de als Kurz­zeit-Ein­hei­mi­sche füh­len, des­to mehr müs­sen Be­völ­ke­rungs­grup­pen, die we­nig mit Tou­ris­ten am Hut ha­ben, in die Ent­wick­lung ein­be­zo­gen wer­den. „ Over­tou­rism hat nichts mit quan­ti­ta­ti­ven Gren­zen zu tun, son­dern mit ei­nem Ge­fühl“, sprach Pech­laner das ak­tu­ell bei ur­ba­nen Tou­ris­mus­ma­na­gern be­son­ders un­ge­lieb­te The­ma an.

Wo­bei Linz als „Ge­gen­ent­wurf“der Ge­fahr ge­se­hen wird, von Tou­ris­ten­mas­sen über­rollt zu wer­den. „Linz ist ei­ne 2nd Ci­ty. Wir wol­len es aber als Iden­ti­fi­ka­ti­ons­ort für neu­es Rei­sen auf die Land­kar­te brin­gen“, sagt Linz-Tou­ris­mus-Di­rek­tor Ge­org St­ei­ner. Ver­gnü­gungs­rei­sen sind erst ein Kind der Auf­klä­rung und die­nen da­zu, Ob­jek­te mit Ge­schich­te in Ver­bin­dung zu set­zen, wie es der Lin­zer Landestheater-In­ten­dant Her­mann Schnei­der for­mu­lier­te: „Man reist in Schich­ten der Ver­gan­gen­heit.“Wo­bei die­se, wie das Mu­sik­thea­ter Linz, durch­aus jün­ge­ren Da­tums sein kön­nen. St­ei­ner will nicht His­to­rie ver­mit­teln, son­dern Ge­schich­te er­zäh­len. Auch wenn in­ter­na­tio­nal Lin­zer Tor­te und Voest-Stahl mit Linz ver­bun­den wer­den, be­geis­tern sich Gäs­te am ur­ba­nen Le­ben. „Un­ser Vor­teil ist, dass al­le kul­tu­rel­len At­trak­tio­nen wie Ars Elec­tro­ni­ca, Len­tos oder auch der Hö­hen­rausch für die Lin­zer ent­stan­den sind“, be­tont St­ei­ner. Die tou­ris­ti­schen Zah­len sind er­staun­lich. We­ni­ger die 100.000 Über­nach­tun­gen, die in den letz­ten zehn Jah­ren ge­won­nen wur­den, als der Hin­ter­grund: Seit 2009 sank die Zahl der Ho­tel­bet­ten um 1000 auf ak­tu­ell 5000. Die ver­blie­be­nen, qua­li­täts­vol­le­ren Ho­tels sind ent­spre­chend gut aus­ge­las­tet. Jetzt kom­men aber ra­pid neue Zim­mer hin­zu. Ein Star Inn hat er­öff­net, Mo­tel One folgt. Aber es wird auch auf tren­di­ge Un­ter­kunfts­for­men ge­setzt. So kön­nen seit we­ni­gen Ta­gen die Zim­mer der „Eta­ge­rie“ge­nutzt wer­den. Das Pro­dukt des Wie­ner Start-ups Ur­ba­nauts um­fasst pas­send mit An­klän­gen an die 1950er-Jah­re kom­for­ta­bel ein­ge­rich­te­te Woh­nun­gen. In der Wohn­an­la­ge be­wegt man sich, wie es sich der ur­ba­ne Tou­rist wünscht, mit­ten un­ter den Ein­hei­mi­schen. Dass sich in ei­ner mehr­stö­cki­gen Wohn­an­la­ge selbst Nach­barn sel­ten tref­fen, re­la­ti­viert die Sa­che. Ge­wiss wird die „Eta­ge­rie“aber ei­nen Teil der ge­schätzt 15.000 Airb­nb-Näch­ti­gun­gen in Linz auf ei­ne ge­werb­li­che Ebe­ne füh­ren.

Ein Weg, Be­su­chern al­les nä­her­zu­brin­gen, lau­tet „Blue Mee­ting“. Der von Linz Tou­ris­mus ge­schütz­te Be­griff ori­en­tiert sich an der Idee der „Blue Ar­chi­tec­tu­re“und will Kon­gress­gäs­te aus den Hal­len ho­len. Kon­se­quent durch­reis­ten bei „Tra­velCul­tu­re“die 200 Teil­neh­mer die Stadt: vom Auf­takt im Foy­er des Mu­sik­thea­ters über Work­shops im Ars Elec­tro­ni­ca Cen­ter bis hin zum Mit­tag­es­sen, das in ty­pi­sche Lo­ka­le der Stadt führ­te. Auch wenn bei den Vor­trä­gen oft die Rei­se ins In­ne­re als kon­se­quen­te und er­stre­bens­wer­te Al­ter­na­ti­ve an­ge­spro­chen wur­de, ha­ben geis­ti­ge und kör­per­li­che Mo­bi­li­tät durch­aus mit­ein­an­der zu tun. Doch wenn vie­le Men­schen zu so­ge­nann­ten Hots­pots drän­gen, wer­den dort die Glücks­ge­füh­le sel­ten, und durch mo­der­ne Tech­no­lo­gi­en wird ein Rück­zugs­ort rasch zum Hots­pot.

„Der Wert des Rei­sens lag sehr lang auf der Flucht in die Äu­ßer­lich- keit. Wenn die Rei­se in die In­ner­lich­keit zum neu­en Mo­tor wird, muss Tou­ris­mus neu de­fi­niert wer­den,“sagt Pech­laner. So er­wei­se sich ak­tu­ell die Be­rüh­rung mit der UNESCO als töd­lich: „Wo Welt­kul­tur­er­be drauf­steht, wird die Stadt zum Prä­pa­rat.“Pech­la­ners Satz wird am Ab­schluss­abend in der Ta­bak­fa­brik von Car­too­nist Ger­hard Ha­de­rer in ei­nem au­to­bio­gra­fi­schen Rück­blick be­stä­tigt: „Da­mals (in den 80e- Jah­ren) lag Linz zu ver­las­sen auf der Hand, aber Salz­burg war kei­ne gu­te Idee. Es herrscht kaum mehr Le­ben in ei­ner Stadt zwi­schen Tou­ris­ten und Leu­ten, die an ih­nen ver­die­nen.“Ha­de­rer lud mit Rei­se­schrift­stel­ler Andre­as Alt­mann in sei­ne „Schu­le des Un­ge­hor­sams“, wo­bei er sich für das Reis­ethe­ma selbst als falsch be­setzt be­zeich­ne­te. Sei­ne Neu­gier kön­ne er im Be­ob­ach­ten und dem Blick in die Ge­sich­ter der Men­schen be­frie­di­gen. Doch Neu­gier an sich wur­de rasch als Trieb­fe­der des Rei­sens iden­ti­fi­ziert, als Ba­sis, über den Tel­ler­rand zu bli­cken.

„Linz soll für neu­es Rei­sen ste­hen.“

BILD: SN/ARS ELECTRONIKA

At­trak­tio­nen wie das Ars Elec­tro­ni­ca Cen­ter sind für die Lin­zer ent­stan­den.

Ge­org St­ei­ner, Linz Tou­ris­mus

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